24.08.1981

DDRRoter Stachel

Weil ihnen das SED-Regime nicht stramm genug ist, gründeten Stalin-Anhänger eine Widerstandsgruppe. Ost-Berlin verhaftete jetzt mehrere Oppositionelle.
Die Aufforderung ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Wer den Kanal voll hat von den Ungerechtigkeiten und Mißständen in diesem Staat", verlangte kategorisch der "Rote Morgen", soll "die Wahrheit über diesen Staat und den Gedanken des Widerstandes unter den Werktätigen verbreiten".
Praktische Tips lieferte das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands -- Marxisten, Leninisten (KPD) gleich mit. Illegale Handzettel und Flugblätter, so der Rat, ließen sich schon mit einfachen Mitteln herstellen. Ein Kinderdruckkasten beispielsweise genüge fürs erste, und mit Farbsprühdosen könne man leicht Losungen an Wände sprayen.
Fürsorglich mahnten die Instrukteure, bei der Herstellung von Flugblättern "natürlich Spuren (Fingerabdrücke)" zu vermeiden und "bei der Verbreitung (zum Beispiel in Hausbriefkästen) vorsichtig" zu sein.
Der Aufruf zum Protest galt nicht dem Klassenfeind im Westen, sondern den feindlichen Genossen in der DDR. Anfang Juni fanden mehrere hundert Ost-Bürger den "Roten Morgen --Ausgabe der Sektion DDR", eingetütet in neutrale Kuverts in ihren Briefkästen.
Daß solch "illegale Agitation nicht ohne Wirkung ist", dafür gebe es Beweise, meldete der in Dortmund gedruckte und nach drüben geschmuggelte "Rote Morgen" stolz: Gerade in letzter Zeit nämlich hätten "die Herrschenden verstärkte Anstrengungen unternommen, um zu verhindern, daß Flugblätter und Zeitungen unserer Partei die Bevölkerung erreichen". Näheres teilten die KPDler nicht mit, wohl um potentielle Gefolgsleute nicht zu verschrecken.
Seit 1976 sind die kommunistischen Sektierer, die nach Erkenntnis des Verfassungsschutzes in der Bundesrepublik rund 500 Mitglieder haben, im anderen Deutschland aktiv. Rote Zellen agitieren seither -- nach eigenen Angaben -- nicht nur in Ost-Berlin gegen die "Verräter am Sozialismus" und gegen die "Sowjet-Imperialisten" von der SED, sondern auch in der DDR-Provinz: im Industriekombinat Schwarze Pumpe südlich von Cottbus ebenso wie in Magdeburg, Rostock und Leipzig.
Anders als bürgerliche Opponenten oder Dissidenten aus der Sozialistischen Einheitspartei kämpft das Fähnlein der KPD jedoch nicht für mehr Freiheit oder Demokratie im SED-Staat, sondern für die "Diktatur des Proletariats". Den Anhängern Stalins und des Albaners Enver Hodscha sind die ostdeutschen Regenten nicht stramm genug.
Die Staatsschützer Erich Honeckers nahmen die Chaoten aus dem Westen bislang nicht ganz für voll: Erwischte Kuriere aus der Bundesrepublik schob das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der Regel nach kurzer Haft wieder über die Grenze.
Doch seit es beim polnischen Nachbarn gärt, haben die Ost-Berliner Machthaber ihre Meinung offenbar geändert: Acht bis zehn Genossen, so ein westlicher KPD-Funktionär, wurden in den letzten Monaten verhaftet. Gegen sie ermittelt die Ost-Berliner Staatsanwaltschaft wegen staatsfeindlicher Hetze -- ein Delikt, das mit bis zu acht Jahren Gefängnis geahndet wird.
Zwei der geschnappten Kommunisten müssen noch mit einigen Jahren mehr rechnen: Der Diplom-Mathematiker Andreas Bortfeldt, 28, und sein Genosse Manfred Wilhelm, 30, Betriebsschlosser beim SED-Zentralorgan "Neues Deutschland", gehören nach Überzeugung des Ministeriums für Staatssicherheit zur Führung der illegalen KPD-Filiale im Osten.
Während Bortfeldt bereits seit Monaten wußte, daß der Stasi ihn observierte, war Wilhelm ahnungslos, bis ihn die MfS-Fahnder am 19. März verhafteten.
In seiner Berliner Wohnung in der Edisonstraße 54 wurden die Staatsschützer fündig: Sie entdeckten eine vollgepackte Materialtasche, erst wenige Tage zuvor von West nach Ost eingeschmuggelt, und fertige Manuskripte für die Aprilausgabe des "Roten Morgen". Die Verteidigung Wilhelms hat der Ost-Berliner Staranwalt Wolfgang Vogel übernommen, ein Spezialist für heikle politische Fälle.
Für die KPD-Ost war die Verhaftung von Bortfeldt und Wilhelm der bisher härteste, aber nicht der erste Schlag.
Die Märzaktion sei, werten die Genossen im Westen das Vorgehen der Sicherheitsbehörde, die bisher "gezielteste" S.38 Maßnahme gegen die kommunistische Gruppierung gewesen.
Schon im Oktober 1980 war ein KPDler in Ost-Berlin beim Kleben eines selbstgefertigten Plakates erwischt worden. Text: "Freie Gewerkschaften in Polen. Wann werden wir zum Schlag ausholen?"
Das Reizwort Polen benutzen die Untergrund-Agitatoren seit letzten Sommer besonders häufig, um für sich und ihre Ideen Reklame zu machen. "Die Erringung des Streikrechtes", lobte etwa "Der rote Stachel -- Sammelflugblatt der KPD Sektion DDR" in seiner Januarausgabe, sei "ein großartiger Erfolg".
Bis zur Polenkrise hatte sich die KPD auf hektographierten Handzetteln darauf konzentriert, den "Bonzen" und der "Honecker-Clique" Ausbeutung der Werktätigen nach kapitalistischer Manier vorzuwerfen. So forderten die "Genossen der KPD" in einem Appell an die "Arbeiter Berlins", Format DIN A 4: "Schluß mit dem Pomp und dem Aufwand der Bonzen, die sich ja so gern als Vertreter des 'Realen Sozialismus' bezeichnen! Schluß mit der Arbeitshetze und der Vergeudung von Geld und Werten, die doch nach dem Gesetz Eigentum des Volkes sind!"
Den Hinweis, wo der Kommunismus wirklich zu Hause ist, lieferte das Flugblatt gleich mit: detaillierte Angaben, wann und wo die Kumpels in Ost-Berlin auf Kurzwelle "Radio Tirana, den einzigen wahrhaft sozialistischen Sender" empfangen können. Der KPD-Tip: "Hört Radio Tirana."
Daß die KPDler den Ostdeutschen ausgerechnet ein Land, in dem es weder Meinungs- noch Religionsfreiheit gibt, als Alternative zum eigenen Regime anpreisen, begründet "Der Rote Stachel" ganz schlicht: Weil in Albanien "nicht Bonzen und Karrieristen regieren, sondern ehrliche Kommunisten", seien dort, anders als in Polen und der DDR, freie Gewerkschaften und Streikrecht entbehrlich.
Solche Kritik am SED-Regime "aus kommunistischer Sicht" (KPD-Broschüre) finden die DDR-Bürger mal in ihren Briefkästen, mal hinter Werksmauern.
Ob die Botschaften nach der gemischten Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin bei den DDR-Bürgern allerdings viel Anklang finden, bezweifeln selbst die Autoren.
Zwar hätten, beteuert die KPD-West, in den letzten Jahren immerhin schon etwa 300 Ostdeutsche mit ihr Kontakt aufgenommen. Darunter seien leider aber auch einige, die mit Kommunismus gar nichts mehr im Sinn hätten.
Das sei überhaupt, beklagt ein KPD-Mann, das Problem in Ost wie in West: "Kommunismus ist zur Zeit nicht mehr in."

DER SPIEGEL 35/1981
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