24.08.1981

ARBEITNEHMERGut zufrieden

Eine kleine Glashütte im Nordhessischen, einst umstrittenes Symbol für die Beteiligung der Werktätigen an Produktionskapital, gedeiht prächtig.
In Immenhausen, einer beschaulichen Kleinstadt nördlich Kassels, schien das westdeutsche Wirtschaftsgefüge zu wanken: Der Deutsche Gewerbeverband vermeldete ein "Modell lupenreiner sozialistischer Machtergreifung".
Die Katastrophe hatten 250 Glasbläser eines mittelständischen Unternehmens S.60 ausgelöst. Weil ihr Chef die Firma zielsicher an den Rand des Ruins geführt hatte, waren die Werktätigen eingesprungen: Die Glashütte Süssmuth GmbH gehörte nach dem Verzicht des Inhabers den Arbeitnehmern.
Jetzt, gut zehn Jahre später, scheint es, als sei am Sozialismus doch was dran. Noch immerhin knapp 200 Immenhausener fertigen schmucke Kelche und Vasen, Leuchten und neuerdings exquisite Keramik. Auch die Finanzen stimmen. Der Umsatz stieg im letzten Jahr um runde zehn Prozent auf über 11 Millionen Mark, und mit dem Gewinn ist Arnulf Geißler, der die Geschäfte führt, "gut zufrieden".
Doch die Idylle täuscht darüber hinweg, wie schwer es den Immenhausener Pionieren fiel, sich in den verschlungenen Pfaden des Wirtschaftslebens zurechtzufinden.
Zwar machten sich die Werktätigen anfangs wie besessen daran, den überalterten Betrieb in Schwung zu bringen. Nach Feierabend wurde ein neuer Glasofen gebaut. Um die Schulden zu verringern, beschloß die Belegschaft, die Rückstellungen für die Alterssicherung der Pensionäre in die Firma zu stecken. Schließlich verzichteten die Arbeitnehmer sogar auf ein Weihnachtsgeld, das ihnen laut Tarif zustand.
Doch mit Opfersinn allein war den Schwierigkeiten nicht beizukommen. Zunächst verfingen sich die neuen Besitzer im Gestrüpp der Paragraphen.
Da nicht alle Arbeitnehmer als Gesellschafter auftreten konnten, griffen die Immenhausener zu einer Organisationsform, die den meisten vom Kegeln und Fußball vertraut war: Sie gründeten einen Verein. Nach der schönen Idee sollte der zehnköpfige Vereinsvorstand die Geschäftsführer anheuern und notfalls wieder abberufen.
Die Rechtsgelehrten im zuständigen Amtsgericht legten sich jedoch quer. Ein Verein, so hieß es, müsse ideelle Zwecke verfolgen; das Anliegen der Glasbläser hingegen sei vom schnöden Mammon bestimmt.
Die Süssmuth-Beschäftigten ebneten den feinen Unterschied überaus diskret ein: Sie kümmerten sich gar nicht drum. Sechs Jahre lang arbeitete der Zehner-Rat für einen Verein, den es gar nicht gab. "Wir haben Schwein gehabt", erinnert ein Glasbläser, "daß wir nichts mit dem Kadi hatten."
Eine glückliche Fügung schaffte den Jung-Unternehmern auch die drückendste Sorge vom Hals: Für die dringend benötigten Kredite fand sich ein Bürge. Die Carl-Backhaus-Stiftung, "die Lebensaufgabe" eines sozial gesonnenen Unternehmers aus dem Hamburg-nahen Ahrensburg, sprang ein. Die Hessische Landesbank und die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, die zunächst nur lobende Worte für das Beteiligungs-Modell gespendet hatten, pumpten eine gute Million Mark.
Mit dem vielen Geld aber, das merkten die bodenständigen Vereinsführer sehr bald, fingen die Sorgen erst richtig an. Die Banken nämlich nutzten die Notlage aus und quetschten dem unerfahrenen Kunden horrende Zinsen ab; die ohnehin labile Unternehmung schien endgültig zu scheitern.
Mit dem Rücken zur Wand hatte die Süssmuth-Belegschaft noch einmal Glück: Sie fand einen tüchtigen Manager. Mitte der siebziger Jahre wählten die noch verbliebenen 170 Arbeitnehmer den 33jährigen Arnulf Geißler, einen Mitarbeiter der Backhaus-Stiftung, zu ihrem Geschäftsführer.
Bald schon zeigte der neue Mann den staunenden Kleinstädtern im Nordhessischen, wie man es im westdeutschen Wirtschaftsleben zu etwas bringt. Um den verschreckten Fachhandel für die Produkte aus der "roten Hütte" wieder gewogen zu machen, verkündete Geißler: "Wir verkaufen keine Weltanschauung, sondern Glas."
Alsdann beendete Geißler die rechtswidrige Vereinsmeierei: Fortan gehörte die Glashütte einer gemeinnützigen Stiftung der Süssmuth-Beschäftigten. 1978 schließlich half der emsige Manager den Glasmachern auch aus der Finanzklemme: Ein Partner, die Bochumer Neuguß Verwaltungs-GmbH, kaufte den Arbeitern die Hälfte ihres Betriebes ab und brachte damit "richtiges Geld", wie ein Süssmuth-Beschäftigter erinnert, in das Unternehmen.
Die neuen Kompagnons aus Bochum paßten gut in das Beteiligungs-Modell. Der fränkische Industrielle Georg Ludwig Rexroth hatte seine Maschinenfirma an Mannesmann verkauft und den Erlös dazu bestimmt, in sozialambitionierten Projekten Gutes zu tun. Gefördert durch den neuen Arbeitgeber, gelang es den Süssmuthern unter Geißlers Führung und unabhängig von würgenden Kreditzinsen, die Glashütte wieder in Schwung zu bringen.
Durch stramme Rationalisierung wurden die Personalkosten drastisch gedrückt. Statt 1500 verschiedene Artikel verkauft das Unternehmen inzwischen nur noch 400 Produkte, ein Computer überwacht die Lagerhaltung.
Überdies verpaßte Geißler dem Modell-Betrieb ein neues Image. "Das laute Getöse der Sozialromantiker" nämlich, hatte der gelernte Kaufmann erkannt, störte nur den Gang der Geschäfte. Statt dessen stilisierte der Geschäftsführer die Hütte zu einem Hort deutscher Handwerkskunst um. Historische Gläser wie der Fridericus-Pokal oder Napoleons Sherry-Kelch werden in kleiner Stückzahl nachgeblasen und mit gravierten Nummern für mehrere tausend Mark verkauft.
Der Image-Wandel macht sich gut. Jahr für Jahr pilgern über 100 000 Touristen durch die kleine Fabrik und erleben, so Geißler, die "besondere Atmosphäre von Handwerk, Glas und Kunst".
Außergewöhnlich pfleglich gehen auch die Süssmuth-Beschäftigten mit ihrer Firma um. Den Gewinn, den die Hütte neuerdings abwirft, lassen sie sich von der Buchhaltung vorzeigen -um ihn dann in der Firma zu belassen.
So kommt es, daß die Immenhausener heute über ein eigenes Kapital von gut 2,8 Millionen Mark gebieten. Kredite brauchen sie kaum noch. Jetzt "kann schon mal", sagt Geißler, "ein Stürmchen kommen".

DER SPIEGEL 35/1981
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