24.08.1981

COMPUTERMinis vom Riesen

Mit dem „Heimcomputer“, Zwischending von Taschenrechner und EDV-Anlage, drängt die Elektronik-Industrie in Büros, Schulen und Privathaushalte. Auf diesen neuen Markt stößt nun auch IBM vor.
Das US-Wirtschaftsblatt "Fortune" sah wieder einmal "den amerikanischen Traum" erfüllt: Arme, unbekannte, aber pfiffige Jungs werden berühmte Dollarprinzen.
Das moderne Märchen handelt von neuester Technik. Es begann im "Silicon Valley", jenem Streifen des gelobten Landes Kalifornien, wo die derzeit am raschesten aufstrebenden Firmen aus dem simplen Rohstoff Silicium immer kompliziertere elektronische Bauteile fertigen.
Dort lebten Steven P. Jobs und Stephen G. Wozniak. Die hatten das College satt, lernten auf eigene Faust alles über Computer und ersannen ein neuartiges, kleines, überaus leistungsfähiges Denk-Maschinchen.
Den Prototyp bastelten Jobs und Wozniak in einer Garage zusammen: eine Art Kreuzung zwischen Taschenrechner und EDV-Anlage. Dieses Gerät, keck "Apple I" genannt, wurde der Grundstock ihres Vermögens - ein Computer für jedermann.
Bald überstieg die Nachfrage die Fertigungskapazität der jungen Selfmademen. Da kamen, gleichsam als gute Feen, vor vier Jahren zwei Experten etablierter Konzerne der Branche. Der Produktionsdirektor Michael Scott von National Semiconductor und Marketing-Manager A. C. Markkula von Intel stiegen bei den Anfängern ein.
Letztes Jahr machte das Unternehmen "Apple Computer" bereits einen Umsatz von gut 200 Millionen Dollar. Bei den "personal" oder "home computers", die mittlerweile von nahezu 200 amerikanischen, japanischen und europäischen Herstellern angeboten oder entwickelt werden, ist die Pionierfirma in den USA nach Zahl verkaufter Geräte (96 000 im letzten Jahr) zweite hinter der Tandy Corporation, nach Umsatz mit etwa 23 Prozent Marktanteil sogar Nummer eins.
Über das Stadium eines Spielzeugs für anspruchsvolle Hobby-Elektroniker sind die sogenannten Heimcomputer längst hinaus. Rechtsanwälte katalogisieren damit ihre Klientel. Kaufleute verfolgen damit Geschäftsgang und Lagerumschlag. Statistiker bereiten damit Daten in Schaubildern auf; Privatleute buchen damit Einnahmen, Werbungskosten und Sonderausgaben für die Steuererklärung.
Schon letztes Jahr aber traten gegen die kleinen Neuerer wie Apple alte Riesen wie Amerikas Hewlett-Packard oder Japans Nippon Electric mit Heimcomputern an. Und jetzt nimmt auch der Gigant der elektronischen Datenverarbeitung den Wettbewerb auf: IBM.
Mitte des Monats präsentierte dieses achtgrößte Unternehmen der Vereinigten Staaten das Sortiment seiner bislang kleinsten Systeme für Anwender weitab von Hauptverwaltungen und Forschungszentren. Im Oktober kommen die ersten Geräte-Sets für Büros, Schulen und Haushalte in den USA heraus; von kommendem Frühjahr an soll Europa bedient werden.
Steven Ruddock von Hewlett-Packard wertet die Entscheidung von IBM, die Produktpalette bis hart an die Grenze zur Unterhaltungselektronik auszuweiten und erstmals Laufkundschaft zu umwerben, als Zeichen dafür, "daß 'personal computers' in den nächsten fünf bis zehn Jahren eines der am besten florierenden Industrieprodukte sein werden".
Tatsächlich scheinen die rund eine Million Heimcomputer, die in Amerika schon in Betrieb sind, heftiges Begehr bei jenen zu erwecken, die noch keinen haben. Der Umsatz an Mikrocomputern bis zu einem Preis von 5000 Dollar, schätzte jüngst das US-Marktforschungsunternehmen Dataquest, werde weltweit von 1,2 Milliarden Dollar in diesem Jahr bis 1985 auf vier Milliarden Dollar steigen.
Solche Erwartungen milderten das Zittern der Branche vor IBM. Auch aus anderen Gründen beurteilt Apple-Präsident Markkula den Auftritt des mächtigen Konkurrenten gelassen: "Wir sehen nichts Ungewöhnliches, keine größeren technologischen Durchbrüche."
Kernstück des IBM-Systems ist der Mikroprozessor 8088 von Intel, der allerdings 16 Informations-bits gleichzeitig verarbeitet, doppelt soviel wie die Prozessoren der meisten bisher erhältlichen Geräte. Zusammen mit einem elektronischen Gedächtnis, das je nach Ausführung 16 000 bis 260 000 Zeichen (entsprechend etwa 18 bis 300 maschinengeschriebenen Seiten Text) speichern kann, bildet es die eigentliche Computereinheit.
Bedient wird das Gerät mittels einer Tastatur mit 83 Tasten, die abnehmbar und so leicht ist, daß der Benutzer sie bequem im Sessel auf den Knien halten kann. Ausgelegt ist das System für "Basic", die einfachste und am meisten verwendete Programmiersprache.
Mit Zusatzstationen wie Datenspeichern, Drucker und Farb-Display für graphische Darstellungen lassen sich die Heimcomputer von IBM wie die anderer Marken zu solcher Leistungsfähigkeit ausbauen, wie sie bis vor etlichen Jahren nur zentrale EDV-Anlagen erreichten.
Die Zusatzgeräte kosten viel Geld. Und IBM bleibt in der oberen Preisklasse.
Die billigste Version des IBM-Heimcomputers, die der Benutzer mit einem eigenen Bildschirmgerät koppeln muß, wird 1565 Dollar kosten. Die fashionable Büro-Anlage mit allen elektronischen Hilfsmitteln kommt auf mehr als 6000 Dollar.
Einen "Volks-Computer" des amerikanischen Produzenten Commodore bietet etwa das bundesdeutsche Versandhaus Quelle bereits für 899 Mark an. Das Top-Modell des US-Marktführers, "Apple III", ist für 4690 Dollar zu haben.
Zwar sind die Geräte verschiedener Hersteller nicht direkt zu vergleichen. Aber eine Fülle von Funktionen, die kaum ein Anwender sämtlich ausnutzen wird, ist bei allen besseren Systemen die Regel.
Deshalb wetteifern die Firmen mit Besonderheiten. Der Elektronik-Konzern Texas Instruments hat zum Beispiel ein Zusatzgerät entwickelt, das den Computer auf gesprochene Kommandos reagieren läßt.
Teils hochspezialisiert, teils läppisch ist das Angebot von Standardprogrammen, die den Tischrechnern per Modul eingefüttert werden können. IBM bietet einstweilen Bewährtes wie das Wirtschaftsprognosen-Programm "Visi-Calc", aber auch den Mattscheiben-Spaß "Microsoft Adventure".
Diese Mischung aus Tabellenkram und Unterhaltung soll offenbar Büro-Angestellte verlocken, Mikrocomputer auch fürs Wohn- oder Kinderzimmer anzuschaffen. Die kalifornische Firma Atari etwa, die auf den deutschen Markt drängt, offeriert neben Software für Statistik und Zinsrechnung, für Adressenspeicher und Formbriefe ein breites Sortiment von Tele-Spielen wie "Space Invaders" und "Missile Command". Das sonst etwas elitäre Unternehmen Texas Instruments hat außer Baustatik und Navigation für Luft- und Seefahrt auch Hallenfußball und unter dem Stichwort "Aus- und Weiterbildung" die vier Grundrechenarten im Programm-Katalog.
Solches Vergnügen nicht gerechnet, haben viele Käufer offenbar noch Schwierigkeiten, die Kosten für die elektronische Neuheit wieder hereinzuspielen. Denn Heimcomputer sind trotz des traulichen Namens nicht von jedermann leicht zu bedienen.
In den USA suchen frustrierte Novizen die Grundzüge des Programmierens und die Ausnutzung ihres Gerätesortiments in Klubs zu lernen, die spezielle Seminare organisieren. Die "Boston Computer Society" etwa, die Nothilfe für 15 Dollar Jahresbeitrag bietet, hat bereits 2200 Mitglieder.
Doch vielleicht gibt es bald ein unfehlbares Heimcomputer-Programm für den Umgang mit Heimcomputern. Für den Umgang von Menschen untereinander ist schon etwas da: Die Sex-Anweisung "Interlude" von der Syntonic Software Corp. in Houston/Texas erklärt, wie Männlein und Weiblein sich zusammenstöpseln lassen.

DER SPIEGEL 35/1981
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