24.08.1981

„Wir sind gekommen, um etwas zu beenden“

SPIEGEL-Interview mit dem Mudschahidin-Führer Massud Radschawi über den Kampf gegen Chomeini Massud Radschawi, 33, floh vor vier Wochen mit dem iranischen Ex-Präsidenten Banisadr ins Pariser Exil. Er ist Führer der auf 30 000 Mann geschätzten linken Mudschahidin-i-Chalk, der bestorganisierten Chomeini-Gegner.
SPIEGEL: Kurz nach Ihrer Ankunft haben Sie erklärt, Sie würden nach zwei Monaten Frankreich wieder verlassen und in den Iran zurückkehren. Warum sind Sie gekommen?
RADSCHAWI: Um die Weltöffentlichkeit über die Lage im Iran zu informieren. Sie müssen sich einmal vorstellen: die ständigen Hinrichtungen, nicht einmal neun- bis zehnjährige Mädchen und schwangere Frauen bleiben verschont. Soldaten, Kaufleute, praktisch jeden kann es treffen. Alle Freiheit wird unterdrückt, oppositionelle Zeitungen werden geschlossen. Dagegen stehen jetzt die Volksmassen auf. Es ist wichtig, das bekanntzumachen.
SPIEGEL: Wäre es aber nicht ebenso wichtig gewesen, bei Ihren Anhängern im Iran den Eindruck zu vermeiden, Sie hätten sie durch Ihre Flucht im Stich gelassen?
RADSCHAWI: Niemand im Iran denkt, daß Banisadr und ich geflohen sind. Flucht wäre auf jeden Fall ein Zeichen der Schwäche. Hingegen zeigt die Art und Weise, wie wir das Land mit drei Militärpiloten verlassen haben, die Schwäche des Regimes.
SPIEGEL: Warum haben Sie im Iran Banisadr unterstützt, der noch vor einem Jahr die Mudschahidin verfolgen ließ?
RADSCHAWI: Sie sehen daran, wie sehr wir Mudschahidin von unserem gerechten Kampf überzeugt sind. Wir stellen die Sache über persönlichen Streit. Uns geht es nur darum zu entscheiden, welche Sache zu welchem Zeitpunkt wichtig ist. Wir sahen, daß das Unrechtsregime schneller zu Fall gebracht werden könnte, wenn wir uns mit Banisadr einigten.
SPIEGEL: Arbeiten Sie auch mit anderen ehemaligen politischen Gegnern zusammen, etwa den Volksfedajin oder der Nationalen Front?
RADSCHAWI: Alle Gruppen und Personen, denen es um die Unabhängigkeit und Freiheit im Iran geht, können sich uns anschließen.
SPIEGEL: Gilt das auch für General Ariana und seine Leute, die eines der von Frankreich freigegebenen Schnellboote kaperten und darauf eine Exilregierung gründeten?
RADSCHAWI: Ich glaube, daß diese Leute im Iran auf keinerlei Unterstützung zählen können. Die wollten durch ihre Tat nur dokumentieren, daß es sie noch gibt.
SPIEGEL: Wie stehen Sie zu dem ehemaligen Premier Bachtiar?
RADSCHAWI: Für Bachtiar gilt dasselbe, was ich über die Schnellbootentführer gesagt habe.
SPIEGEL: Es war den Mudschahidin schon immer leichter zu sagen, wogegen sie sind, als zu erklären, wofür sie eigentlich kämpfen. Sie nennen sich "Heilige Kämpfer" und treten gleichzeitig für den Islam wie für den Marxismus ein -- wie läßt sich das miteinander vereinbaren?
RADSCHAWI: Da will ich Sie doch fragen, wie kann ein Mensch an Gott, Mohammed oder Jesus Christus glauben und gleichzeitig die materialistische Philosophie akzeptieren? Wir sind Nationalisten, Demokraten, wir sind progressiv, wir wollen eine islamische demokratische Republik aufbauen.
SPIEGEL: Das würde Chomeini auch von sich sagen.
RADSCHAWI: In unseren Augen ist Chomeini kein Moslem. Wir können uns nicht einmal vorstellen, daß er an Gott glaubt. Wie wäre es sonst möglich, daß er kleine Mädchen nach einem summarischen Verhör hinrichten läßt.
Wir Mudschahidin aber glauben an Gott. Unser Islam ist im Gegensatz zu dem Chomeinis auf keinen Fall antiwissenschaftlich, fortschrittsfeindlich und antidemokratisch. Wir sind auch nicht gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
SPIEGEL: Wenn Sie aber behaupten, islamisch zu sein, dann haben Sie keine andere Wahl als auch den Koran zu akzeptieren, mit seinen Aussagen über die untergeordnete Stellung der Frau. Dann müssen Sie auch das islamische Rechtssystem, die Scharia, anerkennen. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Progressivität?
RADSCHAWI: Noch mal deutlich: Ich will nicht denselben Islam wie Chomeini. An keiner Stelle verlangt der Koran, einem anderen eine Ideologie aufzuzwingen. Die Scharia ist kein Dogma. Aus dem Koran läßt sich sehr wohl auch die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Rassen und Völker belegen. Chomeini hat den Islam besudelt, ich will ihn von dem Schmutz Chomeinis reinigen.
SPIEGEL: Aber zumindest in der Anfangsphase waren die Mudschahidin doch mit Chomeini einverstanden und haben ihn unterstützt.
RADSCHAWI: Ihre Informationen sind unvollständig. Wir haben Chomeini gegen die Diktatur des Schah unterstützt, und das war auch richtig. Aber schon gleich nach seiner Rückkehr in den Iran haben wir gegen ihn Position bezogen. Er hat sehr wohl verstanden, daß wir gegen ihn waren. Schon zwei Wochen nach seiner Rückkehr haben uns Chomeinis Anhänger als "Abtrünnige" bezeichnet.
SPIEGEL: Würden Sie, wenn Sie an die Macht kämen, den bisherigen antiwestlichen Kurs fortsetzen?
RADSCHAWI: Wir wollen nicht von der Außenwelt isoliert sein. Gemeinsame Vorteile lehnen wir nicht ab. Wir wollen, was alle Menschen auf der S.105 Welt erstreben: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden zwischen den Nationen und eine ungestörte wirtschaftliche Entwicklung, das zusammen mit unseren Vorstellungen vom Islam.
SPIEGEL: Wie steht Ihre Organisation zur Sowjet-Union?
RADSCHAWI: Ich habe schon klargemacht, daß für uns Unabhängigkeit das wichtigste ist.
SPIEGEL: Und was denken Sie über den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan?
RADSCHAWI: Wir sind dagegen.
SPIEGEL: Nach den von den Mudschahidin inszenierten großen Demonstrationen gegen Chomeini vor einigen Monaten scheinen die Mullahs heute wieder die Lage unter Kontrolle zu haben. Wagen Sie den offenen Kampf noch?
RADSCHAWI: Die Mullahs sollen die Lage unter Kontrolle haben -- das ist ein Witz! Wenn es so wäre, würden wir uns jetzt nicht gegenübersitzen. Und zum Kampf: Allein am Tag der Wahl Radschais zum Präsidenten gab es in Teheran mehr als 120 Widerstandsaktionen der Mudschahidin. Und so wenig populär ist das Regime, daß nach unserer Abreise nur rund 5000 obendrein noch bezahlte Demonstranten vor der französischen Botschaft aufgeboten werden konnten.
Die Inflationsrate liegt bei mehr als 100 Prozent, über fünf Millionen Menschen sind arbeitslos, mehr als zwei Millionen sind Kriegsvertriebene, mehr als zwei Millionen mußten aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen.
SPIEGEL: Wie groß ist denn die Zahl Ihrer Mitglieder im Iran, und wie viele Sympathisanten haben Sie?
RADSCHAWI: Da ich mich vor unserem Führungsgremium für die Preisgabe unserer Mitgliederzahl verantworten müßte, werde ich dazu nichts sagen. Unsere neue Alternative wird von 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung unterstützt.
SPIEGEL: Aber der Iran ist ein zerrissenes Land, die meisten Gruppen, auch die im Exil, sind zerstritten. Wie wollen Sie es da schaffen, das Volk hinter den Mudschahidin zu einen?
RADSCHAWI: Für die Iraner im Ausland stimmt, was Sie sagen. Aber im Iran verhält es sich anders. Zu keiner Zeit der neueren Geschichte des Iran gab es eine derart stabile und schlagkräftige Organisation wie die unsere, die auch noch die Massen hinter sich hat.
Aber wir sind keine Diktatoren, wir wollen nicht alles einfach an uns reißen. Banisadr ist nach unseren Vorstellungen immer noch der Staatspräsident. Unsere Hoffnung ist, daß wir alle freiheitsliebenden Organisationen mit uns vereinen können. Wir sind nicht hierhergekommen, um etwas zu beginnen. Wir sind gekommen, um etwas zu beenden.

DER SPIEGEL 35/1981
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DER SPIEGEL 35/1981
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