29.06.1981

UNTERNEHMENIn Panik

Das Photounternehmen Rollei wird liquidiert, der letzte Sanierungsversuch hatte die Finanziers nicht überzeugt.
Noch am 8. April hatte sich Hannsheinz Porst, damals gerade ein paar Tage Chef der Rollei-Werke, für die Sanierung der maroden Photofabrik stark gemacht. Markig verkündete er vor der Belegschaft: "Wesentliches muß wesentlich geändert werden."
Wie so etwas gemacht wird, führte Porst ("Ich liebe den Erfolg und brauche ihn") dann am Donnerstag vergangener Woche vor: Beim Amtsgericht Braunschweig beantragte er für Rollei die Eröffnung des Vergleichsverfahrens -- die Firma wird liquidiert.
Am Tag zuvor hatte Porst der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB), die bereits rund 700 Millionen Mark in das Unternehmen gesteckt hat, noch ein neues Konzept vorgelegt. Damit hoffte er, vielleicht 1983 oder 1984 aus den Verlusten zu kommen.
Doch Nord/LB-Chef Adolf Kracht mochte nicht mehr. Weitere verlorene Zuschüsse von mindestens 80 Millionen Mark, meinte der Bankier, seien zu viel.
Porst, der selbst kein Geld in seine Neuerwerbung gesteckt hat, reagierte verbittert. Denn gerade jetzt, schimpfte er, hätte Rollei "seit zehn Jahren zum erstenmal eine Chance gehabt", vor dem Untergang gerettet zu werden.
Doch die Zahlen waren ganz anders. Schon seit Monaten liefen die Geschäfte derart schlecht, daß der teils sogar zinslos gewährte Kredit von 166 Millionen Mark nicht ausreichte. Für Juni war eine Liquiditätshilfe von fünf Millionen Mark vonnöten. Die Verluste des laufenden Jahres, ursprünglich auf 30 Millionen Mark taxiert, zeichneten sich bereits in einer Größenordnung von mehr als 45 Millionen Mark ab.
Auch beim Kabinett in Hannover, das mit 175 Millionen Mark Bilanzgarantie und Bürgschaften bei Rollei dabei ist, war nichts mehr zu holen. "Weitere Landeshilfe ist nicht möglich", winkte Wirtschaftsministerin Birgit Breuel ab.
Die wichtigste Entscheidung fiel in Fernost. Dort nämlich, in Singapur, hatte die staatliche Entwicklungs-Bank (Development Bank of Singapore), die mit 25 Prozent bei Rollei beteiligt ist, jeden Spaß an ihrem Engagement verloren.
In Singapur hatte das damalige Rollei-Management vor zehn Jahren eine riesige Produktionsstätte gebaut. Doch die 120 Millionen Mark teure Fabrik war seit langem nur zu einem Bruchteil genutzt.
Rund 10 000 asiatische Rollei-Werker sollten dort, so der Vertrag mit der Regierung von Singapur, schon 1980 Kameras und Dia-Projektoren montieren. Tatsächlich sind inzwischen kaum 4700 beschäftigt -- "mit Sicherheit zuviel", meinte Porst.
Gerade auf Singapur hatten frühere Rollei-Chefs und die Nord/LB alle Hoffnung gesetzt. Denn dort konnte man dank der billigen Löhne noch billiger produzieren als selbst die Japaner in Japan.
Doch die Rechnung ging nicht auf. Die feinen Rollei-Produkte aus Singapur fanden längst nicht so viele Käufer, wie sich die Rollei-Manager das gedacht hatten. Statt der 600 000 Dia-Projektoren, die hergestellt werden könnten, verlassen kaum 300 000 das Werk, statt einer Million Blitzgeräte nur 150 000.
Der Mann aus dem Fränkischen sollte dann alles zum Besseren wenden. Porst habe ein "Klasse-Konzept", begeisterte sich Adolf Kracht, als er dem Nürnberger Photohändler im Frühjahr die Rollei-Werke zum Nulltarif übergab. Mit diesem Coup wechselte die Nord/LB, vorteilhaft für die Bilanz-Optik, aus der Position des Eigentümers in die des Gläubigers.
Doch im Grunde war zum Jahresanfang die Pleite schon besiegelt.
Mit der Produktion von Handelsmarken, die Rollei früher stets abgelehnt hatte, und der Entwicklung von "Mittelkomfort-Kameras" gedachte Porst das Unternehmen hochzureißen. Mit der brandneuen Spiegelreflexkamera "SL 2000 F" hatte das Traditions-Unternehmen bei den Photofans noch einmal Furore gemacht.
Beim Fachhandel aber stand Porst von Anfang an im Gegenlicht. Nur in "Panik", schrieb das Branchenblatt "Inpho", könne die Nord/LB die Rollei-Werke dem Nürnberger ausgeliefert haben.
Porst habe gerade im eigenen Unternehmen, einer bundesweiten Photohandelskette mit 1900 Geschäften, Millionenverluste erwirtschaftet. Das Fachblatt bescheinigte ihm schlicht "Unfähigkeit, den eigenen Laden in Ordnung zu bringen".
Für "Inpho" war der Porst-Einstieg damals schon "der Beginn des letzten Rollei-Kapitels" -- ein Porst-Modell mit eingebautem Selbstauslöser, witzelte die Branche.
Während Hannsheinz Porst in Braunschweig noch davon träumte, "zunächst 130 Arbeitsplätze" zu schaffen, hatte sich ein wichtiger Finanzier schon daran gemacht, seinen Rollei-Nachlaß zu ordnen: Kommenden Herbst wird Nord/LB-Chef Kracht auf Wunsch seines Freundes August von Finck in den Vorstand der feinen Münchner Privatbank Merck, Finck & Co. einziehen.
Der gescheiterte Möchte-gern-Sanierer Porst beklagte inzwischen "das Ende der europäischen Photoindustrie" nur ganz leise. Seinen Leuten in Braunschweig sagte der Initiator des Nürnberger Mitarbeiter-Unternehmens Porst ("Mitsprache genügt eben nicht") kein Wort.
Daß sie auf die Straße gesetzt werden, erfuhren die 700 Rollei-Werker am Freitag vergangener Woche aus der Zeitung. Von einem Sozialplan ist die Rede, die Einzelheiten werden noch geklärt.
Porst selbst zog sich pikiert ins heimatliche Franken zurück, an die Pegnitz zum Angeln.

DER SPIEGEL 27/1981
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