24.08.1981

BIERMANNÖder Stern

Der Liedermacher Wolf Biermann hat seiner Protest-Vergangenheit abgeschworen. In der „Zeit“ gelobte er, sich künftig aus der Politik herauszuhalten.
Früher schwärmte er für den toten Che Guevara und für die gefallenen Republikaner des spanischen Bürgerkriegs; früher trauerte er dem Prager Frühling und den ermordeten Kommunisten von Santiago nach.
Wo immer ein sozialistisches Kind in den Brunnen gefallen war, eilte der S.170 Liedermacher Wolf Biermann mit der Gitarre herbei, um die Niederlagen in Siege umzustimmen: "So oder so, die Erde wird rot."
Mit seinen linken Schicksalsmelodien hat sich Biermann den Ruf erworben, ein engagierter politischer Künstler zu sein -- ein Mißverständnis, das er nun selber in aller Öffentlichkeit ausgeräumt hat.
Dem "Zeit"-Feuilletonchef Raddatz beichtete er bei Kerzenschein und Rotwein, daß er nur noch schreiben wolle, "was meine Sach' ist".
Der entschlossene Carstens-Gegner Biermann ("Heil Hitler! Teurer Wandersfreund") will nun "nicht mehr in Herrn Carstens Nase bohren"; der forsche Prophet einer Welt ohne Waffen und Soldaten mag sich am Widerstand gegen Neutronenbombe und Atomrüstung nicht beteiligen, denn "lächerlich" findet Biermann "diesen Pazifismusstreit jetzt". Und träumte er einst in seinen Liedern von einem Leben ohne Staat, so dreht er nun all denen, die ihm das abgenommen haben, eine Nase: "Was geht mich die Staats-Scheiße an?"
Als Stammheim in den Schlagzeilen war, fertigte Biermann ein zu Tränen gerührtes "Stammheim-Lied". Jetzt zuckt er ungerührt mit den Achseln: "Was gehen mich letztlich die Probleme der Terroristen an?"
Und in der Manier jenes "deutschen Skat-Vereins", den er ehedem wegen seiner eigensüchtigen Ignoranz verhöhnt hatte, begründet Biermann nun sein Terroristen-Desinteresse mit dem Hinweis: "Ich war und bin kein Terrorist." Recht hat er, jawoll: Wer nicht selber im Knast sitzt, soll sich um Haftbedingungen nicht scheren, wer nicht Politiker ist, den muß die Politik nicht kümmern.
So schmiedet der "Protestsänger" nun Kapitulationsverse. "Nichts hat der Mensch auf Dauer", läßt sich der Kleingarten-Poet jetzt vernehmen. "Verlust ist sein Gewinn", schreibt er der Restwelt ins Poesie-Album. "Glückliche Liebe, die gibt's nie."
Revolution und Pazifismus, Chile und Folter: was soll's? "Die Erde wird ein öder Stern wie andre öde Sterne." Hauptsache, man hat sein Fläschchen Rotwein, der Raddatz kommt mal zu Besuch und schreibt in der "Zeit" 'was Schönes über Biermann.
Was auf den ersten Blick wie die jähe Verwandlung eines forschen Linken in einen bänglich altklugen Kleinbürger aussieht, ist freilich nur die Fortsetzung des alten Protest-Schauspiels.
Denn wenn Biermann sich in globaler Pose gegen den "atomaren Wahnsinn hier" aussprach oder verkündete, "daß die Geschichte objektiv ... eine Tendenz zu einer sozialistischen Gesellschaft hat", dann redete er eben mit derselben großspurigen Unverbindlichkeit, mit der er jetzt prophezeit, daß die Erde, so oder so oder sowieso, zum "öden S.171 Stern" wird. Und nicht zufällig entfuhr dem Biermann der großen Worte einmal die Erkenntnis: "Worte sind ja Schall und Rauch."
So konnte er eben auch heute vorm "atomaren Wahnsinn" erzittern und morgen schon seelenruhig erklären, Atomkraft sei "eine Naturkraft" und nicht sie, sondern "der Mensch" bedrohe "den Menschen".
Wer solchermaßen alles nur in allem nimmt, der muß sich ja wirklich um sein Geschwätz von gestern nicht scheren.
Und also gab der ehemalige Waffengegner und selbsternannte Pazifist Biermann dem Raddatz seine Verachtung für den "lächerlichen Pazifismusstreit" und seine Hochschätzung für den friedliebenden Atom-Western-Star Reagan zu Protokoll.
Der "Linke" Raddatz aber war begeistert und schwärmte von "einem der wenigen lauen Sommerabende" in Biermanns Hamburger Garten.

DER SPIEGEL 35/1981
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