24.08.1981

JAPANHeilloser Wirrwarr

Eine Kette von Blackouts im Computersystem legt ganze Großstädte lahm - Japan erlebt einen Rückschlag im Elektronikrausch.
In der staatlichen Polizeibehörde machte der große Bruder schlapp. Wie alle Monate wieder, fiel im Tokioter Stadtteil Nakano der zentrale Fahndungscomputer aus, zuständig für täglich bis zu 40 000 Abrufe auf Steckbriefe und Fingerabdrücke, Kraftfahrzeuge und Führerscheine.
Fast zur selben Stunde sank die City der Millionenmetropole Osaka in einen Dornröschenschlaf. Dort war der Strom weg, nichts ging mehr: kein Elektrowellenherd und kein Bürocomputer, weder Aufzüge noch Verkehrsampeln.
In den Einkaufszentren des Stadtteils Tenjinbashi verharrten Kunden wie Verkäufer hilflos vor toten Registrierkassen. Der TV-Anstalt Yomiuri half auch ein eilends angeworfener Notgenerator nicht, die Bildschirme blieben nach zwei Minuten endgültig matt.
Eine bislang beispiellose Kette von Blackouts dieser Art hat der von Staats wegen voll auf Elektrik und Elektronik programmierten Nation Schreckensvisionen beschert -- Japan bangt um das Leben aus der Steckdose.
Binnen Wochen brachen gleich bei mehreren Großbanken die Computersysteme zusammen. In ganzen Landstrichen zeigten die selbst in Provinzzweigstellen längst üblichen Batterien von Kassenautomaten der werten Kundschaft ein Aus an.
Ein winziger Programmier-Irrtum in der elektronisch geschalteten Telephonzentrale Kobe setzte 20 000 Anschlüsse für achteinhalb Stunden außer Betrieb, und nicht mal die Ersatzschaltung funktionierte. Unter 300 000 Befehlen konnte das Elektronengehirn zwei simple Adressen nicht auseinanderhalten. Ganz ohne Hilfscomputer muß die dauergestörte Polizeizentrale auskommen, denn dafür, bedauern die Beamten, "fehlen die Haushaltsmittel".
Zwar gibt es ein Gesetz gegen willkürlichen und störenden Einsatz von Elektrowellen, doch für Computer gilt bis jetzt noch Narrenfreiheit, die Japans rasant aufstrebende Elektronikindustrie, mit immer neuen Chips und Tricks, nutzt. Für "den stets denkbaren Ernstfall" jedoch, so der Experte Haruhisa S.123 Ishida von der Zentrale für Großcomputer an der angesehenen Tokio-Universität, treffen die Computer-Hersteller nur wenig Vorsorge.
Tatsächlich legte ein heilloser Datenwirrwarr selbst jenes doppelt abgesicherte System lahm, das die Großbank Fuji als modernstes der Welt und als nachgerade idiotensicher ausgab. Und auch die Datensammelschaltungen, die jeden fünften der 739 Geldautomaten der Taiyo Kobe Bank und mit ihr Filialen landauf, landab ins Chaos stürzten, zählten angeblich zu den höchstentwickelten der Welt.
"Unsere Gesellschaft", so warnt Professor Ishida, "sollte den Prozeß der Computerisierung etwas weniger übereilt angehen."
Dazu freilich ist es wohl zu spät. Japan erlebt längst einen wahren Computerrausch. Hatte das Ministerium für Außenhandel und Industrie in Tokio der heimischen Elektronikbranche vor fünf Jahren noch 107 000 Computereinheiten für 1985 angedient, so steckt das jüngste Planziel nun bei 200 000. Davon sind 73 000 bereits in Betrieb.
Doch statt der erforderlichen 578 000 EDV-Fachleute werden nach Schätzungen der Regierung 1985 nur 400 000 zur Verfügung stehen.
Prompt klagten die gestreßten und überarbeiteten Programmierer, daß sie bis zu 230 monatliche Stunden arbeiteten und deshalb Gesundheitsschäden davontrügen. Nahezu zwei Drittel der Befragten wollten noch vor dem 35. Lebensjahr den Job wechseln.
Bei der ausgezeichneten Marktlage pfeifen zudem immer mehr der Begehrten auf die in Japan übliche "lebenslange Anstellung" bei ein und demselben Betrieb. Dem Schiffs- und Anlagenbaugiganten Ishikawajima-Harima etwa drohen gleich "80 bis 100 von 240 Systemingenieuren" davonzulaufen.
Sie alle wollen auf dem immer lukrativer werdenden Markt eigenständig Fuß fassen, meist grüppchenweise und mit kargem Startkapital.
So wuchs der Industrie-Aussteiger und Jungunternehmer Takayoshi Shiina, 36, mit pfiffigen Mikrocomputern und vor allem Software binnen zehn Jahren zum fünffachen Markt-Umsatzmillionär. Bei 6500 Mark Anfangskapital will er noch dieses Jahrzehnt die erste Verkaufsmilliarde schaffen.
Die Neulinge haben es besonders auf einen neuen Typ Marktrenner abgesehen, den sogenannten persönlichen Computer -- in modernem Anglo-Japanisch "Pasocon" genannte Mini-Heimgeräte (siehe Seite 178). So einen soll bald jeder in der Wohnung haben, und sei es auch nur zum Bestellen von Brathähnchen beim nächsten Supermarkt.
Tetsuya Yotsumoto bringt in seinem "My con shop" in Osaka schon jetzt täglich vier bis fünf der Mini-Spielzeuge an den Mann, den billigsten für etwa 700 Mark.
"Wenn der Boom so weitergeht", schätzt Yotsumoto, "wird es die Dinger bald auch im Supermarkt um die Ecke geben."
Für das noch unerfahrene Massenpublikum halten neugegründete Privatschulen Mini-Kurse ab, Buchhandlungen rechnen Computerliteratur schon zu den Dauerbestsellern.
Professor Ishida sieht denn auch bereits das totale Computer-Zeitalter heraufdämmern, in dem "der Mensch von der Maschine beherrscht wird". Ishida: "Die jüngste Serie von Computerpannen könnte eine furchterregende Warnung vor der Ära 'Computopia' sein."
Einen Blick auf diese Computopia können derweil die inzwischen 15 Millionen Besucher der halbjährigen Ausstellung "Portopia 81" in der Hafenstadt Kobe werfen:
Ein führerloser Computerzug bringt die Besucherscharen zur Ausstellungsinsel. Doch mal gehen die Türen des Wunderzuges nicht auf, mal nicht zu, mal geht überhaupt nichts, so wie schon vor der Eröffnung der "Portopia". Da rührte sich der auf 300 000 Einzelsignale hörende "Portliner" -"das modernste Transit-System" (Prospekt) -- trotz aller Bemühungen der Fachleute nicht von der Stelle.
Der Grund: Jemand hatte ihm die Zahl 56 eingefüttert, im Japanischen das laufende Regentschaftsjahr des derzeitigen Kaisers. Der "Portliner" aber hört nur auf die westliche Jahreszahl 81.

DER SPIEGEL 35/1981
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