07.06.1982

Polen-Hilfe: „Eine echte Volksbewegung“

Mehr als 200 Millionen Mark an Gut und Geld spendeten Bundesbürger, noch immer verschicken sie bis zu 35 000 Geschenkpakete pro Tag - was die Westdeutschen während der letzten Monate unternahmen, um notleidenden Polen zu helfen, ist beispiellos. Doch nun beginnt die Hilfsbereitschaft nachzulassen: „Wer spenden wollte, der hat gespendet“ - bei unverändert schlechter Versorgungslage im krisengeschüttelten Polen.
Wochenlang hatte Krystyna Graef, Kinderärztin in Frankfurt, Bettelbriefe ehemaliger Kollegen aus dem Kinderkrankenhaus in Lodz beiseite gelegt. Dann überwand sie ihre "Angst, ob mir so etwas gelingt". Per Rundbrief warb sie bei Eltern ihrer Patienten und Kollegen um Spenden für ihre Aktion "Kinderhilfe für Polen": Annähernd zehn Millionen Mark kamen bisher zusammen.
Berichte über die miserable Versorgungslage in Polen und "elementares menschliches Pflichtgefühl" verhalfen dem Königsteiner Rentner Friedrich Kroeger zum ungewöhnlichen Einfall. Seine Anzeigenkampagne in westdeutschen Tageszeitungen "Mein polnischer Gast" (Textauszug: "Wenn jede Familie eine Woche lang symbolisch einen Polen als Gast einlädt und den Gegenwert als Spende einzahlt, wird die Versorgung der Bedürftigen jetzt ermöglicht!") sprach rund 250 000 deutsche Familien an: 1,3 Millionen Mark gingen aufs Konto.
"Deprimiert" brach der Salzhausener Kaufmann Gerhard Zandecki seinen Polen-Urlaub im vergangenen Jahr vorzeitig ab. Die Notlage erinnerte ihn "an die Care-Pakete und die Schulspeisung" in den deutschen Hungerjahren der Nachkriegszeit. Zurück in Deutschland, begann er mit sechs Helfern Hilfsgüter zu sammeln, "alles von der OP-Birne bis zum Milchpulver", und transportierte sie nach Polen. Wert des Gespendeten: vier Millionen Mark.
Was die Westdeutschen während der letzten sechs Monate unternahmen, um notleidenden Polen zu helfen, ist beispiellos. Noch nie haben die Wohlstandsbürger so viel, so freizügig, so ausdauernd gespendet, noch nie waren sie so aktiv, selber Spenden zu sammeln und Hilfsaktionen zu organisieren.
Sie opferten ihre Freizeit wie die Hamburger Hausfrau Gunda Barg, die eine Putzstelle annahm, um jeden Monat "wenigstens zwei Pakete nach Polen" schicken zu können. Sie entwickelten Phantasie wie die Kauffrau Katrin Friedrich aus Meerbusch, die mit der Parole "Jedes Schulkind im reichen Meerbusch spendet eine Mark vom Taschengeld" erfolgreich war.
Angefeuert von den Medien ("Lebensmittelhilfe für Polen"), vom Bundestag ("Mitmenschliche und moralische Solidarität bekunden"), vom Bundeskanzler ("Lassen Sie in Ihrer aktiven Solidarität nicht nach"), brachten die Westdeutschen weit über 200 Millionen Mark an Geld und Waren für die Polen auf - fast zwölf Jahre nach Willy Brandts Kniefall vor dem Warschauer Ehrenmal für die von Deutschen Ermordeten, zehn Jahre nach der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Bonn.
"Zrzuty" nennen die Polen die Hilfslieferungen, die pausenlos per Bahn, Schiff und Lkw ins Land strömten - "Fallschirmabwürfe", ein Begriff, in dem Kriegsrechts-Gegenwart und Okkupations-Vergangenheit zusammenfließen. Per Fallschirm versorgten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg Partisanen im von Deutschen besetzten Polen: mit Waffen, Lebensmitteln, Medikamenten.
Das mag mit erklären, warum die Hilfsbereitschaft der Deutschen derart zu wecken war: Die Erinnerung an das den Polen zugefügte Leid ist noch wach; sie sind ein europäisches Nachbarvolk mit ähnlicher Kultur; die Polen lehnen sich auf gegen die Sowjets; viele Spender kennen Polen und seine Gastfreundschaft aus eigenem Erleben.
Angetrieben von einfach menschlichen, aber gelegentlich auch antikommunistischen Gefühlen, sammelten und spendeten Parteien wie Verbände und S.83 Vereine, Firmenbelegschaften und Schulkinder. Der Karateklub Merschweiler war dabei, und die Insassen des Gefängnisses Lübeck-Lauerhof spendeten auch.
In Lüdenscheid verteilte die Katholische Jugend Aufkleber "Deutsche Kinder helfen polnischen Kindern". In Passau blies das Büchlberger Blasorchester zum großen Spendensammeln, in Rothenburg gab der Musikverein ein Benefizkonzert. "Es ist eine echte Volksbewegung entstanden", erkannte die "Internationale Gesellschaft für Menschenrechte".
Und fast nebenbei verschickten Bundesbürger 2,5 Millionen individuelle Pakete nach Polen, im Wert von schätzungsweise 125 Millionen Mark - gebührenfrei, seit die Bundesregierung im Februar die Portopflicht für Polen-Sendungen suspendierte (Portoausfall: rund 45 Millionen Mark).
"Die spontane Hilfsbereitschaft unserer Bürger ist schon beeindruckend", freute sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher, und das ist sie auch jetzt noch, da die Spendenfreudigkeit nachzulassen beginnt. Für 35 Millionen Mark Güter hat das Deutsche Rote Kreuz nach Polen gekarrt, nun sagt Polen-Referent Martin Lenk vom DRK: "Wer spenden wollte, der hat gespendet. Irgendwann ist eben Schluß."
Bei der katholischen Hilfsorganisation Caritas, die fast ausschließlich polnische Pfarreien bedachte mit Gütern im Gesamtwert von 60 Millionen Mark, tröpfeln täglich nur mehr zehn- bis zwanzigtausend Mark in die Kassen. Zu Weihnachten und Ostern waren es zweihunderttausend täglich, an einem Tag gar eine Million.
"Es ist schwer, die Leute noch einmal zu motivieren", weiß die Rothenburger Hausfrau Renate Preussner, die schon zweimal mit erbettelten Liebesgaben nach Polen kutschierte. Auch der Pinneberger Polizeibeamte Ernst Schröder, der schon einmal 120 000 Mark sammelte, "muß sich echt plagen, noch was zusammenzubekommen". Und die Hilfsinitiativlerin Birgit Sprenger aus dem westfälischen Borken klagt, "die Menschen glauben einem nicht mehr, daß es denen wirklich so dreckig geht".
Nur - so geht es ihnen. Gewiß ist Polen kein Land in Ruinen wie Vietnam, und weder in Warschau noch in der Provinz sind Menschen verhungert. Aber die Versorgungslage, die seinerzeit die Hilfsaktionen in der Bundesrepublik wie in anderen westlichen Ländern auslöste, ist nicht besser geworden, seit das Militärregime herrscht, im Gegenteil.
Es gibt zwar kaum noch Käuferschlangen vor den Läden, aber nicht, weil die Regale voll wären, sondern, weil seit Anfang des Jahres die Preise um bis zu 500 Prozent gestiegen sind. Ein Zehntel des durchschnittlichen Monatseinkommens eines Industriearbeiters geht schon drauf für die knappe monatliche Fleischration - 1000 Zloty.
Kinderreiche Familien und Rentner sind längst nicht mehr imstande, die tägliche Milchration zu kaufen; Sozialhilfeempfänger erhalten 2000 Zloty Unterstützung im Monat, aber pro Kopf und Monat sind für einfachste Ernährung 5000 Zloty gerade ausreichend; mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt am Rande des Existenzminimums. "Wie viele Familienhaushalte sind es", fragte bang die Wochenzeitung "Polityka" (offizieller Chefredakteur: Vizepremier Rakowski), "die ein solches Tempo" an Preissteigerung "aushalten können"?
Trister noch ist die polnische Gegenwart für die Angehörigen von verurteilten Solidarnosc-Mitgliedern und -Sympathisanten. Sie erhalten vom Staat ebensowenig Unterstützung wie die zu Hunderten arbeitslosen Journalisten, die zu Tausenden gefeuerten streiklustigen Arbeiter, die relegierten Studenten und entlassenen Professoren. "Hungernde im wörtlichen Sinne gibt es nicht viele", gesteht "Polityka", "aber ein paar tausend wird man schon finden können."
Am härtesten trifft es Kranke und Kinder. Ärzte arbeiten teils unter lazarettmäßigen Bedingungen: OP-Handschuhe, sofern vorhanden, werden bis zur Selbstauflösung wiederverwendet, Spritzen bis zu hundertmal gesetzt, Skalpelle wieder und wieder geschliffen. Ärzte operieren bei Zwielicht, weil Birnen für OP-Lampen fehlen. Beatmungsgeräte stehen still wegen defekter Plastikverbindungen; Röntgengeräte sind nicht zu gebrauchen, weil Filme und Entwickler fehlen. Präparate gegen schwere Krankheiten gibt es schon lange nicht mehr: Krebsmittel, Hämoglobinpräparate, Antibiotika. "Die polnischen Kinder brauchen wirkliche Hilfe, Medikamente", berichtet die exilierte Violinistin Wanda Wilkomirska: "Jedes Medikament ist Gold wert in Polen."
Polnischen Ärzten ist die Währung geläufig. Für seine Privatpatienten S.86 zweigt mancher schon mal gegen kostbare Devisen teure Westmedikamente aus den Spenden ab. Aber auch dies ist möglich: Ein Kinderarzt aus Lodz verscherbelte Milchpulver auf dem Schwarzmarkt, um Penicillin für seine Kinderpatienten zu besorgen. "Es sind heute schon an die 200 000 Kinder", gibt "Polityka" zu, "die nicht nur unter dem sozialen, sondern an der Grenze des biologischen Existenzminimums leben."
Was einst die Vergeudung bei knappen Produktionsmitteln war, ist heute nur noch ein Verteilungsproblem der knappen Güter - der Geschenksendungen aus dem Westen. Die Verteilungsschwierigkeiten werden gelegentlich mit Fäusten ausgetragen.
So kam es in Siedlce bei Warschau zu Schlägereien unter den Einwohnern, als ein westdeutscher Lkw in der Stadtmitte parkte, um Lebensmittel direkt an die Bevölkerung zu verteilen. Anderswo wurde einem Pakete verteilenden Pfarrer ein Auge ausgeschlagen, zwei Transportbegleiter mußten gleich mit ins Krankenhaus.
"Geschenke empfangen bereitet Freude", bestätigt ein Lubliner Arzt, "doch die Freude vergeht beim Verteilen." Ihm selbst kam die Miliz ins Haus zur Durchsuchung: Er hatte im Januar eine DRK-Sendung für das dortige Krankenhaus in Empfang genommen; seither will er mit Hilfslieferungen nichts mehr zu tun haben.
Solche Meldungen kommen der Militärregierung zupaß. Die staatlichen Sammel- und Verteilungsstellen des Polnischen Roten Kreuzes wollen möglichst viele der Hilfsgüterlieferungen an sich reißen, getreu der Devise totalitären Mißtrauens gegen jede gesellschaftliche Initiative: Kontrolle ist besser.
Seit kurzem werden gar zusätzliche "Bezugskarten zu den (Lebensmittel-) Bezugskarten" ausgegeben - für den Bezug von ausländischen Geschenken. Den besseren Zugriff auf die westlichen Hilfsgütersendungen sichert jetzt die von der Militärregierung beschlossene Erhöhung der Sozialhilfe-Planstellen von 4600 auf 8000.
Reichlich naiv mutet da die "Garantieerklärung" des Generalsekretärs des S.87 Deutschen Roten Kreuzes an, "die Kontrolle über die Verteilung der Spenden" durch das Deutsche Rote Kreuz in Polen sei "weiter verbessert worden". In Polen kursiert das geflügelte Wort: "Seit es die Transporte in die Sammellager des Polnischen Roten Kreuzes gibt, passen der Miliz die Koppel nicht mehr."
Die "weitere Garantie" des Generalsekretärs, "daß unsere eigenen Helfer die Spenden direkt in die Krankenhäuser bringen", ist auch nicht viel wert. Nur selten stoßen DRK-Helfer bis in die Magazine polnischer Krankenhäuser vor; oft werden die Spenden provisorisch auf Gängen und in Besuchszimmern gelagert; der Aufenthalt der Helfer dauert allenfalls Stunden.
Über den endgültigen Verbraucher von Lebensmitteln, Medikamenten, medizinisch-technischen Artikeln können sich die ehrenamtlichen Helfer keinen Aufschluß verschaffen, auch wenn DRK-Polen-Referent Lenk versichert, das Polnische Rote Kreuz sei "penibler als der preußische Rechnungshof".
Statt dessen werden Rotkreuzler schon mal zur Imagepflege der Militärregierung benutzt: Sie erleben "Normalisierungserfolge" des Regimes. So erfuhren die ehrenamtlichen Fahrer des hamburgischen DRK-Landesverbandes auf ihrer Hilfsgüterfahrt Ende April von Offiziellen des PRK und Krankenhausvorstehern, es gebe "keinen Mangel an Grundnahrungsmitteln in Polen". In einem Krankenhaus weigerte sich die Verwalterin zunächst, die mitgebrachten anderthalb Tonnen Reis anzunehmen.
Im Fahrtbericht des Hamburger DRK-Transportführers steht: Es habe sich gezeigt, "daß Krankenhäuser in Polen keine Lebensmittel mehr benötigen ... Bekleidung wird in Polen nicht mehr benötigt". Noch eine Hilfsgüterfahrt will S.90 der Landesverband veranstalten, um das Lager zu räumen, dann sei es genug.
Kein Opfer gezielter Desinformation, sondern unehrlicher Postangestellter oder "auch einer ganzen Clique" wurde ein "älterer Mann", berichtet die Warschauer Zeitung "Slowo Powszechne": "In einem ausländischen, fein zusammengeschnürten Paket, das ihm gestern zugestellt wurde, befand sich ein Ziegelstein und nichts mehr." "Warum landen so große Warenmengen", fragt das Blatt, "die aus ausländischen Paketen stammen, auf dem Schwarzmarkt?"
Auch private Hilfsaktivisten sind nicht immer zuverlässig. So geriet im Dezember ein Teil einer Paketspende versehentlich an den polnischen "Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie" - Veteranen der Armee, der Polizei und des Sicherheitsdienstes.
Mißliche Erfahrungen dieser Art sind der Grund, warum polnische Emigranten vor allzu blindem Vertrauen mancher Hilfsorganisationen warnen. So heißt es in einem vom Philosophen Leszek Kolakowski und dem Dichter Czeslaw Milosz mitunterzeichneten "Polnischen Appell an die Deutschen" vom 3. Mai: "Humanitäre Hilfe für die notleidende polnische Bevölkerung muß außerhalb jeglicher Regierungskanäle verlaufen - nur über kirchliche und unabhängige karitative Organisationen oder vertrauenswürdige Einzelpersonen."
Noch am ehesten die Chance zu gerechter Verteilung haben die polnischen Pfarrer - nicht zuletzt, weil "die einfache Kirche entschieden gegen den Staat eingestellt und gegen den Staat aktiv" ist, wie der polnische Militärkommissar für Funk und Fernsehen jüngst zugab. Freilich gibt es unter Polen auch da Klagen über Bevorzugung aktiver Kirchgänger und der lokalen Prominenz, wie Lehrer, Ärzte, Apotheker.
Erleichtert wird die Verteilung durch die spezielle Form der Warenanlieferung: Die deutsche Caritas transportiert die Hilfsgüter "nur noch palettenweise, Waren zu Ware", wie der Pressesprecher erläutert. "Die Plastiktüten zum Abpacken liefern wir gleich mit", ergänzt der Generalsekretär des Malteser-Hilfsdienstes, über den der Caritas-Transport abgewickelt wird. So soll verhindert werden, was zu oft schon den sozialen Frieden und Zusammenhalt der Kirchengemeinde störte: Neid und Mißgunst, "nur weil der eine Aldi-Kaffee, der andere Jacobs-Krönung erhielt", so ein polnischer Pfarrer.
Nicht nur Not lindern die "Fallschirmabwürfe", sie bewirken auch dramatische Sozialveränderungen. "Seit wir Hilfsgütersendungen erhalten, sind wir von Bürgern zweiter Klasse zu Bürgern der ersten Kategorie aufgestiegen", berichtet der evangelische Pfarrer von Tomaszow. Seither buhlen die kommunale und militärische Spitze des Ortes, der Präsident und der Kommissar, um des Pfarrers Gunst, demonstrieren sie Einigkeit zwischen der Militärregierung und dem polnischen Volk - nach dreißigjähriger Unterdrückung der Kirchenmitglieder, Abkömmlinge eingewanderter deutscher Weber.
Ob sich der Pfarrer allerdings an die Regelung der Evangelischen Kirche in Deutschland hält, wonach "Alte, Kranke und Kinderreiche" der "acht nichtrömisch-katholischen Kirchen Polens" zu versorgen seien, ist fraglich. Von den im April durch das DRK angelieferten drei Tonnen Lebensmittel, Waschpulver, Kleidung und Schuhen will der Kirchenmann 160 Pakete schnüren. So viele Mitglieder hat sein Kirchsprengel jetzt, vor den Hilfssendungen waren es 120 Gläubige - nicht alle sind krank, alt oder kinderreich.
Nicht länger mehr kann die polnische Regierung den Spendenstrom wie anfangs mit Schweigen übergehen. Vizepremier Ozdowski in einem Interview mit der Parteizeitung "Trybuna Ludu" am 17. April: "Man muß schon zugeben, daß wir sehr viel bekommen." Über die Hilfe sozialistischer Staaten nennt er keine Zahlen, doch seien "die Geschenke aus den kapitalistischen Ländern dynamisch gestiegen. Im vorigen Jahr haben wir rund 45 000 Tonnen Geschenke bekommen, während es im ersten Quartal 1982 schon 80 000 Tonnen waren".
Auch das Wochenblatt "Polityka" bequemte sich zu einem aufschlußreichen Zahlenvergleich am 24. April: "Die diesjährigen Fallschirmabwürfe haben bereits in den ersten drei Monaten 1982 eine Rekordhöhe erreicht: 71 000 Tonnen, darunter 23 000 Tonnen aus den USA, 12 000 t aus der Bundesrepublik, 7000 t aus Frankreich, je 5000 t aus Holland und Schweden, 4000 t aus Belgien, 3000 t aus Norwegen."
Widersprüchliche Zahlenangaben, einmal 80 000, dann wieder nur 71 000 Tonnen, bestärken noch Polen-Experten in der Ansicht, daß die doppelte Tonnenzahl wohl der Wahrheit am nächsten kommt.
Wie auch immer - trotz der Lebensmittellieferungen "leiden Kinder oft auch unter anderen Mängeln", es fehle an Betten, Bettzeug und Schuhen. "Aus den Dörfern ist zu hören", so "Polityka", "daß Kinder wegen Schuhmangels nicht mehr zur Schule gehen."
Nicht aufhören mit dem Spendensammeln wollen deshalb die privaten Hilfsinitiativen, während im Generalsekretariat des DRK Ratlosigkeit herrscht: "Wir können nur das verteilen, was uns gespendet wird." "Ich kann doch nicht ein Kind auf halber Strecke sterben lassen", empört sich Kaufmann Zandecki.
Zu ihrer achten Transportfahrt rüstet die Frankfurter Kinderärztin Graef. "Vielleicht was Neues einfallen lassen" will sich der Königsteiner Rentner Kroeger nach seiner Anzeigenkampagne. "Ich muß wieder hinfahren und weiterhelfen", versichert der Pinneberger Polizist Schröder.
Aber nicht nur Spendenmüdigkeit der Wohlstandsbürger macht den Spendensammlern zu schaffen, auch die unbewältigte Vergangenheit der Deutschen meldet sich in Wort und Schrift. Neonazis und ehemalige Heimatvertriebene überziehen Hilfswillige mit anonymen Hetzbriefen und Telephonbeschimpfungen. "Es ist manchmal zum Fürchten", sagt Krystyna Graef.
Und wenn auch die organisierten Hilfsaktionen allmählich erlahmen - die stille Polen-Hilfe geht weiter. Das Paket-Postamt 2 in Hannover, Grenzausgangsstelle für alle westdeutschen Post-Pakete nach Polen, meldet gar einen leichten Anstieg im unablässigen Paketstrom. 35 000 Päckchen gingen in den vergangenen zwei Wochen täglich nach Polen. Bevorzugte Regionen: das ehemalige Pommern, die Masuren, Oberschlesien.
S.83 Postamt 2 in Hannover, zentraler Umschlagplatz für sämtliche Paketsendungen aus der Bundesrepublik nach Polen. * S.86 Beim Packen von Geschenksendungen in West-Berlin. *

DER SPIEGEL 23/1982
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