02.08.1982

FALSCHGELDPlatsch statt bing

Die Rezession beflügelt die Falschmünzer, gewiefte Bastler machen sich ihr Zigarettengeld selber.
Als ein Wiesbadener Zigarettenhändler in der Klarenthaler Straße und in der Goebenstraße abends den Automaten leerte und das Silbergeld einsacken wollte, stutzte er: Dreißig Markstücke sahen heller aus als gewöhnlich. Die Kripo bestätigte seinen Verdacht - Münzfälschungen. "Wir haben es", kommentierte ein Polizeisprecher, "mit einem neuen Modedelikt zu tun."
Seit die Zahlen der Konkurse und Arbeitslosen steigen, nimmt nach den Beobachtungen des Bundeskriminalamts (BKA) auch die Falschgeldherstellung wieder zu, und womöglich besteht da nicht nur ein statistischer Zusammenhang. Vor allem bei Münzfälschungen registriert BKA-Fahnder Helmut Mebesius "einen Boom":
Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der sichergestellten Münzfalsifikate (17 172, Wert: 34 300 Mark) gegenüber 1980 fast verdoppelt. Da spekuliert ein BKA-Ermittler schon mal: "Wenn die Zigaretten und die Fahrscheine immer teurer werden, dann machen sich die Leute das Kleingeld für die Automaten halt selber."
In Speyer stellte die Kripo kürzlich Zweimarkstücke sicher, die einen Metallring trugen, damit sich ihr Umfang vergrößerte und die Montagen von Automaten als Fünfmarkstücke akzeptiert wurden. In Hannover kam die Gefängnisverwaltung einem Häftling auf die Schliche, der als Bastler in der Zelle mit Hilfe eines kleinen elektrischen Schmelzofens Pferdeköpfe, die Büste Nofretetes, aber auch Fünfmarkstücke gegossen hatte; Freigänger schafften die Münzen nach draußen.
In Mailand hoben italienische Polizisten, deutsche Kriminalbeamte waren dabei, im Keller eines Textillagers kürzlich eine Falschmünzerwerkstatt aus, in der Maschinen im Wert von 1,4 Millionen Mark standen.
Selbstgemachte Münzen wie jene aus Wiesbaden, Hannover und Mailand klingen dumpf (BKA-Faustregel: "platsch statt bing") oder heller ("klingeling statt bing") als echte. Sie sind verbiegbar, wenn sie aus Weichmetallen hergestellt wurden, oder sie hinterlassen Schreibspuren auf Papier, was auf Blei- oder Zinngehalt der Falsifikate hindeutet. Das Metall ist oft dunkel, matt oder fleckig, die Münzbilder sind verschwommen oder porös, manchmal auch nur einseitig vorhanden.
Randprägungen sind bei Fälschungen meist nicht paßgenau oder fehlen völlig. Die meisten Falsifikate sprechen auf Magnete nicht an. Doch Münzautomaten sind gegen die mangelhaft nachgemachten Münzen nur schwach gesichert.
Münzfälscher fallen nur auf, wenn sie sich so ungewöhnlich benehmen wie ein 42jähriger Maurer in Hamburg-Barmbek: Elfmal hintereinander zog er aus seiner linken Tasche ein Fünfmarkstück, steckte es in den Automaten, drückte sofort den Geldrückgabeknopf und ließ das Wechselgeld in seiner rechten Tasche verschwinden.
Ein Rentner, der das beobachtet hatte, entlarvte den Mann, der zuvor auch schon in Hamburg-Eppendorf und in Paderborn aufgefallen war, weil er dort Fünfer versilbert hatte, die - wie sich später herausstellte - aus Blei waren. Das Hamburger Landgericht verurteilte ihn wegen fortgesetzter Geldfälschung zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe.
Ähnlich erging es einem Duo in einem Lokal in Darmstadt. Ein Automatenaufsteller, der die Bestände überprüfte, hatte beobachtet, wie die beiden Männer Geräte mit Fünfern fütterten; als sie sich beobachtet fühlten, verschwanden sie. Die Fünfer waren falsch.
Pech für die beiden, daß einer von ihnen Wochen später vor dem Darmstädter Amtsgericht als Zeuge auftreten mußte. Ein Justizwachtmeister, der zufällig die Szene im Lokal miterlebt hatte, erkannte den Münzschwindler auf dem Gerichtsflur wieder. In der Wohnung seines Komplizen fand die Kripo neben falschen Fünfern auch "Werkzeuge und Gußformen zur Falschgeldherstellung" (Polizeibericht).
BKA und Bundesbank registrieren in jedem Jahr rund 200 Fälle neuer Guß- und Prägefälschungen in der Bundesrepublik. Die Täter sind vielfach Bastler. "Der eine", so philosophiert BKA-Abteilungspräsident Jürgen Jeschke, "macht ein Segelflugmodell, der andere halt Fünfmarkstücke."
Gußfälscher arbeiten meistens mit Gips-, Kautschuk- oder Silikonformen und erzielen dabei Auflagen von 100 bis 200 Stück; sie werden im BKA als "Laien oder Schüler" eingestuft. Prägefälscher sind häufig Profis aus der Metallbranche.
Das Landgericht in Traunstein verurteilte 1981 einen 47jährigen zu drei Jahren Haft, der nach Ansicht der "Süddeutschen Zeitung" eher "in die Schulbücher gehörte, wenigstens aber in einen Roman". Er brachte rund 5000 falsche Fünfmarkstücke unters Volk, von denen erst ein geringer Teil wieder auftauchte.
Der Mann war aufgefallen, weil er in einem Supermarkt seiner Heimatstadt immer nur Zwiebeln kaufte und dabei grundsätzlich mit Fünfmarkstücken bezahlte. Als die Polizei den verdächtigen Kunden nach einem Tip der Kassiererin observierte, stellte sich heraus, daß die "Zielperson" den Landkreis mit dem Fahrrad bereiste und in kleinen Geschäften stets silberne Fünferl, nie aber einen Schein zückte.
Eine Durchsuchung in der Wohnung des Mannes förderte eine Prägepresse, Prägestempel und galvanische Materialien zutage. Achtzehn Monate, gestand der arbeitslose Münzexperte der Kripo, habe er allein für den Bau seiner Anlage gebraucht. Die Produktion eines Fünfmarkstücks nach einem "neuen galvanotechnischen S.52 System" habe dann noch einmal eineinhalb Stunden gedauert, wegen der nun einmal nötigen Präzision.
Und doch war ihm nicht alles gelungen: Am Rand der Münzen, so ergab ein Gutachten der Bundesbank, waren die Worte "Einigkeit" und "und" um 0,01 Millimeter zu weit auseinandergeprägt.
Vor Gericht nach seinen Motiven befragt, bekundete der Tüftler, er fühle sich als Erfinder und habe der Bundesbank eine kostengünstigere Herstellungsmethode offeriert: "20 000 Mark wollte ich dafür." Weil die Frankfurter Banker ihn aber nicht ernst genommen hätten, habe er der ganzen Welt beweisen wollen, daß "mein System richtig ist".
Nicht an der Technik war der "hochbegabte Sonderling" (gerichtsmedizinisches Gutachten) letztlich gescheitert, sondern an seinem dilettantischen Vertriebssystem.
S.51 Mit Fehlern in der Randprägung. *

DER SPIEGEL 31/1982
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