07.06.1982

Schmutzige Wäsche

„Die Frau nebenan“. Spielfilm von Francois Truffaut. Frankreich 1981. 106 Minuten, Farbe.
Wenn das ehebrecherische Paar, endlich, in einem Stundenhotel zusammenfindet, wird die Zimmertür dem Zuschauer vor der Nase zugemacht. Die Kamera verweilt auf dem trüben Korridor. Bei Hitchcock würde jetzt ein unerwünschter Zeuge um die Ecke spähen, ein Rivale oder Erpresser, eine konkrete Gefahr für die ohnehin höchst gefährdete Liebe, und die Musik scheint sie auch schon zu versprechen - doch hier schiebt nur eine Putzfrau träge einen Rollkorb durchs Bild, auf dem sich abgezogenes Bettzeug türmt. So erzählt Lubitsch, so entzaubert er die Einmaligkeit einer großen Leidenschaft durch den Blick auf einen Haufen schmutziger Wäsche.
Bei Truffaut erinnert das Bild auch an einen Satz, der früher im Film fiel: "Ich habe mich wie ein Bündel schmutziger Wäsche in die Tiefe fallen lassen", sagt eine alternde Frau, um den Selbsthaß aus verzweifelter Liebe in Worte zu fassen, der sie einst zu einem Selbstmordversuch getrieben hat.
Sie hat überlebt, mit einem verkrüppelten Bein, das sie mit dem Stolz eines Veteranen auf seine Verwundungen vorzeigt; sie "weiß", was Liebe ist; und sie - das fleischgewordene Klischee der penetrant verständnisvollen, kuppellustigen Mittlerin - erzählt in diesem Film die Geschichte von der "Frau nebenan".
Auch diese Frau - die Kamera kehrt nach der ernüchternden Abschweifung S.196 durch den Korridor zurück zu ihrer Wäsche, zu ihrem zerwühlten Bett in dem Stundenhotelzimmer - trägt schon Wunden, schon Narben der Liebesverzweiflung: schmale rote Linie an den Handgelenken. Sie hat den pathetischen Namen Mathilde, in ihr glüht der pathetisch absolute Liebesanspruch einer Stendhal-Heroine, und Bernard, den sie in diesem Hotelzimmer wiederfindet, ist der Mann, um dessentwillen sie sich einst umzubringen versucht hat.
Später im Film dringt Mathilde in ein fremdes Haus ein, in einem so fiebrigen Zustand, daß man Mord fürchtet (und die Musik scheint ihn schon zu versprechen) - doch sie wagt es nur, um einen Blick wie in den Abgrund auf ein anderes zerwühltes Bett zu werfen: Bernards Ehebett.
Bernard, der Blonde mit der niedlichen blonden Frau und dem niedlichen blonden Jungen, lebt in einem bäuerlich kompakten Steinhaus außerhalb von Grenoble in einer Idylle, die ungefährdbar scheint; allenfalls sein Beruf verrät, daß in diesem domestizierten Suburbia-Hausvater ein großgewordener Junge steckt, der nie aufgehört hat, in der Wanne Kapitän zu spielen: Als Instrukteur von Tanker-Steuermännern tuckert er den ganzen Tag in putzigen Miniaturschiffen auf einem Teich herum.
Die Idylle ist ungefährdbar, bis (und da, natürlich, setzt Truffauts Geschichte ein) ins Nachbarhaus, das lange leerstand, ein anderes Paar einzieht, die "andere" Frau, die dunkelhaarige mit den schmelzend dunklen Augen - und es ist, wie Bernard mit Entsetzen erkennt, nicht irgendeine, mit der sich, etwa bei einem lockeren Vierer auf dem Tennisplatz, ein Flirt anzetteln ließe.
Das Verhängnis - die Göttin der Kolportage und bei Truffaut schon immer die wahre Göttin der Liebe - hat jene beiden wieder zusammengeführt, die schon einmal, nachdem sie einander hinreichend zerfleischt hatten, voreinander geflohen sind: er in sein hausbacken blondes Familienglück, sie (nach Umwegen) in die Ehe mit einem älteren Mann, der sie in einer rührend hilflosen Liebe badet, deren wirklicher Name Verständnislosigkeit ist.
Bernards und Mathildes Vorsatz, diese Vergangenheit unter dem kultivierten Grün des Vorstadt-Rasens ruhen zu lassen und künftig bei Gartengrill-Parties und auf dem Tennisplatz in gutnachbarlicher Harmlosigkeit miteinander umzugehen, zerbricht spätestens an dem Kuß, der diesen Vorsatz besiegeln soll: Er trifft Mathilde wie ein Blitz, der sie ohnmächtig im Parkhauskeller eines Supermarkts niederstreckt.
Francois Truffaut, inzwischen fünfzig, erzählt nicht zum ersten Mal die Geschichte eines Paares, das weder zusammen- noch auseinanderkann, einer Liebe, die sich, durch keinen äußeren Feind bedroht, in einem todessüchtigen Delirium selbst zerstört.
Doch die Opfer dieser Schlagzeilen-Tragödie sind gutartig-arglose Durchschnittsmenschen: Truffauts zärtliche, in verspielten Details und wo immer möglich über die Bande erzählende Kunst zielt darauf, einer Begegnung, auf der eine hitchcockhafte Fatalität lastet und deren erster panischer Blickwechsel schon den point of no return signalisiert, über alle drohenden Vorzeichen hinweg bis kurz vor Schluß so leichtsinnig zu inszenieren, als ginge es um eine Lubitsch-Frivolität, in der sich die Beteiligten in triumphierendem Egoismus alle Rückzugswege offenhalten.
Truffauts Menschenliebe, seine Liebe zu den beiden Verfluchten in ihrer Sandkastenwelt wie zu ihren Darstellern - zu der kalten Glut, die Fanny Ardant ausstrahlt, zu der vulkanischen Kraft, die von Gerard Depardieu ausgeht - ist überfließend; doch weil diese Liebe alles in einen Schmelz der Harmlosigkeit taucht, will sich die Hölle in der Idylle nicht wirklich auftun. Lubitsch wie Hitchcock waren weniger lieb mit ihren Geschöpfen. Urs Jenny

DER SPIEGEL 23/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schmutzige Wäsche

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt