22.12.1980

Wie Polen verraten wurde

Die kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946 (V)
Auf der Konferenz der Großen Drei in Teheran, Ende November 1943, demonstrierte Briten-Premier Winston Churchill den Großen Zwei, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und Sowjet-Marschall Josef Stalin ("Onkel Joe"), "seine Gedanken" zur künftigen Grenzziehung zwischen Rußland, Polen und Deutschland. Er legte drei Streichhölzer auf den Tisch und verschob sie von rechts nach links.
"Ich für meinen Teil glaube", erläuterte Churchill, "Polen könnte sich nach Westen verschieben, wie Soldaten, die seitlich wegtreten. Falls es dabei auf einige deutsche Zehen tritt, kann man das nicht ändern."
Stalin fand Gefallen an dem Verschiebespiel. Jedenfalls beließ er es bei einem knappen "Ja", als der Briten-Premier nachfaßte: "Wollen wir eine Grenzziehung versuchen?" Stalin hatte selbst schon eine Vorstellung, wie weit die Polen im Westen "seitlich wegtreten" sollten -- bis an die Oder.
Als der britische Außenminister, Anthony Eden, wissen wollte, was von Polens Osten Rußland "alles zu verspeisen gedächte", war Stalin pikiert -ob denn jemand annehme, daß "er Polen schlucken" wollte. Gleichwohl beharrte Eden: "Wieviel würde Rußland unverspeist lassen?"
Den auf solche Stichelei folgenden historischen Dialog überlieferte Winston Churchill:
Stalin: "Die Russen wollten nichts, was anderen Völkern gehöre, nur aus Deutschland würden sie sich einen Brocken herausschneiden."
Eden: "Was Polen im Osten verliere, könnte es im Westen gewinnen."
Stalin: "Das sei möglich; er wisse es aber nicht."
Die Stimmung war gut. Eines Abends überreichte Churchill dem siegreichen Stalin ein Ehrenschwert, das Seine Majestät Georg VI. von Großbritannien zur Erinnerung an Stalingrad hatte schmieden lassen. Stalin hob die "herrliche Waffe" mit "höchst eindrucksvoller Gebärde an den Mund und küßte die Scheide" (Churchill).
Tags darauf, im Sitzungssaal, ging es wieder um Polens Auferstehung. Nun wurde auch deutlicher, welchen Brocken sich Stalin aus Polen herauszuschneiden gedachte. S.133
Churchill eröffnete: "Es wäre von großem Nutzen, wenn wir schon an diesem Tisch die russischen Ansichten über die Grenzziehung kennenlernen würden."
Stalin gab Auskunft: "Es geht darum, daß die ukrainischen Gebiete zur Ukraine und die belorussischen zu Belorußland kommen, das heißt, daß die Grenze zwischen der UdSSR und Polen der Grenze von 1939 entsprechen muß."
Wieder stänkerte Eden -"ob damit die Ribbentrop-Molotow-Linie gemeint sei", was Stalin abtat: "Nennen Sie sie, wie Sie wollen", und Sowjetaußenminister Molotow zu beschönigen suchte: "Meist bezeichnet man sie als Curzon-Linie."
Das war jene Grenze, die auf Vorschlag des damaligen britischen Außenministers Lord George Curzon nach dem Ersten Weltkrieg von den Alliierten zwischen Polen und Sowjetrußland gezogen worden war, aber nie Gültigkeit erlangte.
Nach dem "Wunder an der Weichsel", wo Pilsudski 1920 die Russen zurückgeschlagen hatte, vereinbarten die verfeindeten Nachbarn eine Grenze, die etwa 200 Kilometer weiter ostwärts verlief, aber immer noch nicht an die Grenze des ungeteilten Polen von 1772 heranreichte.
Churchill "gefiel das Projekt" gleichwohl; er erbot sich, die widerborstige polnische Exilregierung in London dafür zu gewinnen. Die Polen wären "töricht, nicht darauf einzugehen", äußerte er. Schließlich würde ihnen "ein schönes Gebiet in einer Länge von über 500 Kilometern nach jeder Richtung als Heimstätte zugewiesen".
Die Formel war gefunden, ohne Federlesen. Die Briten hatten Polen ja schon einmal sitzen- respektive hängenlassen müssen, 1939. Ohne die Amerikaner konnten sie nun wirklich nicht.
Die Sowjets wollten wenigstens behalten, was Hitler ihnen zugeschanzt hatte, und einiges mehr war, wenn sie nur wollten, sicher. Und in den USA, weit vom Schuß, wo "fünf bis sechs Millionen Polen" lebten, standen Präsidentschaftswahlen an. Folglich hielt sich der Präsident, der den Handel durchaus billigte, auf der Konferenz merklich zurück -- wofür er Stalin um Verständnis bat.
Über kurz oder lang lag Polen wieder im Zugriff der Sowjet-Union, und wie die Deutschen ihr 1939 dabei geholfen hatten, ließ sie sich jetzt von den Westmächten mit Finanz- und Militärhilfe bestücken. Die Rote Armee war im Anmarsch, hatte die Krim erreicht und den deutschen Ostwall in der Ukraine durchbrochen.
Churchill, sosehr er die sowjetischen Waffen auch segnete, sah Gefahr im Verzuge, vermochte aber nichts dagegen. Sein Rettungsversuch, eine zweite Front auf dem Balkan zu eröffnen, um so, durch Vorpreschen nach Norden, auch der Roten Armee Halt zu gebieten, wurde von den Alliierten nie ernsthaft erörtert. Er scheiterte von vornherein am totalen Unverständnis des stärkeren Verbündeten, USA.
Und Roosevelt? Der war, wie er auch noch zugab, eigentlich nur nach Teheran gekommen, um "Onkel Joe" Stalin entgegenzukommen. Dafür bot sich mannigfach Gelegenheit.
"Mir ist so", faßte Roosevelt seine Konferenz-Erwartungen gegenüber seinem S.136 Berater William C. Bullitt zusammen, "als ob Stalin nichts anderes als Sicherheit für sein Land wünscht." Und seine Konferenztaktik, ebenso einfach wie mißerfolgversprechend, erläuterte der Präsident so: "Wenn ich Stalin alles gebe, was in meiner Macht steht, und keine Gegenleistung verlange, dann wird er sich -- noblesse oblige -- nichts einzuverleiben suchen und für eine Welt der Demokratie und des Friedens arbeiten."
Zunächst hatte nicht einmal das funktioniert. In den ersten drei Konferenztagen kam der Präsident mit dem Marschall "absolut nicht weiter". Stalin, "korrekt, steif, feierlich, lächelte nicht einmal".
Roosevelt fühlte sich schon "ziemlich entmutigt" -- "nichts Menschliches, wo man einhaken konnte". Doch dann fand der Einfältige "och noch einen Dreh, und zwar so: Sobald ich am Konferenztisch " " Platz genommen hatte, begann ich Churchill mit seinem " " Britentum, mit John Bull, mit seinen Zigarren und mit seinen " " Gewohnheiten zu hänseln. Das kam bei Stalin an. Winston wurde " " rot und machte ein finsteres Gesicht, und je mehr er so " " reagierte, desto mehr lächelte Stalin. Schließlich brach " " Stalin aus tiefstem Herzen in schallendes Gelächter aus, und " " das erstemal nach drei Tagen sah ich Licht. "
Die Formel von Teheran lautete: Polnischer Landverlust an die einstige Teilungsmacht im Osten, Landgewinn auf Kosten der einstigen Teilungsmacht im Westen.
"Im Prinzip wurde festgelegt", spezifizierten die Engländer, "daß sich das Gebiet des polnischen Staates ... von der sogenannten Curzon-Linie bis zur Oder erstrecken soll, einschließlich Ostpreußen und der Provinz Oppeln."
Auf Ostpreußen hatten es allerdings auch die Sowjets abgesehen. Sie brauchten die eisfreien Häfen Königsberg und Memel, obendrauf "einen entsprechenden Teil des ostpreußischen Territoriums", um so mehr als dies "historisch gesehen slawischer Boden" sei. Wenn die Engländer einverstanden seien, "uns das genannte Gebiet zu überlassen", meinte Stalin, "werden auch wir die von Churchill vorgeschlagene Fassung annehmen".
Churchill fand den Vorschlag "sehr interessant", und die Polen, die es anging, brauchten von alledem noch nichts zu wissen, vereinbarten die Großen Drei; die könnten, fürchtete Churchill zu Recht, "viel Staub aufwirbeln".
Das hatte die polnische Exilregierung schon vor Konferenzbeginn getan. Übergeschnappt wie Fähnrich Kowalczyk, Soldat in der polnischen Exilarmee, der immer noch "am liebsten gegen die Deutschen und Russen gleichzeitig" zu Felde ziehen wollte, ließ sie wissen, "das Eindringen der Sowjets in polnisches Gebiet würde sie als Invasion betrachten", der sie sich mit Waffengewalt widersetzen müßte.
Nie und nimmer würde sie polnische Ostgebiete den Sowjets überlassen. Auch dann nicht, wenn Polen dafür "Ostpreußen, Danzig, Oppeln und Schlesien" erhielte.
Das war schon exilpolnischer Originalton gewesen, als Hitler 1941 die Sowjet-Union angriff und unbestimmte Hoffnung aufbrach. Das blieb aber auch so, als die Rote Armee die Deutschen aus Polen vertrieben hatte. Und wäre durch freiwillige Preisgabe, zu der Churchill die Polen unablässig drängte, von Polen mehr zu retten gewesen?
Unbeirrt zeigte sich Stalin sogar in der Stunde der Not. Was die Curzon- oder Ribbentrop-Molotow-Linie anging -- im großen und ganzen ein und dasselbe -- hielt er am Besitzstand fest, auch als er, zeitweilig, nicht darüber verfügte.
Bei Verhandlungen mit dem exilpolnischen Ministerpräsidenten Sikorski im Dezember 1941 -- in Moskau war Hitlers Artillerie zu vernehmen -- gab er, trickreich, die Ribbentrop-Molotow-Linie preis -- nicht aber die Curzon-Linie. So wurden in einem polnisch-sowjetischen Abkommen zwar die deutsch-sowjetischen Teilungsverträge vom Herbst 1939 annulliert, nicht aber die alte Ostgrenze Polens wiederhergestellt -- was eigentlich ein und dasselbe gewesen wäre.
"Wir werden jetzt über die polnischsowjetische Grenze sprechen", versuchte es Stalin auf einem Empfang für Sikorski. Er hätte gern ein paar Änderungen, die seien aber "nur geringfügig". Doch Sikorski lehnte ab.
Stalin hatte aber schon andere Polen an der Hand, die nicht ablehnten. Während Sikorski noch in Moskau verhandelte, gründeten polnische Kommunisten in der Sowjet-Union die "Organisation der polnischen Patrioten".
Chefin wurde die Schriftstellerin Wanda Wasilewska, Gattin des sowjetukrainischen Außenministers und Dramaturgen Alexander Kornejtschuk. "Es war der Anfang eines Polizeistaats", kommentierte Sikorski-Nachfolger Stanislaw S.138 Mikolajczyk, "zu dem das befreite Polen werden sollte." Auf "die neuen Kräfte" verwies Stalin den neuen Regierungschef Mikolajczyk, bei einem Treffen im August 1944: "Neue Gewalten" seien "an die Stelle der alten getreten". Alles sei "anders geworden". Die neue Kraft Wanda Wasilewska beispielsweise, jetzt Mitglied der kommunistischen Gegenregierung, genannt Lubliner Komitee, hielt die Curzon-Linie denn auch für "äußerst günstig".
"Sie müssen sich darüber klarwerden", redete Stalin auf den Regierungschef ein, "daß für Polen nur dann etwas getan werden kann, wenn Sie die Curzon-Linie anerkennen." Für den Verlust Ostpolens stellte er die "Oder-Linie im Westen, einschließlich Breslau, Stettin und Ostpreußen" in Aussicht. Königsberg werde allerdings "bei der Sowjet-Union verbleiben", ebenso "das Gebiet in seiner Umgebung".
Das war, so ungefähr, die Formel von Teheran, von der die Polen immer noch nichts wußten. Sie erfuhren erst davon, als Churchill, zwei Monate später, Vertreter der polnischen Exilregierung -- laut Churchill "anständige, wenn auch schwache Leute" -- aufforderte, in Moskau "mit uns, der Sowjetregierung und dem Lubliner Komitee" zu beraten.
Was dann in Moskau ablief, wie die Westmächte langsam, die Polen sicher verschaukelt wurden, offenbarte anglo-amerikanische Fehlkalkulation, sowjetische Expansionsmathematik.
Stalin verfuhr unbehelligt nach Fahrplan, er bremste ab, wenn Vollgas die Stimmung verdorben hätte, durchstarten ließ sich immer noch. Er brüskierte, wenn er es sich leisten konnte, und je tiefer die Rote Armee nach Westen vorstieß, desto mehr konnte er sich leisten.
So neu den ehedem imperialistischen Westmächten diese Art Kommunisten-Imperialismus auch war, so durchschaubar waren die Winkelzüge des mächtigen Stalin.
Aber die Amerikaner fuhren fort, Onkel Joe zu preisen; Roosevelt jedenfalls bildete sich sogar was darauf ein, es mit Stalin besser zu können ("prächtig") als mit Churchill. "Stalin ist kein Imperialist", davon war er überzeugt; gleichwohl meinte er: "In unseren gesamten Beziehungen mit Stalin müssen wir den Daumen halten und hoffen, daß es gut ausgeht." Und mehr tat er denn auch wirklich nicht.
Die Polen aber hatte er schon im Juni 1944 gewarnt: "Ihr Polen müßt zu einer Verständigung mit Rußland kommen. Ganz allein hättet ihr keine Chance, Rußland zu schlagen, und die Briten und die Amerikaner haben nicht die Absicht, gegen Rußland zu kämpfen."
Und er spendete auch Trost: "Machen Sie sich keine Sorgen. Stalin hat nicht vor, Polen seine Freiheit zu nehmen."
Die Briten, so unwohl ihnen mittlerweile auch war, kalkulierten unverändert, gegen ein Stück polnisches Land ließe sich ein Stück polnische Unabhängigkeit eintauschen. Und die polnische Exilregierung, zum Einlenken weder bereit noch -- wegen vehementer Ablehnung jeglicher Zugeständnisse in Polen selbst -- auch nur fähig, wollte beides; das eine behalten, das andere, seit 1772 zum zweiten Mal, wiederbekommen. Doch von wem nur? S.139
Churchill übte den "stärksten Druck auf Mikolajczyk aus", wie er freimütig bestätigte, die Curzon-Linie wenigstens "de facto" anzuerkennen und eine "freundliche Aussprache" mit dem Lubliner Komitee zu führen, um eine "einheitliche polnische Regierung zu bilden".
Beides wies Mikolajczyk strikt zurück. "Unser Ziel ist ein Abkommen zwischen Polen und Rußland", hatte er zuvor schon Stalin beschieden, "nicht zwischen Rußland und einer Handvoll Polen."
Als Churchill noch am gleichen Abend mit dem Chef des Lubliner Komitees, Boleslaw Bierut, und einigen seiner Genossen zusammentraf, stellte er schnell fest, daß sie "bloße Werkzeuge" der Russen seien, "die ihre Rolle mit gut einstudierter Präzision heruntersagten". Selbst Stalin, in dessen "ausdrucksvollen Augen" er ein "verständnisinniges Zwinkern" ausgemacht haben wollte, schien ihm zu bedeuten: "Nun, was sagen Sie zu unserer sowjetischen Dressur."
Mit Stalin unter vier Augen, warnte der Brite "unverblümt", wie er sich gutschrieb, die "westliche Welt werde nicht an eine ehrliche Regelung und an die Unabhängigkeit der polnischen Regierung glauben, wenn das Kabinett nicht je zur Hälfte aus Lublinern und anderen Persönlichkeiten plus Mikolajczyk zusammengesetzt werde". Stalin soll, laut Churchill, zunächst mit "50:50 zufrieden" gewesen sein; dann aber habe er sich "schnell korrigiert" und ein "schlechteres Verhältnis" genannt.
Mikolajczyks naheliegenden Verdacht, Stalin wolle "Polen nach dem Kriege zu einem kommunistischen Staat machen", wies der Marschall weit von sich: "Absolut nein. Der Kommunismus paßt nicht zu den Polen. Sie sind zu individualistisch und zu nationalistisch." Polen "wird ein kapitalistischer Staat sein".
Mikolajczyk fragte: "Werden Sie der kommunistischen Partei Polens befehlen, nach dem Krieg nicht nach einer Revolution zu streben?"
Stalin prompt: "Das werde ich anordnen. Polen wird durch keine ideologischen Kämpfe aufgerührt werden." Aber, fuhr er fort, es gebe "gewisse Leute", die "wir im politischen Leben Polens nicht dulden können".
Daß die Curzon-Linie längst abgekartete Sache sei, erfuhren die Exilpolen en passant. Bei Tisch mit Stalin, Churchill, Eden und dem amerikanischen Moskau-Botschafter, Averell Harriman, kam Molotow damit über, "daß sich die Großen Drei auf ihrer Teheraner Konferenz über die Curzon-Linie als polnisch-russische Grenze einig geworden waren".
"ikolajczyk schilderte später die Stunde der Wahrheit: Ich blickt" " von Churchill zu Harriman, bat sie im stillen, sie möchten " " die Angelegenheit als unwahr hinstellen. Harriman schwieg. " " Churchill blickte mir voll ins Gesicht. "Ich bestätige es", " " sagte er ruhig. Dann wurde Churchill ärgerlich, wandte sich " " zu mir und verlangte von mir meine augenblickliche " Zustimmung.
" Er erinnerte mich an Großbritanniens Hilfe für Polen. Ich " " drückte ihm meinen Dank aus, beharrte jedoch darauf, daß es " " nicht in meiner Macht liege, einer solchen Teilung meines " " Landes zuzustimmen ... Er fuhr fort: "Aber Sie können doch " " wenigstens Ihre Zustimmung zur Curzon-Linie als " " De-facto-Grenze geben und auf der Friedenskonferenz um eine " Änderung ersuchen."
" Bevor ich jedoch antworten konnte, erhob sich Stalin " " indigniert. "Ich möchte dies restlos klarstellen", sagte er, " " "Mister Churchills Gedanke an irgendeine Veränderung dieser " " Grenze ist für die Sowjetregierung nicht annehmbar. Wir " " denken nicht daran, unsere Grenze von Zeit zu Zeit neu " " festzusetzen]" "
"Die Tage verstrichen", notierte Churchill, "doch das eiternde Geschwür der polnisch-sowjetischen Angelegenheiten besserte sich kaum." Genau besehen verschlimmerte es sich.
Nach der Konferenz knüpfte Winston Churchill sich Stanislaw Mikolajczyk erst einmal richtig vor. "Ich werde dem Parlament sagen, daß ich mich mit Stalin geeinigt habe", drohte er. Die Beziehungen zu Rußland seien "weit besser denn je".
"Sie sehen in Ihrer Dickköpfigkeit nicht, was auf dem Spiel steht", herrschte er den Polenführer an: "Sie wollen einen Krieg anfangen" -- gegen Rußland --, "der 25 Millionen Menschenleben kosten wird."
Der Pole entgegnete: "Sie haben unser Schicksal in Teheran besiegelt." Churchill entgegnete: "Polen wurde in Teheran gerettet."
"Wenn Sie die Grenze nicht anerkennen, sind Sie für immer erledigt", ereiferte sich der Brite, und er malte aus, wie es dann kommen könnte. "Die Russen werden Ihr Land überfluten, und Ihr Volk wird liquidiert werden."
Und wenn Mikolajczyk die Grenze anerkannt hätte? Er tat es nicht, sondern S.143 trat zurück. Sein Nachfolger wurde Tomasz Arciszewski, ein ausgemachter Russenfeind.
In Jalta, auf der Krim, sollte Polen wieder einmal gerettet werden; das war im Februar 1945. Die Lage war günstig -- für die Russen.
Stalin stimmte der neuen Dreier-Konferenz erst zu, als die sowjetische Winteroffensive, die eine Weile steckengeblieben war, wieder flottgemacht worden war. Und einen Tag nach der Zusage der Westmächte, am 1. Januar 1945, verwandelte sich das Lubliner Komitee in die "Provisorische Regierung des Befreiten Demokratischen Polen".
Die Beziehungen zu den Londoner Exilpolen, die von den meisten Regierungen anerkannt und immer noch Sprecher fast des ganzen polnischen Volkes waren, hatte Moskau schon im April 1943 gekappt.
Ende Januar 1945 erreichte die Rote Armee die deutsche Reichsgrenze; ganz Polen war in ihrer Hand. Breslau war bereits eingeschlossen; an der Oder hielten sich sowjetische Brückenköpfe. Und überall, wo die sowjetischen Truppen westlich der Curzon-Linie auftauchten, folgten im Troß Mitglieder des polnischen "Klientelkabinett" (Historiker Roos), die das Gebiet fortan verwalteten.
Amerikaner und Engländer dagegen hatten Mühe, Hitlers Ardennenoffensive zu begegnen. Sie standen Ende Januar von Berlin so weit entfernt wie schon im September 1944. Der Rhein war noch an keiner Stelle überschritten.
Außerdem knisterte es immer vernehmlicher in der westlichen Kriegskoalition. Bestürzt stellten die Briten fest, schrieb der australische Historiker Chester Wilmot, daß die Amerikaner "den britischen Nachkriegszielen mißtrauischer gegenüberstanden als den russischen". Churchill gewann schon den Eindruck, Roosevelt wolle "das britische Weltreich abschaffen".
Die von Engländern und Russen auf dem Balkan und in Südosteuropa diskutierten Einflußzonen erschienen den Amerikanern als "Churchiavellismus".
Schon bei Verhandlungen in Moskau im Oktober 1944 hatte Churchill, da ihm "der Moment günstig schien", Stalin animiert: "Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie in Rumänien zu 90 Prozent Übergewicht hätten und wir zu 90 Prozent in Griechenland, während wir uns in Jugoslawien auf halb und halb einigen?"
Churchill notierte diese Zahlen und setzte noch ein paar hinzu -- "Ungarn 50:50, Bulgarien: Rußland 75 Prozent, die anderen 25 Prozent" -- und schob den Zettel Stalin hinüber.
Der Marschall nahm einen Blaustift und "machte einen Haken". Doch dann trat, wie Churchill weiter berichtete, "ein langes Schweigen ein". Der Brite merkte nun selber, man "könnte S.144 es für ziemlich frivol halten, wenn diese Frage, die das Schicksal von Millionen berühre, in so nebensächlicher Form" behandelt würde und schlug vor: "Wir wollen den Zettel verbrennen."
Dem amerikanischen Präsidenten waren solche Großmachtallüren zuwider. Wenn es erst die Vereinten Nationen gäbe, auf die Roosevelt alles setzte, wie Vorgänger Woodrow Wilson nach dem Ersten Weltkrieg auf den Völkerbund, bedürfe es, wie der US-Präsident meinte, "keinerlei Einflußzonen, keiner Bündnisse, keines Gleichgewichts der Kräfte oder sonstiger Vorkehrungen".
Um einen Freund zu gewinnen, jonglierte Roosevelt unablässig, müsse man selbst einer sein. Er hielt sich für Stalins Freund.
Sozusagen regierungsamtlich formulierte Roosevelts engster Berater, Harry Hopkins, am Vorabend von Jalta die Fehleinschätzung: "Wir wissen oder glauben jedenfalls, daß die russischen Interessen ... keinen Anlaß zu größeren Differenzen mit unserer Außenpolitik bieten." Mit den Russen lasse sich "persönlich gut verhandeln"; zweifellos hätten sie "das amerikanische Volk gern"; insbesondere sei ihnen daran gelegen, "die freundschaftlichen Beziehungen zu uns aufrechtzuerhalten": "Sie sind beharrliche, entschlossene Leute, die genauso denken wie wir."
Dwight D. Eisenhower, alliierter Oberbefehlshaber, fand, um den Engländern eins auszuwischen, Amerikaner wie Russen seien "frei von dem Brandmal, sich gewaltsam ein Kolonialreich aufgebaut zu haben".
Am 4. Februar trafen Roosevelt und Churchill in Jalta ein. Die Gastgeber hatten "keine Mühe gescheut", fiel Churchill auf, es ihnen "bequem zu machen". Als ein Briten-Delegierter in seiner Unterkunft ein großes Aquarium bewunderte, aber mäkelte, daß nichts außer ein paar Wasserpflanzen darin sei, traf prompt eine Ladung Goldfische ein; als ein anderer in den Cocktails die Zitronenscheiben vermißte, schafften die Russen gleich einen ganzen Zitronenbaum heran.
Sieben der acht Vollsitzungen im Palast Liwadja, ehedem Prachtschloß der Romanows, galten dem Polen-Problem. 18 000 Wörter, überschlug Churchill, widmeten, laut Protokoll, die Großen Drei diesem Thema: Stalins vollendete Tatsachen; Churchills Ohnmacht; Roosevelts Desinteresse; er hatte sich, wie seinem Berater James F. Byrnes (später US-Außenminister) auffiel, "nicht sonderlich auf die Jalta-Konferenz vorbereitet".
Briten-Premier Churchill vermißte bei den Amerikanern eine "großzügige Konzeption auf weite Sicht". Er erkannte an, daß sie an Gebietserwerbungen nicht interessiert seien, meinte jedoch: "Wo Wölfe lauern, muß der Hirt seine Herde schützen, auch wenn es ihn persönlich nicht nach Fleisch gelüstet."
Über die polnische Ostgrenze gab es, trotz verhaltener Einwände von Engländern S.145 und Amerikanern, seit Teheran eigentlich nichts mehr zu bereden. Von der Curzon-Linie abzugehen, entschied Stalin sogleich, wäre "Schmach und Schande". Dann würden die Ukrainer Curzon und Georges Clemenceau (französischer Ministerpräsident, der nach dem Ersten Weltkrieg die Curzon-Linie akzeptiert hatte) für "zuverlässigere Verteidiger Rußlands" halten als ihn, Stalin, und Molotow.
Folglich ging es nur noch um die Westgrenze des neuen Polen. Über die Oder-Linie bestand ebenfalls grobe Übereinstimmung, aber jetzt wollten es die Russen genauer wissen.
Das Stichwort "Neiße" war schon früher gefallen. Nun gebe es aber "zwei Flüsse dieses Namens", warf Stalin ein, "einen in der Nähe Breslaus und einen weiter westlich". Stalin dachte natürlich, wie Churchill berichtete, "an die westliche Neiße" -- was bedeutete, daß auch ganz Schlesien den Polen zufallen sollte (siehe Graphik Seite 133).
An diesem Punkt drängte der kränkelnde Roosevelt, der, "aus Amerika kommend, das polnische Problem nur aus der Entfernung" sah, auf Vertagung. Er meinte noch: "Wir müssen etwas tun, um in die Stickluft, die gegenwärtig über der polnischen Frage liegt, einen frischen Luftzug zu bringen." Was, das fiel dem Präsidenten, "sein Blick ging oft weit in die Ferne" (Churchill), auch nicht ein.
Es blieb für den Rest der siebentägigigen Konferenz (und bis auf den heutigen Tag) letztlich bei Vertagung -zu besten Konditionen für Stalin. Roosevelt, der, wie Wilmot urteilt, "Stalins Appetit gereizt, nicht gestillt" habe, fand zwar, es bestehe nur "geringe Rechtfertigung", die "Grenze bis zur westlichen Neiße vorzuschieben", aber immerhin.
Churchill warnte, unverbindlich: "Es wäre ein Jammer, die polnische Gans mit deutschem Futter zu mästen, daß sie an Verdauungsbeschwerden eingeht", aber ansonsten war auch er generös: Polen könne sich auf Kosten der Deutschen so viel nehmen, wie es wünsche und zu verwalten imstande sei.
Weit wichtiger als die "Präzisierung der Grenzen", war Churchill, "daß ein starkes, freies und unabhängiges Polen entstehe". Er forderte "sobald wie möglich allgemeine, geheime, freie und unbeeinflußte Wahlen" -- wie Roosevelt, der allerdings entschlossen war, "es zwischen uns und der Sowjet-Union niemals zum Bruch kommen zu lassen"; auch nicht wegen der Wahlen. Der Präsident fragte den Marschall: "Wann wird man Wahlen abhalten können?"
Stalin: "Innerhalb eines Monats, wenn keine Katastrophe an der Front eintritt, was unwahrscheinlich ist."
Das "beruhigte uns völlig", erinnert sich Churchill. Molotow versprach, die S.148 provisorische polnische Regierung zu "reorganisieren und mit den Führern aus dem In- und Ausland zu ergänzen" -- noch ein Zugeständnis. Den angloamerikanischen Vorschlag, die drei Großmächte sollten die Wahlen beobachten, wies der Minister allerdings zurück -- das wäre "eine Beleidigung des Stolzes und der Unabhängigkeit eines freien Volkes".
"Ich möchte, daß die Wahlen in Polen über jeden Zweifel erhaben sind -wie Cäsars Weib", insistierte Roosevelt einen Moment: "Ich habe Cäsars Weib zwar nicht gekannt, aber ihre Reinheit soll außer Zweifel gestanden haben."
Stalin, süffisant: "So war ihr Ruf, aber sicher ist, daß auch sie ihre Sünden hatte."
Roosevelt-Berater Byrnes schrieb später: "Ich kann nur hoffen, daß die Dame nicht so oft gesündigt hat, wie jene Erklärung verletzt worden ist."
Nach Jalta erkannte der Briten-Premier endgültig, "daß Sowjetrußland zu einer tödlichen Gefahr für die freie Welt geworden war". Dem "Gewaltvormarsch" der Roten Armee müsse "unverzüglich eine neue Front entgegengestellt werden" -- und zwar "so weit im Osten Europas" wie nur möglich.
Churchill beschwor die Amerikaner, den Rückzug in die mit den Russen vereinbarten Besatzungszonen hinauszuzögern und die eroberten Reichsgebiete zu halten, als Faustpfand, bis die strittigen Fragen zwischen den Großmächten geregelt seien. Denn wäre "der Akt einmal vollzogen und das ganze Gebiet von den Russen besetzt, wäre Polen ganz von russisch besetzten Ländern umschlossen und darin begraben" (Churchill).
Doch die Amerikaner dachten schon an Demobilisierung und buhlten um die Waffenbrüderschaft der Sowjets im Fernost-Krieg gegen die Japaner. Und während Churchill unentwegt zum Angriff auf Berlin blies, um wenigstens dort den Sowjets zuvorzukommen, leisteten sich die Amerikaner die größte Posse des ganzen Krieges.
Eisenhower stürmte ein Phantom. Er ließ seine Streitmacht nach Süden schwenken, gegen die Alpenfestung, wo sich nach amerikanischen Erkundungen 300 000 Hitler-Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, zum letzten Gefecht versammelt hätten.
Die Alpenfestung gab es nicht. Aber als die Russen in Berlin einmarschierten, standen die West-Alliierten noch 120 Kilometer westlich der gefallenen Reichshauptsadt.
Der neue US-Präsident Harry S. Truman, Nachfolger des am 12. April 1945 verstorbenen Roosevelt, vertiefte sich sofort, wie er in seinen Memoiren berichtete, "in das unangenehme polnische Problem". Er kam schnell zu dem Schluß, "etwelche Schritte" gegen die Russen seien "unbedingt angezeigt".
Nun warnte auch Moskau-Botschafter Harriman, der die Russen-Einschätzung des arglosen Roosevelt lange geteilt hatte, den Nachfolger: "Europa steht vor einer Invasion der Barbaren."
Truman versicherte, er habe "keine Angst" vor den Russen und werde "fest bleiben". Doch wie sollte er? Zu mehr als zu einem geharnischten Protest konnte auch er sich nicht durchringen.
Den brachte er an den Mann, als Sowjet-Außenminister Molotow ihn, Ende April, in Washington aufsuchte. Er sagte ihm "geradeheraus", wie sehr es ihn "enttäusche", daß die Sowjets nur mit der Warschauer Regierung, nicht aber mit den Exilpolen verhandelten.
Molotow gab sich beleidigt: "So hat in meinem ganzen Leben noch niemand mit mir gesprochen."
Daraufhin Truman: "Halten Sie Ihre Vereinbarungen ein, und man wird nicht so mit Ihnen reden."
Sechs Wochen später erkannten Amerikaner und Engländer die Satelliten-Regierung in Warschau an. Das war, urteilt Historiker Roos, "die glatte Preisgabe der seit mehr als vier Jahren für legitim gehaltenen Londoner Exilregierung".
Zuvor waren neben den "kommunistischen Hampelmännern" (Churchill) Mikolajczyk -- als stellvertretender Ministerpräsident -- und zwei weitere Exilpolen in die Regierung aufgenommen worden. Gleichwohl sah Churchill Polen von freien Wahlen "so weit wie nur je entfernt".
Die Nichtkommunisten in der Regierung waren nicht nur ein verlorenes S.149 Häuflein -- sie machten nur ein Drittel aus. Sie wurden auch sofort unter massiven Druck gesetzt.
Wladislaw Gomulka, damals ebenfalls Vize-Regierungschef (mit dem 1956 das polnische Tauwetter anbrach), warnte den heimgekehrten Mikolajczyk, den die Warschauer stürmisch gefeiert hatten: "Treiben Sie es nicht zu weit mit dem Volk. Das polnische Volk ist gegen uns, es ist verrückt] Bedenken Sie, was Sie tun, sonst werden Sie Ihre Lage eines Tages genauso bedauern, wie das Volk die seine."
Daraufhin Mikolajczyk: "Uns alle könnt Ihr nicht umbringen ... Ihr wißt, daß Ihr nicht siegen könnt. Die Polen sind im wesentlichen antikommunistisch."
"Nichts kann die große Katastrophe verhüten", fand Churchill nun, "als eine schleunige Zusammenkunft und brutale Aussprache." Und die sollte in "irgendeiner amerikanisch-britisch besetzten Stadt" zusammentreten, die "anständige Unterkünfte" böte.
Die Konferenz fand, vom 17. Juli bis 2. August 1945, im russisch besetzten Potsdam statt. "Anständige Unterkünfte" gab es im Schloß Cecilienhof, erbaut für den ältesten Sohn des letzten deutschen Kaisers. Im Innenhof hatten die Russen, wie sich Truman erinnerte, "einen riesigen Stern aus roten Geranien, roten Rosen und Hortensien gepflanzt".
Vier Tage nach Konferenzbeginn gab Stalin ein Staatsbankett -- "das war eine Sache, sage ich Euch", schrieb Truman an "Mama und Mary", seine Frau und seine Tochter. Dem Präsidenten fiel auf, daß der Generalissimus, wie sich der siegreiche Stalin nun nennen ließ, "ein winziges Glas benutzte", und er nahm an, daß es "Wodka war -- weil wir alle Wodka erhielten". Es war aber französischer Wein, denn, erläuterte Stalin: "Seit dem Herzanfall kann ich nicht mehr so viel trinken wie früher."
Die Briten mußten mitten im Fluß die Schlachtrösser wechseln. Churchill, der auf dem "Höhepunkt eines anscheinend grenzenlosen Erfolges", die Wahlen daheim verloren hatte, überließ, am 27. Juli, dem Labour-Politiker Clement Attlee seinen Platz am Konferenztisch.
Nach gewohntem Hin und Her in der Polen-Frage faßte Stalin die für den Westen dürftige Alternative zusammen: "Wir können uns über sie schlüssig werden, wir können sie vertagen, aber wir können sie nicht ignorieren."
Ihm konnte es gleich sein, er hatte längst, was er wollte. Die Polen nahmen die deutschen Ostgebiete an Oder und westlicher Neiße in Besitz, und die S.152 Deutschen flüchteten oder wurden vertrieben.
"Schön und gut", meinte Stalin, die "Deutschen sind geflohen, und die gegebene und einzige Lösung ist die Einrichtung einer uns freundlich gesinnten polnischen Verwaltung". Das bedeute keineswegs, fuhr er fort, daß damit auch schon die polnischen Grenzen festgelegt worden seien: "Die Sache kann in der Schwebe bleiben."
So geschah es -- und was sonst hätte jetzt noch geschehen können? "Wir hätten", erkannte Admiral William D. Leahy, Mitglied der US-Delegation, "zur militärischen Aktion vorbereitet sein müssen, um das sowjetische Fait accompli beseitigen zu können."
Amerikaner und Engländer vertagten. Die Großen Drei "bekräftigten ihre Auffassung, daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll".
Sie billigten aber auch, "daß die Umsiedlung deutscher Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen" (wieso plötzlich in Polen?) "zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß". Gewiß, ein "Kompromiß", gab Truman zu, aber "der beste, der zu erzielen" gewesen wäre.
Daran konnte auch die "weltgeschichtliche Nachricht" -- "Geburt der Kinder glücklich verlaufen" --, die US-Kriegsminister Henry L. Stimson seinem Chef überbrachte, nichts mehr ändern. "Wissen Sie, was das bedeutet", triumphierte Stimson: "Das große Experiment in der Wüste ist gelungen. Die Atombombe ist da."
Churchill knüpfte gleichwohl Hoffnungen daran. "Wir brauchten die Russen nicht mehr", schrieb er seinem Außenminister Eden. "Es ist ganz klar, daß die Vereinigten Staaten die russische Kriegsbeteiligung gegen Japan nicht mehr wünschen"; und "auch die Aussichten für die Zukunft Europas scheinen mir rosiger".
Mitnichten. Die Amerikaner meinten immer noch, auf sowjetische Waffenhilfe nicht verzichten zu können. Und sie lehnten es erneut ab, den Rückzug in die Besatzungszonen zu verzögern. Truman befürchtete, daß dann die Beziehungen zu den Sowjets "sehr leiden würden".
Auch die allerletzte Hoffnung auf ein wenigstens leidlich freies Polen keimte noch einmal auf. Polens Ministerpräsident, der Kommunist Bierut, tat nämlich so, als sei Polen "weit vom Kommunismus entfernt", als wolle es "keineswegs das Sowjetsystem kopieren"; einer "gewaltsamen Aufzwingung" würde es sich "vermutlich widersetzen". Polen werde sich "nach den Grundsätzen der westlichen Demokratien entwickeln", und die polnischen Wahlen würden sogar "noch freier vor sich gehen als die englischen".
Wladislaw Gomulka, Minister für die "wiedergewonnenen Westgebiete, feierte den "Sieg von Potsdam". Da seien "in einer großen historischen Entscheidung" die "internationalen Grundlagen für die Grenzen Polens gelegt".
Die Kommunisten riefen die Bevölkerung zur "Inbesitznahme dieser Gebiete", zur "Entdeutschung" und "schnellstmöglichen Bewirtschaftung" S.153 auf, das seien "die brennenden Aufgaben". 100 000 Soldaten-Familien und 25 000 KP-Mitglieder sollten mit Vorrang angesiedelt werden.
Polen reichte, ob verbrieft oder nicht, nun wieder, wie um 1000 das Piastenreich, von der Oder-Neiße bis an San und Bug. Es verlor, im Osten, beinahe die Hälfte des alten Staatsgebiets, rund 180 000 Quadratkilometer; verglichen mit dem Polen vor der Teilung von 1772 waren es sogar mehr als 470 000 Quadratkilometer, etwa die Größe Deutschlands von 1937. Es gewann, im Westen, 103 000 Quadratkilometer.
Die längst fälligen, von Stalin wiederholt versprochenen Wahlen in Polen fanden im Januar 1947 statt. Erst dann waren sich die Drahtzieher in Moskau und Warschau ihrer Sache einigermaßen sicher -- trotz Manipulation, Gleichschaltung und Drohung gegen Oppositionelle.
Die Wahlen waren selbstverständlich weder geheim noch frei. Stalin hatte das Ergebnis, behauptet Mikolajczyk, "mathematisch genau festgelegt". Mikolajczyks Bauernpartei, die mit sicherer Mehrheit, womöglich sogar mit einer Zweidrittelmehrheit, rechnen konnte, wurden ganze zehn Prozent zugeteilt. Sie erhielt schließlich 10,3 Prozent, die Kommunisten 80,1 Prozent. Bald darauf verließ Mikolajczyk, der um sein Leben bangen mußte, das Land und ging nach den USA.
Als ein polnischer Sozialist sich bei Stalin erkundigte, wie sich, angesichts des Wahlschwindels, wohl die "Amerikaner und Engländer verhalten" würden, antwortete der Diktator: "Wegen der Wahl wird es keinen Krieg geben. Sie werden Protest erheben, aber dieser Protest wird nur auf dem Papier stehen."
Polen war, zum ersten Mal in seiner neuen Geschichte, nicht mehr eingeklemmt "wie ein Boot zwischen zwei Eisbergen" (Toynbee). Es war "begraben" im Sowjet-Imperium (Churchill).
Der "paradoxe Sachverhalt" war "besiegelt", urteilt Historiker Roos, daß "Polen im Ergebnis eines allgemeinen Krieges, dessen Anlaß die Erhaltung seiner nationalen Identität gewesen war, einer Teilung seines Territoriums ... sowie einem Regime unterworfen wurde, das die Mehrheit der Polen ablehnte".
Churchill, der sich gewünscht hatte, Polen müsse "Herr im eigenen Haus", "Herr über seine eigene Seele" sein, blieb da nur noch das Eingeständnis: "Staub und Asche sind alles, was heute von der nationalen Freiheit Polens übrig ist."
Ende
S.136
Sobald ich am Konferenztisch Platz genommen hatte, begann ich
Churchill mit seinem Britentum, mit John Bull, mit seinen Zigarren
und mit seinen Gewohnheiten zu hänseln. Das kam bei Stalin an.
Winston wurde rot und machte ein finsteres Gesicht, und je mehr er
so reagierte, desto mehr lächelte Stalin. Schließlich brach Stalin
aus tiefstem Herzen in schallendes Gelächter aus, und das erstemal
nach drei Tagen sah ich Licht.
*
S.139
Ich blickte von Churchill zu Harriman, bat sie im stillen, sie
möchten die Angelegenheit als unwahr hinstellen. Harriman schwieg.
Churchill blickte mir voll ins Gesicht. "Ich bestätige es", sagte er
ruhig. Dann wurde Churchill ärgerlich, wandte sich zu mir und
verlangte von mir meine augenblickliche Zustimmung.
Er erinnerte mich an Großbritanniens Hilfe für Polen. Ich drückte
ihm meinen Dank aus, beharrte jedoch darauf, daß es nicht in meiner
Macht liege, einer solchen Teilung meines Landes zuzustimmen ... Er
fuhr fort: "Aber Sie können doch wenigstens Ihre Zustimmung zur
Curzon-Linie als De-facto-Grenze geben und auf der Friedenskonferenz
um eine Änderung ersuchen."
Bevor ich jedoch antworten konnte, erhob sich Stalin indigniert.
"Ich möchte dies restlos klarstellen", sagte er, "Mister Churchills
Gedanke an irgendeine Veränderung dieser Grenze ist für die
Sowjetregierung nicht annehmbar. Wir denken nicht daran, unsere
Grenze von Zeit zu Zeit neu festzusetzen]"
*
S.132 Mit (obere Reihe) dem sowjetischen Außenminister Molotow (2. v. l.), US-Botschafter Harriman (3. v. l.), Churchill-Tochter Sarah, dem britischen Außenminister Eden (r.). * S.133 Mit Molotow, Sowjet-Generalstabschef Schaposchnikoff, Botschaftssekretär Perlow, dem deutschen Außerminister von Ribbentrop (M.), Stalin und Stalins Dolmetscher Pawlow in Moskau. * S.136 Mit dem Rücken zur Kamera. * S.138 1941 bei einer britischen Panzer-Demonstration in England. * S.144 Oben: Bei der Abnahme einer sowjetischen Ehrenformation auf dem Flugplatz. * Unten: Mit (obere Reihe) US-Admiral Leahy, Briten-Außenminister Bevin, Truman-Berater Byrnes, Molotow. * S.148 Auf Hitlers Stuhl vor dem zerbombten "Führerbunker", nach seiner Abwahl in England. *

DER SPIEGEL 52/1980
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