19.10.1981

UMWELTBlei im Blut

Eine Bleihütte am Mittelrhein, die Obst und Gemüse in der Umgebung verseucht, wird weiter ausgebaut.
Obst- und Gemüse-Gärten in Braubach am Rhein standen in voller Pracht, als das Gesundheitsamt Lahnstein den Eignern riet, die Ernte samt und sonders auf den Mist zu werfen. Zumindest der Salat, aber auch Kohl, Lauch, Stein- und Beerenobst, so der Behörden-Tip, seien so stark von Blei verseucht, daß der Verzehr nicht verantwortet werden könne.
Frische Luft ist in der "Wein- und Rosenstadt Braubach am romantischen Mittelrhein", wie die Fremdenverkehrswerbung die Gegend gerne hätte, rar geworden. "Wohnungsfenster", warnte 1980 ein Flugblatt des Gesundheitsamtes, "sollen möglichst geschlossen gehalten und nur kurze Zeit zum Lüften geöffnet werden."
Selbst das Weintrinken ist nicht mehr unbeschwert, seit das Chemische Untersuchungsamt Koblenz letzthin 2000 Liter aus heimischer Fertigung aus dem Verkehr zog. "Zu hohe Bleirückstände" im Rebensaft (Grenzwert: 0,3 Milligramm pro Liter), so ließ die Landesregierung in Mainz verlauten, seien der Grund gewesen.
Braubach (3800 Einwohner) beherbergt von jeher eine Blei- und Silberhütte der Metallgesellschaft, die - ähnlich wie Fabriken in Nordenham, Stolberg und Goslar - die Umwelt mit Schwermetallen in Form von Schwebestaub und Niederschlägen verseucht. Nach Boden- und Pflanzenuntersuchungen, die eine private "Arbeitsgemeinschaft Umweltanalytik" kürzlich veröffentlichte, ist das Rheinstädtchen "der am stärksten mit Blei belastete Ort in der Bundesrepublik".
Auch der Mainzer CDU-Umweltminister Rudi Geil räumt ein, daß die Bleistaubmengen in Braubach die gesetzlich zugelassenen Werte "drastisch bis dramatisch" übersteigen. Doch die Hütte zu schließen, wie eine "Interessengemeinschaft der Bleigeschädigten Braubach" fordert, hält er nicht für erforderlich.
Geil hat vielmehr der Errichtung einer neuen Firmenanlage zugestimmt, die Akkumulatorenschrott aufbereiten soll. "Mit dieser Investition", so Geil, werde es möglich, die Emissionen von Blei aus der Fabrik "um fünfzig Prozent zu reduzieren".
Das bewertet die Bürgerinitiative allerdings als Verharmlosung. Denn obwohl durch Einbau neuer Filteranlagen die Emissionen von 27 Tonnen (im Jahre 1976) auf weniger als die Hälfte, nämlich 12,7 Tonnen gedrosselt werden konnten, waren viele Bürger alarmiert, als das Gesundheitsamt 1980 weit überhöhte Bleiwerte im Blut von 23 Schulkindern entdeckte.
Die Gruppe wurde für einige Wochen "zum Auslüften" in ein Heim auf Sylt geschickt. Besorgte Eltern konnten derweil über eine Düsseldorfer Hochschul-Untersuchung lesen, Bleibelastung in früher Kindheit könne "zu Verhaltensstörungen, Intelligenzminderung und Lernleistungsstörungen führen".
Als der TÜV Rheinland im Frühjahr eine gründliche Analyse der Braubacher Umwelt vornahm, waren die Meßwerte bedenklich wie eh. Zwar wurde nur an zwei von acht Meßstellen, beide in unmittelbarer Nähe des Werkes, mehr Schwebestaub registriert, als der Grenzwert in der geplanten neuen "Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft" (TA Luft) zuläßt (zwei Mikrogramm pro Kubikmeter Luft).
Die Norm aber, die die neue TA Luft mit einem Grenzwert von 0,5 Milligramm pro Kubikmeter und Tag für Bleistaubniederschlag festlegt, wurde in 18 von 21 Meßstellen überschritten. Geils Staatssekretär Klaus Töpfer räumt ein: "In einem Fall war es sogar das Fünfzigfache des zulässigen Wertes."
Geil und Töpfer weigern sich freilich, die Ursache der Verseuchung in dem heutigen, reduzierten Blei-Ausstoß der Fabrik zu sehen. Sie sprechen vielmehr von einer "Altlast durch jahrhundertelange Bergbau- und Hüttentradition". Schließlich gebe es da "Aufwirbelungen an einem Lagerplatz" und "diffuse Emissionen".
Wie immer das Blei in die Erde gekommen sein mag - Diplom-Chemiker der Universität Heidelberg, die von der Braubacher Interessengemeinschaft (IG) alarmiert worden waren, stellten im Boden von Kleingärten noch weitaus höhere Werte als TÜV und Umweltminister fest: 9000 Milligramm Blei pro Kilogramm Erde (Richtwert: 100 Milligramm) zum Beispiel oder im Gemüse bis zu 90 (Richtwert: 1,2) Milligramm. Klaus Vogt, Sprecher der Braubacher IG, fand, es sei "ein Skandal, daß bei so niederschmetternden Ergebnissen keine Sofortmaßnahmen der Behörden beginnen".
Vogt und seine Mit-Interessenten fordern, alle Gartenböden in der Umgebung der Hütte müßten abgetragen und ausgetauscht werden: "Mindestens zehn Quadratkilometer sind verseucht." Daß das Gift nur von früher her noch im Boden lagern soll, wie Geil meint, und nicht täglich aufs neue aus den Hütten-Schloten herniederrieselt, mag die Bürgerinitiative nicht akzeptieren. Woher kommt es denn, fragt Vogt, "daß zwei Drittel des an Pflanzen festgestellten Bleis abwaschbar waren"?
Als Umweltminister Geil im September gefragt wurde, ob das Werk bei derlei Erkenntnissen die Genehmigung zum weiteren Ausbau erhalten könne, bekannte er noch: "Wir müßten formal mit 'nein' antworten." Jetzt hat er einen Weg gefunden, doch "ja" zu sagen.
Weil 200 Arbeitsplätze gefährdet sind, fand der CDU-Politiker in seinem Wahlkreis einen Kompromiß. Geil machte den Bürgern eine einfache Rechnung auf: Mit den besseren Filtern der neuen Anlage werde der Ausstoß an Bleistaub von gut zwölf auf fünf oder sechs Tonnen verringert. Das sei eine "zentrale Verbesserung", wenn auch die Bodenbelastung "wegen der Hypotheken früherer Zeiten" bleibe.
Geils salomonische Lösung heißt: 200 Jobs statt Kohl aus dem eigenen Garten. Eine der 25 Auflagen des Umweltministers besagt, der Anbau bestimmter Gemüsesorten in Braubach müsse fürderhin "ausgeschlossen werden".

DER SPIEGEL 43/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UMWELT:
Blei im Blut

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter