24.08.1981

ABENTEUERSchatz im Sägemehl

Deutsche Zahnärzte und schottische Taucher, aber auch die Regierungen in Moskau und London sind an einem Spiel um 180 Millionen Mark beteiligt. Es geht um Gold, das 1942 mit dem Kreuzer „Edinburgh“ versenkt wurde.
Vorsichtig, als würde Nitroglyzerin verladen, nahm der Kran des Kreuzers "Edinburgh" im Eismeerhafen von Murmansk die Fracht an Bord -- 93 unscheinbare Holzkisten, deren Empfang eigens vom Kommandeur des Schiffes, Korvettenkapitän Hugh Faulkner, auf einem Quittungsformular bestätigt werden mußte. Der Tagesstempel trug das Datum eines Sonnabends, des 25. April 1942.
Merkwürdig aber auch, daß die Last in jenem Laderaum gelagert werden sollte, in dem sich hinter zentimeterdicken Panzerplatten sonst die Munition des Bordflugzeugs befand, mittschiffs, tief im Bauch des britischen 10 000-Tonnen-Kreuzers. "Der diensthabende Offizier sagte zu mir: 'Wenn eine von den Kisten ins Wasser fällt, gehst du runter und holst sie'", erinnert sich Reg Levick aus Sheffield, der damals Schiffstaucher war. "Von diesem Augenblick an war uns klar, daß wir etwas ganz besonders Wertvolles befördern würden."
Der Argwohn war berechtigt. Die primitiven Bretterkisten bargen ein hochrangiges Kriegsgeheimnis: sieben Kilo schwere Goldbarren, von denen vier in jedem der Behälter lagen, fein säuberlich und stoßfest mit Sägemehl umgeben.
Insgesamt fünfeinhalb Tonnen des gelbglänzenden Metalls, das noch den Doppeladler des Zarenwappens trug, hatte die "Edinburgh" an Bord genommen -- als Teil jenes Entgelts, mit dem Josef Stalin, damals Parteichef und Oberbefehlshaber in Personalunion, Amerikas womöglich kriegsentscheidende Waffenlieferungen an die UdSSR bezahlte.
Im Gegensatz zu dem Frachterkonvoi QP 11 jedoch, den sie nach Reykjavik auf Island führen sollte, erreichte die "Edinburgh" ihren Bestimmungsort nicht mehr. Sie wurde Opfer einer der dramatischsten Geleitzugschlachten nördlich des Polarkreises und sank, 325 Kilometer von Murmansk entfernt, auf den Grund der sturmgepeitschten Barentssee.
Das Wrack, in dessen zerfetzten Kammern 60 Leichen lagen, war vom Kriegsministerium in London zunächst offiziell zum Kriegergrab erklärt worden. 1957 aber hob die britische Regierung diesen Status, der zum Beispiel Tauchern das Betreten der "Edinburgh" verwehrt hatte, teilweise wieder auf. Denn eine neue Tiefseetechnik, die gerade zur Ausbeutung der Öl- und Erdgasfelder in der Nordsee erprobt wurde, ließ den Goldschatz Stalins für die Bank von England wieder interessant erscheinen.
Erst jetzt aber, 39 Jahre nach dem Untergang der "Edinburgh", macht eine spektakuläre Bergungsexpedition im Nordmeer Ernst, nachdem zuvor englische, norwegische und sowjetische Goldjäger schon beim Versuch gescheitert waren, das Wrack überhaupt zu orten.
Am Donnerstag dieser Woche soll die "Stephaniturm", ein 1400 Tonnen großes deutsches Spezialschiff mit schottischen Experten und acht Tauchern Aberdeen verlassen, um vom nächsten Dienstag an den Goldhort hoch im Norden auszuheben. Sein Wert, am aktuellen Preis gemessen, beträgt über 180 Millionen Mark. Er stellt somit das größte all jener unterseeischen Vermögen dar, deren Lage bekannt und auf den diesbezüglichen Kartenwerken eingetragen ist.
Doch beispiellos ist auch das Risiko, das die Taucher bereitwillig auf sich nehmen. Um in das Wrack der "Edinburgh" steigen zu können, müssen sie in 250 Meter Tiefe die schützende Hülle ihrer Tauchglocke verlassen. Bisher aber wurde bei solchen Druckverhältnissen weltweit nur von geschlossenen Tauchkugeln aus operiert.
Maximal 250 Meter konnte auch jenes deutsche U-Boot tauchen, das die "Edinburgh" im Jahre 1942, fünf Tage nach der Ladung des Russen-Golds, in der Barentssee erspähte.
"Kreuzer gesichtet, definitiv 'Belfast-Klasse'. Mit hoher Geschwindigkeit auf Zickzackkurs", so beschrieb Kapitänleutnant Max Teichert im Logbuch von "U 456" das Manöver, mit dem der britische Konteradmiral Stuart Bonham-Carter deutschen Verfolgern gerade entgehen wollte. Bonham-Carter führte den Geleitzug QP 11 und hatte dessen Flaggschiff "Edinburgh" 20 Kilometer weit vorausgeschickt, in Richtung Treibeisgrenze, wo sich der nachfolgende Konvoi wenigstens nur am Rande des Aktionsgebiets gegnerischer Schlachtflugzeuge bewegt hätte. Mit dem Zickzackkurs versuchte "Edinburgh"-Kapitän Faulkner unterdes, einem möglicherweise lauernden Unterseeboot das Zielen zu erschweren.
Vergebens -- schon der erste Torpedoangriff Teicherts traf das schlanke Schiff schwer. Es detonierte steuerbords kurz vor dem vorderen "Edinburgh"-Schornstein in unmittelbarer Nähe des Raumes, in dem das Gold lagerte. Noch schlimmer aber war der zweite Treffer, der einen Teil des Hecks und mit ihm das Ruder absprengte. Die "Edinburgh", Ironie des Kriegsschicksals, befand sich nun in der gleichen Situation wie das deutsche Schlachtschiff "Bismarck", dem ein Torpedo ebenfalls die Ruderanlage zerschoß S.109 und zu dessen Verfolgern auch die "Edinburgh" gehört hatte.
Waidwund, nur noch in großen Kreisbögen fahrend, schien sie nun die ideale Zielscheibe zu sein. "Das Heck", erinnert sich der Ex-Matrose Alan Higgins, "war aufgerollt wie eine Sardinenbüchse, und zwar so, daß die sechs Kanonen unserer beiden hinteren Drillingstürme nun plötzlich den Decksboden durchbohrten. Sie waren völlig unbrauchbar geworden."
36 Stunden nach den verhängnisvollen Treffern, am Morgen des 2. Mai, standen drei neue Gegner vor der "Edinburgh": die Zerstörer "Hermann Schoemann", "Z 24" und "Z 25" vom deutschen "Strauchritter"-Geschwader in Narvik. "Die Zerstörer kamen aus dem Nebel", entsinnt sich der ehemalige "Edinburgh"-Offizier Bob Howe, der zu den beiden noch intakten vorderen Geschütztürmen gerannt war, als er die deutschen Schiffe sah. Howe: "Kapitän Faulkner stand oben auf der Brücke und rief: 'Greifen Sie an.'"
Für die "Hermann Schoemann", in deren Turbinenräume zwei Granaten aus Howes Batterie einschlugen, bedeutete dieser Befehl den Untergang. Der Zerstörer "Z 24" aber, der einen Torpedofächer auf die "Edinburgh" abfeuerte, traf den im Kreis laufenden Kreuzer abermals ins Heck. Torpedoschütze Hermann Galewsky, der heute in Hannover lebt: "Eine riesenhafte Qualmwolke stieg auf, zugleich stellte die 'Edinburgh' das Schießen ein."
Geleitzugführer Bonham-Carter fürchtete nun, sein Schiff werde auseinanderbrechen, und ließ die überlebenden 800 Mann von Bord gehen, ehe der zu Hilfe geeilte britische Zerstörer "Foresight" mit einem weiteren Torpedo die "Edinburgh" und mit ihr das Gold versenkte. Das Edelmetall hätte in keinem Fall geborgen werden können, rechtfertigte sich der Konteradmiral in einem Funktelegramm ("most urgent") an die Admiralität in London: "Außer der Besatzung nichts gerettet. Das Gold lag in einem Raum, der nach dem ersten Torpedotreffer überflutet worden war."
Im April 1981 gelang es einem anderen Engländer, das Wrack der "Edinburgh" mit Hilfe einer Robotkamera zu filmen. Auf dem Bordkutter zum Beispiel war die Aufschrift "Edinburgh" noch lesbar, und auch die ungewöhnliche Anordnung der Schornsteine vor und hinter dem Schiffshauptmast ließ keine Verwechslung etwa mit dem Kreuzer "Trinidad" zu, der zwei Wochen nach der "Edinburgh" fast an der gleichen Stelle sank.
"Die 'Edinburgh' sieht okay aus. Sie liegt auf der Seite und ist immer noch aus einem Stück", berichtet James Ringrose, Technischer Direktor bei der Bergungsfirma Jessop Marine Recoveries, der zwei Jahre nach dem Goldkreuzer gesucht hatte und nächste Woche die Goldsuche von Bord der "Stephaniturm" aus leiten wird.
Das bullige, 71 Meter lange Spezialschiff wurde 1978 in Lauenburg gleichsam um drei Druckkammern herum gebaut, in denen sich die Taucher bereits beim Ablegen in Aberdeen aufhalten werden, um sich an den niedrigeren Luftdruck in der Taucherkugel zu gewöhnen. Während ein Computer an Bord der "Stephaniturm" das Mutterschiff exakt über dem Wrack in Position hält, werden die Tauchglocke und deren Versorgungskabel durch eine kreisförmige Öffnung bis zu dem Kreuzer abgesenkt.
Ein Taucher -- der zweite soll als Retter für den Notfall in der Glocke bleiben -- wird in seinem Spezialanzug, durch dessen Schichten heißes Wasser als Schutz gegen die Eiseskälte zirkuliert, sodann ins Wrack vordringen. Entweder durch jenes Loch, das von dem U-456-Torpedo gebohrt wurde, oder durch einen Tunnel, den die Taucher, Geldschrankknackern ähnlich, unterhalb der Schiffspanzerung mit Schweißbrennern noch schneiden müßten.
Falls das risikoreiche Millionenspiel gelingt, könnte das Bergungsunternehmen 85 Millionen Mark, knapp die Hälfte des Unterwasser-Schatzes also, einkassieren. Den Rest teilen das britische Handelsministerium und Moskau untereinander auf -- und zwar entsprechend dem jeweiligen Versicherungsanteil für die teure Fracht der "Edinburgh" im Jahr 1942. Die Bank von England in der Londoner Threadneedle Street wird davon ein Drittel, die sowjetische Staatsbank aber zwei Drittel beziehungsweise stattliche 63 Millionen Mark erhalten.
Von den Bergungskosten profitieren freilich auch noch ganz besondere Sachkenner im Umgang mit Gold -eine Gruppe deutscher Zahnärzte, die das Bergungsschiff "Stephaniturm" zum Zweck der steuerlichen Abschreibung vermittels Verlustzuweisungen bei der Elbwerft Hitzler hatten bauen lassen.
Nun aber landen die Dentisten, dank des sowjetischen Kriegsschatzes auf dem Grund der Barentssee, den Coup ihres Lebens: Der Kostenvoranschlag der Gold-Greifer weist nämlich Bergungskosten aus, die mehr als acht Millionen Mark betragen.

DER SPIEGEL 35/1981
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