02.11.1981

GRÜNEAlte Heimat

Zwei Jahre nach seiner Ausweisung aus der DDR durfte Rudolf Bahro erstmals wieder ein sozialistisch regiertes Land besuchen: Nordkorea.
Der Herr auf dem Wiener Flughafen Schwechat war aus der DDR angereist, um den früheren Bautzen-Häftling Rudolf Bahro auf das freundlichste zu umsorgen.
Fortan wich der Sekretär der nordkoreanischen Botschaft in Ost-Berlin nicht mehr von der Seite seines Schützlings. Bei einer Zwischenlandung im real existierenden Sozialismus schleuste er den DDR-Dissidenten durch den Moskauer Transit, um ihn dann beim Empfangskomitee der "Koreanischen Arbeiterpartei" in Pjöngjang abzuliefern.
Dort wurde Bahro, eingeladen von der Demokratischen Volksrepublik Korea, behandelt wie ein Staatsgast. Junge Pioniere begrüßten ihn, eine Regierungslimousine mit rotem fünfzackigen Stern auf dem Nummernschild beförderte den Besucher aus der Bundesrepublik in sein Domizil an einem See außerhalb Pjöngjangs. In den riesigen Räumen wuselte Personal, auf dem Wasser dümpelten zwei Motorboote für Lustfahrten.
Rudolf Bahro fühlte, zwei Jahre nach seinem Rausschmiß aus der DDR erstmals zu Gast in einem sozialistischen Land, "einen inneren Parteitag, wie man drüben sagt".
Den hatte ihm die Schriftstellerin Luise Rinser verschafft. Ihr war, bei einem Nordkorea-Besuch im Mai vorigen Jahres, Bahros Buch "Die Alternative" in den Sinn gekommen. Rinser: "Seine Kritik am 'real existierenden Sozialismus' und seine Darstellung dessen, was Sozialismus S.80 sein soll, hat sich mir in Nordkorea als konkrete Wirklichkeit und Wahrheit gezeigt."
Nun sollte System-Kritiker Bahro, zusammen mit Frau Rinser, selber sehen, was daran stimmt und wie es mit der Wiedervereinigung der beiden Koreas vorangeht. Dafür ließ der Guru der Ökologen und Friedensbewegten sogar die Teilnahme am Grünen-Parteitag und an der Bonner Abrüstungsdemonstration Anfang Oktober sausen. Bahro: "Das war meine wichtigste Reise, seit ich draußen bin."
In Nordkorea war er, zwei Wochen lang, wieder drinnen. Fabriken und Funktionäre, Kaufhäuser und Preise erinnerten ihn an seine Jugend "zwischen 15 und 25", an den Aufbau in der "DDR der fünfziger Jahre". Bahro: "Das ist meine älteste politische Heimat."
Heimelig wirkt sie auf Westler allerdings nicht. Der totalitäre Staat, zu dem Bonn keine diplomatischen Beziehungen unterhält, reglementiert das Leben von der Wiege bis zur Bahre, die Behörden kontrollieren alles: Vom Kindergarten an entgeht kein Nordkoreaner der Erziehung des Regimes. Wer im Lande reisen will, braucht besondere Papiere, ins Ausland dürfen ohnehin nur ein paar Funktionäre. Eine Opposition gibt es nicht.
Über allem schwebt, seit 36 Jahren, der große Führer Kim Il-sung und läßt sich verehren wie einen Gott, den "Genius der Menschheit, hervorgebracht vom Korea des 20. Jahrhunderts" (so eine Biographie).
Bahro, bis 1977 SED-Funktionär, sieht allerdings "keinen Grund, dieses politische Gesamtsystem zu verurteilen", ein blockfreies Land zwischen Moskau und Peking, das etwa den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan kritisiert hat.
Der West-Mensch dürfe Nordkorea nicht durch die europäische Brille betrachten; so etwas wie den Kim-Kult ("Die Verehrung für ihn ist größer als bei Stalin und Mao") gebe es auch in anderen Staaten der Dritten Welt. Der frischgebackene Korea-Experte: "Es ist großer Mist, Hitler, Stalin und Kim Ilsung in einen Sack zu packen. Ich glaube, er ist tatsächlich ein großer Mann."
Nordkorea, rühmt Bahro, habe nach dem Krieg eine "bewundernswerte Aufbauleistung vollbracht", verfüge über eine "intakte Ökonomie", ohne bisher die Natur zu zerstören, produziere 95 Prozent seiner Energie ohne Öl, vorwiegend mit Wasserkraft, und könne sich mit Lebensmitteln fast selbst versorgen. Elend gebe es nicht, Bildung und Gesundheitsvorsorge seien gratis für alle. Bahro: "Das ist ein System, in dem sämtliche Grundbedürfnisse mit Sicherheit befriedigt werden."
Es soll noch besser werden. Die Pläne Kim Il-sungs, das entlang des 38. Breitengrades von einer 240 Kilometer langen Mauer geteilte Land wieder zu vereinigen, hält Bahro für so unrealistisch nicht.
Die "Entspannungspolitik" Kims, der die zwei Koreas mit ihren unterschiedlichen Gesellschaftssystemen unter dem Dach einer Föderation zusammenbringen will, ziele darauf ab, erst einmal die Angst vor dem Norden abzubauen und die Kommunikation mit dem kapitalistischen Süden wiederherzustellen: Besucheraustausch, Post, Telephonverkehr.
Das friedliebende Nordkorea, das sich an sauberer Luft und alternativen Energiequellen, an guten Ernten und bescheidenen Menschen erfreut - ein neues Mekka für Grüne und Alternative, Reform-Kommunisten und linke Patrioten? Sozialismus gar, wie Luise Rinser glaubt, "mit menschlichem Antlitz"?
Noch ist das totale Paradies, so hat Bahro beobachtet, nicht vollkommen, allenfalls sehe es so aus "wie die platonische Urheimat des Systems, das ich beschrieben habe". Dem "verehrten Genossen Präsidenten" Kim Il-sung schenkte er zum Abschied ein Paket mit seinen Schriften und eine japanische Übersetzung der "Alternative".
Im Begleitbrief forderte Bahro eine "deutlichere Initiative" für weltweite Abrüstung und empfahl eine sorgfältige Analyse seiner Kritik an den osteuropäischen Funktionärsdiktaturen: "Auch bei Ihnen", so Bahro, "reifen objektiv einige ähnliche Widersprüche und Probleme heran, wie sie in anderen Ländern des real existierenden Sozialismus schon voll entfaltet sind."
Vergeblich hatten die Bahro-Begleiter versucht, ihm das Schreiben auszureden. Zwar wurde der Besucher von einem nordkoreanischen Funktionär mit "brüderlicher Umarmung" verabschiedet, doch der hatte Bahro zuvor gescholten: "Dieser Brief schadet der koreanischen Revolution."

DER SPIEGEL 45/1981
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