24.08.1981

ITALIENTiger des Zorns

Die Roten Brigaden haben eine neue Strategie: Sie wollen die sozialen Spannungen, vor allem in den Betrieben, ausnützen und die Gewerkschaften stärker unterwandern.
Das Eingeständnis kam von höchster Seite. "Im Kampf gegen die Roten Brigaden", bekannte Italiens Innenminister Virginio Rognoni kleinlaut, "hat der Staat in letzter Zeit eine Niederlage einstecken müssen."
Es war eine Niederlage auf breiter Front. Zwischen Ende April und Mitte Juni gelangen den "Brigate Rosse" (BR) vier Entführungen. Nie zuvor konnten die Terroristen gleichzeitig so viele Opfer in ihren "Volksgefängnissen" verhören, nie zuvor die Öffentlichkeit so stark unter Druck setzen. Damit bewiesen sie, daß die Aussagen reuiger Ex-Terroristen und die darauffolgenden Massenverhaftungen sie keineswegs schachmatt gesetzt haben.
Vor allem die letzte der vier BR-Aktionen kann Minister Rognoni nur schwer verwinden -- die Ermordung Roberto Pecis, des Bruders eines Ex-Terroristen, dessen Aussagen Dutzende von Ultras ins Gefängnis brachten.
Mit der Sippenhaft wollten die Entführer aussagewillige Ex-Brigadisten (BR-Jargon: "Läuse") einschüchtern -damit sie nicht mehr mit den Justizbehörden zusammenarbeiteten.
War die Erschießung Roberto Pecis, Anfang August, für die Roten Brigaden gleichsam ein "Mord in eigener Sache", so überraschten sie bei den anderen drei Entführungen mit einer neuen Strategie, die "viel raffinierter ist als frühere Strategien" (Rognoni).
Jahrelang hatten nämlich die Roten Brigaden den "Angriff auf das Herz des Staates" gepredigt und sich insbesondere Symbolfiguren der verhaßten staatlichen Institutionen als Opfer ausgesucht: Richter, Politiker, Polizisten.
Doch damit gerieten die Terroristen immer mehr in die politische Isolation.
Jetzt, so scheint es, haben sich die sogenannten populistischen Kräfte durchgesetzt, die innerhalb der Terror-Organisation schon lange auf Kurs-Änderung dringen. Ihrem Programm gemäß sollen die Terroristen vor allem dort handeln, wo soziale Konflikte schwelen. Sie wollen, so ein römischer Justizbeamter, "auf dem Tiger des Proletarier-Zorns reiten".
So kämpfte die "bewaffnete Partei", wie die BR auch genannt werden, etwa im Namen von Arbeitslosen oder Erdbeben-Geschädigten für Ziele, die ohnehin von vielen befürwortet werden. Fernziel der "bewaffneten Partei" ist, als Gesprächspartnerin in der politischen Auseinandersetzung anerkannt zu werden.
Deutlich wurde dies Ende April nach der Entführung des christdemokratischen Politikers Ciro Cirillo, verantwortlich für das Bauwesen in der Regionalregierung von Kampanien. Als Preis für Cirillos Freilassung verlangten die Roten Brigaden eine Soforthilfe zugunsten der Armen von Neapel: Wohnungen für 3500 Obdachlose, die seit dem großen Erdbeben in Wohnwagen auf dem Messegelände hausen, und finanzielle Unterstützung für die in Neapel amtlich registrierten Arbeitslosen.
Beide Forderungen hatten schon lange vor Cirillos Entführung viele Neapolitaner erhoben. Doch erst nach der S.106 Terroristen-Drohung zeigten die Behörden Eile. Mitte Juli zeichnete sich ab, daß beide Wünsche größtenteils erfüllt würden. Folge: Am 24. Juli entließen die Terroristen nach dreimonatiger Gefangenschaft ihren Gefangenen -wenngleich nur "auf Bewährung".
An einem anderen Kidnapping-Opfer hingegen, dem Manager Giuseppe Taliercio, wollten die Ultras ein Exempel statuieren. Taliercio war Werksdirektor eines Zweigbetriebes des Chemie-Konzerns Montedison in Porto Marghera (Mestre), wo überdurchschnittlich viele Beschäftigte bleibende Gesundheitsschäden davontragen.
Die Roten Brigaden warfen ihm vor, er sei mitverantwortlich für "Tausende von Toten und Schwerkranken, die sich ihre Leiden durch miserable Arbeitsbedingungen zugezogen haben, für Massenentlassungen und neue Stufen der Ausbeutung". Am 6. Juli, nach langem "Prozeß", wurde Taliercio "wegen 30jähriger antiproletarischer Aktivität" erschossen.
Informationen über den Montedison-Mann hatten die Brigadisten zweifellos aus erster Hand, von ihren Gesinnungsgenossen aus der Fabrik, erhalten.
Der Verdacht, daß die Gewerkschaften von linken Umstürzlern unterwandert seien, wurde im vierten Entführungsfall, dem des (später freigelassenen) Alfa-Romeo-Ingenieurs Renzo Sandrucci, beinahe zur Gewißheit. Denn die Terroristen spielten das Protokoll über Sandruccis "Verhör" der Presse zu. Es zeigt, daß die selbsternannten Volksrichter über interne Vorgänge und Streitpunkte bei Alfa Romeo genauestens Bescheid wissen.
In die Sprache der Brigadisten fließt Gewerkschaftsjargon ein. Der prominente Sozialist Enzo Mattina vom Arbeitnehmerverband UIL folgerte daraus, "daß Sandruccis Ankläger sicherlich ein Gewerkschafter ist". Die Terroristen hätten sich eben "nicht nur in der Fabrik, sondern auch in der Gewerkschaft eingenistet".
Terrorismus in den Fabriken -- das war nichts Neues. Immer mal wieder tauchten in norditalienischen Großbetrieben Flugblätter der "Brigate Rosse" auf. Aber: Die Gewerkschaften hatten bisher jeden Verdacht der Unterwanderung oder Duldung von Terroristen entrüstet zurückgewiesen. Ein Mailänder Funktionär: "Wir nähren doch keine Schlange am Busen."
Deshalb rief Mattinas Eingeständnis nun Proteste bei anderen Gewerkschaftern hervor. Pierre Carniti, Sekretär der christdemokratisch orientierten Gewerkschaft Cisl, fragte empört, wo Mattina denn die Beweise für seine Thesen habe. Unter Arbeiterführern keimt Zwietracht: Sie verdächtigen einander, den Ultras gegenüber blind zu sein.
Das Verhältnis zu den Terroristen ist seither Hauptthema in der italienischen Gewerkschaftsdiskussion. Viele Funktionäre stimmen, hinter vorgehaltener Hand, der von Mattina vorgebrachten Selbstkritik zu: "Wir waren früher extrem ideologisch. So weigerten wir uns jahrelang, über Produktivität zu reden, weil sie uns als Gipfel der Ausbeutung erschien. Heute verkünden die Roten Brigaden unsere radikalen Parolen von einst. Das ist auch unsere Schuld."
Italienische Terrorismus-Experten sind überzeugt, daß sich die BR im Zuge ihrer neuen Strategie noch stärker bemühen, die Gewerkschaften zu unterwandern. Und in einigen Großbetrieben könnte ihnen dies sogar gelingen. Sie kämpfen kompromißlos gegen Entlassungen und Kurzarbeit, gegen Überstunden und technologische Erneuerungen, weil dadurch die Ausbeutung noch schlimmer werde.
Die Roten Brigaden haben bereits angekündigt, wo sie ihre nächsten Aktionen starten wollen: bei den Turiner Fiat-Werken. Dort stehen im Herbst schwierige Tarifverhandlungen und womöglich Streiks bevor.
"Die Fiat-Werke sind hierzulande das Symbol für Fabrik schlechthin. Daher können die BR auf dieses Aktionsfeld nicht verzichten", sagt der Richter Maurizio Laudi, der sich in etlichen Turiner Prozessen mit den Roten Brigaden beschäftigt.
Laudi: "Ich habe Angst vor dem Herbst."

DER SPIEGEL 35/1981
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