24.08.1981

PRESSEGut wie Geld

Das mißglückte Engagement eines Israeli beim Israelfreund Axel Springer hat jetzt ein gerichtliches Nachspiel. Karikaturist Lurie fordert zwei Millionen Mark Schadensersatz.
Axel Springers Tageblatt "Die Welt" legte sich ein neues Markenzeichen zu: die Karikatur zum Tage, groß aufgemacht, gezeichnet von Lurie.
"Unser Mercedes-Stern", begeisterte sich der damalige "Welt"-Chefredakteur Peter Boenisch, der den amerikanisch-israelischen Zeichner Ranan Lurie, 49, letztes Jahr für monatlich 10 000 Mark Vertragshonorar zu Springer geholt hatte.
Doch schon bald wurde das Markenzeichen wieder demontiert, bisweilen blieben die Lurie-Karikaturen in der "Welt" über Wochen ganz aus. Anfang dieses Jahres, zehn Monate nach dem Einstand des "weltberühmten Cartoonisten" (so damals die "Welt"), wurde er fristlos gefeuert. Redaktionelle Abschiedsnotiz: Lurie sei nicht "befugt, im Namen der 'Welt' irgendwelche Erklärungen abzugeben".
Das muß demnächst vor dem Hamburger Landgericht Peter Boenisch noch mal selber tun -- gewissermaßen im nachhinein, denn auch er wurde bei der "Welt" inzwischen geschaßt und will diese Woche sogar Klage gegen Axel Springer wegen Nichterfüllung seines Arbeitsvertrages einreichen.
Lurie geriet mit beiden Kontrahenten gleichermaßen überkreuz und verklagte den Springer-Verlag auf rund zwei Millionen Mark Schadensersatz. Begründung: Vertragsbruch und damit verbundene Einbußen an Honoraren, Spesen sowie Geschäftsschädigung.
Der Kladderadatsch mit dem Spaßzeichner, der weltweit für mehr als 400 Zeitungen strichelt, ist für Springer alles andere als witzig. Dem Verleger, dessen "entschlossenes Eintreten für die Belange Israels" (so seinerzeit die "Welt") ihn anfangs beeindruckt habe, legt der Israeli das Israel-Engagement nun nur noch als "Alibi" aus.
Seinem "Welt"-Entdecker Boenisch sagt er antisemitische Äußerungen nach. Und ein "schrecklicher Schock" sei für ihn gewesen, erinnert sich Lurie, als ihm NS-Hetzzeichnungen von "Welt"-Karikaturist Hicks aus der Nazizeit zu Gesicht kamen, von denen er vorher nichts gewußt habe.
Springer-Anwalt Dieter Kakies nennt die Boenisch vorgeworfenen antisemititischen Zitate "von Anfang bis Ende frei erfunden" und weist Luries Klageschrift in Bausch und Bogen zurück.
Strittig ist zwischen beiden Parteien nicht nur, ob die fristlose Kündigung Rechtens war, sondern auch, wann ihr Vertragsverhältnis eigentlich fristgemäß geendet hätte. Kakies pocht auf Luries einjährigen Dienstvertrag bis Ende März dieses Jahres, Lurie-Anwalt Heinrich Senfft auf eine angeblich mehrjährige Zusage Boenischs.
Begonnen hatte Luries Springer-Engagement mit einem Handschlag, "so gut wie Gold" (Boenisch), mit dem damaligen "Welt"-Chef. Ein Arbeitsvertrag wurde ihm erst nach Dienstbeginn präsentiert. Da war er denn plötzlich auch für Springers "Bild"-Zeitung engagiert, obwohl ihn Freunde "eindringlich vor dem Niveau der 'Bild'-Zeitung gewarnt" hätten. Beide Springer-Blätter teilten sich Luries Bezüge.
Daß "Welt" und "Bild" dafür bald immer weniger Lurie-Cartoons druckten, S.183 hing -- darüber sind sich beide Seiten einig -- mit Mentalitätsunterschieden zusammen. Lurie habe es an der "deutschen Sicht der Dinge" fehlen lassen, so Kakies, weil er die "Welt"-Kollegen zuwenig konsultiert habe. Der Zeichner und seine Frau erinnern sich an ein Wort in "brutaler Offenheit" (Klageschrift) von Boenisch: "Denken Sie bitte daran, daß Sie nicht mehr für sechs Millionen Juden zeichnen, und nicht einmal für die Juden von New York."
"Wes Geistes Art" die "Welt" so sei, glaubt Lurie an einem Tendenz-Erlebnis eigener Art erläutern zu können: Zum Neonazi-Attentat auf das Münchner Oktoberfest (13 Tote) steuerte er letzten Herbst eine Zeichnung von einem Baumstumpf bei, aus dem Triebe mit der Aufschrift "Terror" wuchern, gespeist von einer hakenkreuzförmigen Wurzel mit der Aufschrift "Neonazi-Organisationen". "Welt"-Redakteure hätten ihm, so Lurie, zur Vervollständigung die Namen zweier angeblicher "Neonazi-Organisationen" gegeben, der SED und der RAF, deren wirkliche Bedeutung er nicht gekannt habe, dazu die PLO (siehe Seite 182).
Auf seiten Springers, wo man von einer Täuschung des Karikaturisten nichts wissen will, gilt die Zeichnung als Beleg dafür, daß Lurie "nicht immer sachlich richtig" gelegen habe -so, wenn er etwa den "Nationalsozialismus als einzige Wurzel des heutigen Terrorismus bezeichnet" (Kakies).
Nicht richtig lag er jedenfalls auch bei manchen "Welt"-Lesern. Allerlei Zeitungsabos, so der Springer-Anwalt, seien "mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Lurie-Zeichnungen gekündigt" worden.
Auf das verunglückte Marketing mit dem gediegenen Stift reagierte Boenisch widersprüchlich. Zweimal bot der Cartoonist vorzeitige Vertragsauflösung "ohne Entschädigung" an. Doch der "Welt"-Chef akzeptierte nun sogar, eine in der Praxis unhaltbare Vereinbarung, den wöchentlichen Abdruck von sechs Lurie-Zeichnungen -- warum, so Kakies, konnte er "nachher auf Befragen selbst nicht mehr erklären". Als Zeuge geladen, entschuldigte sich Boenisch letzte Woche beim Hamburger Landgericht erst einmal mit einer Bronchitis.
Als Springer schließlich selbst eingriff und Lurie, wie der jetzt behauptet, einen erweiterten Vertrag für alle seine Blätter in Aussicht gestellt habe, erzählte der ergrimmte Boenisch auf einem Essen des damaligen US-Botschafters Walter J. Stoessel zu Ehren einer Berliner Lurie-Vernissage lauthals am Tisch herum, der so geehrte Zeichner "werde rausgeschmissen" (Klageschrift).
Der Springer-Vertraute Joachim Maitre tröstete den düpierten Tafelgast hinterher, Boenisch werde demnächst selbst bei der "Welt" abserviert. Springer habe ihm gesagt, so Lurie: Boenisch sei "ein Kind, das nie erwachsen geworden sei".
Zum Bruch auch mit Springer kam es dann über eine Lurie-Tätigkeit, die im Vertrag gar nicht vorgesehen war: die Lieferung von Interviews. So fand der Zeichner und gelernte Journalist Zugang zu Ronald Reagan kurz vor dessen Wahlsieg.
Im November erschien ein weiteres Lurie-Gespräch: mit Israels Ministerpräsident Menachem Begin, der Interviews mit deutschen Blättern stets abgelehnt hat. Das galt auch diesmal. Absprachegemäß hieß es daher: "Lurie sprach mit Ministerpräsident Begin" -- und nicht etwa "Die Welt".
Als aber bald danach, absprachewidrig, in einer "Welt"-Anzeige der Israel-Premier doch unter die "Interview-Partner der 'Welt' 1980" eingereiht wurde, sah Lurie seine Reputation bei Begin in Gefahr.
Er rief bei dessen Staatssekretär Arieh Naor in Jerusalem an und vereinbarte ein scharfes Protesttelegramm gegen die Verletzung der Begin-Lurie-Abmachung durch die "Welt". Reiner Zufall, beteuert der Zeichner, daß ihm das Telegramm für die damals fälligen Trennungsverhandlungen mit der "Welt" gerade recht gekommen wäre; es kam freilich nie bei ihm an. Für Springer war's der Verstoß gegen ein Tabu: eine Anti-Springer-Intrige ausgerechnet in Israel.
Der telegraphische Eklat fand nicht statt. Begins Staatssekretär schickte das Kabel gar nicht erst ab, bekam aber bald darauf Gelegenheit, ausgiebig politische Israel-Werbung in der "Welt" zu publizieren ("Helft nicht unseren Feinden"). Dem Springer Verlag gab er schriftlich, Lurie selbst habe ihn zu dem Protesttelegramm veranlassen wollen. Der Zeichner erhielt seine Kündigung "aus wichtigem Grund" -- fristlos.
Die Posse hatte ein hochpolitisches Nachspiel in Israel. Naor versuchte zwar, den zornschnaubenden Lurie mit einem nachgeschobenen Papier über dessen "korrektes" Verhalten zu besänftigen. Doch der Witzzeichner machte Ernst und petzte im Israelischen Rundfunk, Naor habe ihm als "Welt"-Mitarbeiter ein Staatsgeheimnis anvertraut: einen Dialog aus einem abgehörten Telephonat zwischen dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPIEGEL 13/1981).
Letzte Woche wurde gegen Naor ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Doch die sich anbahnende Staatsaffäre hatte er inzwischen durch den Hinweis entschärft, der angebliche Geheimtext habe schon in der israelischen Zeitung "Maariv" gestanden.
Die "Welt" nahm den Vorgang zum Anlaß, Lurie das Recht zu Erklärungen in ihrem Namen zu bestreiten: Seine Mitarbeit sei "beendet".

DER SPIEGEL 35/1981
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