26.10.1981

Kinder des Olymp

„Die letzte Metro“. Spielfilm von Francois Truffaut. Frankreich 1980; 131 Minuten; Farbe.
Seit Truffauts "Letzte Metro" in Frankreich zum größten Kassenschlager des Jahre 80 avancierte und zehn (von dreizehn möglichen) "Cesars" (den fanzösischen Möchtegern"Oscars") einheimste, ist der Film ein beliebtes Streit- und Diskussionsobjekt: ob man denn das darf, die Nazi-Okkupation von Paris, während der die Gestapo und ihre französischen Kollaborateure Paris nach Juden durchschnüffeln, mit einem zartbitteren Melodram unter Theaterleuten zu mischen, wo hinter erborgten Worten und überzogen prächtigen Gesten plötzlich das Truffaut-Labyrinth der Gefühle sichtbar wird.
Verharmlost der Regisseur nicht mit seiner melancholischen Liebesgeschichte den bestialischen Zugriff der Besatzungsjahre?
Tatsächlich hat seit Lubitschs "Sein oder Nichtsein" niemand einen ähnlich S.265 frivolen Balanceakt riskiert. Lubitsch verkuppelte (noch mitten im Krieg) ein Warschauer Schmierentheater mit der dumpf dickschwartigen Nazirealität. Das Ergebnis: die Naziwirklichkeit erschien als blutige Schmiere, das Pappmachetheater als humane Realität.
Auch Truffauts Film spielt im Theater, im Theatre Montmartre 1942. Die Welt des Kinos und der Theaterillusionen ist die Zuflucht der unter Hunger und den Restriktionen leidenden Pariser. Dabei müssen sie, so schreibt es das Reglement der Besatzer vor, die letzte Metro vor elf nach Hause erreichen, weil danach Ausgangssperre herrscht.
Truffaut hat die kulissenhafte Atmosphäre jener Jahre, für uns durch den Schleier der Nostalgie noch einmal in ein gebrochenes Licht getaucht, mit Sentiment und Raffinesse eingefangen:
Eine Wirklichkeit, in der das nackte Leben bedroht ist und man doch über den schönen Schein theatralischer Verwicklungen Tränen vergießt, wo man in einem Cellokasten einen Schwarzmarkt-Schinken transportiert und auf der Bühne großspurige Gebärden macht, wo man sich bei Stromsperren um so mehr an den Gefühls- und Bühnenilluminationen erleuchtet und erwärmt.
Angeblich ist der deutsch-jüdische Direktor (Heinz Bennent) des Montmartre-Theaters noch rechtzeitig emigriert, und seine Frau (Catherine Deneuve) leitet für ihn die Truppe. Doch in Wahrheit lebt er im Keller verborgen, inspiriert und kontrolliert die Inszenierungen; manche scheinbar feig anpasserischen Aktionen seiner Frau erscheinen so dem Zuschauer, nicht aber den Mitakteuren verständlich.
In diese Theaterwelt platzt ein neuer jugendlicher Liebhaber (Gerard Depardieu), dessen ruppig proletarischer Naturburschencharme bewußt an den jungen Jean Gabin erinnern soll. Und Truffaut, ein raffinierter und behutsamer Alchimist im Labor der Gefühle, zeigt wie aus dessen Ungestüm, der Vorsicht seiner Prinzipalin und der zur Ohnmacht verurteilten Souveränität ihres versteckten Mannes, Gefühle aus ihrer Unterdrückung, Moral aus ihrer Verletzung und Glück aus der Unglückskonstellation erwachsen.
Der Ehemann, im Keller zur Untätigkeit verdammt, wo er den stupidesten Auswirkungen des offiziellen Antisemitismus noch in den Kreuzworträtseln begegnet ("Parasit mit vier Buchstaben"); die Frau, um ihn nicht zu gefährden, darauf angewiesen, den sich dick im Theaterleben breit machenden antisemitischen Theaterkritiker nicht zu verärgern; der junge Schauspieler, der mit seinem drängenden Patriotismus und seiner bedrängenden Männlichkeit alles umzustoßen droht: das ist die Konstellation des Films.
Truffaut hat dabei, ähnlich wie in der "Amerikanischen Nacht", die Fabrikation von Illusionen bis zur Unauflöslichkeit mit der Herstellung von Leidenschaften verwoben: eine Theaterwelt im Kriegstheater, gebrochen durch den Filmblick eines Theaternarren, der die Geschmacklosigkeit alter Kulissen zu geschmacksicheren Modesignets der Nostalgie zusammensetzt.
Vor allem aber lebt der Film davon, daß ihm ein weiterer Anachronismus glückt: "Die letzte Metro" ist Star- und Schauspielerkino -- so als wären die Zeiten der "Kinder des Olymp", der Cocteau-Stücke und Jean-Gabin-Filme noch unmittelbare Gegenwart. Motor S.268 der Geschichte ist der Gegensatz zwischen der sympathischen Schlacksigkeit des neuen französischen Stars Gerard Depardieu und der Damenhaftigkeit Catherine Deneuves. Aber so wie das forsche Ungestüm bei Depardieu nur eine Maskierung der Schüchternheit ist, so die beherrschte Allüre der Deneuve nur das Make-up über flatternder Unruhe.
Die Deneuve, die wie eine Schwester Grace Kellys aussieht und wie eine Schwester der Jeanne Moreau spielt, erinnert daran, daß einmal Erotik hieß, was das heutige Kino meist nur als Sex verhökert.
Hellmuth Karasek
S.265 Mit Catherine Deneuve und Gerard Depardieu. *

DER SPIEGEL 44/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kinder des Olymp

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"