24.08.1981

POLENGift im Kuchen

Die Sowjet-Union läßt sich ihre „brüderliche Freundschaft“ zu Polen viel kosten.
Der Güterzug stand schon eine Weile auf dem Rangierbahnhof an der polnisch-sowjetischen Grenze, als polnische Bahnarbeiter die russischen Wagenzeichen entdeckten.
Erbost verweigerten sie die Abfertigung, wie sie meinten, in Richtung Ost: Polen habe selbst zu wenig, um dem ungeliebten Nachbarn noch irgend etwas zu schicken, bei dem, nach landläufiger Meinung, ohnehin ein beträchtlicher Teil der polnischen Mangelwaren verschwindet.
Doch der gestoppte Zug enthielt sowjetische Hilfslieferungen für Polen -tragikomische Episode einer Beziehung, die seit Generationen mit Mißtrauen belastet ist.
Vergebens trommelt die polnische Partei- und Regierungspresse von "fruchtbarer Freundschaft", "zuverlässiger Partnerschaft" und "brüderlicher Zusammenarbeit", nennt beweiskräftige Zahlen und Statistiken. Dennoch halten sich im Land hartnäckig die "Mythen" (so die Warschauer "Polityka") einer Ausbeutung Polens durch den großen Bruder im Osten.
Die Polen haben nämlich die Demontage ganzer Fabrikanlagen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vergessen, auch nicht die Zwangsjacke des 1949 gegründeten "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW), der sie über lange Jahre hinweg zwang, ihre Exportgüter zu besonders niedrigen Preisen an die Sowjet-Union zu liefern. Selbst die "Polityka" räumte den unfreundlichen "Legenden" eine "bestimmte historische Grundlage" ein.
So wird denn in der Sicht der Polen seit jeher jeder Mangel auf das Konto der unfreiwilligen "Blutsfreundschaft" (Militärblatt "Zolnierz Wolnosci") gebucht. Allzu gut fügen sich solche Vorstellungen in das Bewußtsein politischer Abhängigkeit vom mächtigen Nachbarn ein, der seine Überlegenheit gern mit Waffengerassel demonstriert.
Die Zahlenangaben der Parteipresse über sowjetische Hilfsleistungen werden also ebenso skeptisch aufgenommen wie einst die Hurra-Meldungen der Gierek-Wirtschaft -- offizielle Statistiken gelten nicht mehr viel in Polen.
Dabei läßt sich die Sowjet-Union in Wahrheit ihr Bündnis mit dem schwierigen Nachbarn einiges kosten -- in Krisenzeiten ganz besonders viel. Eine Milliarde Rubel (etwa drei Milliarden Mark) Kredit gab Moskau bei Giereks Machtantritt 1970, einen Teil davon in harten Devisen; eine weitere Milliarde Rubel kosteten den Kreml die Leihgaben bei den polnischen Arbeiterunruhen 1976.
Die jüngste Krise in Polen war für Moskau bisher auch finanziell die teuerste -- auf vier Milliarden Rubel schätzen Experten die sowjetische Polen-Hilfe seit August 1980, das sind etwa zwölf Milliarden Mark.
Dabei schlägt die Sowjet-Union aus dem RGW, dem Gegenstück zur kapitalistischen EG, erst seit einigen Jahren Kapital -- vorher zahlte sie trotz politischer Vormundschaft für das Bündnis kräftig drauf.
Nach einem jeweils für fünf Jahre festgesetzten Preissystem wurden in den RGW-Staaten im Kompensationshandel Rohstoffe gegen Industriegüter ausgetauscht: Die Sowjet-Union lieferte Erdöl, Gas, Erze und Baumwolle, die Polen bezahlten mit Kohle, vor allem aber mit Maschinen, Fabrikanlagen und Konsumgütern.
Die Preise richteten sich nach dem (kapitalistischen) Weltmarkt. Dessen Preissteigerungen bescherten dem Lieferanten jeweils einen Extraprofit bis zur nächsten Anpassung.
Früher profitierten davon die Anbieter von Industriegütern. Begehrte polnische Kosmetika, Medikamente, Textilien, Schuhe und Elektrogeräte fanden auf dem sowjetischen Markt wenig verwöhnte Abnehmer, die keine überhöhten Ansprüche an Qualität stellten.
Dabei machten die Polen beträchtliche Gewinne -- bis zum Jahre 1974, als die Sowjets mit ihrem Ölpreis der Preisexplosion auf dem Weltmarkt folgten und ihn fortan nicht mehr alle fünf, sondern jedes Jahr steigen ließen.
Seit 1975 kommen die Polen daher mit ihrem Maschinen- und Konsumgüterexport zur Bezahlung des Sowjet-Öls nicht nach -- ihr Minus betrug allein im vorigen Jahr eine Milliarde Dollar.
Dabei ist der Ölkauf bei den Opec-Ländern inzwischen mehr als doppelt so teuer. Dort müssen die Polen zudem für harte Devisen einkaufen, wenn Moskau, wie schon geschehen, das Öl knapper fließen läßt.
Diese Abhängigkeit zwingt Polen wie andere sozialistische Bruderstaaten als Gegenleistung für den "strategischen Rohstoff" ("Polityka") Arbeitstrupps mit Material in die Sowjet-Union zu schicken und dort, nach sowjetischen S.102 Preis- und Lohntabellen, Pipelines und Fabrikanlagen zu bauen.
"Das ist zwar nicht günstig für unsere Baufirmen, dafür aber gut für die Volkswirtschaft", argumentiert ganz vernünftig das Blatt des heutigen Vizepremiers Rakowski, der formal noch immer als Chefredakteur im "Polityka"-Impressum ausgewiesen ist.
Die seit einem Jahr andauernde Krise, bei der die polnische Produktion in allen Bereichen fast um ein Viertel zurückging, läßt Polen bei Moskau immer tiefer ins Minus rutschen. Doch die großen Brüder helfen, da sie politisch nicht helfen können, mit Lieferungen nach, und zwar weit über die vertraglichen Vereinbarungen hinaus.
So lieferten sie schon bis August dieses Jahres mehr als 100 Prozent ihres Jahressolls an Dünger, Baumwolle, Öl, Farbfernsehern und Lebensmitteln an Polen. Der Sowjetdelegierte auf dem Warschauer Parteitag im Juli, Politbürokrat Wiktor Grischin, meldete den polnischen Genossen, trotz aller Rüstungslasten liefere ihnen die Sowjet-Union alles Erdgas, das sie brauchten, alles Holz und über drei Viertel des benötigten Erdöls, fast alles Erz, zwei Drittel der Baumwolle und die Hälfte des synthetischen Kautschuks.
Diese großzügige Hilfe muß freilich in der Sowjet-Union selbst mit einer Propaganda-Kampagne erklärt werden: Nur immer neue Feindbilder versöhnen das geduldige Sowjetvolk mit der bitteren Erkenntnis, von dem Wenigen auch noch den als faul und anarchisch angesehenen Polen geben zu müssen.
Rußland hilft, um der polnischen Führung das Überleben zu sichern. Zudem muß Moskau befürchten, daß der Westen mit seiner Hilfe in Polen zuviel moralisches Kapital gewinnt.
Die Stundung der Polenkredite (in Höhe von insgesamt 27 Milliarden Dollar) durch westliche Banken hätte einen "doppelten Boden" und "deutliche politische Hintergedanken", empört sich die sowjetische Gewerkschaftszeitung "Trud", die "abenteuerliche Verschuldung" gebe den Kapitalisten die Möglichkeit zu "wirtschaftlicher Erpressung", Kreditstundungen und neue Leihgaben des Westens sind laut "Trud" "Lebkuchen mit giftiger Füllung".
Zahlungsaufschub und Kredit aus Moskau hingegen sind von reiner Bruderliebe erfüllt. Parteichef Breschnew sicherte vorletzte Woche seinen polnischen Besuchern Kania und Jaruzelski auf der Krim zu, "jetzt" habe man beschlossen, "die Bezahlung der Schulden Polens an die Sowjet-Union auf die kommende Fünf-Jahres-Periode zu vertagen", also bis nach 1985.
Das allerdings hatten die Außenhandelsminister beider Länder schon im Februar vereinbart, dazu Sowjetlieferungen für 1981 im Wert von fast 15 Milliarden Mark. Auch deren Bezahlung wird von Moskau nun gestundet.

DER SPIEGEL 35/1981
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