08.06.1981

KUNSTMarter genug

Berühmte Künstler malten um die Wette für einen Film: Die kuriose Konkurrenz um die „Versuchung des heiligen Antonius“ wird bei der Kölner „Westkunst“ wieder gegenwärtig.
Der Kritiker von der "New York Times" war erbittert. Er hatte nicht nur einen lähmend langweiligen Film gesehen, sondern darin auch die Großaufnahme eines "geradezu widerlichen" Gemäldes, das ihn ("Sollte das symbolisch gemeint sein?") an einen "halb gargekochten Hummer" erinnerte.
Der Regisseur jedoch war froh und stolz. Er hielt sich zugute, seinem Produkt, dem Lichtspiel "The Private Affairs of Bel Ami", eine ausgefallene Werbung verschafft und zugleich "bedeutende Leistungen der zeitgenössischen Malerei" verbreitet zu haben.
Das scheinbare Krustentier nämlich, vor dem sich der Rezensent so sehr geekelt hatte, war die Gestalt eines Heiligen, immerhin vom Surrealisten Max Ernst gemalt, und zwar eigens für den Film.
Ja, um die Auszeichnung, zu dem mäßigen Hollywood-Produkt eine gemalte "Versuchung des heiligen Antonius" beizutragen, hatten sich nicht weniger als elf teils bedeutende Künstler beworben. Und wenn auf die Kinoleinwand auch nur das schließlich preisgekrönte Ernst-Stück gelangte, so gingen doch alle Bilder zusammen von New York aus auf Ausstellungstournee.
Diese seltsame und fast vergessene Maler-Konkurrenz wird nunmehr in der Kölner Ausstellung "Westkunst" (SPIEGEL 22/1981) noch einmal als Momentaufnahme vergegenwärtigt. Den Organisatoren ist es geglückt, neun der damals eingereichten, mittlerweile international verstreuten Gemälde auszuleihen und in einem Seitenkabinett wieder zu versammeln: eine vom Schau-Rundgang abzweigende Sackgasse. S.191
Der Wettstreit damals war von hohem Anspruch geprägt, doch auch von unbefangener Naivität. Als Teilnehmer konnten neben Max Ernst Größen wie Salvador Dali und der Belgier Paul Delvaux gewonnen werden, als Preisrichter der Kunstpionier Marcel Duchamp, der Direktor des Museum of Modern Art, Alfred H. Barr, sowie der spätere Galerist Sidney Janis.
Den Anstoß aber hatte die banausische Idee des Regisseurs und Drehbuchautors Albert Lewin gegeben, in dessen Vorlage, einem Maupassant-Roman, ein Gemälde "dramatische" Funktionen hatte. Das Thema freilich war Christus, auf dem Wasser wandelnd, und Lewin vergewisserte sich rasch, Amerikas Filmselbstkontrolle werde niemals ein Gottes-Bild passieren lassen.
Ihm selber war es schon unvertretbar "zynisch" vorgekommen, daß der gemalte Jesus dem lasterhaften Maupassant-Helden S.192 ähnlich sehen sollte; ein von Fleischeslust bedrängter Sankt Antonius schien ihm da besser zu passen.
Mit seinem Produzenten David Loew vereinbarte Lewin eine Konkurrenz, die ihm als Entsprechung zu den Dramatiker-Wettbewerben in Alt-Griechenland erschien. Ausgesuchte Maler, zumeist der surrealistischen Richtung, wurden eingeladen, gegen je 500 Dollar Honorar tätig zu werden, wobei die Bilder in ihrem Eigentum verbleiben sollten. Dem Sieger winkten 2500 Dollar extra.
Um diesen Preis griff Ernst auf historische Vorbilder wie Matthias Grünewald und Hieronymus Bosch zurück: Antonius wird von monströsen Tierwesen gezwackt, die Erscheinungen seiner "dunklen kranken Seele" sind. Bei Dali kommt die Versuchung als "Halluzination" auf spinnenbeinigen Pferden und Elefanten daher; der Heilige sucht sie mit einem Kreuz zu bannen. Maler Delvaux hingegen fand, daß "schöne weibliche Nacktheit mit all ihrer Verführungskraft und Bezauberung" völlig ausreiche, um einen Mann zu martern.
Dorothea Tanning, seit 1946 mit Max Ernst verheiratet, bauschte den Mantel ihres Antonius in weibliche Formen. Der Brite Stanley Spencer legte den Heiligen in ein Grab. Der Amerikaner Ivan Le Lorraine Albright lieferte ihn dem Zugriff muskulöser Frauenakte aus und ließ ihn dekorativ von splittrig-bunten Formen umwabern.
Solch "Phantastischer Realismus" machte, so Laszlo Glozer im "Westkunst"-Katalog, eine Kunst-Bilanz auf, die "Untaten künftiger Epigonen" ahnen ließ. Dennoch legte er auch eine unkontrollierbare "Widerspenstigkeit der Kunst" an den Tag. Für Hollywood war damit nichts anzufangen.

DER SPIEGEL 24/1981
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