24.08.1981

SPANIENKleines Tierchen

Nach der Speiseöl-Seuche, die inzwischen fast 100 Menschen das Leben kostete, entdecken die Spanier immer neue Gifte in ihren Lebensmitteln.
Rafael Dominguez, Arzt im spanischen Escobar de Campos, einem kleinen Dorf in der Hochebene von Kastilien, hatte es eilig. Ohne viele Worte verfrachtete er sieben Patienten, die gerade aus der Kirche kamen, in einen Ambulanzwagen und zwei Taxis. Dann raste die kleine Kolonne ins 70 Kilometer entfernte Krankenhaus.
Don Rafael hatte allen Grund zur Eile. Die sieben Dörfler, deren Grippesymptome auf kein herkömmliches Medikament angesprochen hatten, litten an jener heimtückischen Vergiftung, die seit dem Frühjahr fast 100 Spanier getötet hat -- der "atypischen Lungenentzündung".
Knapp vier Monate nachdem der achtjährige Jaime Vaquero Garcia aus dem Madrider Vorort Torrejon de Ardoz der Seuche als erster zum Opfer fiel, ist das rätselhafte Leiden immer noch nicht eingedämmt, steigt die Zahl der Kranken -- offiziell derzeit 11 659 -- und Toten ständig weiter an. Trotz Tejero-Putsches und Touristenrückgangs reden die Spanier in Cafes und Kneipen über nichts häufiger und leidenschaftlicher als über die Krankheit, die durch gepanschtes Speiseöl hervorgerufen wird.
Die Dunkelziffer der Kranken ist nach Meinung von Fachleuten beträchtlich. Fast zwei Drittel aller bekannten Fälle sind in Madrid registriert, vor allem wohl deshalb, weil die Madrilenen einfach in die nahen Krankenhäuser gehen können. In entlegeneren Teilen des Landes, weitab von jedem Hospital, dürften noch zahlreiche Spanier, ohne es zu wissen, an der Öl-Epidemie erkrankt sein.
Mit einem Schlag hat die verheerende Ölseuche den Spaniern ins Bewußtsein gerufen, wie lax die Behörden, an der Spitze Gesundheitsminister Jesus Sancho Rof, die Lebensmittelkontrolle handhaben. "Die Toten des Sancho Ror -- so vergiften sie uns" betitelte das Nachrichten-Magazin "Cambio 16" eine Sommerausgabe.
Kaum ein Tag vergeht inzwischen in Spanien, an dem nicht neue Skandalmeldungen publik werden. Von den 1438 Schlachthöfen in Madrid, so ergaben amtliche Recherchen, entsprechen gerade vier den gesetzlichen Hygienevorschriften. Auf der Ferieninsel Gran Canaria ließen die Behörden, aufgeschreckt durch den Ölskandal, eine Horrormeldung an die Öffentlichkeit: Das Leitungswasser sei derart mit Nitraten verseucht, daß es für Kinder unter fünf Jahren tödlich sein könne.
In Lerida, 150 Kilometer westlich von Barcelona, gingen die Bäcker unbehelligt von aller behördlichen Aufsicht ihrem Handwerk nach. Noch im vorigen Monat wurde täglich eine halbe Million Kilo Brot ohne jegliche sanitäre Kontrolle gebacken, verkauft -- und wohl auch gegessen.
Vor zwei Wochen schloß die Polizei in Lerida einen illegalen Schlachthof, in dem verendete Rinder, deren Todesursache nie geklärt wurde, zu Wurst verarbeitet oder auch als Frischfleisch vermarktet wurde. Vorige Woche hoben amtliche Prüfer ein ähnliches Unternehmen in der Provinz Leon aus.
Was die aufgeschreckten Behörden da auf einmal in allen Landesteilen aufspüren, sind nicht allein die Produkte von raffinierten Kriminellen: Das Mißtrauen vieler Spanier gegen Obrigkeit und staatliche Eingriffe begünstigt einen landesweiten Schlendrian.
Überdies erweckt der Verkauf von Lebensmitteln in den bunten Märkten den Eindruck, als habe der Bauer hinter dem Tresen seine Ware direkt vom Hof herangekarrt. In Wahrheit jedoch stammen die Lebensmittel fast immer von professionellen Lieferanten, die unkontrolliert produzieren.
In Granada wurden im vergangenen Jahr drei Millionen Kilo Fleisch verzehrt, das von Schlachthöfen ohne Lizenz stammte. Nur 200 staatliche Kontrolleure sind in ganz Spanien eingesetzt, um die Herstellung von Lebensmitteln zu überwachen. Erst jetzt, unter dem Druck der Ölepidemie, wurde bekannt, daß die Granadinos täglich 27 000 Liter Milch getrunken haben, die ohne jede Aufsicht in den Molkereien zusammengepanscht wurden.
Auf der Liste der Lebensmittelskandale, die derzeit von Spaniens Medien nahezu täglich verlängert wird, fehlt kaum ein Nahrungsmittel. In nicht-alkoholischen S.121 Getränken fanden sich Schnapsreste, Brot wurde mit Chemikalien zur Aufhellung angereichert oder mit Wasser beschwert, um das vorgeschriebene Gewicht zu erreichen.
In Barcelona fanden die örtlichen Behörden alarmierende Ergebnisse, als sie das Käseangebot in der katalanischen Hauptstadt unter dem Mikroskop prüften: Fast ein Viertel aller Frischkäse-Sorten waren mit gefährlichen Bakterien verseucht. "Es ist ein wahres Wunder", kommentiert ein Chemie- und Biologie-Professor der Universität Barcelona, "daß nicht jeden Tag eine Epidemie wie die Ölseuche in Spanien ausbricht."
Besonders verbittert vermerken die Spanier, daß ihre Regierung immer neue Anstrengungen unternimmt, die Giftaffäre zu vertuschen. Seit Wochen versuchen die oppositionellen Sozialisten, in Madrid eine Parlamentsdebatte über die Ölseuche zu erzwingen. Bislang vergebens: Gesundheitsminister Sancho Rof hat sich erst mal auf Urlaub begeben.
Zuvor hatten Staatsvertreter ihre Landsleute abwechselnd mit Albernheiten und Beschwichtigungen auf die Palme gebracht. Die tückische Krankheit, so ließ Sancho Rof wissen, sei durch ein Mycoplasma verursacht. Das geheimnisvolle Wesen, nach Darstellung des Ministers zwischen den Spezies der Bakterien und Viren angesiedelt, sei "ein so kleines Tierchen, daß es sofort tot ist, wenn es auf den Boden fällt".
Als der Madrider Klinikdirektor Antonio Munro Zweifel an den Darlegungen des Ministers äußerte, ließ Sancho Rof den Arzt vom Dienst suspendieren.
In Torrejon de Ardoz, wo es den ersten Toten gab, demonstrierten örtliche Würdenträger bei einem öffentlichen Erdbeeressen, daß zumindest die Früchte der Region die Katastrophe nicht verursachten.
Munros These aber, wonach die Krankheit über die Verdauungsorgane in die Körper der Opfer gelangte, wurde schließlich doch bestätigt. Monate, nachdem der Arzt seinen Verdacht geäußert hatte, bestätigte die Regierung, daß aus Frankreich importiertes Rapsöl die Krankheit verursacht, die inzwischen offiziell als "toxisches Syndrom" bezeichnet wird.
Für die Behörden war das Eingeständnis überaus peinlich. Spaniens Industrie, die mit dem Rapsöl heißen Stahl kühlt, verbrauchte im vergangenen Jahr lediglich 200 Tonnen des gefährlichen Stoffes. Allein die Brüder Fernando und Juan Miguel Bengoechea erhielten jedoch für ihre Firma Rapsa staatliche Einfuhrlizenzen für mehrere tausend Tonnen. Wo die Differenz blieb, interessierte offenbar keinen Verantwortlichen so recht.
Regierungs-Kritiker ahnen, warum. Die in San Sebastian beheimateten Ölhändler, die beide verhaftet wurden, verfügten über einen guten Draht nach Madrid. Ein dritter Bruder Bengoechea ist ein hoher Beamter im Handelsministerium, das die Lizenzen vergibt.
Fest steht inzwischen: Das tödliche Öl ist kaum noch aufzuspüren, obwohl bei einer Umtauschaktion, die das Gesundheitsministerium organisierte, 240 000 Liter zusammenkamen.
In über 20 Sorten Markenöl fanden staatliche Prüfer Spuren des gefährlichen Raps-Stoffes. Niemand weiß, in welchen Konserven, Würsten oder Backwaren das Gift steckt.
Als Wissenschaftler des staatlichen Laboratoriums Majadahonda eine Stichprobe von 3000 Produkten untersuchten, kamen sie zu einem erschreckenden Ergebnis: In jedem zehnten Artikel fanden sie die gefährlichen Ölpartikel oder andere Giftstoffe.
Und noch ist den Ärzten unklar, was der Erreger der Öl-Epidemie ist und wie er wirkt. Aus dem französischen Rapsöl wurden zwar diverse Giftstoffe herausgefiltert. Aber welcher die Krankheit auslöst, ließ sich bislang nicht ermitteln.
So sind die Mediziner dem tödlichen Stoff, der nach den Lungen auch Leber, Nieren und Nervensystem attackiert, hilflos ausgeliefert. Bisher, räumte der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Sanchez Harguindey, vorige Woche ein, gebe es kein wirksames Medikament gegen die Seuche.
Wer an der Ölseuche erkrankt, heißt das, muß Glück und eine gute Kondition haben.
S.119 Beamte in Torrejon de Ardoz wollen zeigen, daß die örtlichen Erdbeeren nicht verseucht sind. *

DER SPIEGEL 35/1981
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