24.08.1981

„Dem Libyer das Leben ungemütlich machen“

Am 19. August 1981 nahm Ronald Reagan einen neuen Gegner ins Visier: Libyens Gaddafi, den angeblichen Chefterroristen der Welt. Durch den Abschuß zweier libyscher Kampfflugzeuge über dem Mittelmeer wollte Washington demonstrieren: Es weicht keiner Herausforderung aus, schon gar nicht, wenn der Herausforderer ein orientalischer Kleinstaat-Potentat ist. Doch gerade die Konfrontation mit Gaddafi birgt unkalkulierbare Risiken.
Langsam brummte die amerikanische C-130 "Herkules" über das Mittelmeer. Da schossen plötzlich libysche Kampfflugzeuge aus dem blauen Himmel, feuerten auf die unbewaffnete Transportmaschine und drehten sofort wieder ab. Die Schüsse verfehlten ihr Ziel, die USA protestierten vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. So geschehen im März 1973.
Am Rande des libyschen Luftraums drehte eine mit Elektronik vollgestopfte amerikanische Aufklärungsmaschine des Typs EC-135 ihre Runden. Mit einem Mal waren auch zwei libysche Kampfflugzeuge da. Die Raketen, die sie auf den fliegenden Lauscher abschossen, gingen ins Leere, die US-Regierung ordnete Geleitschutz für künftige EC-135-Einsätze an und verschwieg den Zwischenfall. So geschehen im September 1980.
Schon wenige Tage später war der Horchvogel wieder unterwegs, und wieder näherten sich libysche Kampfflugzeuge. Doch da tauchten auch schon amerikanische Düsenjäger des Typs F-14 "Tomcat" auf. Die Libyer zogen sich zurück, die USA verheimlichten auch diese Begegnung.
Seit vorigen Mittwoch schweigt die Regierung in Washington nicht mehr, begnügt sich auch nicht mit verbalen Protesten. Seit dem 19. August 1981 wird zurückgeschossen.
Es war um 8.20 Uhr am zweiten und letzten Tag eines Großmanövers, das die Amerikaner im südlichen Mittelmeer veranstalteten. 36mal schon waren sich bis dahin amerikanische und libysche Maschinen am Rande des rund 8000 Quadratkilometer großen Übungsgebiets nahe gekommen, und jedesmal hatten die US-Piloten die Libyer abgedrängt.
Mit der 37. Begegnung wurde aus dem Kriegsspiel plötzlich Ernst.
Ein Frühwarnflugzeug der U.S. Navy vom Typ E-2 "Hawkeye" entdeckte, daß zwei libysche Düsenjäger gestartet waren, und informierte die Besatzungen zweier F-14, die -- so die amerikanische Darstellung -- Patrouille flogen.
Die US-Piloten beschlossen, den Libyern entgegenzufliegen. Sie bekamen sie zu Gesicht, als beide Seiten nur noch etwa zwölf Kilometer voneinander S.91 entfernt waren. Nach weiteren sechs Kilometern begannen die Amerikaner, sich langsam hinter die libyschen Maschinen zu manövrieren, die beste Position zum Abfeuern hitzesuchender Raketen, die automatisch den heißen Triebwerksstrahl ansteuern.
Als die Maschinen nur noch drei Kilometer voneinander entfernt waren, erkannten die Amerikaner endgültig, womit sie es zu tun hatten: libysche Jäger des sowjetischen Typs "Suchoi" (Su)-22 -- "gewiß nicht das Beste, was die Sowjets zu bieten haben", wie ein Sprecher der US-Marine später erklärte, und gewiß keine Herausforderung für die hochmoderne F-14.
Sekunden später, so die amerikanische Darstellung weiter, feuerte die vordere libysche Maschine. Doch ihre "Atoll"-Rakete verfehlte ihr Ziel.
Für einen Augenblick stand eine der libyschen Maschinen vor der Sonne, und so lange warteten die Amerikaner noch mit ihrer Antwort: Die Sonnenstrahlen hätten die Rakete ablenken können. Dann aber feuerte jeder der beiden F-14-Piloten eine "Sidewinder"-Rakete ab -- und US-Marineminister John F. Lehman jr. konnte wenig später in Washington triumphieren: "Das zeigt, daß das, was wir einsetzen, auch funktioniert."
Die beiden libyschen Piloten konnten sich mit dem Fallschirm retten; ihre Landsleute auf dem Boden zogen rasch ihre MiG- und Suchoi-Geschwader von den vier küstennahen Militärflugplätzen ab, riefen drei U-Boote in ihren Stützpunkt in Misurata zurück (wo zwei beim Einlaufen kollidierten) und verbreiteten ihre Version des Zwischenfalls: Die beiden Su-22 seien von acht F-14 angegriffen worden, eine amerikanische Maschine sei beim Luftkampf ins Meer gestürzt, die Suche nach dem Piloten hätten die Amerikaner schon nach kurzer Zeit aufgegeben. Daß eigene Maschinen abgeschossen wurden, meldeten die Libyer nicht, sie führten nur einen Tag später die abgeschossenen Piloten der Presse vor.
Was auch immer die richtige Darstellung ist -- und nach den Erfahrungen der Vergangenheit spricht manches für die amerikanische --, der Luftkampf über dem Mittelmeer bedeutet in jedem Falle eine Zäsur: Erstmals seit 1975, als sie vor der Küste Kambodschas die Besatzung der gekaperten "Mayaguez" zu befreien suchten, hatten die Amerikaner wieder Feindberührung, schossen sie wieder auf Soldaten einer anderen Nation.
Und Ronald Reagans Amerika, das die Schmach von Vietnam und die Demütigung der Geiselnahme im Iran noch keineswegs verwunden hat, frohlockte: Der Cowboy Ronald Reagan hatte dem Wüstensohn Gaddafi und damit der ganzen Welt gezeigt, daß er sehr wohl gewillt ist, seinen starken Worten auch Taten folgen zu lassen.
Ob es einer Weltmacht angemessen war, so zu reagieren, blieb dabei ebenso unerörtert wie der allzu schnell und allzu glatt zurückgewiesene Verdacht, Amerika habe den Zwischenfall möglicherweise ganz bewußt selbst provoziert oder doch zumindest billigend in Kauf genommen.
Denn tatsächlich hatten Ronald Reagan und seine Ratgeber schon seit langem auf eine Gelegenheit gewartet, vor Freund und Feind die Muskeln spielen zu lassen. Und längst ist der libysche Oberst Muammar el-Gaddafi für Ronald Reagan das, was Salvador Allende einst für Richard Nixon, was Fidel Castro für John F. Kennedy war: die Nummer eins auf der Feindliste, wenn man denn vom gleichgewichtigen Herrscher im Kreml absieht.
Gewiß, verhaßt war der unberechenbare Libyer auch schon Reagans Vorgänger Jimmy Carter gewesen. Denn schließlich war Gaddafi als einer der wortgewaltigsten Gegner des von Carter ausgehandelten Abkommens von Camp David aufgetreten, mit dem Amerika einen Nahost-Frieden erreicht zu haben glaubte; hatte Gaddafi auf den "Verräter" Sadat, Carters Freund, ein Kopfgeld von einer Million Dollar ausgesetzt und tatenlos zugesehen, als libyscher Mob im Dezember 1979 die US-Botschaft in Tripolis stürmte und niederbrannte.
Gleichwohl behandelte Carter den Araber behutsam -- weil er sich von ihm Vermittlung im iranischen Geiseldrama erhoffte. Nur deshalb gab er die Zwischenfälle über dem Mittelmeer im vorigen September nicht bekannt; nur deshalb untersagte er im vorigen Jahr jegliches US-Manöver in der Großen Syrte, die Gaddafi im Oktober 1973 einseitig zu libyschem Hoheitsgebiet erklärt hatte.
Ronald Reagan aber brauchte solche Rücksichten nicht mehr zu nehmen: Die Geiseln in Teheran waren am Tag seiner Amtseinführung freigelassen worden. Und er wollte solche Rücksichten auch gar nicht nehmen.
Die erste außenpolitische Studie, die er von den zuständigen Ministerien erstellen ließ, galt der Frage, wie dem "Mini-Imperialisten und Helfer des Terrorismus" (so ein hoher Beamter der Reagan-Regierung), eben Gaddafi, zu begegnen sei, dem "altmodischen Stammesfürsten, der sich mit einem Hauch von Mystik umgibt und nicht viel Achtung vor den Grenzen eines anderen Staates hat". Schon wenig später lagen die ersten Pläne vor, in denen aufgezeigt wurde, wie man dem Libyer "das Leben ungemütlich machen" könne -- um das Mindeste zu sagen.
Und im Mai schlug Ronald Reagan zum erstenmal zu: Die 27 in Washington lebenden libyschen Diplomaten wurden aufgefordert, das Land innerhalb von fünf Tagen zu verlassen und die Botschaft zu schließen, ein winziger Schritt nur noch bis zum völligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
Die Libyer, so verkündete Alexander Haigs State Department, hätten sich der Provokation schuldig gemacht, sich schlecht benommen und vor allem den internationalen Terrorismus unterstützt. Das alles stehe "im Widerspruch zum S.92 international akzeptierten Standard diplomatischen Verhaltens".
Tatsächlich war gerade im US-Bundesstaat Colorado ein Exil-Libyer bei einem Attentatsversuch schwer verwundet worden; tatsächlich hatten libysche Killer-Kommandos auch in anderen Ländern zugeschlagen, und beim State Department in Washington meldeten sich immer häufiger libysche Studenten -- etwa 4000 leben in den USA -- und klagten, sie würden von Gaddafi-Beauftragten unter Druck gesetzt. "Der gefährlichste Mann der Welt?" fragte das Nachrichten-Magazin "Newsweek" auf einer Gaddafi-Titelseite.
Der Libyer aber höhnte nach der Ausweisung seiner Diplomaten: "Ich bedaure dieses kindische Verhalten der amerikanischen Regierung, das einer Großmacht nicht angemessen ist. Die Reagan-Regierung ist noch dümmer als der frühere Präsident Carter."
Aber das war erst der Anfang. Getreu dem arabischen Sprichwort "Meines Feindes Feind ist mein Freund" begann die Reagan-Regierung wenig später, die Nachbarn Libyens auf das modernste auf- und auszurüsten.
Für Tunesien etwa ist eine Erhöhung der Militärhilfe von 15 Millionen auf 95 Millionen Dollar, für den Sudan von bislang 30 Millionen auf 100 Millionen eingeplant. Und Ägypten, der wichtigste Widersacher Gaddafis, soll 900 Millionen statt bisher immerhin schon 550 Millionen Dollar erhalten.
Vor dem Geheimdienstausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses war vorigen Monat sogar die Rede davon, der allgegenwärtige CIA habe Attentatspläne gegen Gaddafi ausgearbeitet. Wenig später wurde richtiggestellt, die Pläne seien nicht gegen Gaddafi, sondern gegen Mauretanien -- oder war es Mauritius? -- gerichtet gewesen und würden ohnehin nicht weiter verfolgt. Aber Dementis des CIA gelten als wenig glaubwürdig.
Schließlich forderten auch die Militärs noch ihren Anteil am Feldzug gegen den Staatsfeind Nummer eins.
Amerika, so verlangten sie, müsse endlich wieder Manöver in der Großen Syrte abhalten, weil Gaddafi sonst den Eindruck gewinnen könne, die USA hätten stillschweigend gebilligt, daß Gaddafi die Gewässer südlich einer Breite von 32 Grad 30 Minuten zu libyschem Hoheitsgebiet erklärte.
Eine solche Demonstration der Macht war so recht nach dem Geschmack des Präsidenten. Höchstpersönlich stimmte er den Plänen zu, wiederum -- wie schon achtmal zwischen 1977 und 1979 -- in die "internationalen Gewässer" der Großen Syrte zu dampfen und dort ein "war game" zu veranstalten, wenn auch mit einem gewichtigen Unterschied.
Diesmal würden die Amerikaner nicht tatenlos zusehen, wenn die Libyer keß werden sollten. Rechtzeitig vor dem Manöver wurde der Einsatzleiter nach Washington geflogen und darauf hingewiesen, daß es sehr wohl Zwischenfälle geben könne. Seine Piloten, so die Instruktion durch Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates, dürften nur schießen, um sich selbst zu verteidigen.
Aber schießen durften sie, von Ausweichmanövern wie einst bei Carter war nicht mehr die Rede. Und als "Newsweek" auch noch zu Beginn voriger Woche meldete, Reagan wolle die Libyer mit dem Manöver herausfordern, schien der Konflikt vorprogrammiert.
Nun würde Amerika dem Mann aus der Wüste zeigen, daß man sich nicht ungestraft von den Sowjets als Handlanger einsetzen lassen darf; daß es sich nicht geziemt, in einem Land mit drei Millionen Menschen sowjetische Waffen im Wert von zwölf Milliarden Dollar zu horten; daß seinen Preis zahlen muß, wer damit prahlt oder prahlen läßt, er werde "amerikanische Interessen überall in der Welt" angreifen und die "physische Liquidierung" amerikanischer Bürger, angefangen mit Ronald Reagan, in Angriff nehmen.
Mit einer beispiellosen Hochrüstung, Neutronenwaffe inklusive, auf die aberwitzige Höhe von wahrscheinlich 1,5 Billionen Dollar in fünf Jahren will die Regierung Reagan der großen Sowjet-Union klarmachen, daß sie sich bitte sehr mit dem Rang einer Weltmacht Nummer zwei zufriedenzugeben habe.
Noch mehr Sinn macht es da, einem orientalischen Kleinstaat-Potentaten S.93 darzutun, daß sein arrogantes Gehabe, gegründet auf Öl und den Propheten Mohammed, ganz und gar unangemessen sei, von seinen Kriegsabenteuern gegen afrikanische Nachbarn nicht zu reden.
Eine Demütigung des großsprecherischen Gaddafi würde zugleich Moskaus Bastion in Nahost erschüttern und den Widerstand der "Ablehnungsfront" gegen Amerikas Versuch zur Lösung der Nahost-Krise aus den Angeln heben -- eine Strategie der Konfrontation, deren Risiken am Nordrand Afrikas weit größer sein dürften als gegenüber der Sowjet-Union.
Denn der Araber Gaddafi ist ein weit weniger berechenbarer Adressat amerikanischer Machtdemonstration als der Russe Breschnew, allerdings auch ein weit dankbareres Objekt, ein weithin sichtbares Exempel zu statuieren.
Beim Kriegsspiel im Mittelmeer stießen am 19. August 1981 die hochtechnisierte Supermacht Amerika, verkörpert durch zwei Atomflugzeugträger, und der Wüstensohn Muammar el-Gaddafi zusammen -- zwei Systeme, zwei Glaubensbekenntnisse, zwei Welten. Wer freute sich nicht, innerhalb und außerhalb Arabiens, wenn der Irrwisch Gaddafi auf Null gebracht wurde?
Für Ägyptens Präsidenten Anwar el-Sadat ist der Libyer ein "bösartiger Krimineller, der hundertprozentig krank und außerdem von einem Dämon besessen ist". Dschaafar Numeiri, der Präsident des Sudan, nennt ihn eine "gespaltene Persönlichkeit", deren beide Hälften von Übel seien. Einen "kopflosen Irrläufer" heißt ihn König Hassan von Marokko.
Wenn von Gaddafi die Rede ist, greifen Politiker und Journalisten in aller Welt zu Worten, die dem Vokabular von Heil- und Pflegeanstalten entlehnt sind. Psychopath, Paranoiker, Wirrkopf gehören zur gängigen Klassifizierung eines Mannes, der den Eindruck erweckt oder es gar darauf anzulegen scheint, nicht recht bei Trost zu sein.
Seit er 1969 die Macht in dem ölreichen Wüstenstaat übernahm, hält er Freund und Feind durch einen Wirbel von Allianzen, militärischen Abenteuern, blutigen Intrigen und widersprüchlichen Aktionen in Atem:
* 1970 schlug er dem Sudan die Bildung einer Föderation vor. Wenige Jahre später versuchte er, den Sudan-Präsidenten Numeiri zu stürzen.
* 1971 wollte er sein Land zum erstenmal mit Syrien und Ägypten vereinigen, es gelang nicht, vergangenes Jahr versuchte er es mit Syrien erneut.
* 1973 warb er wiederum um Kairo. Ein Jahr später aber zettelte er einen Putsch gegen Sadat an. 1977 befahl er seinen Grenztruppen, das Feuer auf ägyptische Einheiten zu eröffnen, wobei ihm Sadat eine bittere Lektion erteilte.
* 1971 unterstützte er einen Putschversuch gegen Marokkos König Hassan.
* 1974 schlug er Tunesien die Vereinigung vor, vergangenes Jahr schickte er Guerrilleros zu einem Gewaltstreich in die tunesische Stadt Gafsa.
* 1975 und in späteren Jahren überwies er Gelder nach Pakistan, um den Bau einer "islamischen Atombombe" zu finanzieren.
* 1976 versuchte er, Gebiete des Nachbarstaats Niger an sich zu bringen.
* 1977 entzog er in Äthiopien der Eritreischen Befreiungsfront seine Hilfe und unterstützte dafür deren kommunistischen Feind Mengistu Haile Mariam.
* 1979 endete sein Versuch, in Uganda die Regierung des Diktators Idi Amin zu retten, mit einem militärischen Fiasko.
* 1980 schickte er seine Truppen in den Tschad und eroberte praktisch den Staat, im selben Jahr ließ er die Regierungsgegner in Gambia militärisch ausbilden.
1981 zeigte er sich besonders tatendurstig: Er schürte Stammesstreitigkeiten in Ghana, inszenierte Versuche, den somalischen Präsidenten Mohammed Siad Barre zu stürzen, schickte Arafats Palästinensern im Libanon große Mengen Waffen und Freiwillige zum Kampf gegen Israel.
In etwa 45 Ländern unterstützt er nach einer "Newsweek"-Rechnung Befreiungsbewegungen mit Geld und oft auch mit Waffen. Gaddafis Aktionsradius reicht demnach von den Moslem-Aufständischen in den südlichen Philippinen bis zur IRA in Ulster und Befreiungsbewegungen in Lateinamerika.
Am Rande der Hauptstadt Tripolis, in der Umgebung von Misurata und auch im Tibesti-Gebirge in Libyens tiefem Süden lernen Umstürzler aus aller Welt ihr Handwerk: Afrikaner, Araber, Asiaten.
Was Wunder, daß dieser Mann, der libysche Dissidenten in vielen Ländern von Killern verfolgen läßt, in der westlichen Welt und vor allem bei bigotten Amerikanern als Oberteufel und Super-Terrorist abgestempelt ist. "Es gibt keine S.95 noch so schlechte Sache, daß sich Gaddafi nicht mit ihr befaßte", urteilte einmal Londons "Times".
Und doch ist die Schablone zu einfach. Sie wird dem Libyer nicht gerecht, der in seinem Tun bei aller Widersprüchlichkeit einem festen Weltbild folgt und von einer Konsequenz ist, die gerade Amerikaner schwer verstehen.
Seine Grundsätze hat sich der libysche Führer in für ihn folgerichtiger Entwicklung von klein auf zurechtgezimmert, und sein Aufstieg vom Beduinen-Jungen zum Diktator Libyens ist mindestens ebenso erstaunlich wie der des Schauspielers Reagan zum Präsidenten der USA.
Irgendwo in der Libyschen Wüste wurde Gaddafi etwa um 1940 -- genau weiß es niemand -- als Sohn eines Beduinen geboren. Sein Vater, Mitglied des Stammes der Gadadifa, züchtete Ziegen und Kamele.
"Wir waren sechs, wissen Sie, und alle Analphabeten. Er mußte etwas lernen, mein einziger Sohn", erzählte der Alte einmal. Das habe ihm Allah eingegeben. Vom Zelt zog Gaddafi in die Internate, aber die Bindung zu seinem Stamm verlor er nie, auch nicht die innere Beziehung zum Leben in der Wüste.
"Das Leben ist so hart in der Wüste", sagte er später, "diese Härte verlieh mir Kampfgeist und die Kraft durchzuhalten." Gewiß erklärt Gaddafis Jugendzeit in der Wüste seine Neigung, Träumen und visionären Überzeugungen nachzujagen.
Auch einen gewissen Beduinen-Machismo, die Freude am Kampf, die Begeisterung für Freiheit und Unabhängigkeit, bekam Gaddafi von klein auf am Beduinenfeuer mit. Sein Vater und sein Onkel hatten gegen die Kolonialmacht Italien gekämpft, erzählten, wie 20 000 Libyer zusehen mußten, als Mussolinis Soldaten 1931 den Rebellenführer Omar el-Mukhtar hinrichteten.
Die Geschichten über die Greueltaten der Fremden weckten in Gaddafi libyschen Patriotismus. Den Kopf ans Radio gepreßt, lauschte er auf Kairos "Stimme der Araber", einen Sender, der seit 1953 die feurigen Botschaften eines panarabischen Nationalisten in die Wüste trug, die Parolen Gamal Abd el-Nassers.
Dessen Phantasien von einer einzigen großen arabischen Nation erfüllten Gaddafi und verließen ihn seither nie wieder. Im Alter von 14 Jahren begann er, von Revolution zu reden, als er -angewidert -- erfuhr, daß Libyens König Idris 1956 britischen Flugzeugen im Suezkrieg gestattet hatte, von libyschen Basen aus zu starten.
Es war für Gaddafi wohl klar, daß er zur Verwirklichung seiner arabischnationalistischen Träume Soldat werden mußte. Außerdem gab es für einen armen Beduinenjungen wie ihn kaum eine andere Möglichkeit, Karriere zu machen. Nach einer Ausbildung in England gründete er den geheimen "Bund der Freien Offiziere".
"Er organisierte uns unter sehr strengen Bedingungen", erinnerte sich Abd el-Salam Dschallud, nach Gaddafi Nummer zwei in Libyen. "Es gab keinen Alkohol, und die Moral war hoch."
Wie viele andere Rebellen in der Dritten Welt sahen auch Gaddafi und seine Mitverschwörer im Islam den Weg zur eigenen Identität, die Möglichkeit, den fremden, westlichen und kolonialen Einflüssen zu entkommen.
Am 1. September 1969 war es soweit -- in einem unblutigen Staatsstreich übernahm Gaddafi die Macht. Der Weg zur Verwirklichung seiner Träume von der großen arabischen Nation lag frei vor ihm.
Ungewöhnlich war dann nur noch der Fanatismus, mit dem er seine Ziele zu erreichen suchte und seine arabischen Bruderländer nervte.
Wie viele andere junge Araber-Politiker, empfand Gaddafi zutiefst die Demütigung durch die Niederlage im 1967er Krieg gegen Israel. Die arabische Sache voranzubringen war höchstes Gebot, duldete kaum noch Aufschub. Das Ungestüm des Libyers aber erschreckte auch jene arabischen Staatsmänner, die den jungen Feuerkopf eigentlich sympathisch fanden.
So schickte Gaddafi 1973 an die 50 000 Demonstranten mit einer mit Blut geschriebenen Einheitsbotschaft auf einen 2000 Kilometer langen Fußmarsch von Tripolis nach Kairo.
"Ägypten hat den Nil, während wir das Öl und das Land haben", betete Gaddafi in der Moschee von Tripolis, "Ägypten hat die Arbeitskräfte, und beide Länder brauchen und ergänzen einander."
Was dann folgte, war typisch für Gaddafi: Als weder der Massen-Marsch S.96 noch die Gebete in der Moschee die sofortige Vereinigung erwirkten, kam der Ausbruch. "Korruption, Liebedienerei, Zensur und Bürokratie herrschen heute in Ägypten", donnerte Gaddafi und rief die Ägypter zur "Volksrevolution" auf.
Nach diesem Muster liefen die meisten anderen außenpolitischen Abenteuer des ungeduldigen Libyers ab, der auch körperlich immer in Bewegung, reitend, autofahrend, sich kaum je zwei Nächte hintereinander am gleichen Ort aufhält: Gaddafi hat eine Idee, will sie, ohne zu zögern, in die Tat umsetzen. Entweder sofort oder nach kurzer Zeit, meist durch die eigene Ungeduld heraufbeschworen, kommt die Niederlage.
Danach bricht Gaddafis Zorn los, maßlos, leidenschaftlich. Dann fühlt er sich vom Freund von eben verraten, will ihn vernichten.
Unerschütterlich wie ein echter religiöser Eiferer ist er von der Richtigkeit seiner Absichten überzeugt, ist er unfähig, Fehler einzusehen. Hat er doch alles vorausgedacht, die Konturen der Dinge, wie sie sind im hellen Licht der Wüste, in die er sich immer wieder meditierend zurückzieht, klar erkannt.
Während solcher Wüstenaufenthalte entstand nach dem Muster der Mao-Bibel Gaddafis Grünes Buch. Bei seinen Überlegungen ging er durchaus mit Logik zu Werke, aber mit der einfachen des Naturmenschen, als er seine sogenannte "Dritte Universaltheorie" entwarf.
So heißt es im Originalton Gaddafi: "Da wir uns einem kommunistischen und einem kapitalistischen System gegenübersehen, bemühen wir uns, ein drittes System zu finden, das sich sowohl von dem einen als auch dem anderen unterscheiden würde."
Seine Erkenntnis: "Denn während der Kapitalismus dem Individuum keinerlei Fesseln anlegt und somit die Gesellschaft in einen Zirkus verwandelt hat, macht der Anspruch des Kommunismus, durch gänzliche und endgültige Unterdrückung des Privateigentums eine Lösung für die Wirtschaftsprobleme zu finden, die Menschen schließlich zu Schafen."
Das wahre Glück, so Gaddafi, finde der Mensch nur durch die "Vorschriften der islamischen Religion". Und ungehemmt prophezeit er: "Die Regierungen werden verschwinden, die Polizei wird verschwinden, die regulären Armeen, der Kapitalismus, Gehälter, Löhne, Handel, Gewinne und Zinsen -- all diese Dinge werden verschwinden, und die Menschen werden frei sein."
Zumindest mit der Freiheit ist es nicht weit her in Gaddafis Libyen. Zwar richtete Gaddafi 1972 sogenannte Volkskongresse ein, die ihrerseits wieder Volkskomitees wählen, aber sehr populär sind diese Einrichtungen in Libyen nicht.
Öffentliche Diskussion staatlicher Maßnahmen, etwa der Invasion im Tschad, ist untersagt. Die Leiche eines 20jährigen Sängers ließ Gaddafi drei Tage auf dem Marktplatz von Bengasi aufhängen. Der junge Mann mußte sterben, weil er vor Studenten gegen die Willkürherrschaft des Führers durch Gesang protestiert hatte.
Die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Libyer mehren sich. Im vergangenen Jahr soll die Garnison von Tobruk gemeutert haben. Auch Anschläge auf das Leben Gaddafis wurden bekannt. So fanden amerikanische Stellen heraus, daß im Mai Offiziere Gaddafis Flugzeug abzuschießen planten, mit dem er von einem Moskau-Besuch heimkehrte. Die Sowjets erfuhren von dem Vorhaben und warnten den Libyer.
Gaddafi ließ ein anderes Flugzeug vorausfliegen, das auch prompt abgeschossen wurde, und stieg heil aus seiner Maschine.
Ein kleines Traumreich, wie es viele Amerikaner vermissen, hat Gaddafi, trotz aller revolutionären Wirren, seinem Volk geschaffen. Der monatliche Mindeslohn liegt bei 900 Mark, Wohnen und ärztliche Versorgung sind frei, staatliche Läden verkaufen Konsumwaren fast zum Selbstkostenpreis. Seit 1969 wurden im Wüstenstaat Libyen 200 000 Häuser gebaut und 400 Millionen Bäume gepflanzt. Wie in Saudi-Arabien halten Hunderttausende von Gastarbeitern die Wirtschaft in Gang.
Nach kriegerischem Ruhm dürstet es Libyens Führer, je mehr er ihm versagt bleibt. So drängte er Arafats Palästinensern im Libanon eine Freiwilligentruppe für den Einsatz an der Israel-Front geradezu auf. Nie aber ist ihm gelungen, wie einst Nasser die arabischen Massen außerhalb des eigenen Landes zu beflügeln.
Dennoch immer davon überzeugt, zum Vorkämpfer des Pan-Arabismus und Pan-Islamismus berufen zu sein, sucht er rastlos neue Herausforderungen. Obgleich Sunnit, nahm er im iranisch-irakischen Krieg für den Schiitenführer Ajatollah Chomeini Stellung, gegen den Irak, der ihm wohl nicht islamisch genug erscheint.
Doch der Mißerfolg, der ihn fast bei allen Unternehmungen begleitet, blieb ihm auch gegenüber dem Iran nicht erspart. Obgleich er Chomeinis islamische Revolution von Anfang an begeistert unterstützte, versagte ihm der Ajatollah sogar eine kleine Freundschaftsgeste.
Als er nach seinen gescheiterten Interventionen in Uganda und im Tschad dringend einen Bruderkuß von dem greisen Vorkämpfer des Islam verlangte, erlaubte ihm der Ajatollah nicht einmal die Landung auf dem Teheraner Flughafen. Mit 150 Mann Begleitung mußte Gaddafi wieder abdrehen.
Erfolg hat der Oberst aus der Wüste eigentlich nur da, wo seine Sympathien nicht liegen: bei den Sowjets, die ihm gegen harte Öldollars gern ihre Waffenarsenale öffnen.
Die Freundschaft hält er sich warm, obgleich ihm die Sowjets als "Atheisten" im Grunde zuwider sind. Einstweilen aber braucht er die Sowjet-Union, um wenigstens bei einer Großmacht geschätzter Partner zu sein. Dazu habe Libyen, klein wie es ist, durchaus die Statur, meint Gaddafi.
Solche Einsichten schöpft er nicht aus dem Koran, sondern aus seiner Kenntnis der europäischen Geschichte, einem spontan und ziemlich wahllos zusammengelesenen Wissen, aus dem er sich sein naives Weltbild formt. S.97
Einmal bat er spät in der Nacht den französischen Botschafter zu sich -um sich von Napoleon erzählen zu lassen. Er las Bücher über deutsche Geschichte und sieht "die Rolle, die unser kleines Land (bei der Vereinigung Arabiens) spielen soll, wie sie Preußen bei der Entstehung der deutschen Einheit gespielt hat".
Auch von Amerika weiß Gaddafi mehr als nur die Zusammensetzung der jeweiligen Regierung. Er bewundere, sagte er noch vor kurzem einer amerikanischen Journalistin, George Washington und "Ibrahim" Lincoln.
Das hindert ihn nicht, den USA, "dem Spitzenterroristen dieser Welt", zu drohen, er werde sich dem Warschauer Pakt anschließen. "Jeder wird sich früher oder später gegen Amerika erheben" sagte er einmal, "jeder haßt Amerika!"
Dagegen dann wieder das beinahe nostalgische Bekenntnis: "Ich liebe Amerika und würde so gern mal dorthin fahren. Und ich möchte dann nicht nur die Wüste besuchen, sondern ganz Amerika."
So ist denn sein Verhältnis zu Amerika allen bösen Worten zum Trotz durchaus ambivalent. Und so mancher Kenner der libyschen Seele meinte in jüngster Zeit sogar Anzeichen dafür ausmachen zu können, daß Gaddafi ein besseres Verhältnis zum Westen im allgemeinen und zu den USA ganz besonders anstrebe.
Da sicherte er sich etwa für ein Darlehen von 220 000 Dollar die Hilfe des Präsidenten-Bruders Billy Carter, der für ihn in Amerika und speziell beim Bruder im Weißen Haus gut Wetter machen sollte.
Da bot er Ronald Reagan Hilfe bei möglichen Problemen mit den US-Indianern an, weil ja schließlich "die Mehrheit der amerikanischen Indianer libyschen Ursprungs ist".
Und da weigerte er sich bislang auch konsequent, die 1973, nach dem Jom-Kippur-Krieg, von den Arabern entdeckte Öl-Waffe wiedereinzusetzen. Mochten Botschaften brennen, Diplomaten ausgewiesen werden, Kampfflugzeuge aneinandergeraten -- Gaddafis Öl floß weiter.
Gaddafi hat auch die immer noch fast 2000 US-Bürger in seinem Land trotz aller Spannungen mit Washington überaus zuvorkommend behandelt und gewissermaßen unter seinen eigenen Schutz gestellt: Die meisten sind hochqualifizierte Techniker und Ingenieure amerikanischer Ölkonzerne, ohne deren Hilfe nicht viel Öl aus libyschem Boden sprudeln würde.
Als das den Reagan-Republikanern nahestehende "Wall Street Journal" am 14. Juli meldete, die Regierung habe die Ölkonzerne mehrmals aufgefordert, ihre Spezialisten aus Libyen abzuziehen, war das vermutlich auch für den Obersten Gaddafi "ein deutlicher Hinweis darauf, daß sich etwas Geheimnisvolles zusammenbraute".
Denn obendrein zitierte das Blatt noch einen hohen US-Beamten mit der Drohung: "Eine zweite Warnung für die Firmen gibt es nicht. Wir spielen Konfrontationspolitik, wir wollen, daß sie rausgehen, ob da nun irgendein Coup vorbereitet wird oder nicht."
Was tatsächlich in Vorbereitung war, erfuhren die Libyer am 12. und 14. August, als die USA die internationale Schiffahrt, aber auch die Anrainerstaaten davon unterrichteten, daß sie ein Raketenschießen im südlichen Mittelmeer anberaumt hätten.
In den von Libyen beanspruchten Gewässern zog eine riesige Armada auf, angeführt von den beiden Flugzeugträgern "Nimitz" und "Forrestal" und ausgestattet mit dem Modernsten, was Amerikas Waffenschmieden produziert haben.
Das verfehlte offenbar seinen Eindruck auch auf Gaddafi nicht: Vor Beginn der Manöver noch setzte er sich, weit früher als geplant, zum Staatsbesuch in den Südjemen ab -- wo er mit den Jemeniten und den Äthiopiern einen Freundschaftsvertrag gegen die Imperialisten aushandelte -- Extremisten unter sich.
Da Gaddafi außer Landes war, erwarteten die Amerikaner möglicherweise keine Zwischenfälle mehr. Allein die Ankündigung des Manövers, so schien es, hatte Wirkung gezeigt und den Volksfeind Nummer eins zur Besinnung gebracht.
Ronald Reagan jedenfalls, auf Urlaub in Kalifornien, ging am Abend des ersten Manövertages wie gewöhnlich früh ins Bett; Alexander Haig war, ganz in der Nähe, ebenfalls auf Urlaub; Vizepräsident George Bush, zuständig für Krisenmanagement, machte Ferien in Maine; Verteidigungsminister Caspar Weinberger flog zwar aus Kalifornien zurück nach Washington, aber nur, um dort das Flugzeug zu wechseln für eine seit langem geplante Reise nach London.
Doch dann kam mitten in der Nacht plötzlich die Meldung aus dem Mittelmeer, und in Washington entrüstete sich Caspar Weinberger -- so wie Haig nach dem Attentat auf Reagan hatte nun er die Bühne für sich --, wie unverfroren S.100 es doch von den Libyern sei, in "internationalen Gewässern" amerikanische Flugzeuge anzugreifen.
Ob die Amerikaner die Libyer möglicherweise im Laufe ihrer Manöver so lange gereizt hatten, bis denen schließlich die Nerven durchgingen und sie den von den Amerikanern erhofften ersten Schuß abfeuerten, wird sich vermutlich nie beweisen lassen. Auf jeden Fall gaben sie den F-14-Piloten nun den willkommenen Anlaß, so zu verfahren, wie der Oberste Befehlshaber es angeordnet hatte.
Reagan, einen Tag nach dem Luftkampf, zu Besuch auf dem Flugzeugträger "Constellation" vor der kalifornischen Küste: "Die Frage kam auf, was geschehen sollte, wenn sie wirklich feindselig würden und auf unsere Streitkräfte, auf Schiffe oder Flugzeuge, feuerten. Wie sollten wir reagieren? Darauf gab es nur eine Antwort: Wenn auf unsere Leute geschossen wird, werden unsere Leute zurückschießen."
Der Augenblick jedenfalls war günstig gewählt. Denn was sollten die Libyer schon tun? Ihre Öllieferungen stoppen?
Sie würden den Amerikanern damit beinahe einen Gefallen tun. Denn da Libyen Höchstpreise fordert, andererseits aber das Ölangebot auf dem Weltmarkt gegenwärtig übergroß ist, haben die USA bereits im Laufe der vergangenen Monate ihre Einfuhren aus Gaddafis Reich erheblich gedrosselt.
"Wir können leicht ohne libysches Öl auskommen", erklärte prompt nach dem Zwischenfall der amerikanische Öl-Fachmann Walter J. Levy. "Die Libyer sind mehr daran interessiert, es loszuwerden, als wir daran, es zu kaufen."
Zumindest läßt sich sagen: Der Öl-Multi Gaddafi ist heute von den Amerikanern (und, wenn auch nicht im gleichen Maß, von seinen übrigen Kunden im Westen) ebenso abhängig wie sie von ihm.
Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres beispielsweise importierte Libyen aus den USA Waren für fast 350 Millionen Dollar -- 63,2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Und allein aus seinen Ölverkäufen an die USA erlöste er im vorigen Jahr neun Milliarden Dollar, gut ein Drittel seines Staatshaushaltes. Die USA deckten zuletzt mit Gaddafi-Öl nicht einmal fünf Prozent ihres Bedarfs und könnten so auf das Geschäft gewiß leichter verzichten als der Libyer.
"Es hätte zu keiner besseren Zeit passieren können", lachte nach dem Luftkampf über der Großen Syrte schadenfroh ein Öl-Industrieller in den USA, und ein europäischer Kollege, der ebenfalls nicht mit Namen genannt werden mochte, fügte hinzu: "Auch wenn Libyen heute von der Erdoberfläche verschwände, hätten wir immer noch zuviel Öl in der Welt."
Ronald Reagan und seine Berater -- und das eigentlich ist das Bedenklichste am Zwischenfall in der Großen Syrte -- fühlten sich jedenfalls in ihrer Politik der konsequenten Konfrontation bestärkt.
Reagans Mitarbeiter hielten es nicht einmal für nötig, den alten Herrn in seiner Nachtruhe zu stören. Erst sechs Stunden nach dem Luftkampf wurde der Präsident geweckt und unterrichtet -- und schlief dann weiter.
Reagan: "Wenn unsere Maschinen abgeschossen worden wären, hätten sie mich sofort geweckt. Aber es waren die anderen, warum sollten sie mich da wecken?"
S.91 Vorigen Donnerstag vor der kalifornischen Küste. *

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„Dem Libyer das Leben ungemütlich machen“

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