31.05.1982

20 Jahre derselbe Beat

Diedrich Diederichsen über die überschätzten Rolling Stones Autor Diederichsen, 24, ist Redakteur der Hamburger Musikzeitschrift „Sounds“.
Eigentlich gäbe es keinen Grund, den Rolling Stones böse zu sein, wenn jedermann sie als das nähme, was sie sind: eine 60er-Band der oberen Mittelklasse, die beim Marsch durch die Institutionen ihre Tugenden verloren hat, ihren verinnerlichten Rhythm & Blues nicht mehr loswird und ihren treu zu ihren Füßen gealterten Fans bestätigt, daß die Welt immer noch so ist, wie sie sich das vorstellen: Everybody needs somebody to love, aber you can't always get what you want, daher fehlt es dir an satisfaction, doch schließlich you get what you need.
Doch die Stones werden ernst genommen. Der an sie geknüpfte Rock'n'-Roll-Mythos spukt anachronistisch in Millionen Köpfen und sorgt erfolgreich dafür, daß Pop-Musik nicht so ist, wie sie sein könnte, sondern meist langsam, flau und verschlafen. Die Rolling Stones stehen für Eindimensionalität im Bewußtsein von Rock-Konsumenten, für reaktionäre, chronische und verfestigte Ideen und Klischees von "echten Menschen", "wahren Bedürfnissen" und "ehrlicher Empörung".
Das Künstliche, Übertriebene, Spielerische, Hyperaktuelle, verwirrend Schnelle - also alles, was durch Pop-Musik herrschende Übereinkünfte erschüttert - ist den Stones unendlich fern. Sie sind ein Bestandteil dieser Übereinkünfte und sorgen mit dafür, daß freie Geister und verändertes Bewußtsein niedergegrölt werden.
Ihr Mythos gibt vor, daß sie sich als ehrliche Häute mit harter Handwerksarbeit an die Spitze gearbeitet hätten. Ihre Drogenskandale tun diesem Bild keinen Abbruch; sie sind ein voll integrierter Bestandteil ihres Mythos, so wie eine gewisse Trinkfestigkeit eben auch zum gesunden "Menschbleiben" der sozialen Aufsteiger-Ideologie gehört. Der "Mensch" oder das "Menschliche" wird denn auch nur zu gern angerufen, wenn es darum geht, die Stones zu verteidigen.
Mit wackelnden, oft gesenkten Köpfen, einer müden In-mir-steckt-ein-Tier-Sex-Show, dumpfen Gitarren-Riffs oder quengelnden Soli wird den beruhigten Individuen der Medien-Simulacra-Epoche tröstend versichert, daß die Burschen da vorne es wirklich fühlen, wirklich den Blues hätten und wirklich die Weiber vernaschen, wie ihnen der Schwanz gewachsen ist.
Und gerade weil die "wirkliche" Lebensführung der Stones, wie sie von den Medien verbreitet wird, ihrer politischen Glaubwürdigkeit, die jedem 68er ans Herz gewachsen ist, widerspricht, hat man sie erst recht an die Brust gedrückt. Sex, Drogen, Jet-Set, Steuerflucht. Und dennoch haben sie den Blues wie wir alle. Sind eben auch nur Menschen mit ihren großen und kleinen Fehlern. Außerdem, mal ehrlich, wer könnte denn schon allen Ernstes den Verlockungen des Reichtums widerstehen. Da hat der linke Spießer Verständnis. Das Rock-Business sei ja bekanntlich auch ein hartes.
Dabei waren die Stones nicht immer konservativ. In den 60ern konnte Jagger noch überzeugend die überdreht-schrillen Pop-Zynismen und Rebellen-Attitüden verkörpern, für die er so berühmt ist. Obwohl die Stones nur eine von vielen britischen R&B-Bands waren, hatten doch zumindest ihre Singles ein gewisses Etwas, eine signifikante Abweichung vom Standard.
Jagger konnte sein Maul sehr gut sehr weit aufreißen, und er konnte ätzend, witzig und skandalös sein. Heute sind gerade diese Talente zu einer unerträglichen Bauernschläue degeneriert. Keith Richards war ein guter Melodienfinder, heute ist er einer dieser wandelnden Outlaw-Klischees, die der Cowboy-Mentalität der Rock'n'Roll-Ideologie so lieb sind.
Brian Jones hatte dagegen Talent und als einziger auch Stilgefühl und konnte durch die ihm folgenden Gitarrensklaven Mick Taylor und Ron Wood nicht ersetzt werden.
Bill Wyman und Charlie Watts sind zwei grundanständige lads. Watts trommelt auch in seiner Freizeit in einer Blues-Session-Kapelle. 20 Jahre derselbe Beat. Da fängt irgendwann der Hospitalismus an. Wyman nutzt die großen Pausen für kleine Disco-Schlager. Eine nette, saubere Tätigkeit. Sein "Si, si, je suis un rockstar" ist witziger als die meisten Stones-Produkte der letzten zehn Jahre.
Aber zwischen 1965 und 1969 waren sie gut. Als Kind mochte ich sie weniger, weil sie so offensichtlich alle Ideen der Beatles, der wahren ersten weißen Pop-Band, klauten. Aber später legte ich so langweilige Ideen wie die vom geistigen Eigentum ab. Gerade wenn sie die Beatles beklauten, waren sie am besten.
Der drogentriefende Hippie-Kitsch, den sie mit ihrem schrillen, treffenden Album "Their Satanic Majesties Request" verbreiteten, gehört zu den eindrucksvollsten, schönsten und zersetzendsten Pop-Operetten. "She's A Rainbow", das euphorisch von Sex und bunten Kleidern schwärmt, ist mit seinen süßlichen Klassik-Piano-Zitaten das wohl beste Stones-Stück überhaupt, ein überzuckerter, pinkfarbener Plastik-Erdbeer-Milkshake.
Auch die Satanismen des Albums "Beggars Banquet" hatten Stil, und von dem unerträglich folgenschweren "Street Fighting Man" einmal abgesehen, gelang ihnen sogar guter Polit-Pop, etwa das Laßt-uns-auf-die-Arbeiterklasse-anstoßen-Sauflied "Salt Of The Earth".
Obwohl Brian Jones nie selber einen Song für die Stones geschrieben hat, muß er doch für Qualität, Witz und Sarkasmus verantwortlich gewesen sein. Er hatte auch die Sound-Ideen, die für den Unterschied sorgten, auf den es ankommt. Sein auf der Marimba getupftes Intro zu "Out Of Time" ist eine glitzernde Perle auf dem ohnehin sehr gelungenen "Aftermath"-Album. Jedenfalls wurden Jagger/Richards nach seinem Tod zu den redundanten Langweilern, die sie bis heute geblieben sind. Von vier, fünf Songs abgesehen, blieb ihre einzige Fähigkeit die Beherrschung eines kleinen Arsenals von Rolling-Stones-Erkennungszeichen, an denen der kadavergehorsame Stones-Fan (Stones-Fans sind eine noch schlimmere Spezies als die vielgescholtenen Dylanologen) merkt, daß die Stones die Stones sind. Stones-Rezensionen sind denn auch meistens nichts anderes als tautologische Beteuerungen, daß die Stones wieder, oder noch, wie die Stones klingen.
Am besten sind die Stones in Godards Film "One Plus One", und lustig ist es auch, wenn Mick Jagger in dem sonst brachial-bedeutungsschwangeren Kinostück "Performance" im Schlafzimmer Borges zitiert.
Ein Wort noch an die, die in diesem Text das Produkt eines Generationskonflikts vermuten. Es gibt keine Prä-Stones-, Stones- und Post-Stones-Generation. Es gibt nur und wird immer geben: Beatles-Fans, die die Weisheit mit Löffeln gegessen haben, und Stones-Fans, denen eh nicht zu helfen ist.

DER SPIEGEL 22/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

20 Jahre derselbe Beat