15.06.1981

KUNSTHeiliger Gully

Künstler im Umgang mit „Mythos und Ritual“ - ein Trend der 70er Jahre wird in Zürich ausgestellt.
Wenn die junge Frau in der Dunkelkammer ihre Vergrößerungen aus dem Fixierbad zieht, dann wird die Laborarbeit zur Beschwörung. Dann scheint sich ein legendäres, volkstümliches Wunder zu wiederholen, und aus dem präparierten Tuch, das die Adeptin anstelle gängigen Photopapiers benutzt, wächst ihr allmählich, wie eine Vision, ein Heilandsbild entgegen.
Eine zeitgenössische Künstlerin zitiert und imitiert so die heilige Veronika, in deren Schweißtuch sich das Antlitz Jesu naturgetreu und unauslöschlich abgedrückt haben soll: Darstellungen dieser "vera ikon" aus der christlichen Malerei überträgt Dorothee von Windheim, 35, schwarzweiß auf Gaze. Zugleich mit dem wunderbar-natürlichen Abbildungsvorgang, den die Legende behauptet, wird der Malakt historischer Künstler gewissermaßen phototechnisch nachvollzogen.
Bildzeichen nicht selber zu erfinden, sondern sie zu sammeln und zu reproduzieren, ist auch ein Kunstprinzip von Nikolaus Lang, 40. Er sucht vorgeschichtliche Steinritzungen in Alpentälern auf sowie vulgäre Graffiti in verlassenen Bauernhäusern, und noch die Fraßspuren, die Insekten an Baumstämmen hinterlassen, sind ihm der Betrachtung und der Überlieferung wert.
Lang und Dorothee von Windheim repräsentieren ein Künstler-Bewußtsein, das auf dem Fundus der Geschichte und Vorgeschichte, ja der Natur zurückgreift, Bestände sichtet und sichert, Erinnerungen aktiviert.
Je deutlicher, etwa seit 1970, einer auf permanenten Fortschritt eingeschworenen Avantgarde die Grenzen ihres Wachstums wurden, um so mehr Gewicht bekamen künstlerische Quellenforschungen, auch solche unter kultischen Aspekten. Im Rückblick ist das ein Leitmerkmal des vergangenen Jahrzehnts: "Mythos und Ritual in der Kunst der 70er Jahre".
Mit einer großen Ausstellung dieses Titels
( Bis 23. August. Katalog 236 Seiten; 30 ) ( Franken. )
stößt das Zürcher Kunsthaus genau in jene Lücke, die bei der Kölner "Westkunst"-Schau (SPIEGEL 22/ 1981) zwischen der Verwirrung nach 1968 und dem Durcheinander der Gegenwart klafft: Typische Motive der jüngsten Vergangenheit, für die Etiketten wie "Individuelle Mythologien" oder "Spurensicherung" geprägt worden sind, werden in den Werken von 16 Künstlern vielfältig abgewandelt.
Was freilich da jeweils mythisch und rituell sein soll, kann der Ausstellungsbesucher und Katalogleser großenteils nur ahnen -- er findet es weder vorweg schlüssig definiert noch am Einzelfall überprüft. Wirkliche Mythen, kollektive Vorstellungen von überzeitlichen Ur-Ereignissen, kommen kaum vor, wohl aber werden Riten dokumentiert und vollzogen, die das "Unterbrechen eines Zeitablaufs" (Dorothee von Windheim) bewirken sollen.
Kenntnis magischer Praktiken haben viele Künstler auf weiten Reisen, in den Spuren untergehender oder untergegangener Völker gesucht. Ihr Stichwortgeber wider Willen wurde der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss, der das intuitive, "wilde Denken" früher Menschen sowie das "Basteln" als Prinzip ihrer Kunst gekennzeichnet und das Dilemma des Forschers beklagt hatte, daß er eine primitive Kultur erst dann in den Blick bekomme, wenn sie vergangen sei.
So ist Nikolaus Lang (mit mehr rituellem Gebaren, als er sich in Zürich anmerken läßt) zu den religiösen Stätten der australischen Aborigines gepilgert, und sein Kollege Klaus Rinke hat sich an Ort und Stelle eine Bumerang-Sammlung angelegt. An einem den Eingeborenen heiligen Wasserloch ging es Rinke, dem scheinbar nüchternen S.181 Wasser-Installateur der Szene, laut Ausstellungskatalog auch auf, daß ein schlichter Straßenbully "dieselben mythischen Qualitäten haben kann".
Amerikanische Land-Art-Leute wie Michael Heizer und Robert Smithson haben sich von den alten Kulturen ihres Kontinents inspirieren lassen. Und Smithson, 1973 bei der Arbeit tödlich verunglückt, hinterließ neben strengen Konstruktionen in der Landschaft auch gezeichnete Phantasien von Spiral- und Pyramidenbauten, Träume im Maya- und Inka-Stil.
In raumgroßer Wirklichkeit bauen Dennis Oppenheim (einst Land-Art-Künstler wie Heizer und Smithson) und Alice Aycock technisch aufwendige Apparate, die tönen und Funken sprühen -- als eine Art Lunapark-Maschinerie vielleicht moderne Entsprechungen zu alten Tempeln und Kultgeräten, doch für das Thema arg weit hergeholt. Die klassisch-antikisierenden Architekturfragmente des französischen Künstlerpaares Anne und Patrick Poirier andererseits versetzen den Betrachter in die kühle Atmosphäre eines teuren Einrichtungshauses.
Mythos und Ritual in heutiger Kunst -- da ist, natürlich, Joseph Beuys nicht weit. Er hat, längst vor den 70er Jahren schon, den Schamanen gespielt und atavistische Kulturstufen beschworen, doch zu dem Zweck, frühe Bewußtseinslagen für eine neue Synthese zu nutzen.
Gleichsam mit einem raschen Blick zurück, dann aber sofort wieder vorwärtsgewandt, so präsentiert Beuys in Zürich eine Raum-Installation mit Wandtafel, Lampe und Fett-Teller, die schon in einer kleineren, thematisch ähnlichen Bonner Ausstellung zu sehen war: "Vor dem Aufbruch aus Lager I". Konkret gemeint ist mit dem Expeditions-Camp jenes Düsseldorfer Büro, in dem der Künstler von 1965 an für "direkte Demokratie" und einen "erweiterten Kunstbegriff" geworben hatte. Heute, sagt Beuys, stehe er "etwa in Lager VIII".
Der Mann, der so seine eigene Laufbahn nachzeichnet, wird dabei selber fast zum Mythos. Als Meister des Rituals jedoch zeigt ihn, anschaulicher als der suggestiv-stille Raum, ein Video-Kabinett der Ausstellung. Neben vielen anderen Künstlern in Aktion sieht man da Beuys mit dem bedeutungsschweren "Eurasienstab" hantieren und mit einem Kojoten Umgang pflegen. Das Schau-Thema, in den Objekten und Environments oft schwierig aufzufinden, rutscht in die Dokumentation.
Prägnante Ausnahme: das Werk des Wieners Arnulf Rainer, der Malen als "rituellen Akt" beschreibt und diese Haltung unmittelbar Bild werden läßt. Wenn Rainer Photos seiner eigenen Person durch furiose Pinselstriche markiert und im Ausdruck steigert, so kann das Ergebnis wirken, als habe ein Medizinmann seine kultische Bemalung oder Maske angelegt. Und Totenmasken, für sich schon wie zu Begräbnisriten bestimmt, werden auf gleiche Weise noch einmal maskiert.
Zeigt die Totenmaske feierlich ein "noch fast vorhandenes" Leben (Rainer), so das Schweißtuch der Veronika das Porträt eines Todgeweihten, das durch Kunst "ins ''ewige Leben'' hinübergerettet" wird (Dorothee von Windheim).
Der Künstler als Konservator: Bevor Dorothee von Windheim auf das Veronika-Thema verfiel, hatte sie von alten Häusern Putzflächen abgenommen und präpariert, als ob sie kostbare Fresken trügen. Die mußte sich das Publikum selbst einbilden -- so wie Künstler seit Leonardo aus Mauerflecken Figurationen herauszulesen pflegen und wie die Gläubigen, was Martin Luther geißelte, sich ein Schweißtuch-Porträt nur vorgaukeln ließen.
Mit "solchen ungeschwungenen Lügen" des "verdampten Papstesels" hat Kunst viel Ähnlichkeit: Sie findet im Kopf statt.
S.180 Bis 23. August. Katalog 236 Seiten; 30 Franken. * S.181 Vom Blitz zerrissener Fichtenstamm mit Insektenfraßspuren samt seinem Abdruck auf Papier. *

DER SPIEGEL 25/1981
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