17.08.1981

GITARRISTENJongleure am Griffbrett

Drei führende Gitarren-Solisten haben sich zusammengetan und bestreiten triumphale Tourneen.
Im Flamenco bin ich ein Meister", sagt der spanische Gitarrist Paco de Lucia, 33, "aber das Leben ist kurz, und man muß sich nach allen Seiten umsehen."
Deshalb ist der Solist jetzt wieder mit zwei Gitarristen auf Tournee, die aus einer ganz anderen stilistischen Ecke kommen und, wie er, in der Weltrangliste der Gitarren-Virtuosen ganz oben stehen: der in Paris lebende Engländer John McLaughlin, 39, und der Amerikaner Al DiMeola, 27. Die beiden haben sich ihren Star-Status auf dem Gebiet des Jazzrock verdient.
Das ungewöhnliche Trio, seit seiner ersten Tournee im letzten Jahr eine überall begeistert gefeierte Konzert-Attraktion, schlägt die 18 Saiten der drei Gitarren so wirkungsvoll und oft in so schnellem Tempo an, daß das Publikum darauf mit Jauchzern antwortet.
Wo sie auftreten, wie letzte Woche in Kopenhagen beim Start ihrer zweiten Europa-Tournee, entlädt sich die Begeisterung der Zuhörer über atemberaubende Griffbrett-Artistik. Das wirkt manchmal wie im Zirkus, wenn sich Jongleure variantenreich Bälle oder Keulen zuwerfen, ohne daß der Fluß der Bewegung unterbrochen ist. Kurze Tonfolgen fliegen zwischen den Musikern hin und her, verändern sich und fordern zu immer neuen, überraschenderen Improvisations-Spielarten heraus.
Und dann rasen sie plötzlich zu dritt durch Unisono-Passagen, in traumwandlerischem gegenseitigen Verständnis. Daß alles nicht so ernst gemeint ist und eher als lockerer Spaß verstanden wird, demonstrieren die drei Spieler, im hellen Scheinwerferlicht vor dekorativem Grünzeug sitzend, wenn sie über besonders überrumpelnde Augenblicks-Erfindungen der Mitspieler loslachen.
Sie flitzen über die Saiten, als wär''s ein Übungsabend zur Entspannung: der Amerikaner unbekümmert und am meisten um treffsichere Knalleffekte bemüht, der Engländer in herber Klangmalerei mit schockartig dazwischenfahrenden Schnell-Läufen und der Spanier schroff mit metallisch-hartem Stakkato und seiner Flamenco-Melancholie.
"Es gibt viele Leute, die nicht mehr von elektrischer Musik erschlagen werden S.148 wollen", begründet McLaughlin den außerordentlichen Publikums-Erfolg des Trios, das zunächst nur ein Zwischenspiel in den Karrieren der vielbeschäftigten Gitarristen zu sein schien, jetzt aber aus einer Nebensache zu einer lukrativen Hauptsache gewachsen ist.
"Mein Leben bedeutet, Leute aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu treffen und mit ihnen zu spielen, mit Jazzern, indischen und klassischen Musikern zum Beispiel", sagt McLaughlin, der Anfang der siebziger Jahre mit seinem "Mahavishnu Orchestra" den Jazzrock zu einem eigenständigen Stil formte und später mit seinem "Shakti"-Ensemble die Improvisationsweisen des Jazz und indischer Musik verschmolz.
Das Trio, in dessen Deutschland-Konzerten
( 27. 8., Berlin, 28. 8., Hamburg, 29. ) ( 8., Stuttgart, 30. 8., St. ) ( Goarshausen. )
auch das frisch entdeckte 14jährige Gitarren-Wunderkind Bireli Lagrene auftreten wird, bezieht das Publikum ein in den Dialog auf dem Podium: Die Zuhörer haben das Gefühl, mit ihren euphorischen Reaktionen den Lauf der Improvisationen der drei da oben beeinflussen zu können.
DiMeola glaubt, den Grund für den Erfolg gefunden zu haben, wenn er schlicht erklärt: "Bei uns haben auch die Frauen im Publikum ihren Spaß, und man kann ihnen ansehen, daß sie wirklich nur Spaß haben an der Musik, und nicht nur deshalb, weil ihr Freund darauf abfährt."
S.148 27. 8., Berlin, 28. 8., Hamburg, 29. 8., Stuttgart, 30. 8., St. Goarshausen. *

DER SPIEGEL 34/1981
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