24.08.1981

THEATERRette sich wer kann

Zum dritten Mal wurde bei den Salzburger Festspielen ein Stück von Thomas Bernhard uraufgeführt, eine Komödie mit dem Titel „Am Ziel“.
Die alte Dame hat einen Fehler gemacht, einen schweren und folgenschweren -- sie ist ins Theater gegangen, nicht in die Operette, sondern in die Uraufführung eines neuen Autors: "Jetzt rächt es sich, daß wir ein Abonnement genommen haben."
So ein Satz von der Bühne herab schon in der ersten Minute ist ein Lach-Köder, auf den jedes Premieren-, jedes Festspiel-, jedes Uraufführungspublikum anbeißen muß: eine Einladung zu vergnügt verständnisinniger Komplizenschaft.
Und weil die alte Dame noch einiges mehr in petto hat, die Schauspieler betreffend, die Zuschauer, den Applaus und die "Theaterschmierfinken", die "den Leuten ihren eigenen Dreck ins Gesicht werfen", herrscht im Salzburger Landestheater so willige Heiterkeit, daß der Beifallsjubel für den Satz "Es gibt keine größere Perversität als die-Perversität des Theaterpublikums" diesen Satz bloß noch bestätigt.
Der Theaterautor Thomas Bernhard war schon immer (auch) eine Portion schlauer als die Andächtigen, die von seinem Schmerzens-Charme, seiner untergangssüchtigen Suada verzaubert an seinen Lippen hingen. Ganz ließ er sich nie aus der Reserve der Ironie locken. Doch nie hat er sein Publikum so beifallheischend hofiert und zugleich so selbstgefällig heruntergeputzt wie in seiner neuen, im Luxus-Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführten Komödie "Am Ziel".
Die kulturbeflissene alte Dame, die mit ihrer zu mausgrauer Unmündigkeit abgerichteten alternden Tochter so eifrig Premieren heimsucht, sogar Uraufführungen, obwohl sie längst "im Grunde nichts mehr interessiert", ist ja (auch) die Karikatur der Abonnentin schlechthin, der Kulturbetriebsmeduse.
Da das Stück ein Erfolg ist, macht sie sich, obwohl sie es selbst abscheulich fand, an den jungen Dichter heran, läßt sich von ihm, obwohl sie das bloß rücksichtslos findet, eine geschlagene Stunde lang wichtig belabern -- und lädt ihn flugs als Gast in ihr Haus am Meer ein. Seinem Mythos kann die schwerreiche "Gußwerkbesitzerswitwe" nicht widerstehen: Auch sie hätte statt des klotzköpfigen Industriellen, den sie vom Scheitel bis zur Sohle haßte, lieber einen schönen Künstler geheiratet.
Soweit die Vorgeschichte des Stücks, für deren monologische Ausbreitung man sich in Salzburg zwei Stunden Zeit nimmt. Da thront die Dame, auf ihren Dichter wartend, in ihrem Salon und läßt, während die Tochter in stummem Eifer Koffer um Koffer für den Ausflug ans Meer packt, in mählich alkoholisierter Geschwätzigkeit ihr Leben Revue passieren: Ein patentiert Bernhardsches Horror-Leben, versteht sich, aus dem die großen Haßobjekte Sohn, Hund und Mann zwar auf eklige Weise, doch so angenehm rasch weggestorben sind, daß die Dame seit zwanzig Jahren alle Liebeskraft auf die Versklavung ihrer Tochter wenden kann: "Ich bin deine unreine Mutter, deine furchtbare Mutter ... Du gehörst mit Haut und Haaren mir."
Am Schluß des ersten Teils trifft der Dichter ein, den zweiten lang sitzen die beiden mit Blick aufs Meer, während die Tochter emsig alle Koffer wieder auspackt, und die Dame ermuntert den Dichter -- sein Erfolgsstück hieß "Rette sich wer kann" --, im ewigen Meeresrauschen den Beifallsjubel des Premierenpublikums zu hören: "Sie sind am Ziel, mein Herr."
"Am Ende angekommen" hieß das Buch von Ria Endres, das (sehr zu dessen Ärger) Bernhards Werk als männlich-monomane Wahnproduktion darstellte. Diesem apodiktischen "Am Ende" setzt er nun sein selbstvergnügtes "Am Ziel" entgegen: Da darf eine Dame abendfüllend mit Neid, Mißtrauen und hemmungsloser Anbetungsbereitschaft über einen "dramatischen Schriftsteller" herziehen, der sich mit Bekenntnissen wie "Ich richtete mich in der Finsternis ein" oder "Es hat immer nur gescheiterte Schriftsteller gegeben" lächelnd als echt Bernhardscher Pappkamerad anbietet.
Doch indem Bernhard, ausschließlich wie nie zuvor, eine Frau zur Trompete seines Wirklichkeitsekels und seiner Weltgerichtsbarkeit macht, transponiert er sein männlich-zorniges Furioso in die Sphären einer genüßlich weltverschlingenden Salon-Redseligkeit, die alle Schrecken in graziöse Gänsefüßchen setzt.
Diese mit virtuosen Sprachkoloraturen ausgezierte Monumentaltirade für eine Salondame -- wie aus Fertigteilen montiert, aus längst reibungslos abrufbaren Echos früherer Bernhard-Visionen, ohne einen Moment des Atemstockens, der Überraschung, des erkennenden Erschreckens -- ist am Ende (oder am Ziel) monumental nur noch in ihrer Harmlosigkeit.
Natürlich, da ist Marianne Hoppe, die mit unverhohlenem Selbstgenuß das ganze Salzburger Landestheater zu ihrem Salon macht: Sie brilliert in einer Rolle, in der man -- weil sie keinerlei Widerstand bietet -- nur unentwegt brillieren kann, sie macht aus der Vier-Stunden-Aufführung ein Feuerwerk blendender Kunstmittel, von der kaltmetallischen Herrschaftsfanfare bis zum überwältigend aufstrahlenden Jungmädchencharme der großen alten Dame.
Natürlich, da ist Kirsten Dene als Tochter, die mit Demut ein Stück innigen Unglücks spielt. Da ist Branko Samarovski, der hinter der öligen Undurchschaubarkeit die Scheu des jungen Erfolgsdichters durchscheinen läßt. Und da sind der Regisseur Claus Peymann und der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann, die ihre achte gemeinsame Thomas-Bernhard-Produktion mit der gewohnten respektvollen Kunstfertigkeit und so weiter -- kurz, Peymann hat mit kultiviertester Fadheit eine fade Sache auf Hochglanz gebracht.
"Am Ziel", wenn das denn das Ziel sein sollte, präsentiert Thomas Bernhard sich als ein Autor, der mit allem, wirklich allem, was ihm einst Wunde und Schmerz war, nur noch aufs glänzendste kokettiert. Urs Jenny

DER SPIEGEL 35/1981
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