24.08.1981

EXIL-IRANERFahne im Gepäck

Ein Piratenstück gegen Chomeini -in Europa. Schahtreue Perser wollten sich profilieren.
An die kleine Freiheitsstatue auf der Pariser Seinebrücke Mirabeau, eine Nachbildung der großen New Yorker Freiheitsfrau, ketteten sich 15 Iraner an und riefen: "Tod für Chomeini." Über ihnen wehte die Fahne des kaiserlichen Iran.
Irgendwo in Frankreich, meldete "Paris Match" am 7. August, bereiteten sich Gefolgsleute der Monarchie auf einen Einsatz im Iran vor, durch den der Schah-Sohn auf den Thron gebracht werden sollte. Die Pariser Illustrierte druckte ein Photo mit den maskierten kaisertreuen Kriegern.
Die Franzosen nahmen kaum Notiz -- zu oft schon hatten persische Exil-Generäle die bevorstehende Invasion Chomeini-feindlicher Truppen prophezeit, zu oft den Aufstand geplant und wieder verworfen. Es blieb beim Druck von Anti-Chomeini-Plakaten und Protestmärschen. Die Lage der Exil-Perser, meinte der ehemalige Rektor der Universität von Teheran und Ex-Minister Nahawandi, erinnere ihn an die Weißrussen nach der Oktober-Revolution. "Wir sind untereinander zerstritten und ohne klare politische Vorstellung, wie wir den Iran retten können."
Am Donnerstag vorletzter Woche um 11.15 Uhr brachte ein 47 Meter langes Schnellboot den Chomeini-Gegnern wieder "ein wenig Optimismus", wie ein ehemaliger Schah-Vertrauter glaubt, und "hoffentlich Mut zu weiteren Aktionen".
Der Kommandotrupp einer monarchistischen Bewegung namens Asadegan, die bereits 1978 entstanden war, doch bislang weitgehend unbekannt blieb, kaperte acht Kilometer vor Spaniens Küstenhafen Cadiz die "Tabarsin", ein nagelneues Raketen-Schnellboot der Islamischen Republik des Ajatollah Chomeini. Die Angreifer hißten am Heck die grün-weiß-rote kaiserliche Flagge, sangen die Nationalhymne und erklärten das Schiff "zum ersten Sitz der Exil-Regierung".
Wie harmlose Touristen hatten die 15 Chomeini-Gegner den Schlepper "Salazon" gechartert, in ihren Taschen vermutete Kapitän Antonio Zajara Sandwiches und Getränke -- es waren Maschinenpistolen.
In Sichtweite der drei iranischen Schnellboote, darunter der "Tabarsin", die sich auf der Fahrt von der französischen Werft in Cherbourg in den Iran befanden, zwangen die Piraten den Schlepper-Kapitän zum Kurswechsel.
Das bis zu 64 Stundenkilometer (34,5 Knoten) schnelle Raketenboot verlangsamte seine Fahrt, den Schwesterschiffen meldete es einen "Maschinenschaden".
Die Piraten hatten offenkundig Komplicen unter der Besatzung des Kriegsschiffes. "Wir kannten alle Einzelheiten an Bord bis hin zum Namen der Maschinisten", verriet einer der Schiffsbesetzer, "wir waren darauf vorbereitet, die 32 Besatzungsmitglieder in 40 Sekunden zu neutralisieren."
Hinter dem Piratenstück sah Chomeinis Außenminister "deutlich die Hände der CIA", Radio Teheran aber identifizierte die Franzosen als Komplicen und Befehlsempfänger Reagans.
Denn unbegreiflich war den Chomeini-Leuten, daß ein eben von Frankreich an den Iran ausgeliefertes hochkompliziertes Kriegsschiff knapp zwei S.103 Wochen nach der Übergabe nun unter Chomeini-Gegnern wieder Kurs auf Frankreich nehmen konnte, ungehindert von den spanischen Behörden, sogar mit Treibstoff und Lebensmitteln versorgt von den Marokkanern.
Frankreichs neue sozialistische Regierung geriet in Gefahr, Zielscheibe des revolutionären Iran zu werden. Denn sie hatte es schon gewagt, dem von Chomeini verjagten ehemaligen Staatschef Banisadr Asyl zu gewähren. Als die Iraner daraufhin Miene machten, 106 Franzosen im Iran festzuhalten, wie zuvor die 53 Amerikaner, gab Staatschef Mitterrand eiligst Befehl, die drei Raketenschnellboote auszuliefern, die noch der Schah in Auftrag gegeben hatte, Restposten einer Bestellung von zwölf Schiffen.
Am 2. August verließen die drei Boote Cherbourg, an Bord iranische Besatzungen. Vor Cadiz entschwand dann die "Tabarsin", erst nach fünf Tagen tauchte sie wieder in französischen Gewässern auf -- geführt von Piraten, die niemand kannte und von denen keiner wußte, was sie wollten.
Der Piratenakt hatte, so ein Sprecher der Asadegan-Bewegung, wohl vor allem das Ziel, "die Bedeutung und Stärke von Asadegan" zu dokumentieren, und also erklärten die Entführer nach dem Sieg auf See: "Alle nationalistischen Bewegungen, von der extremen Linken bis zur extremen Rechten, sollen sich jetzt die Hände reichen und gemeinsam Chomeini stürzen."
Davon sind die Exilgruppen weit entfernt. Monarchisten meiden Republikaner, Linksintellektuelle die Generale des Schah. Sowohl Schahpur Bachtiar, der letzte Premier des Kaisers, der eben 37 Tage regierte, wie auch der ehemalige General Gholamali Oweissi betreiben Rundfunksender im Irak, mit denen Anti-Chomeini-Propaganda in den Iran gestrahlt wird.
Der vermeintliche Asadegan-Chef, General Bahram Ariana, ehedem Generalstabschef unter dem Schah, bereitet angeblich an der türkisch-iranischen Grenze Angriffe gegen Chomeini vor.
In der in Paris aktiven Gruppe "Freies Iran" arbeitet die Schah-Nichte Azzadeh mit. Ihre Organisation lehnt jeden Kontakt mit Banisadr ab, dem "zuviel Blut von Unschuldigen an den Händen klebt", so das "Freie Iran".
Auch die Piraten von Asadegan halten den Ex-Präsidenten für einen "Diener Chomeinis". Bachtiar schließlich ist den Oppositionellen suspekt, weil er mit den Irakern kungelte, mit denen sich der Iran im Krieg befindet.
Die Franzosen finden sich in diesem Wirrwarr von Exil-Organisationen nicht mehr zurecht: Etwa 100 000 Perser leben derzeit in Frankreich. Mit Rücksicht auf Teheran wollte Paris der Forderung der "Tabarsin"-Kidnapper nach Treibstoff nicht nachkommen, mit Blick auf die Exil-Perser aber auch nicht gewaltsam gegen die monarchistischen Piraten vorgehen.
"Am liebsten wäre es uns gewesen", witzelte ein Intimus des Premierministers Pierre Mauroy, "wenn die unsere Gewässer verließen -- warum nicht nach Italien?" Vorübergehend auch schien dem Elysee die Meldung glaubhaft, die Piraten hätten gedroht, Marseille zu beschießen, falls sie nicht mit Treibstoff beliefert würden.
Statt dessen verlegten die Piraten ihr Schiff und gaben schließlich auf, als ihr Propaganda-Coup aller Welt bekannt geworden war. Am Strand von Sablettes bei Toulon wurden Cafes zu Zuschauerräumen, Hotelbalkone zu Logen, auf denen Tausende von Touristen sonnengebräunt und oben ohne in Stellung gingen. Photoapparate, Kameras und Fernrohre waren auf die Bucht gerichtet, als die "Tabarsin", umgeben von den französischen Begleitschiffen "Alsacien" und "Buffle" sowie Schnellbooten mit Froschmännern der Marine, dort vor Anker ging.
An Bord der "Tabarsin" standen Männer in Khakianzügen und leuchtendweißen Gamaschen -- sie trugen schußbereite Maschinenpistolen.
Am Mittwoch -- nach mehreren Verhandlungen mit den Entführern -übernahm die französische Kriegsmarine das iranische Schiff und schleppte es in den Kriegshafen von Toulon. Dort soll eine andere Chomeini-Crew es nun abholen.
Die französische Regierung garantierte den Piraten Asyl und versprach, sie rechtlich nicht zu verfolgen. In ihren Gewässern, argumentierten die Franzosen, sei das Kriegsschiff nicht gekapert worden, ob der Piratenakt in internationalen Gewässern oder spanischem Hoheitsgebiet erfolgte, nicht eindeutig zu klären. Mit einem Militärflugzeug flogen die Franzosen die Chomeini-Feinde nach Paris.
Admiral Habibollahi, ehemals Chef der kaiserlichen Kriegsmarine und Befehlshaber des Piratentrupps, trug in seinem Gepäck ein Stück Tuch, das er bei der nächsten Aktion wieder verwenden will: die kaiserlich-iranische Flagge, die für sechs Tage auf der "Tabarsin" geweht hatte.

DER SPIEGEL 35/1981
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