29.06.1981

„Der Wind bläst viel kälter“

Viele Landesbanken haben sich verrechnet: Ihre ehrgeizige Geschäftspolitik kommt sie teuer zu stehen
Johannes Völling, Chef der Westdeutschen Landesbank (WestLB), machte sich selbst auf den Weg, um seinem Dienstherrn ein zweiseitiges Schreiben zu überbringen. Die Mühe schien angebracht.
Mit ihrem Brief nämlich stellten die zehn Vorstandsmitglieder der Bank Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen Ende Mai vor eine unangenehme Alternative: Sie erwarteten "volle Entlastung" für das abgelaufene Geschäftsjahr, andernfalls sollte die Landesregierung "personelle Konsequenzen" ziehen.
Jochimsen entschied sich, obwohl er "schwere Probleme" in der Bank sah, für Entlastung. Aber wohl war ihm nicht dabei.
Denn Deutschlands größtes öffentliches Geldinstitut (Bilanzsumme: 102 Milliarden Mark) ist auf der Verliererstrecke. Im reinen Bankgeschäft setzt die WestLB seit vergangenem Jahr nur noch zu. Schon für dieses Jahr befürchten die Revisoren der Bank Verluste von fast 600 Millionen Mark.
Noch Anfang des Jahres versprach Bankchef Völling den jeweils mit einem Drittel beteiligten Gesellschaftern -- der Düsseldorfer Landesregierung, den nordrhein-westfälischen Kommunen sowie den beiden Sparkassenverbänden des Landes -- Dividenden von acht Prozent. Daraus wird nichts, denn die Landesbank, gesteht der Vorstandsvorsitzende, habe inzwischen "bittere Erfahrungen" gemacht.
Die bitterste: Die WestLB muß -wie übrigens viele andere Banken auch -- mittlerweile weit mehr Zinsen für einen Großteil der hereingenommenen Gelder zahlen, als sie für ausgeliehenes Geld hereinbekommt. Völling und seine Kollegen hatten nicht mit einem so anhaltend hohen Zinsniveau gerechnet und allzu viele Kredite mit festem und nun zu niedrigem Zins vergeben.
"Wir Landesbanker", klagt Ludwig Huber, Chef der Bayerischen Landesbank, "sind die Hauptleidtragenden der Hochzinspolitik."
Die Politik des knappen und teuren Geldes, mit der Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl den Inflationsauftrieb bremsen will, trifft die Landesbanken deshalb besonders hart, weil sie nicht auf Milliardenbeträge niedrig verzinster Spareinlagen zurückgreifen können. Sie müssen sich, anders als die großen privaten Konkurrenten oder etwa die Volksbanken, zu marktüblichen Konditionen an den Kapitalmärkten refinanzieren.
Dabei kostet der Geldeinkauf für drei bis sechs Monate die Landesbanken derzeit zwischen 11 und 13 Prozent. Die Deutsche Bank dagegen verzinst ihre 19 Milliarden Mark Spareinlagen nur mit fünf bis sieben Prozent.
So zahlen die Landesbanken jetzt einen hohen Preis für ihren ehrgeizigen Versuch, es den privaten Instituten gleichzutun. Sie haben sich auf einen weltweiten Konkurrenzkampf mit den Großbanken eingelassen, Filialen im Ausland aufgebaut, sind bei internationalen Anleihen dabei.
Das Geld für so expansive Geschäfte strömte von den Sparkassen zusammen. Denn Anfang der siebziger Jahre hatten sich die Landesbanken mit den regionalen Geldsammelstellen -- den Girozentralen der Sparkassen -- zusammengeschlossen.
Laut Gesetz und Satzung sind die Landesbanken vor allem dem "Gemeinwohl" verpflichtet. "Als Staatsbank", so steht es in den Landesgesetzen, müsse die Landesbank "die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Landesregierung wirksam unterstützen".
Mit dem nordrhein-westfälischen Sparkassengesetz vom Dezember 1977 verpflichtete beispielsweise der damalige freidemokratische Wirtschaftsminister Horst-Ludwig Riemer die Westdeutsche Landesbank, an der regionalen Wirtschaftsförderung, am Mittelstands-Kreditprogramm sowie an Arbeitsplatz-Sicherungsprogrammen mitzuwirken. Zu den kommunalen Aufgaben gehört ferner die Finanzierung von Sozialwohnungen, Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Überdies wiesen die Gesetzgeber auf Landesebene den Landesbanken "hoheitliche Funktionen" zu: Sie müssen den Kreditbedarf von Städten und Gemeinden decken sowie "für eine ausreichende Durchführung der volkswirtschaftlich notwendigen öffentlichen Sachinvestitionen sorgen".
Da die "Erzielung von Gewinn" laut Satzung nicht Hauptzweck einer S.72 Landesbank ist, muß offenbar das Personal nicht strikt nach fachlichen Kriterien ausgesucht werden. Ehemalige Politiker oder Funktionäre der Sparkassenverbände besetzen oft die entscheidenden Posten.
So wurde der ehemalige saarländische Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft, Erwin Sinnwell, Vorstandschef der Landesbank Rheinland-Pfalz. Bei der Landesbank Saar führt der frühere saarländische CDU-Minister Manfred Schäfer Regie.
In München schickten beide Eigentümer Männer ihres Vertrauens auf gute Posten: Bayerns langjähriger Sparkassen-Präsident Fritz Grasmaier sitzt seit vier Jahren im Vorstand der Landesbank, Vorstandsvorsitzender ist der ehemalige Kultus- und Finanzminister Ludwig Huber.
Auch in den Verwaltungsräten der Landesbanken, den Kontrollorganen, dürfen verdiente Genossen oder Parteifreunde zum Wohle der Bank und des Landes wirken. Sie sitzen dort vor allem mit Sparkassenbeamten aus der Provinz und kommunalen Beamten zusammen. Kontrolliert werden Vorstände und Verwaltungsräte von staatlicher Aufsicht, zumeist dem Finanzministerium.
Die enge Verbindung von Organen der Girozentralen mit der Politik hat indes auch einen beträchtlichen Nachteil: Die sonst im Bankgewerbe übliche Diskretion bleibt auf der Strecke.
Denn die Gremien sind, des Proporzes wegen, zu groß. Zu viele Beamte, die einem Verwaltungsrat zuarbeiten, erfahren Bankinterna. So kommen die Fehlgriffe und Ausfälle der Landesbanken fast zwangsläufig an die Öffentlichkeit.
Bei den Landesbanken werden alle Millionengeschäfte in überbesetzten Kreditkonferenzen debattiert. Mehr als ein Dutzend Mitglieder des Verwaltungsrates -- darunter Landesminister und Kommunalbeamte -- entscheidet etwa im Kreditausschuß der Hessischen oder der Westdeutschen Landesbank.
Bei der Deutschen Bank dagegen prüft nur ein fünf Mann starker Ausschuß des Aufsichtsrates alle Geldgeschäfte von 25 Millionen Mark an aufwärts. Ausschußleiter Franz Heinrich Ulrich läßt alle wichtigen Papiere am Schluß der Sitzung einsammeln, um sie im Panzerschrank zu verschließen.
Das Gemeinwohl immer im Auge und eng verbunden mit der Politik, hätten die Landesbanken auch ohne den Ehrgeiz, Universalbanken zu spielen, bereits Sorgen genug. Denn die Geschäfte mit dem Staat und für den Staat sind keineswegs immer einträglich.
So müssen die Landesbanken oft helfen, die Haushaltslöcher von Bund und Ländern zu stopfen: Sie kaufen auch dann noch Schuldscheine und öffentliche Anleihen, wenn die private Konkurrenz sich längst zurückhält. "Wir können uns eben nicht wie die Deutsche Bank bei den Staatskrediten völlig zurückziehen", meint der Kredit-Chef der WestLB, Heinrich Viefers.
Wie riskant die Kreditvermittlung für die hochverschuldeten Finanzminister in Bonn und Düsseldorf sein kann, zeigt allein das Beispiel der letzten 900-Millionen-Anleihe der Deutschen Bundespost. Die WestLB sagte 80 Millionen Mark zum Zinssatz von 10,25 Prozent zu; für eine 100-Mark-Anleihe sollten die Käufer 99,50 Mark zahlen. Doch obwohl gleich am ersten Verkaufstag der Kurs auf 98,50 fiel, fanden sich kaum Interessenten: Die Bank blieb auf Papieren für 70 Millionen Mark sitzen.
Mehrere Landesbanken wären schon letztes Jahr in die Klemme geraten, wenn sie nicht an ihren kleinsten und treuesten Kunden, den Bausparern, glänzend verdient hätten. Die über das engmaschige Netz der Sparkassenfilialen operierenden Landesbausparkassen sind in fast allen Bundesländern unselbständige Abteilungen der jeweiligen Landesbank.
Die Landesbausparkassen bringen zwar in der Regel nur zehn bis 20 Prozent des Bilanzvolumens, sind dabei aber die entscheidenden Gewinnbringer. Allein in den letzten fünf Jahren lieferten die Bausparkassen gut ein Drittel der Landesbanken-Überschüsse. Die WestLB konnte nur dank eines neuen Rekordgewinns von 202 Millionen Mark im Bauspargeschäft die steigenden Verluste im laufenden Bankgeschäft noch einmal kaschieren.
Die Bauspar-Milliarden sind deshalb so einträglich, weil die eingezahlten Gelder der Bausparer nicht sofort wieder als Billig-Darlehen den Kunden zufließen -- die Landesbanken machen mit einem Teil dieser noch nicht zugeteilten Einlagen ganz andere, lukrative Geldgeschäfte.
Die Guthaben der Bausparer gehen häufig als hochverzinsliche Zwischenkredite an andere Schuldner. So verlangen die Staatsbankiers zur Zeit von ihren Bausparern, die schon vor der endgültigen Zuteilung ihrer Verträge Geld benötigen, bis zu 13,5 Prozent Zinsen für einen kurzfristigen Zwischenkredit. Die Guthaben ihrer Bausparkunden verzinsen sie jedoch nur mit drei Prozent.
Ansonsten aber sind den Landesbanken allzu viele große Geschäfte mißlungen. Je ungestümer die öffentlichrechtlichen Institute vom regionalen Geldgeschäft in die traditionellen Bereiche der Universal-Banken drängten, um so schneller stolperten sie -- beim S.75 Kauf von maroden Industriebeteiligungen, bei riskanten Auslandsengagements oder verlustreichen Devisen- und Börsengeschäften.
Allein die Bayerische und die Hamburgische Landesbank schafften es bisher, nicht negativ aufzufallen. Alle anderen Staatsbankiers machten mit bösen Verlusten oder Affären Schlagzeilen.
So geriet die Westdeutsche Landesbank an die marode Düsseldorfer Baugruppe Beton- und Monierbau, die 1979 in einer Milliardenpleite unterging und die Bank fast 180 Millionen Mark kostete. Als Fehlgriff erwies sich auch das Ku''damm-Karree, das die WestLB der Berliner Architektin Sigrid Kressmann-Zschach abnahm: Die Bank zahlte bislang gut 60 Millionen drauf. Auch im 80er Geschäftsbericht haben die Landesbanker ihr Berlin-Fiasko noch nicht offen ausgewiesen. "Die aufgelaufenen Verluste würden unser Bilanzbild verfälschen", gesteht WestLB-Vorstand Norbert Fischer.
Fischers Kollegen in anderen Staatsbanken ging es kaum besser. Die Schleswig-Holsteinische Landesbank etwa machte Verluste bei der Finanzierung von Ferienwohnungen an den Küstenstreifen von Nord- und Ostsee. Die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) in Hannover verlor ebenfalls Millionen bei Geschäften mit Boden und Beton, etwa durch die Übernahme des Ihme-Zentrums in Hannover oder bei der Liquidation des Kosmotel Lüneburg -einer 30 Millionen Mark teuren Bauruine. Das Kosmotel wurde schließlich für wenige Millionen an die Hamburg-Mannheimer Versicherung verkauft.
Auch als Sanierer von Privatbanken und Industriefirmen hatte die Nord/LB nicht viel Glück. Mit fast 170 Millionen Mark versuchten die Landesbanker die Adca-Bank zu retten, beinahe 700 Millionen Mark verschlangen die Sanierungsversuche bei der Braunschweiger Photogruppe Rollei, die gleichwohl vergangene Woche Liquidationsvergleich beantragen mußte.
Und natürlich die Hessische Landesbank: Nachdem sie sich an einer Reihe S.77 kranker Firmen beteiligt und gigantische Bauten wie den "Sonnenring" in Frankfurt finanziert hatte, mußte der Staat helfen. Die Bank wurde mit 2,6 Milliarden Mark des Landes Hessen, der Sparkassen und der Landesbanken gerettet.
Inzwischen scheint gerade wieder die Hessen-Bank erneut zu einem Problemfall zu werden. Die Verwaltungsräte fürchten neue Ausfälle.
Auf der Verwaltungsratssitzung am 11. Mai, als die Totalübernahme der verlustreichen Banktochter IHB zur Debatte stand, wurden die Vertreter der Sparkassen nervös. "Wir wollen jetzt erst einmal eine klare Aussage zur weiteren Geschäftspolitik hören", erklärte der Darmstädter Sparkassendirektor Eike Ebert.
Landesbank-Chef Heinz Sippel wurde kleinlaut: "Sie können ein Management in einer Zeit, wo der Wind viel kälter bläst, nicht festlegen."
Nicht nur in Hessen ist inzwischen im scharfen Wind des Wettbewerbs das Verhältnis zwischen Landesbanken und Sparkassen abgekühlt. Immer häufiger weigern sich neuerdings die Kassen, ihre Milliarden aus Sparguthaben in den festverzinslichen Wertpapieren der Staatsbanken anzulegen; sie kaufen statt dessen Papiere der Dresdner und der Commerzbank, der BfG oder der Bayern Hypo.
Das ist für die Landesbanken doppelt ärgerlich. Denn nach einem fünf Jahre alten Gentlemen-Agreement müssen sie einspringen, wenn die Kassen einmal Liquiditätsprobleme bekommen sollten.
Doch die Sparkassen murren, daß sie für neue Verluste der Landesbanken nicht einstehen wollen. Sie hätten keinen hinreichenden Einfluß auf deren Geschäftspolitik, könnten folglich nicht dafür verantwortlich gemacht werden.
Als erste zogen die Teilhaber der Westdeutschen Landesbank, die mit einem Drittel beteiligten Sparkassenverbände Rheinland und Westfalen, die Konsequenzen: In der vorletzten Woche lehnten sie es ab, über eine weitere, im nächsten Jahr fällige Kapitalspritze (200 Millionen Mark) für die Landesbank zu beschließen.
Wenn das Beispiel Schule macht, kommen die schon arg gebeutelten Landesbanken weiter in die Klemme. Sie müßten dann versuchen, das erforderliche Kapital bei der öffentlichen Hand einzutreiben.
Wie weit die Fronten zwischen den Managern der Landesbanken und den Kapitaleignern schon verhärtet sind, zeigte die Gewährträgerversammlung der WestLB vom 22. Mai: Dort wurde der Bankvorstand nur mit der strikten Auflage entlastet, eine "neue Konzeption für die 80er Jahre" vorzulegen.
Die aber ist bislang weder bei der WestLB noch bei anderen Staatsbanken erkennbar.
S.69 Versteigerung von Maschinen der Beton- und Monierbau 1979. *

DER SPIEGEL 27/1981
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