24.08.1981

Der blauäugige Engel

„Lola“. Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder. Deutschland 1981; 113 Minuten; Farbe.
In einer seiner maliziösen Bildergeschichten über "Leute von gestern" hat Hans Traxler neulich das ungestüme Schaffenstempo von R. W. F. bebildert und beschrieben: "Herr Rainer schreibt das Expose / Der erste Fan steht schon im Schnee." Und im Wettlauf mit einer anwachsenden Käuferschlange vor dem Kino entwirft, dreht, schneidet und kopiert Fassbinder seinen Film.
Das ist kaum übertrieben. Gerade eben noch hatte er (was für andere Filmer Aufgabe für ein halbes Leben gewesen wäre) monatelang den Bildschirm mit einem zum Ludendrama zerwalzten "Alexanderplatz" verdunkelt, das Nazireich als Kitschträne ("Lili Marleen") über die Leinwand rinnen lassen, und schon folgt, eins, zwei, drei im Sauseschritt, nichts Geringeres als eine Neu-Version des "Blauen Engels". Aber während man den noch unter dem Titel "Lola" im Kino bestaunt, ist der Berserker schon mit "Kokain" zugange. Fassbinder ist (auch) seine eigene Inflation.
Daß ein derartig panischer Arbeitseifer neben Treffern auch Nieten hervorbringen muß, liegt auf der Hand. "Lola" gehört, anders als "Lili Marleen", glücklicherweise zu den Treffern.
Zwar ist die Handlung eher schlampig als recht vom "Blauen Engel" aus dem wilhelminischen Duckmäusertum in die adenauerische Spießerwelt der fünfziger Jahre übertragen, wobei der Slalom um den (Heinrich) Mannschen Vorwurf und um den Sternbergschen Film seine leichtsinnigen Kurven auch urheberrechtlichen Rücksichten verdankt. Aber Geist und Stimmung jener Wiederaufbaujahre sind in der Geschichte vom verliebten Baudezernenten, der als Moralapostel in dem verdrückt-korrupten Klima der deutschen Provinz zur Strecke gebracht wird und sich dabei noch glücklich wähnt, lärmend grell (und damit treffend) eingefangen.
Das verschwitzte Bordell mit seinen falschen Bonbonfarben ist ebenso Ausdruck einer Zeitstimmung wie die völlig geschmacklos dröhnende Selbstzufriedenheit, mit der Mario Adorf den Baulöwen am Ort spielt, der sich am Abend, beim sogenannten Über-die-Stränge-Schlagen, beweist, was er doch für ein toller Hecht ist. Nie waren Adorfs nicht gerade feinsinnige Schauspielermittel, nie seine dümmlich einfrierenden Grimassen angebrachter als in diesem Heimatfilm unserer Erinnerung, der die Wirtschaftswunderepoche kantig und richtig aus Kitsch und Hemdsärmeligkeit, Gemüt und Bauboom zusammensetzt, während aus dem Radio die besänftigenden Großvater-Ermahnungen des ersten Bundeskanzlers oder die pathetische Schlachtbeschreibung der deutschen Fußballniederlage gegen Schweden im Tremolo Herbert Zimmermanns ertönen.
Fassbinder setzt seine Figuren einem so grellen Licht aus, daß sie oft aussehen wie Marzipan in einer Bonbonniere. Während die Wirklichkeit zu schrillen Farborgien zerplatzt, bemerkt man, wie diese falsche Künstlichkeit, in die sich die Figuren mit verzweifelter Gemütlichkeit zu kuscheln versuchen, sich im Film als die falsche Natur der Restaurationszeit erweist.
Da kann sich Fassbinder sogar den etwas dicken optischen Gag leisten, daß er seinem Helden so stark blau ins Gesicht leuchtet, daß dessen "Blauäugigkeit" keine Metapher, sondern die pure Realität ist.
Überhaupt machen die falschen Töne und Bilder bei dieser verqueren Liebesgeschichte deutlich, daß jene säuberliche Unterscheidung zwischen falschen und echten Gefühlen der moralisierende Gewaltakt der Aufbauepoche war, mit der sie Ordnung in ihre chaotische Bauwut und Gefühl in ihr hemmungsloses Konsumverlangen zu bringen trachtete.
Vor allem aber hat Fassbinder für die endlich glücklich und mit allen faulen Kompromissen endende Liebesgeschichte zwischen der Nutte und dem gehobenen Beamten, die am Ende ganz in Weiß ihre Hochzeit feiern, eine glückliche Besetzung gefunden.
Den neuen Unrat, der ein Baurat ist, spielt der einstige DDR-Star Armin Müller-Stahl mit einem derart hölzernen rührenden Charme, daß einem klar wird, wie die Vermählung zwischen deutschem Charakter und skrupellosem Wirtschaftsboom zu bewerkstelligen war: Das Gesicht jedenfalls blieb gewahrt. Und Barbara Sukowa als Lola ist eine Entdeckung: Kraftvoll und komisch, kitschig und sexy in einem, bringt sie ein paar der vielen Widersprüche deutscher Provinz hinreißend zu einer Figur zusammen, bis es zwischen Geschäft und Gefühl keine Marktlücke mehr gibt.
Hellmuth Karasek
S.171 Oben: mit Mario Adorf; * unten: Barbara Sukowa und Armin Müller-Stahl. *

DER SPIEGEL 35/1981
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