24.08.1981

Nachrichten aus dem Bunker

Anfang des Jahres übernahm Edmund Gruber die Direktion der TV-Nachrichtenzentrale „ARD aktuell“. Seitdem herrscht bei „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ ein strenges Regiment: Politisch unliebsame Beiträge blockt der Konservative ab. Die Moskauer Reaktion auf die Neutronenbombe etwa wollte er nicht senden.
Seit Edmund Gruber die Direktion der TV-Nachrichtenzentrale "ARD aktuell" übernommen hat, lebt er in einem "besonders fruchtbaren Klima".
Er befehligt in Hamburg 50 Redakteure, die "Tagesschau" und "Tagesthemen" produzieren. Er ist verantwortlich für die News-Auswahl, die Millionen täglich im Ersten Kanal empfangen, und damit einer der einflußreichsten deutschen TV-Journalisten.
"Charming Eddie", 44, genießt die Macht, die "angenehme Atmosphäre", die "anregenden geistigen Auseinandersetzungen" in seiner Redaktion. Nur manchmal fühlt er sich belästigt durch "blödes Geschwätz, das ich nicht akzeptieren kann". Dann wird er sehr energisch und fühlt sich als "Einzelkämpfer" herausgefordert. In letzter Zeit hatte er häufig Feindberührung.
Acht Monate lang sitzt Gruber, vordem ZDF-Korrespondent in Washington, auf dem Chefstuhl von "ARD aktuell", und schon jetzt haben sich seine Redakteure mehrheitlich von ihm abgewendet. Denn Eddie, der Smarte, hat sich als herrischer Autokrat entpuppt, dessen Nachrichtenverständnis die Liberalen in "ARD aktuell" zur Verzweiflung bringt. Ein ruppiger Konservativer, CSU-nah, will die ARD-News offenbar nach seinem altfränkischen Weltbild formen.
Den neuen "bayrischen Führungsstil" des sendungsbewußten Münchners Gruber bekam die "aktuell"-Mannschaft rasch zu spüren. Den Ressort-internen "Redaktionsausschuß", der drei Jahre lang kollegial mit seinem Vorgänger Dieter Gütt kooperiert hatte, erklärte er zuvörderst schlicht für "tot". Er wolle "allein bestimmen". Aufkeimendem Widerstand begegnete er mit der Drohung: "Wer gegen mich ist, wird vernichtet."
Anfang März gewann die Redaktion erste Eindrücke von Grubers "sehr subjektiver Betrachtung der Nachrichtenlage" (so ein Leitender in "ARD aktuell"). Da verlangte der Boß eines Tages, die "Tagesschau" nicht mit einer Bilanz der großen Brokdorf-Demonstration aufzumachen, sondern mit nichtssagenden Bildern vom Staatsbesuch der Lady Thatcher bei Reagan in Washington. Der Anti-Atomprotest, erklärte Gruber, sei für ihn "nicht relevant". Der "übergeordnete Punkt" sei "die Notwendigkeit der Kernenergie". Gruber: "Ich habe ein anderes Selbstverständnis als die Redaktion."
Ein Grabenkrieg begann, den Gruber mit arroganten Gebärden kräftig S.148 schürte. Als er, ebenfalls im März, in der "Tagesthemen"-Planung Berichte über politisch Verfolgte in Kolumbien und über die Nürnberger Hausbesetzer entdeckte, verfügte er die Streichung des Kolumbien-Reports: "Wir dürfen nicht zweimal provozieren." Wer solche Weisungen mißbilligt, muß mit dem Vorwurf leben, er sei "ein Weltverbesserer mit stechendem Blick" oder gar jemand, der "die Menschenrechte wie einen Teddybär pflegt" und deshalb "keine Gewähr dafür bietet, daß er informiert und nicht indoktriniert". Im übrigen, so bellte er, "bleibe ich bei meinem Kurs, auch wenn man mir auf der Elbchaussee in die Knie schießt".
Drei aufregende Jahre unter Grubers Vorgänger haben die Redaktion allerdings nervlich gestählt.
Da hatte, brachial und cholerisch, Gütt der Gerechte in der Hamburger News-Zentrale geherrscht, ein journalistischer Gargantua, der ständig hocherregt durch die Büros fegte, leere Bierdosen auf Mitarbeiter feuerte und sich über den "gebündelten Blödsinn" labriger "Tagesthemen"-Kommentare ereiferte.
Intendanten, die ihm ins Programm redeten, belegte er, auch schriftlich, mit wüsten Flüchen und trat ihnen "wuchtig in den Arsch", wie sich ein "Tagesschau"-Mann erinnert. Gütt-Bewunderer schwärmen noch heute von seiner unvergeßlichen Fehde mit "Raschel-Köpcke und Stotter-Stöck" ("Bild").
Aber dieser Berserker war auch ein "großer Inspirator", "voller Ideen und immer bereit zur Diskussion". Gruber hingegen, so die Redakteurs-Klage, "bremst, blockiert und spielt sich zum Super-Hierarchen auf", der sich am liebsten in seinem Büro verschanzt. Die News-Truppe hat ihn deshalb "Bunker-Ede" genannt.
Gruber war nach hitzigen Personal-Querelen innerhalb der ARD ans Hamburger Ruder gekommen. Der Bayer Mühlfenzl fand keine Mehrheit unter den ARD-Oberen. Moskau-Korrespondent Fritz Pleitgen lehnte entsetzt ab, als man ihm den scharfen Rechten Wolf Feller zur Seite stellen wollte. Da präsentierten die CDU-freundlichen Anstalten den "gestandenen Profi" Gruber, der schon einmal als CDU-Kandidat für die SFB-Intendanz durchgefallen war und nun mit einem anderen Karriere-Posten entschädigt werden mußte.
Gruber war lange TV-Korrespondent in Tel Aviv und London gewesen. 1978 hievte ihn ZDF-Intendant von Hase -- gegen erbitterten Widerstand des Chefredakteurs Appel -- auf den Mainzer Stuhl in Washington. In Tel Aviv und Washington muß er prägende weltanschauliche Eindrücke empfangen haben, die er jetzt bei "ARD aktuell" hartnäckig verbreiten möchte.
Gruber, sagt einer seiner engsten Mitarbeiter, "liegt politisch voll auf der Linie Begin--Weinberger". Und so haben ihn kürzlich seine Hamburger Redakteure wieder kennengelernt. Am 9. August beispielsweise, nach Reagans Neutronenwaffen-Entscheidung, ließ er in einer "Tagesschau"-Meldung zunächst das Prädikat "umstritten" im Zusammenhang mit der Bombe streichen. Einen von der Redaktion vorgeschlagenen Korrespondentenbericht aus Moskau über die sowjetische Reaktion auf den Reagan-Beschluß untersagte er mit der Begründung, die "Sowjet-Union macht nur Propaganda", dafür zahle er keine Leitungskosten.
Statements von Bonner Politikern, die sich in den ARD-News zur neuen US-Waffe äußern sollten, tilgte er von der Planungsliste: Die Diskussion um die Neutronen solle "nicht neu angeheizt" werden. Reagans Entscheidung habe ihn "beruhigt", das System sei unbedingt "notwendig".
Solche einsamen Entscheidungen trifft Gruber in seinem Führungsbunker mitunter auch gegen das Veto seiner beiden Ressort-Leiter. Mit "Tagesschau"-Chefredakteur Günter Müggenburg hat er sich zerstritten. Der unsichtbare Dritte, der wendige Apparatschik Manfred Buchwald, versucht, seine "Tagesthemen" mit Taktik vor dem Chef zu schützen. Grubers große berufliche Passion gilt ohnehin der "Tagesschau".
Für diese Nachrichten-Revue hat er auch schon putzige Ideen entwickelt, eigene Programm-Vorschläge gemacht. Als Helmut Kohl im Frühjahr, von der Öffentlichkeit unbemerkt, eine Norwegen-Reise antrat, wollte Gruber ihn partout auf einer Nordsee-Bohrinsel filmen lassen. Im Mai äußerte er den Wunsch, die "Tagesschau" möge melden, daß Karstadt eine Spende für SOS-Kinderdörfer überreicht habe. Ein Berliner "Tagesthemen"-Beitrag, in dem das Alternativ-Festival "Tuwat" erwähnt werden sollte, ging ihm sehr gegen den Strich, getreu seiner Devise: "Wir bieten extremen Meinungen keine Plattform."
Mit diesem journalistischen Ethos steht Gruber natürlich in der Gunst der meisten ARD-Chefs. Grubers Verbotseifer zum Thema Neutronenwaffe allerdings hat in fast allen Anstalten zu heftigem Mißmut geführt. Selbst im Bayerischen Rundfunk verlautete, da sei der Herr Direktor wohl "einen Schritt zu weit gegangen".
Aber Gruber mag getrost sein: Männer seines Schlages haben es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer sehr, sehr weit gebracht.
S.146 Oben: "Tagesthemen"-Moderator von Lojewski, Sprecher Veigel; * unten: "Tagesthemen"-Chefredakteur Buchwald (l.), "Tagesschau"-Chefredakteur Müggenburg. * S.148 Moderatorin Gisela Mahlmann. *

DER SPIEGEL 35/1981
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