24.08.1981

ALKOHOLTrimm, Brüderchen, trimm

Die Deutschen trinken mehr als einst - und können offenbar auch mehr vertragen.
Der 19jährige kreuzte in seinem VW-Cabrio die Essener Alfredstraße bei Rot. Wenig später war er tot, zwei heranfahrende Wagen waren schrottreif, die Insassen schwer verletzt. Ein Fahrer nur hatte rechtzeitig bremsen können. Die Polizisten notierten ihn als Zeugen und wurden stutzig -- eine Blutprobe bei dem Davongekommenen ergab später 2,7 Promille.
Nebelbänke lagen über der A 45 zwischen Dortmund und Kassel, als zwölf Wagen in einen liegengebliebenen Lkw rasten. Der dreizehnte Fahrer aber schlich mit 20 Stundenkilometern in die Nebelbank hinein, kurvte im Slalom um die Unfallwagen und verschwand. Eine halbe Stunde später stellte die Polizei den Mann -- 2,4 Promille.
In der Bonner Innenstadt erschien einer Autofahrerin das Weiterfahren zu riskant. Mitten auf einer belebten Kreuzung blieb sie stehen und paßte. Als Gerichtsmediziner später die Blutprobe auswerteten, staunten sie nicht schlecht -- über 4,2 Promille.
Hochgradig Alkoholisierte, die sich im Verkehr verhältnismäßig umsichtig bewegen -- was selbst Fachleute immer häufiger verwundert, ist Gegenstand einer noch unveröffentlichten Untersuchung des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bonn, wo jährlich 7000 bis 8000 Blutproben auf ihren Alkoholgehalt getestet werden. S.51 Kernstück der Arbeit, die auf Anregung des Institutsleiters und Alkoholforschers Professor Ulrich Heifer zustande kam, ist ein Vergleich zwischen zwei Trinkergruppen von je 1500 Personen aus den Jahren 1967/68 und 1975/76. Fazit:
* Während der Alkoholkonsum der Bundesbürger insgesamt seit 1972 stagniert, steigt der Prozentsatz der Leute mit Blutalkoholkonzentrationen von zwei Promille aufwärts kontinuierlich -- von 1960 bis 1973 um 11 auf 31 Prozent, von 1973 bis heute fast noch einmal um die gleiche Zahl von Prozentpunkten;
* gerade die starken Trinker trinken noch mehr als früher; die Gruppe derer, die öfter mal 2,5 bis 3,49 Promille auftankt, war 1975/76 um acht Prozent größer als in den Jahren 1967/68;
* stark Alkoholisierte bestanden die ärztliche Prüfung der sogenannten Grobleistungen -- simples Reagieren in gewohnten Situationen -weit besser als die Vergleichsgruppe zehn Jahre zuvor.
Daß Übung im Trinken Alkohol verträglicher macht, galt bereits um die Jahrhundertwende unter Alkoholforschern als ausgemacht. Der Mediziner Rudolf Neumann vertrat damals gar die These, der Organismus lerne allmählich, den Alkohol als Nahrungsstoff zu verwerten.
Immerhin hielt der Gerichtsmediziner Herbert Elbel 1956 als gesicherte Erkenntnis fest, daß regelmäßiger Alkoholkonsum "für die psychische Wirkung" einen "unbestreitbaren Gewöhnungseffekt" habe -- allerdings "nur in bezug auf gewohnte, einfache Leistungen".
Die in den sechziger und siebziger Jahren durch den wachsenden Straßenverkehr rapide gestiegene Zahl der Blutproben half, solche Erkenntnisse genauer zu sichten. So stießen Forscher, wie die "5. Internationale Konferenz über Alkohol und Verkehrssicherheit" 1969 resümierte, auf "eine verminderte Alkoholtoleranz bei jungen Personen sowie bei Menschen jenseits des 50. bis 60. Lebensjahres".
Das Mittelalter dagegen erwies sich als topfit. Schon 1975 fand der deutsche Alkoholforscher Arno Müller heraus: "Das folgenlose Trunkenheitsdelikt dominiert in der Altersklasse 28 bis 50 Jahre."
Psychologen der University of Washington in Seattle demonstrierten folgenlose Trunkenheit jüngst erst an Ratten, die von ihnen immer wieder beschwipst über ein Laufband gejagt und bei Torkeln mit milden Elektroschocks korrigiert wurden. Versuchsergebnis: Selbst stark alkoholisierte Ratten reagieren so sicher wie nüchterne, wenn sie beides, Saufen und Laufen, nur genügend geübt hatten.
Wie weit solche Erkenntnisse auf Menschen übertragbar sind, hat das Bonner Rechtsmedizinische Institut nun so detailliert wie nie zuvor untersucht.
Die Testpersonen aus den Jahren 1975/76 waren, wenn Grobleistungen gemessen wurden, regelmäßig standfester als die Trinkgefährten aus den Jahren 1967/68. Bei der Prüfung der Sprachsicherheit hielten sie sich um 3,8 Punkte, bei der Prüfung der Drehsicherheit um 4,9 Punkte besser.
Die guten Zensuren für die geübten Trinker beunruhigen nicht nur Theoretiker wie den Bonner Institutschef Heifer (siehe Interview Seite 51), sondern auch Praktiker, die befürchten, Saufkumpane könnten einander künftig unter Hinweis auf den Trainingseffekt zum Weitertrinken animieren -- so nach dem Motto: Trimm, Brüderchen, trimm.
Verwirrung gibt es ohnehin schon genug. So mußte der "Bund gegen Alkohol im Straßenverkehr" letzte Woche eine "erhebliche Unkenntnis" über die rechtliche Bewertung des Alkoholgehalts im Blut feststellen: Daß auch Meßwerte von weniger als 0,8 Promille bei Anzeichen von Fahruntüchtigkeit strafrechtliche Folgen haben können, wissen nur 47,6 Prozent der Autofahrer.
Das Ergebnis von Heifers Bonner Untersuchung nennt der Kölner Schutzpolizeidirektor Hubert Grulich "eine dolle Geschichte". Doch: "Hoffentlich zieht da niemand oberflächlich Schlüsse draus."
Zwar weiß Grulich aus den Erfahrungen mit alkoholisierten Autofahrern in der Millionenstadt, "daß sich die Leute heute mit weit höheren Promillewerten als früher in den Verkehr begeben". Es sei nicht mehr ungewöhnlich, "daß jemand mit vier Promille am Steuer sitzt".
Aber vom fahrtüchtigeren Alkoholiker will Grulich nichts wissen. Wie unauffällig oder umsichtig alkoholisierte Fahrer im Verkehr sein können -"darüber etwas zu sagen, würde ich mich hüten".

DER SPIEGEL 35/1981
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