01.02.1982

Armer Schlucker

„Ganz normal verrückt“. Spielfilm von Marco Ferreri. Italien/Frankreich 1981. 100 Minuten. Farbe.
Charlie im Whiskeyland: Während seiner Lesung vor dem dünn besetzten Auditorium einer Universität läßt der Dichter Charles Serking immer öfter "Prost" verlauten, als eine Zeile Poesie.
Die Flasche hält er dabei noch schamhaft in einer braunen Tüte verborgen; auf seinen wackligen Beinen torkelt er dann gleich in die Arme einer Vierzehnjährigen, die sich für zwölf ausgibt. Nach ihrer Brust grapscht er vergebens, derweil sie seine Barschaft plündert.
Charles Serking ist ein großer Trinker und Bett-Mann dazu, und er führt das in Marco Ferreris neuestem Film "Ganz normal verrückt" auch eitel vor: der schönste Säufer der ganzen Stadt.
Ben Gazzara, hick, spielt diesen betrunkenen Drop-out-Dichter mit kurz geschnittenem Graubart und lässigen Cardin-Hemden, angetan wie Ferreris eigener Inspizient, der versehentlich ins Bild gestolpert ist: Ton ab, Cognac läuft! S.159
Dabei hatte sich der provokante Regisseur Marco Ferreri ("Das große Fressen") einen der Ausgeflipptesten als Helden ausgesucht: Charles Bukowski ("Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang"), vor 62 Jahren in Andernach am Rhein geboren, seit 60 Jahren wohnhaft in Los Angeles am Pazifik.
Der Schriftsteller auf der Leinwand: Das Stand-Bild, das Star Gazzara Arm in Arm mit Partnerin Tanya Lopert zeigt, ist täuschend jenem Kult-Photo vom echten Bukowski mit Freundin nachgestellt - und verhält sich doch so wie die Fälschung zum Original. Bukowskis drastische Vorlage "Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness" (1972) hat Ferreri schlaff und saftlos inszeniert.
Zwar schwärmen sich die Figuren, die Los Angeles bevölkern - Drop-outs, Junkies, Huren, Fixer und Wichser - immerwährend gegenseitig ihre Abartigkeiten vor; zwar zertrümmert Charles Serking-Bukowski öfter mal die Flasche, an der er so hängt. Doch Ferreri hat die "lost angels" (Bukowski) wie durch die getönten Scheiben eines wohltemperierten Caddies photographiert, der eilig mal am kalifornischen Strand entlanghuscht; und seine schmuddelig arrangierten Interieurs zeugen vom Geschmack der besten Cinecitta-Architekten, wo die Innenaufnahmen stattfanden. Kunst sei, sagt Charles Serking einmal in diesem Film, eine gefährliche Sache mit Stil anzugehen. Right Baby!
Und wenn sich Mann und Weib ohne Umschweife in die Arme fallen ("Spritz mich voll!"), nennt Ferreri dieses hastige Geplänkel nicht ohne Ironie eine schöne, romantische Liebesgeschichte.
Sie entspinnt sich zwischen dem Dichter Charles und der Dirne Cass (Ornella Muti), die den Tick hat, ihr weißes Hinterteil entblößt in die Kamera zu recken, als stände der Photograph Helmut Newton dahinter.
Charles trifft Cass in einer finsteren Bretter-Bar und kann sie schnell mit seinem verwitterten Charme von ihrem Luden weglocken. Doch beider Temperamente - man ahnt es schon - sind allzu verschieden, als daß sie in eine bürgerliche Beziehung münden könnten.
Als Charles nach einem kurzen New-York-Trip von seinem Verleger ernüchtert nach L. A. zurückkehrt - Ferreri spielt dabei Turnschuh-Charlie witzig gegen die schnieken Lektoren aus und spöttelt über die engen Literaturlege-Batterien -, hat Cass sich umgebracht. An ihrer schönen Leich'' weiß der arme Schlucker noch eine betende Nonne schön obszön zu erschrecken.
Ferreris Pointen stellen sich so zwangsläufig ein, wie der Kater nach einer durchzechten Nacht. Und an dem Film wird nicht einmal die Heilsarmee Anstoß nehmen.
Michael Fischer
S.158 unten: mit Ornella Muti und Ben Gazzara. *

DER SPIEGEL 5/1982
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