02.08.1982

VERLAGETriviale Merkmale

Hat die „Quick“ einen Fußballroman raffiniert abgeschrieben oder rein zufällig „dieselben Ideen“ gehabt?
Anfang Mai, rechtzeitig vor der Fußballweltmeisterschaft in Spanien, schaltete sich die Illustrierte "Quick" in "das große Finale" ein - mit einer hausgemachten Romanserie "nach Tatsachen" über die "stürmische Liebesgeschichte um einen berühmten Fußballstar". Der Youngster "Roland Schneider" vom "1. FC" verknallt sich da zu Beginn seiner Kicker-Karriere erst einmal in ein Photomodell.
Wie es sich für "Quick" gehört, geht es in der Romanze auch gleich in der ersten Folge drunter und drüber. "Mein Gott", staunt sie, "du bist so jung, es ist schon alles da."
Nicht ganz so schnell kommt der Held eines anderen Fußballromans zum Schuß, den die Redaktion der Illustrierten zuvor für einen Vorabdruck geprüft, aber abgelehnt hatte: "Pallmann" - so Titel und Titelfigur des inzwischen im Münchner Schneekluth-Verlag erschienenen Buches des Stuttgarter Sportreporters Hans Blickensdörfer - macht''s mit ihr erst im 10. Kapitel. "Halten wir uns", drängelt sie an der entscheidenden Stelle, "nicht mehr mit Vorreden auf."
Das Szenarium gleicht sich: In beiden Fällen spielt der Akt im Luxusappartement einer Blondine aus dem Showbusineß, die den ebenfalls blonden Balltreter verführt ("Sie ging vor ihm in die Knie"/ "Sie wollte ihn, und sie wollte nicht warten"). Und hier wie dort wälzt sich das Paar auf einem "Veloursteppich mit einem Chaos bunter Kissen" ("Quick") beziehungsweise auf "Flauschteppich" mit "kissenartig zerknautschten Polstern" (Blickensdörfer).
"Quick"-Star Roland Schneider verschläft beinahe das Training vor einem "großen Spiel" ("Mann, es wird hell, ich muß weg"); Blickensdörfers Held Walter Pallmann verpaßt dabei fast einen Massagetermin ("Mit einem Satz war er aus dem Bett").
Nicht nur im Bett - überhaupt ähneln sich Hauptfiguren und Handlungsabläufe der beiden Romane derart verblüffend, daß beim Schneekluth-Verlag der Verdacht aufkommen mußte, die Zeitschrift habe aus dem ihr wochenlang vorgelegenen "Pallmann"-Manuskript die "Leitidee und fast alle Kompositionselemente" für ihr "großes Finale" raffiniert abgekupfert. Verleger Ulrich Staudinger: "Ein feines Plagiat, mit Sex angereichert, daß es nur so rauscht."
Auch der vom Verleger als Gutachter für eine bei Gericht beantragte einstweilige Verfügung bemühte Chefredakteur des "Börsenblattes für den Deutschen Buchhandel", Hanns Lothar Schütz, fand die Analogien "so augenfällig im ganzen Strickmuster, daß mir die Haare zu Berge "tanden". Schütz in seinem Gutachten: Die Romanhelden ähneln sich" " wie ein Ei dem anderen, diese Ähnlichkeit reicht bis in " " kleinste Details. Beide kommen aus der Provinz, beide stammen " " aus einfachen Verhältnissen; beide haben noch keine " " Erfahrungen mit Frauen, beide haben noch keine Luxuswohnung " " gesehen, beide haben keine Vorstellung vom "Geldmachen", " " beide ähneln sich in bezug auf Statur, Alter, Gewohnheiten, " " Charakterzüge (devote Reaktion auf schon besetzte Erbhöfe im " " neuen Verein); beide machen ihre Karriere via Fernsehen, " " beide schießen spielentscheidende Tore. "
Auch bei Schauplätzen, Aktionen und Nebenfiguren sind Parallelen feststellbar, wenn auch mit feinen Abweichungen. Schneekluth-Autor Blickensdörfer, 59, der sich seit seinem 1973 erschienenen autobiographischen Bestseller "Die Baskenmütze" wiederholt literarisch versuchte und vor zwei Jahren mit dem Tour-de-France-Roman "Salz im Kaffee" großen Erfolg hatte, plaziert seinen "Pallmann" in den Bundesliga-Klub "FC Bavaria" - erkennbar der FC Bayern München mit aktiven oder ehemaligen Spielern wie Franz Beckenbauer ("Zeckenlauer"), Karl-Heinz Rummenigge ("Rumnick"), Paul Breitner ("Furtner") und Uli Hoeneß ("Holldorf").
Bei "Quick"-Schreiber Raimund le Viseur, Vertragsautor der Ferenczy-Agentur, kickt offenbar eine kombinierte Auswahl des 1. FC Köln und der Münchner Bayern. Der Ex-Kölner Bernd Schuster erkannte sich schon mal in "Roland Schneider" wieder und protestierte gegen die kolportierten nackten "Tatsachen". Rummenigge alias Rumnick spielt im "großen Finale" als "Dribbelkönig" und Nationalmannschaftskapitän "Karl-Heinz Rotten". Beckenbauer/Zeckenlauer taucht in der "Aktuellen Sportstunde" (bei Blickensdörfer richtig: "Aktuelles Sportstudio") als "Kaiser Max Berghammer" auf, gerade heimgekehrt aus den USA mit "neuer Löckchenfrisur".
Die Nuancen sind mal schwach, mal kräftiger. Pallmann handelt mit Bavaria-Manager Holldorf ein Anfangsgehalt von 5000 Mark aus; Schneider und FC-Manager Jupp Kirchmann werden sich bei 6000 Mark einig. Beim Schießen auf die Torwand im Fernsehstudio trifft Pallmann zweimal, Schneider hingegen viermal. Gerade in trivialen Nebensächlichkeiten scheint sich der Plagiatsvorwurf zu erhärten. Beide Romanhelden werden in entscheidenden Spielen gegen den HSV vom Arzt aufgemöbelt, beide werden vom Vereinstrainer "wegen Weibergeschichten" bestraft, beide ärgern sich über die "Geldgier" ihres pensionierten Vaters, der sich daheim gelegentlich "vor dem Fernseher betrinkt" (Blickensdörfer) beziehungsweise "vor dem Fernseher ein bißchen viel getrunken" hat ("Quick").
Ein bißchen viel Dubletten, nämlich genau vier, enthält vor allem eine in beiden Romanen beschriebene Torszene: S.42 Rumnick alias Rotten schießt auf Vorlage von Pallmann alias Schneider, und "aus acht Metern Entfernung ... schlägt sein Flachschuß ein" (bei Blickensdörfer), beziehungsweise "Rotten verwandelt mit flachem Schuß aus acht Metern" (bei le Viseur).
Für Schneekluth-Anwalt Sven Illert ("Der Fall ist eine Rarität") erfüllt insbesondere diese "Übernahme einer ganzen Mixtur verschiedener trivialer Merkmale" den urheberrechtlichen Tatbestand des Plagiats.
Tatsächlich kennt die Rechtsprechung zu diesem seltenen Delikt keineswegs nur eine angemaßte Urheberschaft oder die wortwörtliche Übernahme von Textpassagen oder Zitaten, sondern auch und vor allem die sogenannte unfreie Benützung eines urheberrechtlich geschützten Werks. Dabei kann es sich um eine Romanvorlage handeln, wie etwa die in den fünfziger Jahren plagiierten berühmten Backfischerlebnisse von "Trotzköpfchen", ebenso aber auch um Schlagertexte ("Lili Marleen") oder Maskottchenfiguren ("Mecki").
Die unfreie Benützung eines literarischen Produkts liegt nach einschlägiger Rechtsauffassung vor, wenn eine literarische Leitidee ("Kernfabel") kopiert und die "Abhängigkeit der Nachschöpfung verschleiert" wird oder wenn eine Fülle übernommener Klischees den "Gesamteindruck" bestimmt. Dabei kann, so die "Trotzkopf"-Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe aus dem Jahre 1956, durchaus die "Handlung mit Episoden durchsetzt (sein), die ''neben der Sache'' liegen".
Freie Benützung ist hingegen legitim, wie der Bundesgerichtshof beispielsweise 1959 entschied, wenn eine Vorlage lediglich der "Anregung" dient und die Neuschöpfung derart "eigentümlich" gerät, daß "demgegenüber die Wesenszüge des Originals verblassen". Freilich, die Grenzen sind auch nach der Kommentierung von Benvenuto Samson "oft flüssig". Und zur speziellen Problematik von "Tatsachen"-Romanen gibt es, wie Schneekluth-Anwalt Illert weiß, "keinerlei neuere Rechtsprechung".
Die "Quick"-Verantwortlichen beschworen denn auch nicht nur, Autor le Viseur und der ihn beratende Chefredakteur Gert Braun hätten das Blickensdörfer-Manuskript weder gelesen noch vom Inhalt her gekannt; sie beteuerten ferner, daß sie ihr Eigenprodukt "langfristig für die WM in petto hatten" (Serienredakteur Johannes Leeb) - wobei sich nur fragen läßt, warum die Redaktion trotzdem erst Teile, dann das komplette "Pallmann"-Skript anforderte und wochenlang behielt, um dann vor Erscheinen des Buches zum eigenen "Finale" anzuheben.
Immerhin ließ die Illustrierte mit "Pallmann" eine "glänzende Darstellung" sausen, die sich Fußball-Bundestrainer Jupp Derwall in "einer Nacht um die Ohren" schlug und sogar die "FAZ" "voller einfühlsamer Bilder" fand. Womöglich bot Blickensdörfers Buch noch zu wenig Sex und Affären, die in einem Eigenprodukt beliebig mit "tatsächlichen" Hintergründen verquickt werden konnten.
Denn darauf berief sich "Quick" vor der 21. Zivilkammer des Landgerichts München I im Verfügungs-Verfahren gegen Schneekluth auch, daß sämtliche Analogien der beiden Bücher aus Begebenheiten des Bundesligafußballs resultierten und daß Identitäten entweder reiner "Zufall" oder "naheliegend" waren. Redakteur Leeb: "Das liegt in der Natur der Sache, im Sujet."
Die "Quick" bekam damit trotz einer erdrückenden Fülle von "Zufällen" vorerst recht. Die Kammer entschied, der Plagiatsvorwurf sei "nicht ausreichend glaubhaft gemacht" worden. Als "maßgebend" bezeichneten es die Richter in ihrer vorletzte Woche verschickten Entscheidungsbegründung, daß beide Werke "nicht reine Phantasiegebilde" darstellen, sondern "auf dem Hintergrund der deutschen Fußballszene Bekanntes verarbeiten".
In dieser Szene glaubte sich die Kammer offenbar gut auszukennen. Es war, so einige Einzelbegründungen, die Anwalt Illert "hanebüchen" vorkommen, "auch dem Gericht bekannt, daß Nachwuchsspieler vielfach aus der Provinz kommen" und "nicht ausgesprochene Lebemänner bis zu ihrem Durchbruch waren". Außerdem wußten die Richter oder ließen sich davon überzeugen, daß blondes Haar bei Jungstars ebenso "typisch" ist wie ein Anfangsgehalt zwischen 5000 und 6000 Mark.
Die "Bestrafung wegen Weibergeschichten", erkannte die Kammer, "sowie Schwierigkeiten nach einer Liebesnacht entsprechen ebenfalls tatsächlichen Ereignissen". Ein "großartiges Tor nach einem Sololauf" sei "die wohl einzige denkbare attraktive Darstellung eines großen Durchbruchs".
Das klingt, als könne ein "Tatsachenroman" über Profifußball zwangsläufig nur von blonden Pallmännern leben - einschließlich sonstiger Dubletten und Duplizitäten. "Daß man im Bereich Fußball überhaupt keine anderen Romane schreiben könne", entrüstete sich Hans Josef Mundt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der "Verwertungsgesellschaft Wort" (VGW), über die Münchner Gerichtsentscheidung, "ist doch wohl absurd. Da wäre doch eine ganze Palette von Zentralfiguren denkbar."
Das gilt auch für andere Sparten, in denen durch großzügige "Tatsachen"-Bewertung nach Münchner Praxis "dem Unfug Tür und Tor geöffnet werden", wie Anwalt Illert meint: "Das ist für die Buchverlage ein brennendes Problem." Der Schneekluth-Verlag will deshalb gar nicht erst Berufung gegen die Verfügungs-Entscheidung einlegen, sondern gleich ein Hauptsache-Verfahren gegen die "Quick" anstrengen. "Sonst stehen ja beinahe wir so da", klagt Verleger Staudinger, "als hätten wir unseren Roman abgefeilt, und nicht die ''Quick''."
Wie auch der Prozeß ausgehen mag - "Verlage müssen in der Tat", wie das "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" vorsichtig kommentierte, "beim Anbieten von Vorabdrucken vorsichtiger sein als bisher", sonst geschehe dasselbe bald noch einmal: "Vorabdruck abgelehnt, Thema übernommen."
S.41
Die Romanhelden ähneln sich wie ein Ei dem anderen, diese
Ähnlichkeit reicht bis in kleinste Details. Beide kommen aus der
Provinz, beide stammen aus einfachen Verhältnissen; beide haben noch
keine Erfahrungen mit Frauen, beide haben noch keine Luxuswohnung
gesehen, beide haben keine Vorstellung vom "Geldmachen", beide
ähneln sich in bezug auf Statur, Alter, Gewohnheiten, Charakterzüge
(devote Reaktion auf schon besetzte Erbhöfe im neuen Verein); beide
machen ihre Karriere via Fernsehen, beide schießen
spielentscheidende Tore.
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S.42 Bei der Präsentation des Romans "Pallmann" mit Fußballbundestrainer Derwall und Autor Blickensdörfer in München. *

DER SPIEGEL 31/1982
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