24.08.1981

Hellmuth Karasek über Siegfried Lenz: „Der Verlust“

Wenn die letzte Sardine schimmert
Der Lenz ist da, der Herbst ist nah: Mit diesem eigentlich recht abgeschmackten Kalauer läßt sich das Klima der vor der Tür stehenden Buchsaison treffend beschreiben.
Siegfried Lenz, wenn schon nicht Liebling der Musen, dann doch Hätschelkind der Buchhändlerinnen und Bibliothekare, hat einen neuen Roman geboren, der, nach allen Bauernregeln des Gewerbes, zum Bestseller bestimmt ist. "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß." Einen konkurrierenden Walser, Böll oder Graß gibt es in diesem Herbst nicht, "und auf den Fluren laß die Winde los".
Das Buch -- es heißt "Der Verlust" -- ist bestellt, gekauft, geordert, noch ehe es gebunden war. Blind, im Vertrauen auf ein Markenzeichen, das den Stillen im Lande Lektüre bei Kerzenschimmer verspricht, heimelig und doch zeitbewußt, innig und doch kritisch, wenn auch mit Maßen.
Soviel sei gleich zu Beginn verraten: Die da hoffen und auf ein Zeichen harren, werden nicht enttäuscht werden. Das Buch ist auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Lenzianer so zugeschnitten wie das Warensortiment eines Reformhauses auf die Sehnsucht nach unvergifteter Gesundheit.
Höchstens, daß das Angebot an Joghurtbechern, Leinsamen und Pinienkernen diesmal etwas dürftiger als sonst ausfällt. Mit gut 200 Seiten wird der Leser abgefunden, der sonst von Lenz ganz andere Umfänge gewöhnt ist. Da heißt es haushalten an den langen Winterabenden: "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben."
Was erzählt Lenz? Eine Liebes- und Bewährungsgeschichte zwischen zwei nicht mehr ganz jungen Menschen. Er heißt Uli und hat sich, da er sich nicht in allzu fest gefügte Ordnung einpassen will, schon in vielen Berufen versucht. Wenn der Roman beginnt, ist er Fremdenführer, der Besuchern auf einer Busfahrt eine norddeutsche Großstadt (ich tippe auf Kielsburg, Hambeck oder Lüben) nahebringt: mit einem so feinen Witz, daß der Busfahrer tagtäglich und allen Wiederholungen zum Trotz ihm mit Herzklopfen zuhört wie ein Theaternarr Will Quadflieg.
Sie ist Bibliothekarin, wohnt zur Miete bei einer mütterlichen Freundin, Schulleiterin von Beruf (was die Zielgruppe der Identifikationsleser beträchtlich vergrößert), heißt Nora und hat Kummer mit Rentnern und Hausfrauen, die Bücher, anstatt sie zurückzubringen, verlegen. Ins Gemüsefach des Kühlschranks, hinters Bett, in den Wäscheschrank. Da lächelt der Leser gerührt.
In diese Welt, wo jeder Wille zu einem Weg und jede Tasse Tee zu einem Kandiszucker führt, bricht jedoch harsch und unvermutet das Unglück ein.
Uli wird es schwindlig vor den Augen, er muß eine Stadtrundfahrt abbrechen, rettet sich mit Müh und Not zu seiner Freundin Nora und erleidet da einen Schlaganfall.
Mit einer Aphasie, einer zunächst totalen Sprachlähmung, wird er ins Universitätskrankenhaus eingeliefert und verlangt dort mit mühsam vollgekrakelten Zetteln nur nach einem: nach Nora.
Die jedoch, ohnehin nicht der selbständigsten eine und an die Schulter ihrer vermietenden Lehrerin gelehnt, der sie ab und an kleine Dornen von der Gartenarbeit aus den Fingern puhlt, schrickt zurück.
Sie will die Lehrerin vorschieben, um sich vor einem Besuch im Krankenhaus zu drücken. Sie mobilisiert Ulis Bruder. Sie flieht zu den Eltern, die Mietschwierigkeiten in ihrer Firmenwohnung haben -- was ihr nicht ungelegen kommt.
Jedoch die Ausflüchte versagen nach und nach. Die Lehrerin hat, nachdem einer ihrer Lieblings- und Problemschüler ermordet wird, genug eigenes am Hals. Der Bruder Ulis, so stellt sich heraus, hat dem Kranken und jetzt Wortlosen einst die Frau weggeschnappt, so daß seit sechzehn Jahren böses Schweigen zwischen beiden herrscht. Und die Eltern in der Siedlung genießen Mieterschutz.
Nora macht sich zurück auf den Weg, da aber ist Uli schon, verzweifelt über ihre Nichtbesuche, aus dem Krankenhaus ausgebüchst, um sie überall zu suchen und schließlich vor dem Sportstadion zusammenzubrechen. "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr."
Doch am Ende wird alles, wenn schon nicht gut, dann doch tapfer bewältigt. Nora hat alle Unentschlossenheit abgeschüttelt. Der Wunsch des Kranken, mit ihr zusammenzuziehen, schreckt sie nicht mehr. Im Gegenteil: Sie sinnt schon auf das Fertighaus, wo beider Möbel zusammenpassen.
Im Krankenhaus, wo auch er wieder angekommen ist, macht sie ihm resolut klar, daß es nicht Mitleid, sondern Liebe ist, was sie zu ihm zurücktrieb. Letzter Satz des Romans: "Als es klopfte, sahen beide zur Tür." Beide. Man muß sich den Satz, in seiner spröde hoffnungsschwangeren Lakonik, auf der Zunge zergehen lassen, um zu begreifen: So schmeckt er, der rechtsgedrehte Yoghurt der säuerlichen Sentimentalität.
Es ist die hervorstechendste Eigenschaft der Prosa von Siegfried Lenz, daß sich in ihr Krankheit und Tod, Elend und Not schlimmstensfalls so ausnehmen wie ein zu früh verwelkter Blumenstrauß in einer Vase.
Wo Lenz auch hinschreibt, tun sich stets Poesiealben auf. Was ist der Heldin "ältester, aber ungenauester Wunsch"? "Einmal auf dem Land zu leben, dort, wo man mit sich übereinstimmt, wo man sich um Gefühle nicht zu bemühen braucht, einfach, weil sie von selbst entstehen, in unversehrter Landschaft, die einen nicht abweist, sondern annimmt."
Bisher habe ich geglaubt, ein derartiger Jargon der Innerlichkeit sei mit den Predigten hochgestimmter Landvikare in den fünfziger (und frühen sechziger) Jahren gestorben und von Adorno begraben worden. Bei Lenz, der eine Gestalt S.166 auch "wie gebeugt von einem Wissen, das die Ereignisse längst entwertet hatten" über den Korridor schlurfen läßt, wird alles und jeder unterschiedslos zu jener ungenau und ergriffenen Prosa emporgehoben -- ob es sich um eine Zitronenscheibe beim Tee oder Arbeiter an einer Straßenbaumaschine handelt.
So ergeht es der Zitrusfrucht im Büro: "Eine angelaufene Zitronenscheibe wollte kaum etwas hergeben, nur einige Spritzer fanden den Tee."
Und so den Straßenarbeitern: "Vor der gelben, unförmigen Maschine standen Arbeiter, rauchend, wie im Ungewissen darüber, ob sie das dienstbare Ungetürm wecken sollten." Huch, die böse, böse Maschine!
Man traut seinen Augen kaum, wenn man liest, daß Nora beim Tischdecken "dem Toaströster den Vorsitz über den Frühstückstisch gab". Doch dann merkt man, daß sie auch sonst nicht recht bei Toaste ist, wenn es sich um die hierarchische Tischordnung handelt. Schon deckt sie wieder, und siehe da: "Nicht der geflochtene Brotkorb, der hölzerne Brotkasten wurde zum Zentrum erhoben ... der Salzstreuer mit dem Sprung -- der, der den Alltag bestätigte -- war gut genug." Ein einsamer Mann dagegen blickt in den (ungedeckten) Kühlschrank -- und was sieht er da: "Talgig schimmerte in einer offenen Dose die letzte Sardine."
Der Sprache, die ebenso gravitätisch wie unterschiedslos durch Teetassen, Unglücksfälle, Hafenrundfahrten und Sportstadien stelzt wie besagter Storch durch den Salat -- dieser Prosa entspricht die Problemlage des Buchs, das mit schweißtreibendem Tiefsinn Fragen aufwirft, die uns so unter den Nägeln brennen wie die schwierige Entscheidung, ob wir den Toaster zum Vorsitzenden des Frühstücks, den Eierbecher zum Oppositionssprecher des Mittagessens oder die letzte Sardine zum Hausverwalter des Kühlschranks machen sollen, auch wenn dieselbe talgig schimmert.
Da lernen sich Uli und Nora kennen, als der Rundfunk eine Straßenbefragung über die Notwendigkeit von Denkmälern veranstaltet. Nora schmilzt hin, als Uli, anders als die anderen, sagt, man brauche Denkmäler schon deshalb, um die Irrtümer der Vergangenheit vor Augen zu haben.
Ähnlich radikal werden Themen der Literatur diskutiert. Als ein Literatur-Professor, der schwarze Hemden mit hellen Schlipsen wie Reich-Ranicki trägt und Hahn-Castelli heißt, bei einem Vortrag in der Bibliothek von der Literatur fordert, daß sie einen Beitrag zur restlosen Erkennbarkeit des Menschen zu leisten habe, hält es Uli bei der Diskussion nicht mehr. Als erster meldet er sich zu Wort und sagt: "Er sitze zufällig unter sieben Bänden Proust, stellte er fest, und wenn er zum Beispiel diesen Autor recht verstanden S.167 habe, dann vermittele Literatur die Einsicht, daß der Mensch schließlich unerkennbar bleibt."
Rätsel Mensch, Rätsel Mann, Rätsel Frau. Immerhin, in Lenzens Roman, erkennt der Besitzer eines Ladens, den Nora als "erste Kundin" betritt, was sie will, ohne daß sie ein Wort sagen muß: Er gibt ihr "ohne weiteren Auftrag" "Roggenbrötchen, Briekäse, zwei Joghurtbecher und ein Glas Tannenhonig".
Entweder also kauft Nora täglich ein ganzes Glas Honig, oder der Kaufmann ist ein Hellseher, oder die Prosa von Lenz tut nur so, als ob es ihr um erkennbar oder nicht erkennbar zu tun wäre.
Vielleicht sollten Uli und Hahn-Castelli (wahlweise auch Siegfried und Reich-Ranicki) bei ihrer nächsten Diskussion vor Buchhändlern und Bibliothekarinnen auch einmal danach fragen, ob die Beliebtheit der Lenz-Prosa nicht auch darin ihren Grund hat, daß sie den Lesern genügend Scheinprobleme vorwirft: Denkmal oder nicht, Frühstück mit oder ohne präsidialen Toaster, Huhn oder Ei, Literatur oder Lenz.

DER SPIEGEL 35/1981
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