29.06.1981

SCHULENSchlimmes Ding

In Hessen gehen Eltern gegen Lehrermangel und Stundenausfall vor. Sie engagieren Pädagogen auf eigene Rechnung und gründeten sogar eine alternative Schule.
Unterrichtet wurde im Schankraum "Zur Linde", der Lehrer war ein prominenter Pädagoge.
Neben der Musikbox, an einer provisorischen Tafel aus Pappe, paukte Erich Frister, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft S.49 (GEW), mit 32 Viertkläßlern Rechtschreibung und Rechnen, etwa wie man "Chef" und "Chauffeur" buchstabiert oder zweistellige Zahlen ("Wieviel ist 37 und 18?") addiert.
Mit seinem ersten Unterricht nach mehr als zehn Jahren Pause wollte der GEW-Vorsitzende den Schülern und Eltern aus Helsa-Eschenstruth (Landkreis Kassel), die über sieben Wochen, bis zum Ferienanfang letzten Donnerstag, einen ungewöhnlichen Schulkampf führten, "demonstrativ Solidarität bekunden".
Weil der hessische Kultusminister Hans Krollmann (SPD) kurz vor Schuljahrsende den Klassenlehrer Ernst Storzer, 27, aus seinem Arbeitsverhältnis entließ, entzogen die Eltern von Eschenstruth "den Herren Börner und Krollmann" das Vertrauen.
Sie boykottierten die Schule im Ort und machten eine neue auf -- die alternative "Dennoch-Schule" im Gasthaus "Zur Linde", mit Dependancen im ehemaligen Gemeindehaus und im Kirchensaal von Eschenstruth.
Wochenlang wurden dort bis zu 115 Kinder unterrichtet, vom geschaßten Mathematik- und Deutschlehrer Storzer und 13 arbeitslosen Pädagogen aus Kassel, denen die GEW Fahrgeld und Kosten erstattete. Nur zwei Kinder gingen zeitweilig noch in die "richtige Schule" (der Elternbeiratsvorsitzende Wilfried Reichelt), in der Storzers beamtete Kollegen vorzeitig und unfreiwillig Sommerferien machten.
Zum bislang längsten und ungewöhnlichsten Schulboykott der Bundesrepublik, für Rektor Karl-Heinz Sawusch "ein ganz schlimmes Ding", war es gekommen, weil sich Krollmann "dem elterlichen Willen eines ganzen Ortes" (die Mutter Ursula Lotz) widersetzte und Storzers Entlassung bestätigte -- obwohl die verärgerten Erziehungsberechtigten 600 Protestunterschriften ("Warum handeln Sie gegen jede pädagogische Vernunft?") gesammelt und dem Kultusminister überreicht hatten. Krollmann zeigte sich "tief betroffen", umstimmen ließ er sich nicht.
Zu Schulboykott und "Dennoch-Schule" von Eschenstruth fiel den Kultusbürokraten in Wiesbaden außer "rechtlichen Bedenken" nichts Rechtes ein. Sozialdemokrat Krollmann hielt den Schulstreik zwar für "rechtswidrig", weil er "eindeutig gegen das Schulpflichtgesetz" (so das Regierungspräsidium Kassel) verstieß, doch er ließ Eltern und Schüler gewähren.
Die Schulgesetze, behaupteten wiederum die Eschenstruther Erziehungsberechtigten, habe in Wahrheit "das Land verletzt". Der 4. Klasse seien "zehn Lehrer innerhalb von drei Jahren" zugemutet und Klassenlehrer Storzer "kurz vor Grundschulabschluß rausgeschmissen" worden.
Zwei Monate vor dem Übergang "unserer Kinder an die Gesamtschule Kaufungen", schrieb Elternsprecherin Ursula Lotz nach Wiesbaden, "ist ein Lehrerwechsel hirnrissig". Und: "Wir lassen nicht zu, daß Storzer, der mit soviel Engagement unterrichtet hat, jetzt einen Tritt in den Hintern kriegt."
Der Boykott in Eschenstruth macht den Unmut von Eltern über die hessische Schulpolitik deutlich, die inzwischen -- wie GEW-Chef Frister meint -- eine "Chaotisierungspraxis sondergleichen" erreicht hat. "Eine ganze Generation von heranwachsenden Lehrern", wirft Gewerkschafter Frister seinem SPD-Genossen Krollmann vor, müsse in einem "Dschungel von Beschäftigungsverhältnissen" arbeiten, mal als "Teilzeitjobber" mit sechs bis acht Wochenstunden, mal als Schwangerschaftsvertretung oder als "wandernde Lehrkraft" mit wechselndem Einsatz von Schule zu Schule. Grundschullehrer Jürgen Albrecht: "Manche Kinder wissen nicht mal, wie ihr Pauker gerade heißt."
Ein vom sozialliberalen Landeskabinett verfügter Einstellungsstopp besorgt an den Grund- und Hauptschulen einen "katastrophalen Stundenausfall" (Frister). In Hessen sind nach GEW-Berechnungen 3500 Lehrer arbeitslos -- mehr als in jedem anderen Bundesland.
Immerhin: Der Landesregierung bereitet "die wachsende Zahl arbeitsloser Pädagogen", wie Krollmann zugibt, "große Sorgen". Für die erforderlichen Neueinstellungen aber fehlt das Geld. Der Minister: "Der Wunsch, Lehrer zu werden, steht im Widerspruch zu unseren finanziellen Möglichkeiten."
Ein Opfer der Einsparungen im Bildungsetat wurde auch Ernst Storzer, dessen befristeter Arbeitsvertrag Mitte April ausgelaufen war. Er verklagte das Land Hessen auf Weiterbeschäftigung. Das Arbeitsgericht in Kassel gab ihm recht, das Landesarbeitsgericht in Frankfurt aber urteilte im Sinne der Regierung. Storzers Revisionsbegehren vor dem Bundesarbeitsgericht wurde verworfen.
Die Eltern kämpften weiter. Sie wollen, wie auch andernorts in Hessen, Lehrerentlassungen und Unterrichtsausfall nicht mehr ohne Gegenwehr hinnehmen. Allenthalben wird protestiert, bisweilen auch schon mal gehandelt.
An der Ernst-Reuter-Schule in Rumpenheim, wo der Lehrauftrag einer Jungpädagogin auslief, stellten die Eltern im März die arbeitslos gewordene Lehrerin auf eigene Rechnung ein, fünf Mark pro Woche und Schüler bis zum Schuljahresende. In Bad Soden am Taunus nutzten Schüler die Freistunden, die durch Lehrermangel angefallen waren, um Geld auf der Straße zu sammeln und sich dafür "einen Ersatzlehrer für Deutsch und Mathe" einzukaufen.
Das Eschenstruther Modell fand schon Beifall von oben. Unsere "Dennoch-Schule", berichtete Beiratsvorsitzender Reichelt dem hessischen Ministerpräsidenten, "gewährleistet ordnungsgemäßen und pädagogisch sinnvollen Unterricht".
Holger Börners Antwort: "Sehr schön."

DER SPIEGEL 27/1981
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