29.06.1981

Schwerarbeiter auf dem Rasen für Herren

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über den Tennisstar Björn Borg und das Turnier in Wimbledon
Weil er von Berufs wegen so oft im hellen Sonnenlicht gestanden hat und dabei manche Strapaze ertragen mußte, haben sich die Falten schon tief in sein Gesicht gegraben. Die einst blasse Haut des Schweden, zu Markt getragen in allen Kontinenten, ist nun unruhig pigmentiert, graubraun sein Panier.
An den Unterarmen springen die Venen fingerdick hervor, Adern aus Fixers Traum. Die Hornhäute an den Handinnenflächen, groß und dick wie Golddollar, puffern den Schläger ab. Mindestens zweitausendmal am Tag haut Björn Borg zu, serviert die hohlen Kugeln aus Filz, und das seit 15 Jahren.
Deshalb bandagiert er sich, bevor er zur Arbeit fährt, erst die Fingergrundgelenke der linken Hand und dann den ganzen Daumen rechts und schließlich die Sprunggelenke beider Füße, damit sie nicht schlottern.
Gewöhnlich geht der Schwede mit pendelndem, gesenktem Kopf. Das macht seinen Rücken, einen Schwerarbeiterbuckel, noch runder. Wenn es dämmert -- und in Wimbledon gibt es natürlich kein künstliches Licht, no Sir --, bietet er dem Gegner die Silhouette eines alten Mannes. Hat jemand vergessen, ihm die Kelle aus der Hand zu nehmen?
Er würde es sich nicht anmerken lassen. Björn Borgs Gesicht zeigt wirklich keine Emotionen. Er trägt ein Poker-Face, von oben und unten haarig zugewachsen. Die dunkelblauen Augen liegen ganz tief innen und sehr dicht beieinander.
An seinem Arbeitsplatz, 8,23 Meter breit und 23,77 Meter lang, flucht er nicht und lacht er nicht, hat er keinen Blick für Frau und Mutter, wird er nicht rot vor Freude oder blaß aus Wut. Selbst wenn er mal seufzen muß, geschieht das nur, weil hinter einem Aufschlag mehr Power steckt, wenn dem "Plopp" des Rackets sekundenschnell der ausgepreßte Atem folgt.
"Ich hasse es zu verlieren", sagt der Sportsmann, "ich möchte soviel gewinnen wie irgend möglich." Muß er auch, denn "es ist so schwer, an die Spitze zu kommen, aber noch schwerer ist es, dort zu bleiben".
Bisher hat Björn Borg aus Södertälje es immer wieder geschafft. Nun ist er, gerade 25 Jahre alt, der allergrößte; gewählt zum "Weltsportler des Jahres 1980", der dollste Geldverdiener unter allen Athleten, populärer womöglich als Muhammad Ali, Nurmi oder Pele, dazu tätig in einer Leibesübung, die wie kaum eine zweite Konjunktur hat. Björn Borg, sagt sein Trainer ohne falsche Bescheidenheit, ist etwas ganz einmaliges, nämlich "der beste Tennisspieler aller Zeiten", ein Gröfaz.
Ende der letzten Woche war es dem kühlen Blonden aus Europas Norden gelungen, diese Superlative durch ein paar kräftige Schläge erneut abzusichern. In Wimbledon, wo unter dem Patronat von Her Majesty the Queen das "Lawn Tennis Championship meeting", gleichwertig einer Weltmeisterschaft, begann, servierte der Mann mit dem goldenen Arm drei Gegner ruckzuck ab. Das war Björn Borgs 36., 37. und 38. Sieg in Wimbledon in ununterbrochener Reihenfolge. Als 38. war Rolf Gehring dran, ein athletischer Neußer, der letzte Deutsche im Turnier. Dieser schnelle Porsche-Fahrer ("Man muß sich auch mal was gönnen") war auf dem Rasen doch etwas langsam und verlor 4:6, 5:7, 0:6.
Seit 1976, als der damals 20jährige das Turnier zum erstenmal gewann, hat er in Wimbledon kein einziges Spiel mehr verloren, wurde fünfmal hintereinander Weltmeister im Herren-Einzel und hat, meint Trainer Lennart Bergelin, 56, "gewisse gute Aussichten, es auch diesmal zu schaffen".
"Nichts geht über Wimbledon", sagt Borg. Wenn man seinen Eltern glauben darf, die sich letzte Woche für je 30 Pence dunkelrotes Schaumgummipolster liehen, weil die ehrwürdigen Holzbänke dortselbst hart drücken, war "Wimbledon" das erste englische Wort des kleinen, sonst so schweigsamen Schweden. Mit neun Jahren fiel ihm ein Tennisschläger zu, mit zehn beschloß er, in Wimbledon zu siegen.
Als Björn, was auf schwedisch "Bär" heißt, elf wurde, war er de facto Berufsspieler: Morgens vor der Schule trieb er es eine Stunde mit dem Ball, "und zweimal in der Woche arbeitete ich auch mit Hanteln". Er sagt "arbeiten", nichts anderes. Mittags fuhr das Kind mit dem Zug eineinhalb Stunden nach Stockholm, Tag für Tag, um dort S.90 in einer Halle zu trainieren. Abends um halb zehn kam es zurück.
Ein Sportstar wird eben nicht nur geboren, er wird auch vom Leben geformt: In diesen jungen Jahren hat Björn Borg sich wohl das Lachen abgewöhnt, die Comics liebgewonnen und gelernt, daß es sich für einen Sportsfreund nicht auszahlt, wenn er Schiedsrichtern Widerworte gibt.
Sein jetziger Trainer erteilte ihm diese Lektion sogar handgreiflich. Einen Disput beendete der, indem "er mich über die am Spielfeldrand stehenden Sitzbänke stieß und einen Schläger nach meinem Kopf schleuderte". Damals, als Fünfzehnjähriger, hat Borg das letztemal geweint.
Wenige Wochen später verließ er die Schule für immer. Seine Erdkundelehrerin rief ihm nach, er sei "dumm und faul". Mit 16 gewann der "dumme Junge" das Juniorenturnier in Wimbledon, mit 18 hatte er die erste Dollarmillion zusammen. Privat fuhr er Cadillac, dienstlich kannte Ex-Schüler Björn alle großen Städte dieser Erde, jedenfalls deren Flughäfen und Tennisstadien.
Der Zirkus: gut 100 Akteure stark und zwölf Monate im Jahr auf Tournee. Auckland, Frisco, Honolulu, Oslo, Rio und vor allem Wimbledon, Paris, Johannesburg, zwischendurch Vancouver und Stuttgart, Germany. Ein Leben aus dem Koffer, in scheußlichen Hotelzimmern: "Früh ins Bett, aufwachen, Room Service, Training, Massage, Turnier, Flugzeug erwischen, neue Stadt, neues Hotel, früh ins Bett."
Auf Klima- und Zeitzonen kann der Zirkus keine Rücksicht nehmen. Selbst im warmen Licht der First Class eines Jets sehen die robusten Schlägertypen alt und sehr grau aus. "Wir haben in den letzten drei Tagen höchstens acht Stunden geschlafen", gestand der rumänische Tennisartist Ilie Nastase bei einer Landung in Oslo, "ich habe nur noch 100 Tage zu leben, Björn eher weniger."
Wie überlebt er? Erstens hat der O-beinige Wikinger wohl doch Salzwasser oder Fischblut in seinen Adern und "is i magen", Eis im Magen. Die Gemütsarmut ist nicht gespielt, sie ist echt. Wie kein zweiter Athlet achtet der erste Mann im Zirkus aber auch auf Kondition: Er raucht nicht, trinkt nicht und trainiert jeden Tag zweimal zwei Stunden. Pardon wird nicht gegeben. Wenn es dann ernst wird und in der dritten oder vierten Stunde eines Matchs die sechsstelligen Summen zur Disposition stehen, hat Borg die leichteren Beine. Tennis ist nicht nur Handarbeit.
Hart zuschlagen können die anderen Helden schließlich auch. Bis zu 250 Stundenkilometer schnell ist der Ball, wenn er von einem Profi verformt wird. In Wimbledon mißtrauen die Schiedsrichter am Netz deshalb dem Sinnesorgan Auge. Sie legen auch noch S.91 das Ohr an den eisernen Pfeiler und verknoten ihre Finger wie Harfenisten in den Seilen. Nur so ist eine schnelle Berührung des Balles wahrnehmbar.
Daß der Schwede im ersten Satz seines ersten Spiels gegen einen kalifornischen Zappelphilipp namens Rennert den Ball gleich dreimal voll ins Netz gedonnert hat, irritierte die Kenner kaum. Borgs Last in den ersten Wimbledon-Runden ist ihnen vertraut.
Neben mir saßen drei arabische Wüstensöhne, die wirkten sehr konsterniert und so britisch, daß sie mich, "sorry", für ihr nervöses Hüsteln um Verständnis baten. Normalerweise führt der weiße Champion sich nämlich nicht in Versuchung. Er spielt defensiv, von der Grundlinie aus, ploppplopp, nichts besonders Kühnes, aber das perfekt.
Vorsicht ist die Mutter seiner Siege. Niemals käme Borg auf die Idee, das destruktive Spiel symbolisch aufzumotzen, nach vorn zu gehen, der Kugel am Ende des Gewehrlaufs aus riskanter Nähe entgegenzublicken. "Mir geht es nur darum, wirklich jeden Aufschlag zurückzubringen." Ein fleißiger Arbeiter auf dem Rasen für Herren, ohne Zorn, ohne Zoff.
Ans Herz gehen Borgs Siege deshalb nicht. Als der Himmel letzte Woche in Wimbledon mal blau war, sah ich Männer, die mit größerem Interesse den Anflugbewegungen der Airliner Richtung Heathrow folgten als Björn Borgs Flugbällen. Nur die Frauen sind ganz Auge. Sie stellen die Mehrheit der zahlenden Gäste, und vielen sieht man an, daß sie für die Schwarzmarktkarten, Preis hundert Mark und deutlich mehr -- für die ersten Tage --, richtig arbeiten mußten. Aber es wird was geboten fürs Geld.
Drumherum das Flair von großer Welt und alten Traditionen. Alles ist in Grün gehalten: jagdgrün das Tuch der Offiziellen. Altgrün die Pavillons, hellgrün die verblichenen Segel für den grasgrünen Rasen. Überall Holz statt Aluminium, hundertmal nachgestrichen wie ein britisches Schlachtschiff. Kork und Leinen, kein Kunststoff, auf den meisten Anzeigetafeln nur handgemalte Druckbuchstaben. Ein Blick noch auf den Herzog von Kent und seinen Gastgeber, den Luftwaffen-Marschall Sir Brian K. Burnett, G. C. B., D. F. C., A. F. C., R. A. F. (RET 'D.).
Jetzt zum Kern des Tennisturniers von Wimbledon: Es ist in Wahrheit vor allem eine Peep-Show, und weibliche Zuschauer werden besser bedient: 128 Männer in den schönsten Jahren, und immer sind mindestens 30 simultan in Aktion. Herrliche Muskeln, kein Gramm Fett am Leib, die Haare voll und frisch gefönt. Die weltweit gestreuten Fernsehbilder aus den drei Hauptstadien täuschen. Das Leben pulsiert vor allem auf den 15 Nebenplätzen. Da kommt die Frau auf zwei Meter ran, legalerweise. Illegal gibt's auch mal Hautkontakte.
Tennis sehen macht sinnlich, ist offenbar Vorlust. In Wimbledon werden viele Teenager-Augen zum ersten Male weit, die Pupillen groß und rund. Männer sind schlechter dran, weil Hochleistungssport auch aus den schönsten Mädchen Athletinnen macht. Da braucht man, wie die Photographen, zum Antörnen Weichzeichnerlinsen statt Augen im Kopf.
Björn Borg ist der Sphäre mittlerweile entrückt. 1976, beim ersten großen Wimbledon-Sieg, mußten ihn noch ein Dutzend Bobbys vor seinen handgreiflichen Verehrerinnen schützen. Das hat nachgelassen, weil der Nummer eins der Weltrangliste jetzt optisch attraktivere Männer nachgewachsen sind. Solche wie sein zweiter Gegner, Mel Purcell, ein blonder Amerikaner und Narziß, dem das Publikum rasch verfiel. Borg hat ihn 6:4, 6:1, 6:3 abserviert.
Die kleine schwedische Kolonie auf der Bank neben mir, Vater, Mutter und der Trainer, hat das ohne Hysterie genossen. Vater Rune und Mutter Margareta sind vor sieben Jahren schon ihrem Kind ins Steuerparadies Monaco gefolgt. Nur so hatte Björn eine faire S.92 Chance, der reichste Schwede zu werden. Gegen 80 Prozent Einkommensteuer wäre er doch so hilflos gewesen.
Jetzt, mit Dutzenden von Firmen und Holdings in der Schweiz und auf karibischen Eilanden, hat der Mann aus Södertälje zwar keine Heimat mehr und kein Zuhause, nur Villen an der Cote d'Azur und in New York, ein Stück Insel hier, ein Appartement dort, aber: Sein Vermögen kommt dem des schwedischen Monarchen Gustaf gleich, und bald könnte es größer sein. Gut 40 Millionen Dollar, so spekuliert Björn Borgs Agent, ließen sich noch zusammentragen.
Dazu muß Borg nicht immerzu gewinnen, ganz im Gegenteil. Das Publikum will seine Helden ja nicht nur siegen, sondern auch leiden sehen. In Borgs Show-Verträgen soll eine Niederlage deshalb hin und wieder vorab vereinbart worden sein. In Wimbledon jedoch, am mythischen Ort, geht es ehrlich zu. Hier steht die Glorie des braven Mannes auf dem Spiel, ein Wert jenseits des 21 600-Pfund-Schecks, der mit dem Sieger davonfliegt.
Deshalb ist Borg so hungrig nach der Trophäe wie vor Jahren. Außerdem kann er wirklich nichts anderes als Tennis spielen. Warum sollte er freiwillig aufhören? Noch sind die Schmerzen im Rücken und in den Gelenken zu ertragen. Noch verdient er mit jedem Schlag rund 10 Mark. Mit jedem, nicht nur den öffentlichen.
Und die Seinen hält Arbeit und Geld auch beieinander. Kein Zwist bei den exilierten Schweden. Frau Mariana aus Rumänien ist nett integriert. Vater Rune, einst Verkäufer in einem Textilgeschäft, dreht zufrieden an seinen goldenen Ringen, Stücker drei an der Zahl.
Er war es schließlich, der die Karriere seines Sohnes durch die Beschaffung des Handwerkszeuges überhaupt erst möglich machte. 1965 hatte Papa, damals Sieger eines lokalen Tischtennisturniers, die Wahl zwischen zwei ersten Preisen: einem richtigen Tennisschläger für Männer und einer schönen, neuen Angelrute.
Wenn Vater Rune damals falsch gegriffen hätte, gäbe es bei den Borgs jetzt alle Tage Fisch zu essen.

DER SPIEGEL 27/1981
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