24.08.1981

Fein hingekriegt

Firmen beherrschen das Windsurfen, die jüngste olympische Sportart. Nun droht ein Patentkrieg um den olympischen Reibach die Premiere zu verhindern.
Eine Abstimmung entschied den ersten Olympiasieg 1984. Ex-König Konstantin von Griechenland und der norwegische König Olav zählten die Stimmen. Konstantin verkündete das Ergebnis: Mit 18 zu 8 siegte im Kampf der Gerätehersteller ein bundesdeutscher Produzent von Segelbrettern gegen seinen US-Rivalen.
Die entscheidende Wahl im Internationalen Segler-Verband (IYRU), dessen Präsidium auch die beiden Gekrönten angehören, betraf das Einheitsmodell für die erste olympische Segelsurfer-Regatta. Sie bescherte dem "Windglider" des deutschen Herstellers Fred Ostermann Prestige und Aussichten auf einen Olympia-Boom.
Dem Konkurrenten Hoyle Schweitzer, in dessen kalifornischem Heimatrevier vor Los Angeles erstmals um Segelsurf-Medaillen gekämpft werden soll, schmeckte die Niederlage seines "Windsurfer"-Modells um so galliger, weil er als erster segelfähige Surfbretter zu Wasser gebracht hatte.
"Gratuliere, Fred", gab sich Schweitzer fair, nachdem er ausgebootet worden war. "Das habt ihr fein hingekriegt." Aber anschließend steuerte der verstimmte Amerikaner Kollisionskurs und deckte seine Gegner mit Klagen und Schadenersatzdrohungen ein. Er will nicht zulassen, daß vor Kalifornien mit einem Konkurrenzprodukt gesegelt wird. Ostermann erwarb zwar das Olympia-Ticket, aber Schweitzer kontrolliert den Zugang.
Denn der Amerikaner besitzt das Patent "Rigg für ein Segelbrett", und auch Rivale Ostermann überweist ihm sieben Prozent Lizenzgebühr für jedes verkaufte Gerät. Nicht einmal Juristen schließen den schlimmsten Fall aus: Falls die US-Gerichte ihrem Landsmann folgen, dürfen keine Windglider in die USA eingeführt und dort benutzt werden. Die olympische Premiere fiele ins Wasser.
Die Idee, Surfbretter mit einem Segel auszustatten, war Schweitzer eingefallen, während er Surfer in der pazifischen Brandung beobachtete. In seiner Garage bastelte er die ersten Segelbretter zusammen. 1968 erwirkte er Patente in den USA und den wichtigsten westlichen Ländern, auch in der Bundesrepublik.
Sein Patent betraf nicht das Brett, sondern die Verbindung aus einem beweglichen Mast samt schwenkbarem Segel, den ein Gelenk an das Surfbrett bindet. Wer immer in seinem Patentgebiet versuchte, Surfbretter einschließlich drehbarem Mast zu verkaufen -nur damit ist Segelsurfen möglich --, den überzog Schweitzer mit Klagen.
Ein Windglider kostet zur Zeit 1990 Mark. Ostermann verkaufte schon 150 000 Stück und vergab Design-Lizenzen für sein Modell an Länder, in denen Schweitzers Patent nicht geschützt ist. Viele Segel-Fans, die ein Boot finanziell nicht verkrafteten, leisteten sich Segelbretter. Aber auch Länder der Dritten Welt von Marokko bis Mauritius bewarben sich um Lizenzen. Die Ostblock-Länder betreiben den Lizenzbau schon.
Der Aufschwung bewog die IYRU, im IOC die olympische Anerkennung zu betreiben. Hans Joachim Fritze, der Segelsurf-Obmann im internationalen Verband, warb 1979 vor der IOC-Programmkommission mit Film und Vortrag für das Brettsegeln: Beim Olympia in Moskau nahm das IOC die Segelbretter in das Programm. Allerdings darf nur eine Einheitsklasse starten und ein Teilnehmer pro Land.
Der internationale Verband mußte nun das geeignetste Modell auswählen. Um den vorolympischen Regattasieg kämpften schließlich Schweitzers Windsurfer und Ostermanns Windglider. Der Amerikaner zog im Vertrauen auf sein Urheberrecht und sein Patent fast unvorbereitet in diesen Zweikampf.
Ostermann hatte dagegen rechtzeitig, wie sein Sprecher Roland Rabe erzählte, "den langen Marsch durch die Institutionen angetreten". Er gründete 1975 eine deutsche Windglider-Klassenvereinigung, die erste von vielen nationalen Vereinigungen, die sich zur internationalen Organisation zusammenschlossen und Anerkennung vom Weltseglerverband fanden. Die neue Klasse trug Kontinent- und Weltmeisterschaften aus, an denen 1980 in Ungarn 30 Nationen teilnahmen. Beim Olympia 1984 erwarten Fachleute Segelsurfer aus 30 Ländern.
"Eine immense Generalstabsarbeit", so die "Yacht", "vom Ostblock über Skandinavien bis hin nach Südamerika" zahlte sich aus. Hinzu kam, daß S.143 Ostermanns auftriebsstärkeres Brett 70-Kilo-Segler trägt. Auf leichteren Konkurrenzbrettern "muß man immer mit nassen Füßen herumfahren", erklärte Segelsurf-Funktionär Fritze. "Der Verband wählte das etwas modernere Gerät der zweiten Stunde."
Im Gegenzug ließ sich Schweitzer sein Patent gerichtlich bestätigen und drohte mit Schadenersatzklagen, falls Windglider in den USA auftauchen sollten. Ostermann besuchte Schweitzer in seinem Ferienhaus auf Hawaii und bot ihm an, die weltweiten Lizenzgewinne durch den Olympia-Boom zu teilen. Schweitzer lehnte ab.
Dann gingen seine Prozeßgegner zum Gegenangriff über. Sie hatten herausgefunden, daß ein Tüftler namens Newman Darby schon mit Segelbrettern experimentiert hatte, bevor Schweitzer sein Patent erwirkte. Nun muß er seine Patentrechte abermals durch alle Instanzen durchsetzen. Das Verfahren schwebt.
Im Frühjahr stürmte plötzlich ein Trupp Fremder Ostermanns Werk im saarländischen Altforweiler. "Keiner verläßt das Haus", kommandierten die Eindringlinge und wühlten sich durch die Windglider-Akten. Doch die Büro-Attacke erwies sich eher als hilfreich: Die Beamten kamen von der europäischen Kartellbehörde in Brüssel und suchten nach Belegen für das Schweitzer-Monopol. Bis Ende August soll Schweitzer nun allen europäischen Lizenznehmern neue Verträge vorlegen, die Konkurrenz wieder zulassen.
Sollte sich Schweitzer dennoch in den USA gerichtlich durchsetzen, wollen die Windglider womöglich vor Nordmexiko segeln. Schon einmal hatte das IOC Wettbewerbe abgetrennt: Die Reiter trugen 1956 ihre Spiele in Stockholm statt in Melbourne aus, weil Australien keine Pferde ins Land ließ.
Doch Segelsurfer-Obmann Fritze glaubt, Schweitzer werde wenigstens eine olympische Sondergenehmigung erteilen: "Er kann doch nicht seinem eigenen Baby die große Chance nehmen."

DER SPIEGEL 35/1981
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