29.12.1980

„Nachher in Armut verkommen“

Peter Brügge beim Schachduell Hübner gegen Kortschnoi in Meran
Das Schlafmittel, mit welchem Großmeister (GM) Wiktor Kortschnoi sich in Nächten der Schachnot zuverlässig abknipst, wird von seiner Gefährtin Petra Leeuwerik im Safe des Meraner Hotels "Palace" bewahrt. Die von beiden allerorts vermuteten Agenten der Sowjetmacht sollen nichts dazuträufeln können.
Frau Leeuwerik erlaubt auch nicht, daß Hotelbedienstete an der Zubereitung des morgendlichen Bircher-Müsli für den Vizeweltmeister mitwirken. Dafür macht sie nicht politische Gründe geltend. Sie muß einfach unter Kontrolle haben, was es in sich hineinschlingt, dieses bäuerisch-freßlustige Genie, das unter ihrem Druck jüngst abgespeckt und vom Ketten- zum Nichtraucher mutiert hat.
Weit selbständiger ist GM Robert Hübner zum Mus, ja, sogar zur Makrobiotik gekommen, ein Umstand, dem er ersichtlichen Zuwachs an innerer Harmonisierung verdankt. Zwar reißt er sich noch immer beklommen die Mütze vom Kopf, bevor er das "Palace" betritt, und streift sich dazu so ängstlich die Schuhe blank, als stünde er gleich in Omas guter Stube. Zwar redet er unverändert im leicht verschrobenen Deutsch eines Primus absolutus, welcher an sich selbst fortwährend den Rotstift anlegt.
Doch er geht plötzlich aufrechter, sitzt in angenehmer Haltung im Drehsessel am Kampfbrett, popelt gelassen in der Nase, streicht sich mit seinen Mädchenhänden freundlich über Bart und Nacken. Vis-a-vis hingegen krümmt sich Kortschnoi auf einem zu hoch geschraubten Sonderstuhl (für den er leider werben muß) wie ein Verzweifelter vor dem Absprung ins Ungewisse. Bei dem reicht die Anspannung bis in die Spitzen seiner grauen Wildlederschuhe.
Hinter dem Mus und dem Gemüse, hinter der verbesserten Durchblutung des GM Hübner steckt, genau besenen, ebenfalls eine eingebende Person: em Leibespfleger, jung, soft, dunkeläugig mit Namen Renato Lorenzetto. Seit der neben den Schachsekundanten Hübners und dessen mißtrauisch wachendem Mäzen Hilgert mit von der Partie ist, gibt es kaum noch spontanes Elend in Hübners Magengrube. Solche leibliche Verstimmung, die den polyglotten Altphilologen in prekären Spielzeiten überkam, dient nun eher dazu, ihn von unerquicklichen öffentlichen Auftritten zu dispensieren.
Im Eröffnungsgezeter von Meran, in dessen Verlauf die Manager beider Fronten einander moralisch herunterstuften, blieb er mit dieser Entschuldigung fern und rannte mit voller Kraft im Kurpark spazieren. Völlig fit und bis spät nachts beteiligte er sich am darauffolgenden Bankett, dem wiederum Kortschnoi beleidigt fernblieb.
Hübner nimmt es lieber für die denkbare Nebenwirkung von Wurzelkost statt für einen nervlichen Rückfall, daß er beim 12. Zug seiner ersten siegreichen S.76 Partie in Meran jählings Durchfall bekam. Bis zu Kortschnois Kapitulation ist er dennoch potent geblieben und hat danach sofort einem Autogrammsammler dessen Kugelschreiber nachgetragen; es soll ja alles nach der rechten Ordnung gehen.
Bei einem Nachtspaziergang hat der tschechische Sekundant Vlastimil Hort seinem Hübner zur Ablenkung vom Schach drei Dutzend alte Witze an einer Schnur erzählen müssen. Dabei hat sich der Sieger lautlos und konvulsivisch voll Sauerstoff gelacht.
Ja, er sei "ruhiger geworden", meldet er Freunden. In der Höhenlage dieses Weltmeisterschaft-Vorspiels fühlt er sich weniger denn je von Selbstzweifeln benagt. Erreicht ist eine höhere Umlaufbahn.
Dort streichelt der heilpraktische Signor Lorenzetto aus Padua seinem kurzsichtigen Maestro alle Höhenspannung aus der Magengegend. Stundenlang trabt er morgens mit ihm durchs nahe Tal der Etsch, unterweist ihn darin, wie man richtig atmet und wie man einen starken Kopf mit einem schwachen Körper produktiv versammelt.
Biokurven, von denen die strenge Wissenschaft so gering denkt wie von Horoskopen, zeichnet der elegante Mitläufer Lorenzetto. Er trägt Knickerbocker, gelbe Wadenstrümpfe und ein pfiffiges Gesicht und belebt die Halle des "Palace" wie eine Charge aus "Menschen im Hotel".
Sogar Kortschnoi habe, sagt Herr Lorenzetto, eine starke Biokurve, derzeit. Hübners baumhoher Geldgeber Hilgert hingegen verbreitet die Überzeugung, mit dem alternden Schach-Dissidenten werde es von Meran an steil bergab gehen. Der werde, verkündet Hilgert kalten Herzens, "in Armut verkommen". Und diese Frau, die werde ihn dann natürlich verlassen.
Das ist die brutale Sprache des Immobilienkrösus und Flotten-Eigners, der seinerseits eine Art GM im Schach mit menschlichen Figuren ist. Die Verfolgungsängste Kortschnois hat der reiche Mann aus Porz genüßlich geschürt. Durchblicken hat er lassen, daß die sowjetischen Großmeister Spasski und Kotow, letzterer auch noch hoher Funktionär der Partei, jüngst in Porz seine Gäste gewesen seien. Er halte "sowjetische Spitzenspieler auch für Sportler und Menschen". Da glaubten viele, die beiden seien schon im Anmarsch, dem Deutschen Hübner in diesen schweren Feiertagen wider ihren Staatsfeind Kortschnoi zu sekundieren.
Franz Josef Strauß oder Helmut Kohl, so versprach daraufhin der Exil-Tscheche und Großmeister Ludek Pachman, würden zum Protest gegen eine solche Schachverschwörung mobil gemacht.
Es ist aber dann doch noch planmäßig der dick-fröhliche Tscheche Hort angekommen, wenigstens einer von Hübners vorgesehenen Beratern. Islands GM Sigurjonsson, mit dem Dr. Hübner am besten kann, entzog sich dem Match über Weihnachten. Er wagte sich damit zu entschuldigen, daß er eben Vater geworden sei, eine im Vergleich zu Schach vielleicht doch sekundäre Angelegenheit.
Statt seiner ließ Hilgert den amerikanischen Turnierspieler William Marts einfliegen. Über die Feiertage hin sollte "der Robert", dieses ihm in 24 Jahren familiärer Vertrautheit ans Herz gewachsene Schachwunder, nicht ohne geistigen Geleitschutz fechten. Marts entrollte schon am ersten Abend an Hübners Tisch sein ledernes Taschenschach und wollte nützlich sein. Da spottete der Sekundant Hort: "Das Zeug sieht ja aus wie eine Lederhose]" Marts rollte das Zeug wieder ein. Und Hübner war ihm dafür dankbar.
Von einer Zerstörung des Weihnachtsfriedens redet der Schachmäzen Hilgert. Dazu würde er wohl, wenn er könnte, weinen. Seine Mutter, Hübners Mutter, Hübners Großmutter usw., die müßten nun in der rheinischen Ferne ihr vielleicht Liebstes entbehren, bloß weil die andere Seite sich in diesen Spieltermin verbissen habe.
Die andere Seite hat als Gegenmittel einen Schweizer Anwalt im Sold. Der lenkte den Weihnachtsgroll auf die anerkannt verschlampte Organisation des Weltschachbundes Fide, die mit ihren verschwommenen Forderungen, Verlautbarungen oder Regeln derlei Unfrieden immer wieder stifte.
Die Fide hat ja immerhin von ihren diversen Vizepräsidenten ausgerechnet den Filipino Fiorenzio Campomanes nach Meran entsandt. Den Mann, der sich bei der letzten Weltmeisterschaft mit Kortschnoi und dessen Petra einen rufmörderischen Kleinkrieg lieferte. Ja, der habe Frau Leeuwerik, klagt der Anwalt, sogar einen Händedruck verweigert.
Nun also streift Frau Leeuwerik in einem herausfordernd beschrifteten Trainingsanzug durch eine feierliche Cocktailrunde mit eben diesem unerwünschten Präsidialen, dessentwegen sie und Wiktor entschieden gar nicht mitfeiern wollen. Fortwährend Gummi kauend, denkt sie sich so zielgerechte Kleidung aus. Sie wählt ein andermal ein Kleid in den Farben des Schachbretts, trägt dazu am Hals eine 13 aus Diamanten.
Bald nach dem Ärger mit Campomanes meldet sie den Kortschnoi-Fans erneute Brüskierung: Soeben habe ihr im Hotel Frau Hilgert mit schlimmen Worten ebenfalls den Händedruck verweigert. Dabei hat Kortschnoi Herrn Hilgert, bei dem er einmal wohnte und bedrückend unter Vertrag stand, nichts weiter genannt als einen Erpresser und Diener der Sowjets. Allerdings hat der Kaufmann seinerseits darauf so nebenhin bemerkt, ach, wie gern er doch seinerzeit mit Hilfe des Staatsministers Wischnewski um eine Ausreisegenehmigung für Familie Kortschnoi gekämpft hätte. Nur hätten Frau Leeuwerik wie Kortschnoi da entschieden abgewinkt ...
So froh kann das Fest unter Schachfreunden sein. Das Erhebendste blieben da noch die falschen Töne, mit denen Meraner Musikfreunde dem Schachspektakel im Kurzentrum die Weihe geigten. Sie spielten die Ouvertüre zur Oper "Das Geheimnis" von Simon Mayr.
S.76 Sitzend: Hübner-Mäzen Hilgert, Sekundant Hort, Turnierpromoter Unterberger, Fide-Präsidiale Prof. Jungwirth; stehend (hinter Hort): Hübner-Freund Jacoby vor dem Monitor im Meraner Pressezentrum. *
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 53/1980
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