24.08.1981

„Ich fühle mich wie ausgeschüttetes Wasser“

Wie amerikanische Missionare den deutschen Spendenmarkt abgrasen Dubiose Finanztricks, schludrige Verwendung von Spenden und Kontakte zur CIA werfen ehemalige Mitstreiter einem amerikanischen Verein von Missionaren vor, der Hungernden in der Dritten Welt und verfolgten Christen im Ostblock hilft. Auch in der Bundesrepublik sacken die Gottesmänner viele Millionen Mark Almosen ein.
Zehntausend äthiopische Flüchtlinge und mehr teilen sich die Notzelte des Camp Horseed, im Grenz-Gebiet 400 Kilometer nordwestlich der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Zwei Ärzte, vier Krankenschwestern kämpfen einen aussichtslosen Kampf gegen Hunger und Darminfektionen, Lungenentzündung und Tuberkulose.
Gleich neben dem Lager verrottet, im Herbst 1980, eine mobile Notklinik im Wüstensand: Labor und Klima-Anlage sind nicht geliefert, die Räder abmontiert worden. Das 120 000 Mark teure Gefährt dient als Lagerraum.
Bezahlt haben das Stück Schrott fromme Christen in Europa und USA, die ihre Gaben dem kalifornischen multinationalen Spendenkonzern "Evangelism Center International" (ECI) in Los Angeles anvertrauen. Dessen Hilfswerk "International Christian Aid" (ICA) rühmt sich, auf Beschluß der Uno und der somalischen Regierung für das Lager verantwortlich zu sein.
Deutsche Spender sind mit Millionen-Summen dabei. In Bad Nauheim unterhalten die amerikanischen Evangelisten eine Filiale: das "Deutsche Missionszentrum" mit dem "Internationalen Hilfsfonds". Allein zum Somalia-Programm der US-Helfer trug der Fonds, nach einer Bilanz seines Ex-Direktors Heinrich Floreck, 1980 rund acht Millionen Mark bei.
Trotzdem mußte die von den christlichen Brüdern engagierte Krankenschwester Helga Meyer, so berichtet sie über ihre Arbeit im Camp von September bis Dezember vorigen Jahres, in einem Nachbarlager um Milchpulver betteln. Derweil mietete die ICA-Zentrale in der Hauptstadt "einen Palast mit elf Zimmern" (Meyer).
In Mogadischu, beobachtet Krankenschwester Iris Sammann im Herbst 1980, "stapeln sich die Medikamente". Eine "28 000-Mark-Lieferung des Antibiotikums Erythromycin vergammelt teilweise in der Sonne". Dafür werden die Flüchtlinge im Camp mit unbrauchbarer Medizin traktiert. Frau Sammann: "Wir haben kistenweise Medikamente bekommen, die schon 1967 verfallen waren." Helga Meyer: "Es war ein totales Chaos."
Zur selben Zeit -- das Christfest steht bevor, und da sitzen nach aller Erfahrung geübter Geldsammler die Scheine besonders locker -- haben sich die Hilfsfonds-Manager in Deutschland etwas Neues einfallen lassen, um mit den Almosen der adventfrohen Christengemeinde die Moslems in Somalia zu beglücken: Sie schicken Weihnachtspakete. Spenden-Appell: "Sie können Menschenleben retten und Tausenden Kindern eine Weihnachtsfreude machen."
Die "Geschenke des Himmels" (Aufruf) werden per Charterflug nach Mogadischu und von dort mit Lastwagen ins Camp Horseed gekarrt.
Die rechte Weihnachtsfreude will sich bei den Flüchtlingen aber nicht einstellen: Anstatt der erhofften Lebensmittel, Decken und Medikamente pulen sie aus den Paketen Kekse, blaue T-Shirts mit dem Aufdruck "ICA", Buntstifte und Kaugummi. Die Krankenschwester Kerstin Kämpfer muß, so erzählt Iris Sammann, vor den aufgebrachten Lagerbewohnern fliehen und sich verbarrikadieren.
Schuld an dem Chaos im Camp trägt nicht nur der "Internationale Hilfsfonds", der, vom Finanzamt Bad Homburg unter der Steuernummer 0325051595 als gemeinnützig anerkannt, für seine Millionen keine Abgaben zu zahlen braucht.
Die westdeutschen Almosen-Eintreiber werben zwar mit dem Versprechen: "Alle Spenden werden gewissenhaft verwaltet und unverzüglich an die Notleidenden weitergeleitet." Doch was mit dem Spendengeld geschieht, bestimmen nicht sie, sondern die Finanzgewaltigen des amerikanischen Mutterkonzerns ECI. Von Los Angeles aus steuert ECI-Präsident Reverend Joe Bass, 45, Filialen in elf Ländern.
Voriges Jahr hat "Evangelism Center International" gutgläubigen Christen in aller Welt 26 783 021 Dollar (1980 rund 49 Millionen Mark) aus der Tasche S.45 gezogen, nach Angaben des deutschen Ex-Direktors Floreck 21 160 365 Mark allein in Deutschland.
Die fleißigen Sammler nutzen eine Lücke: Während die offiziellen kirchlichen Hilfswerke "Brot für die Welt" (1980: 63 Millionen Mark) und "Misereor" (112 Millionen Mark) Protestanten und Kaholiken in Landeskirchen und Bistümern zur Kollekte bitten, klappern die privaten Hilfsfonds-Leute für ihre US-Zentrale freikirchliche Gemeinden ab.
Das große Geld freilich sprudelt erst seit kurzem in die Kassen der cleveren Kalifornier. Mit bescheidenem Budget hatte ECI 1960 begonnen, Bibeln und Traktate in den Ostblock zu schmuggeln. Doch dann, vor zweieinhalb Jahren, entdeckten die Untergrund-Evangelisten den Hunger in der Welt. Mit einem Schlag regnete es Millionen -- und Vorwürfe.
Ehemalige Mitstreiter aus Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik beschuldigen den Konzern der Missionare öffentlich, er verwende die Spenden nicht ordentlich, verschiebe hohe Summen durch die ganze Welt, verbreite gefälschte Berichte über seine Arbeit und stecke mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA unter einer Decke. Floreck: "Hier geht es nur um das blanke Geschäft."
Der hausinterne Streit hat auch den eigentlichen Geschäftszweig des US-Konzerns, die christliche Unterwanderung des Ostens, ins Gerede gebracht.
Die Operationszentrale der Bibelschmuggler versteckt sich in München als "Vision Verlag-GmbH", ein als gemeinnützig anerkanntes Unternehmen. Dort koordiniert der US-Bürger Virgil Dale Smith, Deckname "Don Stillwell", Paketaktionen, religiöse Radiosendungen und Schmuggelfahrten in kommunistische Länder. 1980 warf "Evangelism Center International" für Ostarbeit acht Millionen Dollar aus.
Allein voriges Jahr, so Smith, habe ECI 878 161 Stück christliche Literatur und fast 100 000 Tonbandkassetten hinter den Eisernen Vorhang geschafft. Smith: "Wir haben 700 bis 800 Beschäftigte auf der ganzen Welt."
Spezialfahrzeuge für den Bibeltransport wurden in Schweizer und österreichischen Werkstätten präpariert. Die meisten Wagen gingen von einer zweiten Basis, einer monitorüberwachten Villa in Mödling bei Wien, auf die gefährliche Reise gen Osten: Wohnwagen, Toyotas, Fords, Chevrolets, Peugeots, Volkswagen mit amerikanischen und deutschen, Schweizer und österreichischen Nummernschildern.
Unter dem Decknamen "Gruppe Konrad" leitete der holländische Evangelist Cornelius Gerhardus van Olst, der inzwischen im Streit mit der ECI-Zentrale liegt, bis Ende 1980 von Mödling aus die geheimen Ost-Operationen, ECI-Residenten in Portugal ("Gruppe Charly") und Schweden ("Gruppe Piet") halfen mit.
Um den frommen Ostlandfahrern das rechte Rüstzeug für ihren riskanten Job mitzugeben, beorderte sie Smith regelmäßig zu Trainingskursen. Dabei wurde nicht nur gebetet. Van Olst: "Mehr oder weniger artete das in eine Geheimdienstausbildung aus."
Die Spenden für den Evangeliums-Export wie für die Hungerhilfe treibt in der Bundesrepublik das "Deutsche Missionszentrum" bei, das sich bis Mai noch "Christliche Ostmission" nannte.
Werbewirksam schenkte der antikommunistische Verein den christlichen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, Ernst Albrecht und Lothar Späth 10 000-Mark-Schecks für vietnamesische Flüchtlinge. Den Spendenaufrufen verschafften der CSU-Bundestagsabgeordnete Hans Graf Huyn und sein CDU-Kollege Wilfried Böhm S.47 Gewicht. CDU-MdB Dietrich Bahner gab dem US-Konzernboß voriges Jahr gar auf einer Inspektionsreise durch Uganda das Geleit.
Solch seriösen Anstrich kann das "Deutsche Missionszentrum" gut gebrauchen. Der eingetragene Verein hat derzeit in der Bundesrepublik nur vier Mitglieder, und deutsch ist er schon gar nicht: Drei der vier Missionare sind US-Bürger, einer kommt aus Südafrika, und alle zusammen dienen sie dem amerikanischen Spenden-Multi ECI als Berufsfunktionäre.
Dessen starkes deutsches Standbein droht nun einzuknicken. Ein halbes Dutzend Mitarbeiter hat das "Missionszentrum" verlassen. Seinem Hilfsfonds-Direktor Heinrich Floreck, vormals Industriekaufmann und fünf Jahre lang im Sold der Organisation, schlug das christliche Gewissen. Floreck: "Man hat mich hintergangen und meine christliche Gutgläubigkeit ausgenutzt. Ich fühle mich wie ausgeschüttetes Wasser."
Und auch dem katholischen Grafen Huyn scheinen die Aktivitäten der christlichen Freischärler nicht mehr geheuer. Er hat sich inzwischen jede Reklame mit seinem Namen verbeten. Huyn: "Das schien mir alles sehr anrüchig zu sein."
Anfang des Jahres fürchtete Geschäftsmann Floreck, der Verein könne wegen steuerschädlicher Verwendung der Gelder seine Gemeinnützigkeit verlieren und er, als Direktor, werde für zehn Millionen Mark Steuernachzahlung haftbar gemacht. Sein Anwalt riet ihm, zu kündigen.
Nun beschuldigt der Ex-Manager den "Internationalen Hilfsfonds", das "Deutsche Missionszentrum" und ECI:
* Spenden für Flüchtlinge in der Dritten Welt seien "nur zu einem geringen Teil für Hilfsmaßnahmen verwendet worden". Lediglich etwa zehn Prozent der acht Millionen Mark, die in Deutschland für Somalia gesammelt wurden, seien 1980 dort auch angekommen. Für Uganda seien voriges Jahr sieben Millionen Mark gespendet, aber nur 130 000 Mark für einen Charterflug mit Hilfsgütern ausgegeben worden.
* Auf Anordnung der US-Zentrale seien von Spendengeldern "mehrere hunderttausend Mark für Verwaltungskosten anderer Missionen" vom Frankfurter Sammelkonto der ECI bezahlt worden.
* Die Organisation habe sich selbst "fingierte Rechnungen" ausgestellt.
* Die US-Zentrale habe voriges Jahr beschlossen, ein "Speckpolster" von 50 bis 100 Millionen Dollar anzusparen, anstatt die Spendengelder unverzüglich für Hilfsaktionen auszugeben.
* Es bestehe keine wirksame Kontrolle über die Finanzen des ECI und des "Deutschen Missionszentrums".
Den christlichen Brüdern jenseits des Atlantiks haben auch die ECI-Partnerorganisationen in Österreich und der Schweiz die Gefolgschaft aufgekündigt.
Der Züricher Pfarrer Hansjürg Stückelberger, Präsident der "Christlichen Ostmission" in der Schweiz: "Wir haben festgestellt, es werden unkorrekte Informationen weitergegeben. Wir haben eigentlich unsere schweizerischen Spender in grobem Umfange angelogen."
Und Bibelschmuggler Cornelius Gerhardus van Olst, Chef der österreichischen "Europa-Mission", klagt nach acht Jahren Zusammenarbeit mit der US-Zentrale die Spenden-Spezialisten an: "Wenn ich zusammenrechne, was gemacht worden ist mit den Geldern, dann muß ich feststellen, da fehlt immer noch ein Haufen Millionen."
Wo die geblieben sind, können weder Floreck noch Stückelberger und van Olst beantworten. Keiner der drei Abtrünnigen überblickte das komplizierte Netz von Finanzkanälen, in denen das ECI seine Millionen quer durch die ganze Welt verschiebt.
So müssen die ECI-Partnervereine in Deutschland, Schweden, Holland, Frankreich, Großbritannien und Südafrika ihre Spendeneinnahmen auf das Pool-Konto Nummer 0917856 bei der Deutschen Bank in Frankfurt einzahlen. Die Filialen in Australien, Neuseeland, Kanada und die US-Muttergesellschaft füllen ein zweites Sammelkonto in Los Angeles auf.
Aus dem kalifornischen Topf zahlt ECI seine Arbeit für Asien und Kuba. Deutsche Spenden, die für Fernost bestimmt sind, werden vom Frankfurter Konto nach Los Angeles umgebucht (1980: 535 708,13 Mark) und damit erst einmal der Kontrolle des "Deutschen Missionszentrums" entzogen.
Aber auch der Frankfurter Pool, von dem Projekte in Afrika und der Bibelschmuggel nach Osten finanziert werden, steht unter der Fuchtel der Amerikaner, obwohl dort Millionen Mark deutsche Spenden eingehen.
Von den vier Zeichnungsberechtigten gehören nur zwei dem Vorstand des "Deutschen Missionszentrums" an: die Amerikaner Joe Bass, ECI-Boss, und Virgil Dale Smith, ECI-Ostdirektor.
Der einzige Deutsche im dreiköpfigen Missionsvorstand, der Baptisten-Pfarrer Herbert Syre, ist nicht einmal Mitglied seines eigenen Vereins und hat zu dem Frankfurter Spendenkonto keinen Zugang -- die Deutschen sammeln, die Amerikaner sahnen ab. Smith räumt ein: "Es ist so kompliziert, es ist eine große Organisation."
Vieles ist nicht nur verwirrend. So schickte der "Internationale Hilfsfonds" S.49 am 15. August 1979 der britischen Partnerorganisation in der Grafschaft Warwickshire eine Rechnung: Darin verlangen die Deutschen von den Engländern 20 000 Pfund (damals 82 240 Mark) -- für "Leistungen" bei der Flüchtlingsarbeit in Thailand und Portugal.
Beate Orendi, die als Buchhalterin des Vereins die Geldforderung unterzeichnete, heute: "Eine fingierte Rechnung." Ex-Direktor Floreck, der nach eigenen Angaben erst nachträglich von der Überweisung erfuhr, glaubt, den Trick durchschaut zu haben: "Das war Devisenbetrug" -- um englische Pfund ins Ausland zu transferieren. Floreck heute: "Unsere Tätigkeit entsprach nicht den in Rechnung gestellten Kosten."
Kontoristin Orendi, die der Organisation ebenfalls "aus Gewissensgründen" den Rücken gekehrt hat, entdeckte noch andere Finanz-Tricks: Monatlich glich der Frankfurter Spenden-Pool "Verwaltungskosten" für die Partnerorganisationen in Neuseeland, Südafrika, Holland und Frankreich aus -- Zehntausende von Mark.
Außerdem bedienten sich die US-Konzernherren aus dem Frankfurter Spendentopf: Unter der Konto-Bezeichnung "113-0100 Loan USA" genehmigten sie sich ein Darlehen von insgesamt 680 000 Mark. Floreck vermutet: "Die Amerikaner standen vor der Pleite."
Die Treue und wohl auch die Verschwiegenheit ihrer Spendensammler in aller Welt honorierten die kalifornischen Finanziers mit großzügigen Sonderzuwendungen. Nationale Manager erhielten einen Teil der Almosen, die sie zuvor für Ostarbeit und Flüchtlingshilfe zusammengekratzt hatten, als persönlichen Bonus wieder zurück. Ost-Direktor Smith: "Das ist eine amerikanische Art, solche Dinge zu regeln."
So unterzeichnete Floreck am 21. März 1980 mit ECI-Chef Bass einen lukrativen Vertrag: "ECI würdigt die herausragende Rolle, die Herr Floreck beim Aufbringen der Spenden für ICA spielt. In Anerkennung dessen wird ECI Herrn Floreck ein halbes Prozent der Brutto-Einnahmen bezahlen, die COM-Deutschland (Christliche Ostmission -- d. Red.) für ICA erzielt."
Um die schweren Vorwürfe von Buchhaltern und Bibelschmugglern, Pastoren und Direktoren zu entkräften und den Spendenfluß nicht versiegen zu lassen, veröffentlichte das "Deutsche Missionszentrum" im Juli eine 71 Seiten starke Dokumentation.
Mitverfasser ist ein ausgebuffter Experte, der für die Brüder in Christo über die Tricks des Trusts wacht: der Frankfurter Rechtsanwalt Otto Graf Praschma, der von Dezember 1979 bis November vorigen Jahres in U-Haft saß (SPIEGEL 51/1979).
Vor der 9. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt wird sich der Advokat, der beim Oberlandesgericht Frankfurt als Anwalt zugelassen ist, demnächst verantworten müssen: Staatsanwalt Karsten Koch wirft ihm in der Anklageschrift Mittäterschaft bei fortgesetztem Betrug in besonders schweren Fällen vor. Praschma soll, zusammen mit anderen, deutsche Spekulanten im Warentermingeschäft um 5,8 Millionen Mark geprellt haben.
Praschmas pragmatisches Prinzip, wie die Missionare die Almosen verwalten sollen: "Wir haben auf die Leute eingehämmert seit Jahren, ihr müßt euren Betrieb aufziehen wie ein Großunternehmen, wenn ihr es verantwortlich leiten wollt."
Der Konzern-Anwalt ist sicher, daß sich die Firma nichts vorzuwerfen hat: "Das Deutsche Missionszentrum ist nicht besser und nicht schlechter als vergleichbare Großorganisationen." Und Ost-Experte Smith echot: "Wir sind sicher, daß alles völlig legal ist."
Um die Fassade aufzupolieren, haben die Kalifornier seit Herbst vorigen Jahres, als der Zwist mit einigen europäischen Filialleitern ausbrach, reichlich Kosmetik verwendet:
* Das System, fleißige Spendensammler mit einem anteiligen Bonus aus der amerikanischen Almosenkasse zu belohnen, wurde, behauptet Smith, Ende 1980 "in der ganzen Welt völlig aufgegeben".
* Buchprüfer, reklamieren die Missionare, hätten festgestellt, alle Somalia-Spenden seien dort auch eingesetzt worden.
* ECI habe die Etats aufgestockt, allein in Uganda bereits mehrere Millionen Mark ausgegeben und für 1981 noch einmal zehn Millionen Mark in einem Fünfjahresprogramm eingeplant.
Evangelist van Olst, der voriges Jahr vorübergehend auch die ICA-Projekte in Ostafrika leitete, mokiert sich über die neuen Pläne: "Die Kinder, die damals gestorben sind, als Joe Bass auf dem Geldbeutel saß, die werden in vier Jahren auch nicht mehr lebendig."
Um sich glaubhaft zu rechtfertigen, mußten die Bass-Brüder in ihrer Verteidigungsschrift auch Einblick in ihre Finanz-Praktiken geben.
Aus dem Frankfurter Spenden-Pool würden, so bestätigen sie, "nur buchungstechnisch" Verwaltungskosten für kleinere Missionen ausgeglichen. Anwalt Praschma: "Da werden deutsche allgemeine Gelder umdeklariert und gelten nun dort in den Büchern nicht mehr als Verwaltungsausgaben."
Das erlaube es einer Partner-Organisation, so zu tun, als habe sie keine Spesen und könne die Spenden zu hundert Prozent einsetzen. Praschma: "Nennen Sie es Trick, wie Sie wollen, aber es ist ein legaler Trick."
Wirtschaftsprüfer, in Frankfurt die "Unitreu", Finanzämter und Anfang des Jahres gar deutsche Steuerfahnder hätten, so ECI-Funktionär Virgil Dale Smith, nichts beanstandet.
Doch die Revisoren haben ein Handikap: Wie bei anderen Multis auch können sie nur Teilbereiche des internationalen Finanzgeflechts untersuchen. Ein "Unitreu"-Kontrolleur: "Die Verwendung der Gelder wird mit geprüft, soweit das von uns aus in Deutschland möglich ist."
Der Konzern kontrolliert sich ohnehin lieber selbst. Das besorgt sein "Internationales Komitee", das über die Verwendung aller Spenden wacht, kommen sie nun aus Südafrika oder S.50 Schweden, Holland oder Deutschland. Mitbestimmen, was mit ihren Almosen geschieht, können die ECI-Filialleiter kaum.
Den dauernden Vorsitz des Gremiums führt nämlich, so die ECI-Statuten von 1979, Konzernchef Joe Bass selbst, er hat ein entscheidendes Stimmrecht in allen Angelegenheiten ("a casting vote in all matters").
Nationale Manager, die ihm in die Quere kommen, darf Bass kaltstellen. Die ECI-Satzung: "Sollte sich eine Situation ergeben, die aus der Sicht des Vorsitzenden die wirksame Arbeit der Mission oder ihren guten Namen gefährdet, dann übernimmt der Vorsitzende vorübergend die Kontrolle und die Leitung einer nationalen Mission oder einer Abteilung, um die Lage zu bereinigen."
Der Chef des "Deutschen Missionszentrums" käme ohnehin nicht auf den Gedanken, sich bei Bass über falschen Einsatz der deutschen Spenden zu beschweren: Der Vorsitzende des Bad Nauheimer Vereins heißt, laut Vereinsregister, Joe Bass. Auch dort herrscht er unumschränkt: Im Vorstand, so die Satzung, "kann ein Beschluß nicht gegen ein ausdrückliches Votum des Vorstandsvorsitzenden gefaßt werden".
Dem Verwaltungsrat des Vereins, der die deutschen Haushaltspläne aufstellt, sitzt ebenfalls Joe Bass vor. Und der Beirat, der die Bücher einsehen darf und den Vorstand entlastet, hat sich faktisch aufgelöst: Fünf der sechs Beiräte sind ausgeschieden. Floreck: "Das Gefährliche daran ist, daß Bass glaubt, es gehöre alles ihm."
Der Amerikaner läßt die Abtrünnigen nun mit rüden Methoden verfolgen. Floreck und seinem Schweizer Glaubensbruder Stückelberger wurden Prozesse angedroht, in Wien soll Evangelist van Olst vom Kadi gezwungen werden, laut Klageschrift vom Mai dieses Jahres, Inventar und Außenstände im Gesamtwert von 7 079 662,93 Schilling (fast eine Million Mark) herauszurücken. Van Olst: "Wir werden bedroht. Ich erhalte anonyme Anrufe und Drohbriefe."
In der Bundesrepublik beschuldigen die ECI-Funktionäre ihren einst hochgelobten Ex-Direktor Floreck, er habe sich "nicht autorisiert" aus der Missionskasse bedient -- mit 86 305,80 Mark. Die hat der Gottesmann, als seinen Jahresbonus für 1980, bis zur Klärung der Vorwürfe auf einem Treuhandkonto deponiert und will sie dann weiterspenden.
Die Ost-Apostel werfen ihren Ex-Managern außerdem vor, sie hätten eine "Verschwörung" angezettelt, um Bass zu entmachten. Floreck: "Die wollen mich kaputtmachen nach CIA-Methoden."
Die, so vermutet er, kennt zumindest ein ECI-Funktionär aus dem Effeff: der Herr über die Ostlandfahrer, Bibelschmuggler und Radiostationen, Virgil Dale Smith.
Der Radio-Evangelist Nicolai Nicolajew, der das Missionszentrum ebenfalls verlassen hat, erinnert sich an ein Gespräch mit dem US-Bürger im Dezember 1980. Dabei habe Smith, in weinseliger Laune, auf die Frage geantwortet, ob er einmal CIA-Offizier war: "Ja. Bis heute sogar."
Nicolajew fiel außerdem auf, daß Smith "immer ein Tonbandgerät in der Tasche gehabt" habe. Außerdem sei er von dem Partisanen Gottes aufgefordert worden, Radiosendungen in ukrainischer Sprache auszustrahlen. Smiths Begründung, so der Ex-Evangelist: Ebenso wie bei den Polen könne auch bei den Ukrainern ein nationales Gefühl geweckt werden, "um dort ein zweites Polen zu machen".
Auch van Olst ist inzwischen "der festen Überzeugung, daß es Verbindungen zur CIA gibt". Smith habe ihm gegenüber zugegeben, er besitze "da sehr viele Freunde". Der Amerikaner habe "manches Mal versucht", die Kanäle der Wiener Operationsbasis in den Ostblock "in den Griff zu bekommen" und ständig "mehr Informationen, mehr Informationen" von zurückgekehrten Bibelschmugglern verlangt.
Smith weist solchen Verdacht weit von sich. Der ECI-Funktionär, der seit achteinhalb Jahren in Deutschland lebt, nachdem er als Rundfunkjournalist in Fernost, Los Angeles und Mexiko gearbeitet hatte: "Ich war nie Mitglied einer Regierungsorganisation, außer der US-Navy während des Korea-Krieges."
Die wahren Urheber der Kampagne gegen sich und seinen Boss Joe Bass hat der Ost-Missionar auch schon geortet. Die "Taktik der Desinformation", so Smith, sei schon "eines der wirksamsten Instrumente Lenins" gewesen.

DER SPIEGEL 35/1981
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