01.02.1982

BILDUNGEndgültig perdu

In dieser Woche wird die umstrittene Gesamtschule von den Bildungspolitikern zur integrierten Haupt- und Realschule abgewertet.
Der Streit ist so alt wie die Schule, und am Donnerstag und Freitag dieser Woche soll er endlich beigelegt werden.
Vier Kultusminister, zwei Linke, ein Rechter und einer aus der politischen Mitte, sind von ihren Kollegen beauftragt, die bundesweite Anerkennung der Gesamtschul-Abschlüsse unwiderruflich zu regeln.
Die Vierer-Runde, die sich am Rande der Kultusministerkonferenz in Bonn zusammenfindet, hat sich viel vorgenommen. Hans Maier (CSU), Werner Remmers (CDU), Hans Krollmann und Jürgen Girgensohn (beide SPD) wollen, nach zehn Jahren Dauerkampf, einen Kompromiß finden, der unvereinbare Positionen zusammenbringt.
Es geht um 200 000 Mädchen und Jungen, die integrierte Gesamtschulen besuchen und eigentlich bis heute nicht wissen, was die Abschlüsse, die sie dort erreichen, einmal wert sind.
Es geht ihnen wie den Politikern, denen mal die Gesamtschule als "institutionalisierte Gleichmacherei" und "sozialistische Kaderschmiede" erscheint, die begabte Schüler zu kurz kommen läßt und schwächere zu "Billigpreis-Abschlüssen" (Maier) und einer Art "Jedermann-Abitur" (Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß) verhilft.
Den anderen wiederum symbolisiert die neue Bildungsanstalt die zugleich S.32 angstfreie wie "sozial gerechte Schule" - im Gegensatz zum herkömmlichen Schulsystem, das die Kinder frühzeitig in Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten sortiert.
Und unter dem Zwang, bei aller Gegensätzlichkeit zu einer Einigung kommen zu müssen, die Anfang März die Zustimmung aller Länder-Kultusminister findet, droht ein einst gepriesenes Bildungsideal zu verkümmern: Die integrierte Gesamtschule, von Bildungsreformern ersonnen, um den Zugang zu höheren Abschlüssen für alle Schüler möglichst lange offenzuhalten, schrumpft in etlichen Fällen zur "integrierten Haupt- und Realschule" (ein SPD-Kultusminister). Die vier Bildungs-Unterhändler haben sich bereits darauf verständigt, einem Großteil der Gesamtschüler den direkten Zugang zur gymnasialen Oberstufe und damit zum Abitur zu versperren.
Zentraler Streitpunkt zwischen den Sozialdemokraten und den Christdemokraten war bis zu dieser Kehrtwende, ob und in welchem Ausmaß Gesamtschulen ihre Schüler im Unterricht nach unterschiedlichen Leistungen in verschiedene Kurse sortieren sollen (Fachleistungsdifferenzierung), damit die Gesamtschulabschlüsse denen der traditionellen Schulen gleichwertig sind:
* in viele Fächer und auf drei unterschiedliche Leistungsniveaus (ähnlich dem dreigegliederten Schulsystem), wie in Bayern oder Baden-Württemberg,
* oder sowenig wie möglich, etwa nur in Mathematik und Englisch, und auf höchstens zwei unterschiedliche Niveaus, wie in den Ländern, wo Sozialdemokraten die Gesamtschule eingeführt haben.
Im Streit um die Differenzierung ist die Lösung gefunden. Ein von allen vier Verhandlungspartnern bereits akzeptierter "Diskussionsvorschlag" sieht als "Mindestvorgaben" vor, daß in Deutsch, Mathematik, der ersten Fremdsprache und den Naturwissenschaften, "mindestens jedoch Physik und Chemie" und in "mindestens zwei" unterschiedlichen Leistungsniveaus unterrichtet werden muß, wenn der Abschluß von anderen Bundesländern anerkannt werden soll.
Noch offen ist, ob das umstrittene Fach Gesellschaftswissenschaften, zumindest Erdkunde und Geschichte, in die Differenzierung einbezogen wird, wie es Bayerns Kultusminister Maier verlangt. Die Sozialdemokraten wehren sich dagegen, weil sonst, wie Joachim Lohmann, stellvertretender Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sozialdemokraten im Bildungsbereich, sagt, "der Integrationsgedanke der Gesamtschule endgültig perdu" wäre.
Die Einigung, die sich da anbahnt, ob mit oder ohne Gesellschaftswissenschaften, müssen die Sozialdemokraten unter Aufgabe bisher hartnäckig verteidigter Positionen hinnehmen. Denn im Gegenzug setzten die Bayern durch, daß Schüler aus Gesamtschulen, die nach diesem Zweier-Differenzierungsmodell arbeiten, Abschlüsse erlangen, die in anderen Bundesländern nichts gelten.
Die vier Verhandlungspartner haben sich darauf verständigt, den Übergang dieser Gesamtschüler auf die gymnasiale Oberstufe nur dort anzuerkennen, wo es "vergleichbare Übergangsregelungen im gegliederten Schulwesen" gibt. Das sind in erster Linie SPD-regierte Länder, die ihren Haupt- und Realschülern mit freizügigen Vorschriften den Weg zum Abitur offenhalten wollen.
In Bayern und auch anderen unionsgeführten Ländern, die sich noch nicht eindeutig festgelegt haben, würden Schüler aus Gesamtschulen mit Zweierdifferenzierung, wie der Kompromiß vorsieht, "in die gymnasiale Oberstufe nur unter den Bedingungen aufgenommen, die für Realschüler im jeweiligen Lande gelten".
Damit werden, wie eine interne Studie des Düsseldorfer Kultusministeriums vor Wochen die SPD-Länder warnte, "zwei Arten von Gesamtschulen" geschaffen: solche mit Dreier-Differenzierung gemäß christdemokratischer Überzeugung, "für die keine Einschränkungen gelten", und solche, "die gewissermaßen die 'gymnasiale Komponente' nicht enthalten". Gesamtschüler, wie leistungsstark sie auch sein mögen, werden auf diese Weise zu Realschülern herabgestuft: Die Chance, gleichwertige Regelschule neben dem Gymnasium zu sein, haben die Sozialdemokraten preisgegeben.
Das kann bedeuten, daß ein Bremer Gesamtschüler, der differenzierten Unterricht nur in Mathematik und Englisch und das auf zwei Niveaus kennt, komplizierte Aufnahmeprüfungen ablegen oder in den fünf Hauptfächern einen Notenschnitt von 1,5 beibringen muß, um überhaupt auf eine bayrische Oberstufe übergehen zu können.
Selbst im sozialdemokratisch regierten Hamburg wäre es dem Bremer kaum möglich, direkt zur gymnasialen Oberstufe überzuwechseln. Realschülern ist in Hamburg der Zugang zur "allgemeinen gymnasialen Oberstufe grundsätzlich verwehrt" (eine Fachreferentin). Ihnen bleibt nur der Umweg über das Wirtschaftsgymnasium oder, ein Schuljahr länger, das Aufbaugymnasium.
Auch wenn der Gesamtschüler im eigenen Land bleibt, um Abitur zu machen, wird er mit seinem Reifezeugnis womöglich nicht viel anfangen können. Länder, die ihm den Zugang zur Oberstufe versperren, dürften das Abitur schon gar nicht anerkennen.
So wird, was die sozialdemokratischen Bildungspolitiker am Ende der Woche die bundesweite "Anerkennung der Gesamtschule als Regelschule" (ein Minister) nennen werden, letztlich nur das sein, was ein Mitglied der Verhandlungskommission als einen "Kuhhandel" empfindet - "der zeigt, daß der Bildungsföderalismus am Ende ist".

DER SPIEGEL 5/1982
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