24.08.1981

„Wir sterben und haben keinen Sarg“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani im heruntergekommenen Vietnam (I)
Der Tag beginnt nicht mehr mit revolutionärer Musik aus öffentlichen Lautsprechern. Hanoi wird vom Krähen der Hähne geweckt.
Dieses private Geflügel sieht man überall: an Bäumen angebunden oder in Käfigen, auf Straßen, Höfen und Alleen dieser einst eleganten, jetzt heruntergekommenen, übelriechenden Stadt. Familien halten sich ein Huhn und sichern sich so wenigstens eine gute Mahlzeit, einen feinen Tag -- in welchem Zeitraum aber?
In der Vergangenheit, als die amerikanischen B-52 das Land bombardierten und die Moral noch gut war, machten die Menschen zum Klang der Militärmärsche Freiübungen auf den Straßen.
Jetzt sieht man vom Fenster des Hotels "Hoa Binh", das weder fließend Wasser noch Elektrizität hat, lediglich Gruppen von Vietnamesen, die welkes Laub aufsammeln, um Feuer zu machen; andere hocken an kleinen Tischen, kochen eine dünne Suppe oder knabbern etwas Brot.
Im Zentrum Hanois, am berühmten "See des Zauberschwertes", voller Legenden und Erinnerungen an die glorreiche Vergangenheit, versuchen Kinder und erwachsene Männer, sich ein Mahl zusammenzustellen: Sie tauchen kleine Plastiktüten in das schmutzige Wasser und hoffen, auf diese Weise Fische zu fangen.
Im angrenzenden Park -- wie in allen Parks in den Städten Hue, Da Nang, Nha Trang und Saigon -- erheben sich frühmorgens scharenweise die Bettler von den Bänken und beginnen, sich gegenseitig zu entlausen.
Bei Sonnenaufgang stellen sich an den Straßenkreuzungen in jedem Dorf und in jeder Stadt des Landes kleine Jungen und alte Männer hinter ihrem einzigen Mittel zum Broterwerb auf: einer Fahrradpumpe. Wie Millionen anderer abgemagerter, blasser Vietnamesen beginnen sie erschöpft den Tag, um erneut den Kampf um ein wenig Essen aufzunehmen.
Sechs Jahre nach dem großen Sieg, der großen Hoffnung auf Frieden, den großen Reden über Wiederaufbau und Wohlstand des wiedervereinigten Staates ist Vietnam das Land eines entmutigten Volkes, gezeichnet von Hunger, Krieg und Bedrückung. S.111
Hanoi hat den nationalistischen Jahrhunderttraum der Vietnamesen verwirklicht: Es beherrscht das gesamte frühere Französisch-Indochina, Laos und Kambodscha inklusive, es ist neben China die stärkste Militärmacht in Fernost geworden.
Doch die grandiose äußere Machtentfaltung steht in beklemmendem Gegensatz zum Elend des Landes: "Wir essen, und unser Magen ist nicht gefüllt. Wir kleiden uns, und unsere Blöße ist nicht bedeckt. Wir sterben, und wir haben keinen Sarg", lautet eine gängige Redensart.
Von den nebelverhangenen Bergen längs der Nordgrenze, wo Hanois Soldaten in ihren Schützengräben auf den nächsten Angriff der Chinesen warten, bis zu den Sümpfen und Reisfeldern des Mekong-Deltas im Süden, wo rebellische Bauern auf den nächsten Angriff der Kommunisten warten, die ihr Land kollektivieren wollen, bietet Vietnam ein bedrückendes Panorama von Niederlagen.
Die Wirtschaft ist am Ende, oder wie ein Experte sagt: "Es gibt keine Wirtschaft." Die Landwirtschaft produziert weit weniger, als für die Ernährung des Volkes reicht. Industriebetriebe arbeiten mit halber Kapazität, wenn sie überhaupt arbeiten. Der eroberte Süden ist nicht integriert, im Norden hat die Führung Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren.
Alte, aber auch neue Übel erschüttern die Gesellschaft: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Prostitution, Korruption. Zehntausende ehemaliger politischer Gefangener und ein erheblicher Prozentsatz der städtischen Bevölkerung, gewöhnlich die am besten ausgebildeten Bürger, sinnen nur auf Mittel und Wege, aus dem Land zu entkommen.
Das Verhältnis zwischen Volk und Obrigkeit wird von Furcht und Mißtrauen bestimmt. Ein Militär- und Polizeiapparat beherrscht das Land, der zwei Drittel des mageren Staatshaushalts verbraucht -- Kommunismus absurd.
Der ehrgeizige Fünfjahresplan, der nach dem Sieg von 1975 entworfen wurde, sah ein wirtschaftliches Wachstum von jährlich 14 Prozent vor. Es sind nur zwei Prozent geworden, während die Bevölkerung ständig um drei Prozent zugenommen hat. Die Getreideproduktion hätte ab 1980 21 Millionen Tonnen pro Jahr betragen sollen, aber selbst die optimistischsten Schätzungen für dieses Jahr gehen über 13 Millionen Tonnen nicht hinaus.
"Wir haben es mit einem Land von 58 Millionen Einwohnern zu tun, das sich im Konkurs befindet", sagt der offizielle Vertreter einer internationalen Organisation.
Es gibt keine Berichte, nach denen Menschen tatsächlich verhungert wären, und doch ist Unterernährung im kommunistischen Vietnam ein sichtbares Phänomen geworden: an den Hautkrankheiten der Kinder, an der offenkundigen Entkräftung der Erwachsenen.
"Sie denken an nichts weiter als ans Essen, ans Essen", sagt ein ausländischer Ingenieur über die Arbeiter in einer Textilfabrik, bei deren Aufbau er mithilft. "Sie haben nicht genügend Kalorien, deshalb arbeiten sie nicht ordentlich."
Im Januar dieses Jahres brach wegen unzureichender Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Nähe der Stadt Vinh die Amöbenruhr aus, und im März weigerten sich Hafenarbeiter im Hafen von Haiphong, ein sowjetisches Schiff mit Lebensmittelkonserven zu beladen, die als Zahlung für importierte Waren gedacht waren.
"Erst müssen wir die Arbeiter mit Lebensmitteln versorgen, dann können wir die Industrie aufbauen", sagt Huan Tung. Redakteur der Parteizeitung "Nhan Dan", "dem Magen gilt jetzt unsere Hauptsorge."
Der Durchschnittslohn liegt bei 60 bis 80 Dong; ein US-Dollar ist drei Dong wert -- zum offiziellen Kurs, auf dem Schwarzmarkt zehnmal soviel. Eine Schüssel Suppe kostet sieben Dong.
Wer für die Regierung arbeitet, hat Anspruch auf 13 bis 18 Kilogramm Reis im Monat, zum offiziellen Preis von 0,38 Dong pro Kilo. Die staatseigenen Geschäfte haben jedoch nicht genügend Reis vorrätig, und auf dem freien Markt kostet das Kilo 18 Dong.
Jeder Vietnamese hat Anspruch auf eine monatliche Fleischration von einem Pfund, zum Preis von 3,8 Dong pro Kilo. Will er sich auf dem freien Markt ein Kilo Rindfleisch dazukaufen, muß er dafür einen halben Monatslohn (40 Dong) opfern, für ein Kilo Fisch immerhin noch 25 Dong.
Deshalb bestehen die Mahlzeiten der meisten Vietnamesen nur aus ein wenig S.112 Reis, Maniok, Mais und etwas Gemüse. Nur bei einem ganz besonderen Anlaß kommt das von der Familie liebevoll großgezogene Huhn in den Topf.
In Hanoi kam kürzlich ein Mann in eine Kantine, bestellte Reis und Salz und legte einen bemalten Holzfisch auf den dampfenden Teller, aß, steckte den Fisch wieder ein und ging. Am nächsten Tag kam er wieder und tat das gleiche -- der Protest war unverkennbar, so daß die Polizei ihn schließlich festnahm. Seine Mitbürger witzeln, ihm sei der Titel "sozialistischer Held" verliehen worden, da er die "wiederverwendbare Nahrung" erfunden habe.
Vietnam ist zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Produktion zu ernähren -aber so kläglich wie jetzt, da das Land politisch alles erreicht zu haben scheint, lebten die Vietnamesen lange nicht mehr.
Während des Krieges lebte das Land zum Teil von Auslandshilfe: Der Norden erhielt Lieferungen aus China, der Süden aus den USA. Nach der gewaltsamen Wiedervereinigung versiegten diese beiden Quellen, und die neuen Gönner, die Sowjets, können nicht für alles aufkommen.
"Seit 1975 haben wir sechs Millionen Menschen mehr und zehn Milliarden US-Dollar weniger", sagt der prominente Historiker Nguyen Khac Vien aus Hanoi. "Die bloße Tatsache, daß wir überhaupt überlebt haben, ist schon ein Wunder."
Dabei schienen die Kommunisten gar nicht so schlechte Chancen zu haben, als sie vor sechs Jahren als Befreier den Süden übernahmen. Der Sieg über das mächtige Amerika hatte ihr Ansehen gesteigert, sie konnten sich auf ihre harte Ideologie stützen, und sie hatten einen Plan, der für jede Lebenslage eine Lösung vorsah.
Ihre größte Herausforderung: Die Städte waren überfüllt und ohne Lebensmittel. Ihre Lösung: Umsiedlung in "neue Wirtschaftsgebiete", damit die Städte entlastet würden. Die Menschen, die nach dem Abzug der Amerikaner ohne Arbeit waren, sollten Neuland gewinnen, den Dschungel in Kulturland verwandeln.
Durch Überzeugung oder Gewalt wurden Tausende Familien, vor allem die Angehörigen ehemaliger Soldaten der Thieu-Armee, aus Saigon und anderen Städten abgezogen und in unbewohnten Gegenden wieder angesiedelt.
Dort lebten sie oft unter erbärmlichen Bedingungen: unzureichende Wasserversorgung, keine medizinische Betreuung. Viele der Umgesiedelten gingen zugrunde, auch wirtschaftlich war die Aktion ein Fehlschlag.
Denn sechs Jahre später ist nur eine halbe Million Hektar Land überhaupt urbar gemacht, ein großer Teil wirtschaftet immer noch unproduktiv.
Le Minh Xuan zum Beispiel war ein berühmtes neues Wirtschaftsgebiet, ungefähr 30 Kilometer nordwestlich von Saigon, eines der ersten. Regelmäßig wurden Besucher dorthin geführt, um das Modell der "Zukunft Vietnams" zu besichtigen.
Heute wird kein Besucher mehr zugelassen, weil Le Minh Xuan inzwischen wieder eine Wüste ist: Die Hütten sind verlassen, die Felder der sengenden Sonnenglut ausgesetzt, die ungepflasterte Straße, die hindurchführt, ist leer.
Die 4000 Hektar Land, die unter unsäglichen Mühen urbar gemacht und bestellt wurden, liegen brach. Niemand hatte bedacht, daß in diesem Gebiet 30 Zentimeter unter der Oberfläche eine Schicht mit besonders saurem Boden liegt, der, mit Wasser vermischt, das gesamte Erdreich vergiftet.
Da exakt bis zu 30 Zentimeter tief gepflügt und die darunterliegende Erde auch noch zum Bau kleiner Deiche längs der Reisfelder verwandt wurde, ist nun der gesamte Boden unfruchtbar.
"Es hätte ausgereicht, das Gebiet vorher zu untersuchen, ein paar Tests durchzuführen und anderswo zu graben", sagt ein ausländischer Experte, der zur Untersuchung herkam. Jetzt ist es zu spät.
Jene Tausende, die nachts, Familie neben Familie, in Saigons Straßen auf Plastikbahnen schlafen, auf dem Pflaster rings um den Zentralmarkt und in den Bahnhöfen, sind Rückkehrer, die Le Minh Xuan und andere neue Wirtschaftszonen aufgegeben haben.
Sie sind voller Verzweiflung in ihre Städte zurückgekommen, wo sie jetzt weder Arbeit noch Unterkunft finden. Denn die Wohnungen, in denen sie lebten, wurden in der Zwischenzeit anderen zugewiesen, die meist aus dem Norden kamen.
Ein ähnliches Fiasko im Westen des Landes, in der "Ebene des Riedgrases" an der kambodschanischen Grenze: Obwohl die Bauern davor gewarnt hatten, ordneten die Kader in Hanoi an, auf diesem Gebiet von 10 000 Hektar Reis anzubauen. Bis jetzt wurde noch kein einziges Kilo geerntet.
Im neuen Wirtschaftsgebiet Kieng Giang sollte Jute gepflanzt werden. Doch das Saatgut, das aus dem Norden S.113 stammte, war für das Klima im Süden nicht geeignet.
Die Folgen in Saigon waren verheerend: Die Textilfabrik Nr. 13 im vierten Stadtbezirk -- alte britische Maschinen aus den 40er Jahren, über 1000 Arbeiter --, die eigens wiedereröffnet worden war, um monatlich 150 000 Ballen Jute zu produzieren, muß ihr Rohmaterial jetzt aus dem 1500 Kilometer entfernten Hanoi beziehen.
Unwissenheit und Sturheit haben das Experiment mit den neuen Wirtschaftsgebieten zur Katastrophe werden lassen: Die Städte sind immer noch überfüllt, es herrscht noch die gleiche Arbeitslosigkeit wie vorher, aber die Südvietnamesen haben ihren Glauben an die Fähigkeit der Kommunisten verloren, die Probleme des Landes lösen zu können.
Am Ende des Krieges erbten die neuen Machthaber im Süden eine moderne, leistungsfähige Infrastruktur. Aus Mangel an Mitteln oder aus schierer Unfähigkeit waren sie nicht in der Lage, sie zu nutzen und sie zumindest auf dem vorhandenen Stand zu halten.
Die Textilfabriken in Bien Hoa, nördlich von Saigon, hatten eine Jahresproduktion von 300 Millionen Metern Stoff, wobei die Baumwolle aus Japan und Taiwan importiert wurde. Wegen Rohstoffmangels ist die Produktion jetzt unter ein Drittel des früheren Standes gesunken.
Die Kader aus Hanoi ordneten an, auf großen Flächen rings um Saigon Baumwolle anzubauen. Da sie jedoch keine Pestizide mitlieferten, fiel die erste Ernte vergangenes Jahr Schwärmen von Insekten zum Opfer.
In Da Nang bauten und leiteten die Malteser mit deutschem Geld eine der modernsten chirurgischen Stationen des Landes. Heute ist das "C"-Krankenhaus innen nur noch ein Haufen Schrott: Mikroskope ohne Beleuchtung, Kühlschränke ohne Kompressoren, ein Operationsraum ohne Klimaanlage.
Die größte Verschwendung aber beging das neue Vietnam mit seinen Menschen. Im Süden fanden die Eroberer viele im Ausland ausgebildete Ingenieure und Techniker vor, denen es am Ende des Krieges nicht gelungen war zu fliehen oder die sich entschieden hatten, zu bleiben und unter der neuen Regierung zu arbeiten.
Diese qualifizierten Kräfte verloren fast durchweg ihre Arbeitsplätze an Zuwanderer aus dem Norden. Der frühere Chefingenieur des Saigoner Postamtes etwa arbeitet jetzt hinter einer Schreibmaschine; der Direktor der Saigoner Wasserwerke wurde als Arbeiter in einen landwirtschaftlichen Betrieb geschickt; der Direktor der größten Kautschuk-Plantage im Süden zum Buchhalter gemacht.
Madame Dai, eine frühere Anwältin, betreibt in ihrer Wohnung ein Restaurant, in dem man zwischen juristischen Fachbüchern und der Keramik-Sammlung ißt.
Ein ehemaliger Gymnasialprofessor hat auf dem Boulevard Dong Khoi, der alten Tu-Do-Straße, ein Geschäft, in dessen Fenster ein Buch von Lenin lockt. In Wahrheit können dort Paare alles leihen, was sie für die Hochzeit brauchen, vom Kleid bis zur Armbanduhr. Ein riesiges Kapital an Knowhow, das das Land so dringend braucht, wird auf diese Art und Weise vertan.
Als die Kommunisten den Süden übernahmen, brachten ihnen viele Intellektuelle die Bereitschaft entgegen, für die neuen Herrscher und den Wiederaufbau des Landes zu arbeiten. Dieser Goodwill wurde verspielt, die Zusammenarbeit mit Nichtkommunisten zurückgewiesen, viele von ihnen saßen Monate oder Jahre in den gleichen Gefängnissen, in denen Thieu seine Gegner gefangenhielt.
Cao Giao etwa, ein vietnamesischer Journalist, der unter anderem für den SPIEGEL gearbeitet hatte, war einer von jenen, die sich zum Bleiben entschieden, denn er pflegte zu sagen: "Die Revolution bringt mich ins Träumen." 1978 wurde er verhaftet und ins Chi-Hao-Gefängnis gesteckt, die meiste Zeit saß er in Einzelhaft. Anklage wurde nie erhoben, kürzlich kam er frei.
Auf den Straßen von Saigon, Da Nang, Hue und jeder beliebigen anderen Stadt des Südens trifft man Tausende qualifizierter Menschen, denen die wirtschaftliche Existenz genommen S.114 wurde: Gymnasiallehrer, Pharmaziestudenten, Dolmetscher, Techniker.
Auf dem neuen Buchmarkt in Saigon verkaufen Intellektuelle ihre Sammlungen, damit sie ihre Flucht finanzieren können, oder aber sie halten nach Gelegenheitsarbeit Ausschau, um eine Schüssel Suppe zu verdienen -- wie der Ex-Fallschirmjäger, der perfekt Englisch und Französisch spricht.
"Ich habe drei Jahre in einem Umerziehungslager verbracht. Eines Tages stellten sie mir ein Papier aus, in dem es hieß, ich sei tauglich. Tauglich wozu?" Blaß, langhaarig und zahnlos, ist er mit 26 Jahren arbeitslos, ohne Hoffnung, einen Job zu finden.
Lange Schnurrbärte und Haare, die den Nacken hinunterwachsen, kennzeichnen gewöhnlich die Menschen, die aus den Lagern heimgekehrt sind. Nachts sammeln sich Gruppen solcher Desperados in den düsteren Cafes von Saigon, um langsam billige Limonade zu schlürfen und sich von der Stereomusik vergangener Tage betäuben zu lassen. Niemand spricht, denn der Nachbar könnte ja ein Spitzel sein, und die Worte "er derzeit populärsten Melodie hämmern zwischen den Wänden: ... " " ein Urlaub in den Tropen - kann in diesem Jahr die Lösung " " sein - hier ist der amerikanische Traum - daß wir jetzt ohne " " Mittel reisen können ... "
Als die Kommunisten in Saigon einmarschierten, nannten sie jeden "Bruder" und versprachen eine Politik der nationalen Versöhnung und Eintracht, so daß die Wunden des langen Bürgerkrieges geheilt würden. Sie haben ihr Versprechen nicht gehalten.
Schlechthin jeder, der irgendwie oder irgendwann für eines der früheren Regime Südvietnams gearbeitet hat, ist gebrandmarkt und diskriminiert, ebenso seine Familie.
Und wer in der Vergangenheit etwa im Süden eine bedeutende Position innehatte, darf seine Kinder nicht auf die Universität schicken. Auf seinem Leben lastet eine Sünde, von der ihn keine Beichte erlösen kann.
Alle Direktoren der staatlichen Fabriken und Unternehmen im Süden sind inzwischen Nordvietnamesen oder Einheimische, die sich bereits in den 50er Jahren den Kommunisten angeschlossen hatten. Die offizielle Begründung lautet: "Sie kennen das sozialistische Führungssystem."
Die Wahrheit ist, daß am Ende des Krieges eine ganz neue Gesellschaftsschicht aus dem Dschungel auftauchte, um ihren Anteil an der Siegesbeute zu fordern. Unerbittlich übernahmen sie die Häuser, die Rollen und die Privilegien der früheren herrschenden Klasse.
Der Verkehrspolizist in den Straßen von Saigon kommt aus Hanoi; der Fahrer einer Taxigesellschaft in Nha Trang ist Nordvietnamese, auch der Buchhalter eines landwirtschaftlichen Betriebes in Beng Song, der Direktor der Museen in Hue, der Direktor des Hotels Oriental in Da Nang, dessen Personal vollständig gegen Kinder revolutionärer Kader ausgetauscht wurde.
Die Kommunisten hatten sogar geplant, die vielen tausend Gräber der Thieu-Soldaten auf dem Friedhof in Cong Hoa nördlich von Saigon zu beseitigen, um dort ihre eigenen Toten zu bestatten. Im letzten Augenblick jedoch gab jemand zu bedenken, das gehe zu weit, und so wurde beschlossen, den alten Friedhof derjenigen, die "für die Freiheit starben" (wie es seinerzeit hieß), verfallen zu lassen und auf der anderen Seite der Straße einen neuen Friedhof für diejenigen anzulegen, "die für die Revolution starben" (wie es heute heißt).
Entlassene Soldaten aus der Armee Nordvietnams erhalten überall im Süden Arbeitsplätze. Ngo Cung Vien und Nguyen Tiem Binh etwa nahmen 1972 beide an der langen Schlacht um Quang Tri teil. Der eine kämpfte in der Armee Hanois, der andere in der Saigons. Beide traf ich auf der Suche nach einem Bunker, in dem ich während S.115 der Schlacht von Quang Tri Schutz gesucht hatte.
Aber: Der Mann aus dem Norden ist mit seiner Familie hierhergezogen und hat einen Arbeitsplatz erhalten; er ist für das Lautsprechersystem des Gebietes zuständig. Der Mann aus dem Süden, aus der Umerziehung entlassen, scharrt zwischen dem Schutt und den ausgebrannten Karosserien von Lastkraftwagen, Panzern und nichtexplodierten Granaten nach verkaufbarem Eisenschrott. Eine gefährliche Arbeit.
Denn seit Beginn dieses Jahres fanden in der Ebene, wo früher einmal die Stadt Quang Tri stand, fünf Menschen durch explodierende Munition den Tod. "Haben Sie gar keine Angst?" frage ich Ngo Cung Vien. Er zuckt mit den Achseln und lächelt: "Das ist das einzige, was ich tun kann." Mit einer Eisenstange auf der Schulter schlurft er den Weg entlang.
"Wir taten recht daran, mit ihnen gemeinsam zu kämpfen. Wir konnten nicht zu Thieu und den Amerikanern halten", sagt ein 36jähriger Katholik, der zu Beginn der 70er Jahre in den Untergrund ging und sich der Revolution anschloß.
Aber er fährt fort: "Wir haben nur den Fehler gemacht, zu vergessen, daß sie Kommunisten sind und daß sie, sobald sie die Macht haben, alles für sich beanspruchen."
Selbst jene Südvietnamesen, die lange Jahre auf der Seite der Kommunisten als Soldaten und Vertreter der Provisorischen Revolutionsregierung (PRG) im Dschungel verbrachten, sind heute diskriminiert und kaltgestellt.
Madame Nguyen Thi Binh etwa, die ehemalige Außenministerin der PRG, hat jetzt einen zweitrangigen Ministerialposten in der Regierung in Hanoi; Nguyen Huu Tho, der erste Präsident des eroberten Südens, wurde mit einer ehrenvollen, aber machtlosen Stelle in der Regierung abgespeist, ebenso wie Huynh Tan Phat, der ehemalige Premier.
Jene südvietnamesischen Intellektuellen, die sich erst nach der Tet-Offensive 1968 der Revolution angeschlossen haben, werden als nicht ganz zuverlässige "Schlußlichter" angesehen.
"Sie trauen uns nicht", sagt Le Van Hao in Hue. 1972 war er ein berühmter Fall: Der Professor an dem angesehenen Gymnasium der früheren Kaiserstadt verschwand damals aus Hue, bald darauf rief er im Rundfunk im Namen der PRG zu einem allgemeinen Aufstand gegen das Thieu-Regime auf.
Auf die in Hue geäußerte Bitte, ein Treffen mit ihm in die Wege zu leiten, hieß die Antwort: "Mit wem? Wir haben nie etwas von ihm gehört."
Tags darauf näherte sich mir während eines Spaziergangs am "Perfumed River" ein hagerer Mann mittleren Alters. "Ich bin Le Van Hao. Gestern saß ich hinter Ihnen, als Sie meinen Namen erwähnten." Er möchte gern seine Tochter in Frankreich besuchen, bekommt aber kein Visum.
Zu den südvietnamesischen Revolutionären, die von der Starrheit und dem Dogmatismus des neuen Regimes tief verstört sind, gehört auch Madame Duong Quynh Hoa, früher Gesundheitsministerin der PRG: "Dies ist mein Land, und ich werde dafür arbeiten. Aber nicht innerhalb der Regierung."
Vor kurzem trat sie von all ihren Ämtern zurück und arbeitet jetzt als Ärztin auf der Kinderstation des alten Grall-Krankenhauses in Saigon. "Ich kann nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die meinen, allein im Besitz von Wahrheit und Tugend zu sein", sagt sie.
Als die Kommunisten den Süden übernahmen, kamen sie auch mit dem wohlverdienten Anspruch moralischer Überlegenheit. Sie waren die Helden, die im Dschungel gelebt hatten, wo es keine Korruption gab, sie kamen, um in die morsche Gesellschaft des Südens Ordnung zu bringen.
Jahre der Opfer und der Entbehrungen hatten ihnen eine Art natürliches S.116 Recht verliehen, das Land zu regieren, das sie von Kolonialismus und ausländischer Intervention befreit und wiedervereinigt hatten. Diese Unschuld haben sie verloren.
Das Elend Korruption ist heute im kommunistischen Vietnam ebenso weit verbreitet wie seinerzeit unter Thieu. Man muß unter der Hand Geld hinblättern, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, um die Erlaubnis zu erhalten, im Lande umherzureisen, um einen Arzt aufzusuchen, ins Ausland zu fliehen.
Anders kann es auch gar nicht sein, denn nur wenige können von ihren Löhnen existieren. "Der Staat tut so, als bezahle er uns, also tun wir so, als arbeiteten wir", sagen Arbeiter und halten sich mit Nebengeschäften und Schmuggel über Wasser. Das gleiche gilt für den Polizisten, den Parteifunktionär, den Dorfverwalter, die allesamt ebensowenig in der Lage sind, von ihrem Gehalt zu leben.
In Saigon wurde kürzlich ein hoher kommunistischer Funktionär vor den Disziplinarausschuß der Partei zitiert, weil bekanntgeworden war, daß er insgeheim ein kleines Straßencafe betrieb. Seine Verteidigung war einfach: "Entweder die Cafestube oder Korruption. Von 80 Dong kann ich nicht leben."
Der Polizist im Stadtviertel verlangt zwei Päckchen ausländische Zigaretten, jetzt 100 Dong wert, um den Besuch eines Verwandten in der Wohnung irgend eines Vietnamesen zu decken. Der Parteikader, der für die Fleischzuteilung im Viertel verantwortlich ist, gibt ein paar Kilo zum offiziellen Preis zum Verkauf frei, schlägt aber den Rest auf dem freien Markt los und teilt den Gewinn mit den Mitwissern: Die Korruption ist heute ein Monstrum, das den gesamten Staatsapparat beherrscht.
Nach dem neuesten Witz wollte Premier Pham Van Dong einmal selbst sehen, wie das Volk lebe. Inkognito unternimmt er eine Tour durch Saigon. Auf dem Platz vor der Kathedrale sieht er einen Mann, der vor der Statue der Jungfrau Maria betet: "Heilige Mutter, bitte schenke mir 100 Dong!" Pham Van Dong schaut in seine Tasche, findet 70 Dong und gibt sie dem Mann.
Eine Stunde später kehrt er zurück und sieht den gleichen Mann vor der Statue beten: "Heilige Mutter, wenn du mir das nächstemal Geld schickst, dann bitte nicht über die Partei. Sie behält immer 30 Prozent ein!"
Längst hat die Partei den Mythos und das Ansehen verloren, die sie während des Krieges sogar bei den Südvietnamesen genoß, als sie im Untergrund arbeitete und kämpfte.
Parteikader wohnen jetzt in den besten Häusern, haben Zugang zu besonderen Krankenhäusern und leben weit ab von den Tagesnöten des Volkes --Nomenklatura-Kommunismus wie gehabt. "Die Fische haben die Gewässer des Volkes verlassen und leben jetzt im Aquarium", lautet eine gängige Redensart.
Vor kurzem stand an Mauern in Hanoi: "Hübsche Villa, fünf Zimmer, zwei Bäder, Klimaanlage und Swimming-pool zu vermieten, Ngo Quyn Nr. 32." Das ist die Adresse Le Duans, des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei.
Die Graffiti an den Wänden vietnamesischer Häuser sprechen eine Wahrheit, die in der streng zensierten Presse nicht zu lesen ist. "Es gibt nichts Kostbareres als Freiheit und Unabhängigkeit", hieß der Wahlspruch Ho Tschi-minhs, der besonders oft zitiert und geschrieben wurde. Jetzt sind die letzten Wörter oft ausgelöscht, und so lautet dann die Losung: "Es gibt nichts."
Thieu pflegte seine Anhänger vor dem Kommunismus zu warnen: "Hört nicht auf das, was sie sagen, schaut auf ihre Taten!" Ohne daß der Autor erwähnt würde, den jeder kennt, wird dieser Satz jetzt hier und da wieder an Wände gekritzelt.
"Ihre Politik besteht aus Fallen. Sie versprechen etwas und machen etwas anderes", sagt ein katholischer Priester. Das am meisten zitierte Beispiel für "kommunistischen Betrug" ist die sogenannte Umerziehung.
Unmittelbar nach der Einnahme Saigons forderten die neuen kommunistischen Behörden jeden auf, der für den Militär- oder Zivilapparat des alten Regimes gearbeitet hatte, sich mit einem Moskitonetz und einer Monatsration Reis zur Umerziehung zu melden.
Hunderttausende kamen. Die meisten wurden nach einigen Tagen oder S.117 Wochen freigelassen. An die 250 000 Menschen verschwanden in fernen Dschungellagern, die über das ganze Land verteilt sind.
1976 verkündete die Regierung offiziell, die Umerziehung werde höchstens drei Jahre dauern, danach würden die Insassen der Lager entweder entlassen oder vor Gericht gestellt.
Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und viele Lagerinsassen sind nicht zurückgekommen. Wie viele? Niemand will diese Frage beantworten. Die Schätzungen schwanken zwischen 20 000 und 200 000.
"Wir behalten sie, weil sie ihre Ansichten noch nicht geändert haben. Wir sind geduldig, und wir können warten, bis sie ihre Verbrechen anerkennen", sagt Oberstleutnant Nguyen Van Mo, der Kommandant des Umerziehungslagers Hai Tay 25 Kilometer südlich von Hanoi, über seine 462 Insassen.
Die Zellen sind sauber, im Garten blühen die Blumen, die Verpflegung ist ausgezeichnet, die Wächter lächeln. Alles sieht aus wie ein Modellgefängnis, für auswärtigen Besuch präpariert. Mitunter wird des Guten zuviel getan, wird die Perfektion zur Perversion, das Lächeln zur Grimasse.
In einem Klassenzimmer spielt ein Gefangenenorchester einen Walzer; 24 ehemalige Generäle, Obristen, Richter S.118 am Obersten Gerichtshof unter dem Thieu-Regime stehen auf und applaudieren, während der Lagerkommandant einen nach dem anderen überprüft, wobei er erklärt, daß dieser Mann große Fortschritte gemacht habe und daß leider noch immer nicht jeder einen rückhaltlosen Bericht über seine Missetaten geschrieben habe.
Auf den Tischen liegen die Bücher für den Unterricht: "Eine anregende Freundschaft: Marx und Engels", die Zeitschrift "Lien Xo" (die Sowjet-Union), Bildbände über den Krieg.
Da ist General Nguyen Vinh Nghi, früher Kommandeur des 3. Armeekorps, der in der Schlacht bei Nha Trang gefangen wurde; da ist General Pham Duy Tat, Chefkommandant der Truppen, die sich in Can Tho ergaben.
Sechs Jahre lang wurden sie täglich aufgefordert, ihre Geschichte zu schreiben, ihre Fehler zuzugeben, zu bereuen. Nur einige sind weich geworden oder zerbrochen.
Oberst Loi Du Chuan, früher Mitglied des Generalstabs, nimmt Haltung an, er trägt eine schwarze Uniform, ein weißes Halstuch, eine schwarze Mütze und eine dunkle Brille. "Einer meiner Söhne ist in Deutschland", sagt er, "der Rest der Familie ist in Saigon, oh, nein, nicht Saigon, Ho-Tschiminh-Stadt", korrigiert er sich und schaut dabei verlegen auf den Lagerkommandanten, da er befürchtet, er habe schon wieder ein Verbrechen begangen.
Fünf Menschen sind hier gestorben, unter ihnen der berühmte Anwalt und Senator Tran Van Tuyen. "Gehirnblutungen", sagt der Lagerkommandant. "Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten", sagt einer seiner Freunde in Saigon, "er hielt es nicht länger aus."
Oberst Tran Van Tuoi hat seine alte Uniform erhalten, um seine Frau zu empfangen. Sie ist aus Can Tho im Mekong-Delta angereist, die Fahrt hat ihr Kosten von über 1000 Dong verursacht.
"Dieses Lager ist zweifellos ein Beweis für Humanität", schrieb ein französischer Journalist in das Gästebuch. Die Behörden aber wissen selbst, daß diese Lager, in denen nicht nur Generäle und Obristen leben, sondern auch Feldwebel, Richter, Anwälte und politische Gegner, die erst kürzlich verhaftet wurden, das Regime in der Bevölkerung Südvietnams schwer belasten.
"Wir müssen jedoch das kleinere Übel wählen. Wenn wir nämlich diese Leute heute entlassen, arbeiten sie morgen gegen uns und versuchen, die revolutionäre Macht zu stürzen", gibt ein hoher Beamter in Hanoi offen zu.
Im nächsten Heft
Für alle Übel wird China verantwortlich gemacht - Die tote Stadt Cao Bang - Russen gegen Chinesen - Rettung durch Privatwirtschaft?
S.114
... ein Urlaub in den Tropen - kann in diesem Jahr die Lösung sein -
hier ist der amerikanische Traum - daß wir jetzt ohne Mittel reisen
können ...
*
S.114 Links: ehemaliger Fallschirmjäger als Antiquar; rechts: ehemaliger SPIEGEL-Mitarbeiter Cao Giao. * S.118 Links: Oberst Loi Du Chuan; Mitte: Kinderbesuch; rechts: Insasse mit der Zeitschrift "Sowjet-Union". *

DER SPIEGEL 35/1981
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