29.12.1980

„Man hat uns in den Sack gesteckt“

SPIEGEL-Redakteurin Mareike Spiess-Hohnholz über Griechenlands Hoffnungen und Ängste zur EG
Ende November 1980 in Athen, warm, windstill, wie so manches Jahr die Zeit des "kleinen Sommers".
Seit Tagen, wie schon im "großen Sommer", hängt wieder "die Wolke" über der Stadt, allmorgendlich ängstlich beobachtetes Smog-Phänomen. Mal steht sie über Kolonaki, mal schwebt sie gemächlich südwestlich, um über der Plaka Platz zu nehmen.
Jeder Verantwortliche für die Gesundheit der gut drei Millionen Athener weiß, daß die Wolke im Zusammenspiel mit dem täglich neu produzierten Abgas in spätestens zwei Tagen gefährlich wird. Man könnte die Schulen schließen, man könnte vorsorglich Hospitäler alarmieren, man könnte einen Tag den Autos mit gerader, den anderen Tag denen mit ungerader Endnummer die Straßen verbieten, man könnte ...
Aber zwei Tage später vertreibt ein Platzregen den kleinen Sommer, Sturm scheucht die Wolke über den Lykabettos, und in der Nacht, als hätten sich rund um die Akropolis Schlot und Auspuff nie getroffen, blinkern die Lichter der Stadt rein wie Tautropfen in der aufgehenden Sonne.
Ein urgriechisches Prinzip hatte sich wieder einmal als das Gescheitere erwiesen: "Tha doume, ti tha jini", abwarten, wir werden schon sehen, was wird.
So wie mit der Wolke verhalten sich die Griechen gegenüber dem Termin des 1. Januar 1981, wenn sie Vollmitglied in der "EOK", der Europäischen Gemeinschaft, werden. Irrationale Ängste und skurrile Hoffnungen bestimmen das Vorgefühl, aber wenig nüchterne Aufklärung von seiten der Landesväter.
Seit 1962, ganze 18 Jahre seit der Assoziierung, übt sich Griechenland im Warten, wobei das bevorstehende Ereignis freilich fast in Vergessenheit geriet.
Ins Gedächtnis gerückt wurde es nur dadurch, daß die Politiker seit gut einem Jahr donnergrollend (Opposition) bis dauerjubilierend (Regierung) einen neuen Slogan einführten: "En opsi tis entaxeos" -- angesichts des Beitritts. S.67 Angesichts des Beitritts etwa sollten die Verkehrsampeln modernisiert werden und die Griechen auf ihre Siesta verzichten -- zwecks Anpassung an EG-Arbeitszeiten.
Angesichts des Beitritts wurden, mit aller gebotenen Zurückhaltung, die Patrons kleiner Industrie-Klitschen angehalten, statt an den Lalaounis-Schmuck für die Gattin, die Villen am Meer, die Mitgift für die Tochter doch auch mal ans Investieren zu denken -- wegen der Konkurrenzfähigkeit.
Die Gewerkschaften sollten angesichts des Beitritts Vernunft walten lassen -- und das bei 25 Prozent Inflation. Überhaupt wurde "angesichts des Beitritts" als Wort so geflügelt, daß es beim Mittagstisch der neunjährigen Tochter eines griechischen Journalisten entfuhr, die von nun an ihren Vater nicht mehr die Marinade aus der Salatschüssel schlürfen sehen wollte: nicht europafähig.
Und doch, trotz aller Hektik mit Worten, ist noch kein neues EG-Glied so unvorbereitet angetreten, sich in den unheimeligen, paragraphenbewehrten Schoß der Brüsseler Gefährtin zu betten.
Während sich Staatspräsident Konstantin Karamanlis mit dem Beitritt auf dem Olymp seiner Karriere wähnt, sucht Premier Georgios Rallis die Ängste der Untertanen zu beschwichtigen.
Zum Zeitpunkt der Assoziierung hatte Karamanlis einmal gesagt, die Griechen müsse man nur ins Wasser werfen, dann würden sie schon schwimmen S.68 lernen. Rallis: "Die Griechen werden am 1. Januar keine kalte Dusche bekommen. Schwimmen müssen wir gewiß, aber das passiert mit allen Nationen, die ihre Lebensweise so geändert haben, wie wir sie jetzt ändern müssen."
"Zehn Milliarden Drachmen netto im ersten Jahr", 423 Millionen Mark, erwartet der Premier aus Kassen der EG. Diese Summe ist eine der ganz wenigen Zahlenangaben, die dieser Tage fallen. Im übrigen bleibt EG-Europa den einen Allheilmittel, den anderen Wurzel allen dräuenden Übels.
"Wir marschieren barfuß auf Dornen in die EG", bangt etwa die Zeitschrift "Tachydromos". Die Zeitungsverlegerin Heleni Vlachou dagegen ist beglückt von dem Gedanken, daß Griechenland, zeit seiner Geschichte vorgeblich "beschützt" oder tatsächlich überfallen, aber "immer allein, nun zu einer Familie gehört".
Während der linksliberale Politiker und Wirtschaftsprofessor Ioannis Pesmazoglou EG-Europa ein "kategorisch positiv" entgegenschmettert, munitioniert Linkssozialist Andreas Papandreou seine Anhängerschaft mit dem eingängigen Reim: EG, Nato, ein- und dasselbe "Syndikato".
Wohl schmeichelt es jedem Griechen, wenn ein Giscard d''Estaing mit dem Ausspruch "Europa kehrt nach Griechenland zurück" an jene phönizische Königstochter der griechischen Mythologie erinnert, die von Zeus in Stier-Tarnung ent- und verführt wurde und wohl einem ganzen Kontinent, einer ganzen Kultur ihren Namen gab.
Aber diesen "Vorahnen-Tick" allzu sehr zu hätscheln, hält der Athener Journalist Pavlos Bakojannis für außerordentlich fatal. Denn die Griechen schwebten "noch immer zwischen der altgriechischen Kultur und der Suche nach ihrer heutigen Identität".
Die "neugriechische Kultur", so Bakojannis, sei noch "im Werden". Doch anstatt ihre Wurzeln dort zu suchen, wo sie auch zu finden sind -- in einer Kreuzung zwischen Europäischem und Asiatisch-Orientalischem, entsprechend Griechenlands geographischer Position also im "Mediterranen" --, seien die Nachfahren der Hellenen nun allzusehr auf der Euro-Einbahnstraße.
Die Sorge um "unser nationales individuelles Gesicht, unsere Seele" treibt auch den Schriftsteller Antonis Samarakis um, wenn er von der EG, dem "kaltblütigen System", die "Verpestung unserer inneren Umwelt" erwartet. Und damit sind nicht allein Pornos oder Drogen gemeint, sondern die Brüsseler "Maschinerie", die "das Volk der Griechen früher oder später weniger ursprünglich, weniger spontan, weniger warmherzig" werden lasse.
Drei Tage im Mai 1979 schon wurden bei einem deutsch-griechischen Symposion der Universität Tübingen juristisch-institutionelle, wirtschafts- wie politwissenschaftliche Aspekte des Griechen-Beitritts um- und umgekehrt.
Angesichts all der versammelten Akademiker-Prominenz und dieses "theoretisch sicherlich sehr fundierten" Symposions jedoch konnte sich AA-Staatsminister Klaus von Dohnanyi nicht verkneifen, die Herren darauf hinzuweisen, daß "unsere Probleme vorrangig praktischer Natur" seien, die zu lösen "handwerkliche politische" Arbeit erfordere.
Daran hapert es in Griechenland gewaltig, freilich nicht nur dort. Verlegerin Vlachou, zur Zeit des britischen EG-Beitritts wegen der in Athen herrschenden Diktatoren im Londoner Exil, erinnert sich: "Die Briten glaubten, trotz aller Aufklärungskampagnen in sämtlichen Medien, daß sie von Stund an statt ham and eggs Frösche zum Frühstück verspeisen müßten."
Bestürzend bleibt dennoch das Unwissen vieler der vom EG-Beitritt Betroffenen. Relativ illusionslos informiert dürfen sich bislang allein Griechenlands Jüngste wähnen. Das Kinderbuch "Der Gemeinsame Markt" gibt auf die Frage "EOK -- gut oder schlecht?" die lapidare Auskunft: "Die Antwort liegt etwa in der Mitte."
Im Kafeneion "Zum Drachen" in der attischen Eisenerz-Bergwerkstadt Lawrion: "EOK ist eine gute Sache", meint Gelegenheitsarbeiter Dimitris, "weil wir dieselben Löhne wie die Deutschen bekommen, weil die Autos hier so billig wie überall in Europa werden, und vor allem weil ich dann überall in Europa arbeiten kann."
Dem Dimitris ist nicht bekannt, daß er auf den Euro-Arbeitsplatz noch sieben Jahre anstehen muß, und der Traum vom billigen Auto wird ebenfalls Traum bleiben: Um den Zollabbau vorweg auszugleichen, verdoppelte die Regierung vor anderthalb Jahren die ohnehin schon hohe Sonderabgabe auf Autos und sieht auch keine Veranlassung, die wieder abzuschaffen: Das sei kein Zoll, sondern eine "interne Verbrauchssteuer". Mithin bleibt der Preis für einen VW-Golf fest bei 21 000 Mark.
Skeptischer äußert sich Forstarbeiter Leonidas: "Niemand macht jemanden zu seinem Partner, wenn er kein Interesse daran hat. Die wollen uns, wir sie nicht."
"Eine Stange", wirft der pensionierte Kapitän Anastassios ein, "kann man leicht zerbrechen, zehn zusammen nicht so leicht. Wenn unser Bauer erst gelernt hat, seinen Acker so zu pflügen wie unser Seemann das Meer, dann kann nichts schiefgehen mit der EOK."
Im Kafeneion "Frangou", Treffpunkt der Wein- und Oliven-Dörfler aus Spata: "Mit goldenen Löffeln werden wir essen, das ist alles, was die Regierung bisher zum EOK-Beitritt gesagt hat", höhnt Weinbauer Spyros.
In und um Spata, einst konservativ und königstreu, ist Papandreous EG-Nato-Propaganda, die er bisher nur für ausländische Zuhörer abgemildert hat, auf fruchtbaren Boden gefallen.
Denn 70 Prozent des Kulturlandes, auf dem der berühmte Retsina wächst und wo auf teils tausendjährigen Bäumen auserlesen gute Oliven gedeihen, S.69 werden hier gerade zwangsenteignet für den geplanten Bau eines neuen Athener Großflughafens.
"Die Nato will den Flughafen", argwöhnt Weinbauer Nikolaos, "und wir sollen unseres Landes beraubt werden, damit wir als Arbeiter in die EOK geschickt werden können. Man hat uns in den Sack gesteckt und ihn zugebunden."
Dieser Tage lief, zum Preis von 50 Millionen Drachmen (gut zwei Millionen Mark), ein breiter Aufklärungsfeldzug in Fernsehen und Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften an, wurden erstmals Broschüren und Flugblätter verteilt. "Reine Propaganda", urteilte ein hoher Staatsbanker über den Informationswert der Aktionen.
Den Vorwurf, diese Kampagne komme möglicherweise zu spät, will EG-Minister Georgios Kontogeorgis nicht auf sich sitzen lassen: "Wir halten den Zeitpunkt für genau richtig, denn jetzt reden alle von EOK, jetzt ist das Interesse hellwach."
Umstritten ist auch der Zeitpunkt, zu dem -- endlich, nach mehrfacher Überarbeitung -- die 90 Bände mit insgesamt 45 000 Seiten EG-Verordnungen auf griechisch erscheinen sollen: am 31. 12. 1980. Tags darauf ist Griechenland Vollmitglied, und dann, so verzweifelt der Athener Rechtsprofessor Michail Stathopoulos, "haben wir geltendes Recht, das noch niemand gelesen hat".
In einem Artikel mit der Überschrift "Angesichts des Zusammenstoßes" empfahl der Schriftsteller und Werbemanager Nikos Dimou seinen verunsicherten Landsleuten, sich so zu verhalten, wie der Held einer berühmten Anekdote, der erfolgreich Schach spielte wie andere Poker: mit Bluff.
Dimou: "Die EOK hat Heidelberg und Oxford, wir dagegen haben die Hohe Schule des Zurechtbastelns, die Hohe Schule des Unsinns."
Einen Vorgeschmack darauf lieferten die Griechen Anfang Dezember in Brüssel, als die Agrarministerkonferenz die Preise und Subventionen für 14 griechische Agrarprodukte erörterte.
Dem griechischen Landwirtschaftsminister Athanassios Kanellopoulos half es nichts, daß er sich zu jedem Produkt eine Spruchweisheit der alten Griechen hatte einfallen lassen. Die künftigen Partner blieben hart und lehnten die Forderungen Griechenlands überwiegend ab.
Der französische Kollege stellte sogar ein Ultimatum: Sollte bis zum 18. Dezember keine Einigung erzielt werden, müsse die griechische Landwirtschaft im kommenden Jahr auf die Vorteile der gemeinsamen Agrarpolitik verzichten. In letzter Minute wurden jedoch Kompromisse gefunden.
Die Gemeinschaft hatte nicht nur die griechischen Forderungen für überdreht gehalten, sie hatte auch die statistischen Angaben der Neuhellenen in Frage gestellt, die Athen bei der Angleichung der Preise sowie bei der Berechnung der Subventionen und sonstiger Unterstützungen zugrunde gelegt hatte.
So hatte Athen, um eine Angabe der gesamten genutzten Anbaufläche gebeten, beispielsweise eine Hektarzahl geliefert, die dreimal über der Fläche des ganzen Landes lag.
Agrarkommissar Finn Olav Gundelach: "Die Griechen müssen begreifen, daß nicht die EG Griechenland, sondern Griechenland der EG beitritt."
Und: "Die griechische Mythologie und das griechische Alphabet haben wir hier akzeptiert, aber wir können das nicht auch noch mit dem System tun, mit dem die Griechen ihre Statistiken fabrizieren."
S.69 Ölraffinerie bei Piräus. *
Von Mareike Spiess-Hohnholz

DER SPIEGEL 53/1980
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