24.08.1981

„Die Feinleistung geht im Suff kaputt“

SPIEGEL-Interview mit dem Alkoholforscher Ulrich Heifer
SPIEGEL: Herr Professor Heifer, wie kommt es, daß sich mehr Leute als früher mit hohem Blutalkoholgehalt im Verkehr relativ unauffällig bewegen? Macht Übung den Meister?
HEIFER: In gewissem Sinne ja. Die größere Alkoholverträglichkeit beruht auf der Fähigkeit der Nervenzellen, sich bis zu einem bestimmten Grad an ein solches narkotisch wirkendes Gift anzupassen. Der ständig wiederholte Alkoholkonsum führt dann dazu, daß sich auch stark Alkoholisierte verhältnismäßig geordnet zu verhalten vermögen.
SPIEGEL: Wer eine Straftat im Rausch begeht, bleibt also auch eher schuldfähig?
HEIFER: Natürlich. Ich habe erst kürzlich in einem Vergewaltigungsprozeß vor dem Kölner Landgericht als Gutachter auf diesen Umstand hingewiesen. Es muß nicht einer schon deshalb S.54 schuldunfähig sein, weil er drei Promille im Blut hatte.
SPIEGEL: Müßte demnach, wer von der Polizei bei einer Verkehrskontrolle mit drei Promille im Blut geschnappt wird, nicht unter Umständen den Führerschein behalten dürfen? Er könnte ja trotz seiner drei Promille fähig sein, ein Auto zu führen -- aufgrund der Übung, die er im Trinken hat.
HEIFER: Das eben ist ein Irrtum. Zwar können aufgrund der Gewöhnung die Grobreaktionen wie Bewußtseinshelligkeit, Gangsicherheit und Sprechsicherheit bei hohen Blutalkoholkonzentrationen einigermaßen normal sein. Aber die Fahrtüchtigkeit wird nicht an der Grobleistung, sondern an der Feinleistung eines Menschen gemessen, also zum Beispiel daran, ob einer in unvorhergesehenen Situationen noch schnell kombinieren und präzise reagieren kann.
SPIEGEL: Besteht da nicht ein Widerspruch? Einerseits bescheinigen Sie einem stark alkoholisierten Gewaltverbrecher unter Umständen Feinreaktionen im sittlich-moralischen Bereich. Im Straßenverkehr aber sprechen Sie ihm diese Reaktionsfähigkeit ab.
HEIFER: Dazwischen liegen doch Welten. Die sittlichen Fähigkeiten funktionieren viel automatischer als der Tritt aufs Bremspedal, weil sie tiefer im Menschen verankert sind.
SPIEGEL: Ein erheblicher Prozentsatz der Gewaltverbrechen geschieht unter Alkoholeinfluß.
HEIFER: Aber in welcher Bevölkerungsschicht? Der Alkohol kann einen Menschen, wenn er nicht gerade asozial aufgewachsen ist, nicht so leicht vergessen machen, daß man einen anderen Menschen nicht töten darf. Aber der Alkohol läßt einen leicht vergessen, daß man in einer kritischen Verkehrssituation schnell auf die Bremse gehen muß. Und diese psychomotorische Feinleistung kann ein alkoholisierter Autofahrer nicht mehr bringen. Die Feinleistung ist immer das erste, was im Suff kaputtgeht.
SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
HEIFER: Das sagt die gesamte einschlägige Literatur seit den zwanziger Jahren. Man weiß aus Untersuchungen an Bierkutschern und Busfahrern, daß diese Leute selbst bei hoher Gewöhnung an Alkohol und Verkehr die notwendige Feinleistung nicht brachten. Hinzu kommt, daß die Anforderungen an den Verkehrsteilnehmer durch die größere Verkehrsdichte und die schnelleren Fahrzeuge gestiegen sind.
SPIEGEL: Wer 0,8 Promille und mehr Alkohol im Blut hat, begeht laut Gesetz auch dann eine Ordnungswidrigkeit, wenn er keine Fahrfehler macht. Wer 1,3 Promille und mehr hat, gilt vor dem Gesetz als absolut fahruntüchtig. Könnten Ihre Untersuchungen nicht die Grenzwerte von 0,8 und 1,3 Promille ins Wanken bringen?
HEIFER: Nein. Schon bei der Festlegung der 1,3 Promille als Grenze zur absoluten Fahruntüchtigkeit waren trinkgewohnte und versierte Autofahrer der Maßstab. Für die meisten Menschen sind schon die 1,3 Promille eine viel zu großzügig gesteckte Grenze. Es gibt gar keinen Zweifel, daß über 50 Prozent der Kraftfahrer bei 0,8 Promille längst konkret fahruntüchtig sind. Amerikanische und deutsche Unfallstatistiken belegen, daß die Wahrscheinlichkeit, mit 0,8 Promille einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang zu verursachen, um 400 Prozent größer ist als bei einem nüchternen Fahrer.
SPIEGEL: Der "Bund gegen Alkohol im Straßenverkehr" plädiert für eine Herabsetzung der Grenze, die die absolute Fahruntüchtigkeit markiert: nicht 1,3 und nicht 0,8 Promille, sondern 0,6.
HEIFER: Wir haben bei Untersuchungen festgestellt, daß Autofahrer bereits bei 0,2 bis 0,3 Promille die ersten Ausfälle zeigen. Optimal wäre eine Grenze unter 0,5 Promille. Leider läßt sich das bei uns politisch nicht durchsetzen. Und selbst wenn es politisch durchsetzbar wäre: Angesichts der lückenhaften Kontrollpraxis der Polizei bliebe eine so niedrige Untergrenze wirkungslos und daher zweifelhaft.
SPIEGEL: Manchem Richter in der Bundesrepublik scheinen die 0,8 und 1,3 Promille eher zu kleinlich bemessen. Bei "langjährig bewährten Kraftfahrern", die einen Alkoholwert von mehr als 1,3 Promille haben, sehen sie schon mal vom Entzug der Fahrerlaubnis ab.
HEIFER: Das kommt doch nur extrem selten vor, etwa, wenn einer über zwanzigjährige Fahrpraxis und große Fahrleistung im Jahr hat und zudem erstmals erwischt wird. Und selbst der wird dann schuldig gesprochen und erhält eine Strafe. Vom Entzug der Fahrerlaubnis würde ein Gericht nur dann absehen, wenn durch den Entzug die Existenz des Betreffenden gefährdet würde.
SPIEGEL: Immerhin hatte von den 631 Personen, die 1979 wegen fahrlässiger Tötung in Trunkenheit verurteilt worden sind, mehr als ein Drittel den Führerschein nach spätestens sechs Monaten wieder. Erkennen Gerichte damit nicht indirekt an, daß die 1,3-Promille-Grenze für manchen Autofahrer zu niedrig angesetzt sein kann?
HEIFER: Natürlich liegt in den Promille-Grenzen eine gewisse Abstraktheit. Aber andererseits können wir nicht jeden Bürger auf seine individuelle Grenze zwischen 0,2 und 1,3 Promille untersuchen. Da bringen Sie ja die gesamte Rechtsprechung aus dem Gleis.
SPIEGEL: Ihre Antworten klingen so vorsichtig, als wollten Sie die Ergebnisse Ihrer Untersuchung am liebsten gar nicht publiziert wissen.
HEIFER: Zur Vorsicht besteht genug Grund. Ich möchte vermeiden, daß trinkfreudige Autofahrer hier falsche Schlüsse ziehen. Und keiner zieht hier lieber falsche Schlüsse als ein trinkfreudiger Autofahrer.

DER SPIEGEL 35/1981
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