24.08.1981

TV-REPORTAGEDas bringt's nicht

Ein Kölner Video-Team hat die Szene der Punks, Teds, Rocker und Popper durchleuchtet und ausgehorcht. Seine Reportage „Randale und Liebe“ vermittelt ungewohnte Einblicke in die alternative Subkultur.
Ein wenig Fummelei am Ohrläppchen, Händchen halten, "du bist mein Schatzi", ein schmatzender Kuß. Diese Geschichte beginnt wie eine bürgerliche Romanze, und sie endet auch happy:
Nora, die aus dem elterlichen Blumenladen abgehauen ist, weil ihr "das auf die Eier ging", und der arbeitslose Peter, der die von seinem "Daddy" angeschafften Autos "immer schön platt gefahren" hat, haben sich gefunden: "Wir gehören zusammen."
Doch bevor das Paar schließlich vor den Standesbeamten tritt, mit roten Rosen und eigenem Photographen, taucht die TV-Kamera für 75 Minuten in jene neonflackernde, von Rockabilly-Klängen und Honda-Geheul überdröhnte Alternativ-Szene ein, wo jugendliche Aussteiger "einen echten Zusammenhalt finden", "in den Tag hinein leben", "Randale" machen und Liebe und manchmal, wie die Punker Nora und Peter, sogar den Bund fürs Leben schließen.
Wochenlang haben die Kölner Reporter Thomas Schmitt und Stephan Köster voriges Jahr mit mobilen Video-Kameras den Kölner Untergrund durchleuchtet, haben einfach (technisch brillant) draufgehalten auf alle die Typen und Macker und ausgeflippten Teenager, die in ihren Kneipen "bloß rumhängen, saufen, spielen" und brave Passanten das Schaudern lehren.
Ein saftiger Verschnitt aus diesen Streifzügen durch den aktuellen Gossen-Kult geht am Montag dieser Woche (20.15 Uhr) über die gleichgeschalteten Dritten Programme von Nordkette, WDR und HR: Knalliger und deftiger ist die neue Häßlichkeit im Fernsehen noch nie zur Show gestellt worden.
Ein Fressen schon für die Linse: Kerle mit fast blank rasierten Schädeln, Gebammel am Ohr, Riemen und Flitter an den Beinen; Mädchen mit grell gefärbtem Zottelhaar in pink, orange oder giftgrün, Vaseline drin, Talkum drüber; zerschlissene T-Shirts, speckige Leder-Klamotten, abgewetzte Jeans; die ganze Sado-Maso-Montur gespickt mit derben Schlachtrufen: "Chaos", "Fuck you!", "Anal Terror", gelegentlich auch Hakenkreuzen.
Dazwischen, als irritierendes Kontrastprogramm, ein paar Seitenblicke auf die feinen Pinkel, die im Kölner Popper-"Cafe d'Or" -- Rüschenblusen, weißes Dinner-Jacket, Bein über Bein geschlagen -- aus geschliffenen Gläsern Cocktails schlurfen.
Dennoch bieten diese Schwenks über Schmuddel-Krempel und Edel-Roben weniger Augenkitzel für reizgeile Zuschauer als einen nüchtern-ungeschönten Einblick in die Fluchtstätten junger Menschen, die sich von einer Gegenströmung der Konsumgesellschaft treiben lassen. Ausschließlich aus O-Tönen vor Ort komponiert, ohne soziologisches Gefasel aus dem Off, kommt dieser "Video" hart zur Sache.
"Die Punks", motzt da Punk Peter, "sind gegen die Spießer, gegen die Ärsche, wie sie leben, im Tran drin": "Morgens aufstehen, arbeiten gehen, abends nach Hause kommen, essen, Alte knallen, schlafen."
Peter findet "das gut, wie ich herumlaufe", er "will mit Absicht zeigen, daß ich nicht zu den normalen Leuten gehöre": "Für die bist du ein Bescheuerter." Wenn er merkt, "daß die über mich lachen", dann "fühle ich mich richtig bestätigt".
Das eint sie alle, die Schmitt und Köster im Kölner Abseits vors Objektiv geraten sind: Ekel vor der "ganzen Scheiße, die zu Hause abläuft", Knatsch "mit den Alten, die uns bloß trietzen", Lust, "angefuckt herumzulaufen, um zu schockieren", keinen Bock zu haben auf "blöde Jobs" und dann über die Lohnsteuer auch noch "für die Leute zu bezahlen, die uns auf die Fresse hauen, die Bullen".
"Ich bin mehr lebendig als die Menschen, die so ihren vorgeschriebenen Weg gehen", meint jedenfalls der Pfarrerssohn Zombi, der einfach Blut spendet, wenn er Kies braucht: "Aus der Schule rausgehen, 50 Jahre arbeiten, dann kriegen sie 'ne goldene Uhr und 'nen Tritt in den Arsch -- nein, das bringt's nicht."
"Wir Punks", faselt Peter von seinesgleichen, "sind die einzigen Menschen, die es überhaupt gibt." Punks, schnöseln dagegen die Rocker, "sind Arschgeigen, absolute Wichser, nicht mehr wert als die Ausländer, der absolute Abschaum der Menschlichkeit".
Ramba-Zamba in der Szene. "Die Punker", so die Rocker, "machen unser Image kaputt", weil "die Fotzen aussehen wie wir" und die "hohlköpfigen Normalbürger" blind sind für die feinen Unterschiede, die alle diese Außenseiter wiederum in (oft verfeindete) Cliquen und Rotten spalten.
"Frauen haben die Fresse zu halten", pöbeln beispielsweise die Rocker beim Kölsch. "Wir leben für unsere Motorräder, ne, wir haben auch Frauen, is' klar, ne, aber wir treten die Frauen eher in den Arsch als das Motorrad. Das ist unser Heiligtum."
So läßt Punk-Nora nun nicht mit sich umspringen: "Wenn die Kerle anfangen, blöd zu labern, dann müssen sie erzogen werden." Da provoziert sie "die Jungen so lange, bis ich eins vor die Fresse kriege", dann schlägt sie zurück. Nein, sie will "keine Emanze" sein, nur "die gleichen Chancen haben": "Warum sollen nur immer die Jungen ankommen: 'He, hast du Lust auf 'nen Fick?"
So rüpeln und rempeln sie sich an, daß die Ketten klirren und die Fetzen fliegen. Aber Sinn, das spüren sie selbst, macht das kaum und Spaß nur kurz. "Wir Punks", gesteht Peter, "sind eine tote Generation." Und die flieht, bevor sie in ihrem Müll erstickt, ein zweites Mal: zurück in die Idylle, wo man Händchen hält, Küsse schmatzt und beim Standesamt landet.
Klaus Umbach

DER SPIEGEL 35/1981
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