15.06.1981

ROLLS-ROYCEHoher Verschleiß

Ein Mülheimer Architekt hatte nur Ärger mit seinem Rolls-Royce - er ging vor Gericht.
Auf den ersten 30 Kilometern rollte der neue Wagen wie im Prospekt beschrieben -- lautlos und seidenweich. Der Rolls-Royce Silver Shadow II schien seine 155 397 Mark und sechzig Pfennig wert.
Doch dann wurde es lauter. Hinter dem Armaturenbrett aus seltenem Walnußholz begann es zu "rasseln und zu knistern", wie sich der Mülheimer Architekt Ralf Slominsky schaudernd erinnert.
Lautlos fuhr der Silver Shadow, bei dem ja angeblich nur das Ticken der Uhr zu hören ist, seitdem nie mehr. Und schon bald mußte sich der Architekt auch über sichtbare Mängel an seinem Auto ärgern: Felgen und Kotflügel zeigten Roststellen, von den Stoßstangen blätterte der Chrom, aus Motor und Getriebe tropfte Öl. Das verklebte Vinyldach löste sich an den Kanten.
Die Mängel an Slominskys teurem Riesenspielzeug sind inzwischen aktenkundig. "Im Bereich ab 130 Stundenkilometer" stellte Ingenieur Herbert Busch bei Tachostand 12 302 "Vibrationen im Fahrzeug" fest.
Busch ist amtlicher Sachverständiger. Sein Bericht über die Testfahrt mit dem Rolls ist jetzt für Slominsky ein wichtiges Beweisstück: Deutsche Richter müssen sich mit den Mängeln der renommierten englischen Limousine befassen. Rolls-Käufer Slominsky möchte sein Geld zurück.
"Ich war einfach zu blöd", gesteht der 37jährige Slominsky, der mit stattlichen Villen und Geschäftshäusern an Rhein und Ruhr sein Geld gemacht hat. Ein schönes Haus und eine Kunstgalerie hatte er schon, da müßte -- so meinte der Jungmillionär -- ein edles Auto das Bild abrunden.
Ein Rolls-Royce war das Richtige: aus feinem englischen Hause und -so dachte Slominsky -- von handwerklicher Vollkommenheit. Er wollte "endlich mal zehn Jahre lang ein und dasselbe Auto ohne Panne fahren".
Und von liegengebliebenen Rolls-Royce ist selten zu hören. Offenbar, argwöhnt der enttäuschte Mülheimer heute, erdulden viele Besitzer eher schweigend Mängel und Pannen, als ihr Statussymbol öffentlich in Verruf zu bringen.
Zudem, so geht die Legende, lasse die Firma keinen verkommen. In England werde ein Pannen-Rolls des Nachts abgeschleppt, auf dem Kontinent helfe ein eilends per Hubschrauber eingeflogener Monteur.
Doch zu Slominsky kam nur der Postbote. Er brachte, vier Wochen nach seiner Reklamation bei Rolls-Royce, einen Brief aus der Zentrale in Crewe (Grafschaft Ceshire). Darin hieß es höflich, für deutsche Kunden sei die europäische Filiale in Lausanne zuständig. Die wiederum schrieb dann später, Slominsky möge sich an seine Lieferfirma in Düsseldorf wenden.
Der Lieferant Auto-Becker aber, der jährlich fünfzig Rolls an seine Kunden von Rhein und Ruhr verkauft, war offenbar nicht in der Lage, die sich häufenden Mängel zu beheben.
Schadhafte Lackstellen, ermittelte Ingenieur Busch in seinem Beweissicherungsgutachten für die Richter, wurden "offenbar mit einem Pinsel" ausgebessert. Die von Slominsky gewünschte Sonderlackierung (grau metallic), aufgetragen von Auto-Becker, taugte nichts.
Ein weiterer Sachverständiger ermittelte schwere Fertigungsmängel: Eine Unwucht aller Reifen sei schon optisch erkennbar und nicht reparabel. Die Karosserie, Radlager und Achsen seien dadurch einem höheren Verschleiß ausgesetzt, die Fahrsicherheit werde beeinträchtigt.
Als die Monteure Auto-Beckers, Europas größtem Gebrauchtwagenhändler, mit den selbstverschuldeten Lackmängeln und den vom Hersteller zu verantwortenden Defekten nicht fertig wurden, war es der Kunde leid. Die vom Verkaufschef Helmut Becker angebotene "kostenlose Nachbesserung im Rahmen der bis zu dreijährigen Werksgarantie von Rolls-Royce" wollte Slominsky nach mehrfachem Werkstattbesuch nicht mehr in Anspruch nehmen; er verlangte den Kaufpreis zurück -- abzüglich eines Nutzungsanteils für gefahrene 12 000 Kilometer.
Doch der Rolls-Royce-Käufer kannte sich offensichtlich nicht im Kleingedruckten seines Auto-Importeurs aus. Becker, der neben Rolls-Royce auch neue Opel, Volvo und Datsun verkauft, verwies auf Paragraph sieben seiner "Allgemeinen Geschäftsbedingungen". Danach verjähren sämtliche Ansprüche des Käufers aus Schlecht- oder Falschlieferung in sechs Monaten seit Übergabe.
Das Düsseldorfer Landgericht kümmerte sich denn auch wenig um die lange Mängelliste. Es wies die Klage ab. Doch Slominsky mag nicht einsehen, daß "ich garantiemäßig schlechter dastehe als jeder Ford-Fahrer".
In der nächsten Instanz will er beweisen, daß ihm das Kleingedruckte überhaupt nicht vorgelegt wurde.

DER SPIEGEL 25/1981
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