29.06.1981

MEXIKOSicherer Tod

Das sonst so Asylanten-freundliche Mexiko schickte rund 500 vor dem Regierungsterror geflohene Bauern aus Guatemala über die Grenze zurück.
Mühevoll kämpften sie sich durch den Urwald von El Peten, der nördlichsten Provinz Guatemalas. Sie ernährten sich von Wurzeln, Pflanzen und wenigen gejagten Tieren. Wohin der Marsch führte, wußten sie nicht genau. Aber die Richtung, in der sie die Rettung wähnten, war allen klar: nach Norden, zur Grenze nach Mexiko.
Nach über zwei Wochen, am 11. oder 12. Mai, erreichten die rund 500 flüchtenden Bauern die Indianersiedlung Arroyo Negro im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Die Einwohner, vom Stamm der Choles, sprachen dieselbe Sprache wie die Flüchtlinge und nahmen sie freundlich auf.
"Warum sollten wir auch nicht", meinte Sebastian Martinez Lopez vom örtlichen Genossenschaftsrat, "sie waren ja wesentlich schlimmer dran als wir."
Tatsächlich hatten die Bauern Hütten und Gerät stehenlassen, waren aus ihrem Dorf Macanche hinausmarschiert und dann im Urwald untergetaucht.
Denn Soldaten hatten sich unerwartet dem Dorf genähert, und wo das Heer Guatemalas erscheint, bleibt den Indios nur noch die Flucht, vor allem den Indios in der nördlichen Erdölprovinz El Peten.
Doch die Ruhe sollte nur von kurzer Dauer sein. Nach zehn Tagen entdeckten Missionare aus den USA die Gruppe von Flüchtlingen und meldeten sie den Behörden.
Hilfe folgte sogleich: Nahrungsmittel, Kleider und Medizin wurden nach Arroyo Negro gebracht, ebenso eine Einheit von Sanitätern, Spezialisten in der Bekämpfung der Malaria.
Dann folgten Beamte der Einwanderungsbehörde und des Staatssicherheitsdienstes, kurz darauf kamen auch Soldaten der 33. Militärregion. Vergebens erklärten die Geflüchteten, sie wollten "nur ein kleines Stück Land zum Bebauen".
Die Gegend wurde abgeriegelt und, so die mexikanische Zeitschrift "Proceso", "die Gruppe von ungefähr 500 guatemaltekischen Bauern nachts in Militärlastwagen weggebracht".
Sechs Stunden dauerte die erste Etappe der beschwerlichen Fahrt. Dann wurden die Flüchtlinge auf Privatbusse umgeladen und quer durch Chiapas zum Grenzort Cuauhtemoc gefahren.
Den letzten Teil der Reise mußten die Bauern dann zu Fuß zurücklegen. Beinahe fünf Wochen nach ihrer Flucht aus Macanche wurden sie als Deportierte in ein guatemaltekisches Militärlager eingeliefert.
Protest in Mexiko war die Folge. "Zwischen dem Zeitpunkt ihrer Entdeckung und der Ausweisung", so rechnet "Proceso", "sind nur 96 Stunden verstrichen, 30 davon auf dem Transport. Es ist unmöglich, in so kurzer Zeit festzustellen, ob diese Leute überhaupt einwanderungsberechtigt waren."
"Es ist das erste Mal seit langer Zeit", erklärte auch Alfredo Witfschi vom Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge dem SPIEGEL, "daß in Mexiko so etwas geschieht. Wir sind beunruhigt."
Tatsächlich hat Mexiko jahrzehntelang den Ruf eines aufnahmefreudigen Landes genossen, Zuflucht für Verfolgte aller politischen Couleur. Die mexikanische Botschaft in Madrid nahm im Juli 1936 nach dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges Faschisten und Konservative auf, nach dem Sieg Francos fanden über 50 000 Republikaner in Mexiko eine neue Heimat.
In Mexiko-Stadt, dem "Distrito Federal" am Fuß des schneebedeckten Vulkans Popocatepetl, ließ sich der in Ungnade gefallene russische Revolutionär Lew Dawidowitsch Bronstein "Trotzki" nieder, bis er 1940 von einem Agenten Josef Stalins ermordet wurde.
Wann immer in Lateinamerika putschfreudige Offiziere zuschlagen, flüchten die Entmachteten nach Mexiko. Während die anderen demokratischen Staaten wie Venezuela oder Costa Rica zurückhaltend sind, scheint die Aufnahmebereitschaft der Mexikaner fast unbegrenzt zu sein.
Vor allem die Opfer der Militärdiktaturen des südlichen Teils Südamerikas haben sich hier gesammelt. 3000 Chilenen kamen nach dem Putsch des Generals Pinochet im Jahre 1973, darunter die Witwe des gestürzten Präsidenten Allende und mehrere ehemalige Minister.
Über 8000 Argentinier gesellten sich 1976 zu ihnen, als rechtsextremistische Militärs die Macht in ihrem Land übernahmen. Sie bilden heute das größte Kontingent der 12 000 Polit-Flüchtlinge in der Hauptstadt.
Geboten wird ihnen nicht nur persönliche Sicherheit -- vielen steht auch eine berufliche Karriere offen. Diego Achar etwa, einer von tausend Uruguayern, wurde Chef der Abteilung Auslandsnachrichten beim staatlichen Fernsehsender "Canal 13". Sogar S.124 politische Betätigung, solange sie nicht innenpolitisch ist, darf jeder Flüchtling ausüben. In Mexiko hat etwa die Demokratisch-Revolutionäre Front El Salvadors ihr diplomatisches Hauptquartier. "Es gibt wahrscheinlich kein anderes Land auf der Welt", meint der Bolivianer Oscar Prudencio Cossio, einst Rektor der Universität von La Paz, "das Flüchtlingen eine größere politische Freiheit einräumt" -- freilich vor allem, wenn es sich um intellektuelle Prominenz handelt.
Schon im vergangenen November kam in Tijuana, einer Stadt an der kalifornischen Grenze, ein Skandal ans Licht: Mexikanische Grenzbeamte ließen legal einreisende Flüchtlinge aus El Salvador bis zu sieben Wochen lang einsperren.
"Man sagt ihnen, daß sie bei Bezahlung von mehreren hundert Dollar freigelassen würden", klagte der Anwalt Jose Perez Canchola von einer Menschenrechtsgruppe in Tijuana, "doch oft werden sie so lange ausgepreßt, bis sie nichts mehr haben. Dann werden sie deportiert." Der Chef der Einwanderungsbehörde in Tijuana wurde entlassen, als die Affäre ans Licht kam.
Im Falle der Indianer aus Guatemala scheint eine solche Lösung nicht möglich zu sein -- denn die Ausweisung war wohl Regierungspolitik. Das Innenministerium versucht sich nun damit zu entschuldigen, daß die guatemaltekischen Bauern sich selbst als "Wanderarbeiter" und nicht als "politische Flüchtlinge" bezeichnet hätten.
Asyl gewähren die mexikanischen Behörden nur jenen Flüchtlingen, die wegen politischer Verfolgung oder Menschenrechtsverletzung ihr Land verlassen haben.
Gerade das aber gilt für Guatemala. "Die Abschiebung", so guatemaltekische Oppositionelle in Mexiko, "bedeutet den sicheren Tod." Und Uno-Flüchtlingshelfer Witfschi: "Die Lage in Guatemala kann die Definition dieser Leute als Flüchtlinge wohl rechtfertigen, obwohl dort kein offener Kriegszustand herrscht wie in El Salvador."
Das aber könnte sich schon bald ändern. Mexikanische Sicherheitsexperten sind überzeugt, daß der Bürgerkrieg im südlichen Nachbarland trotz systematischen Terrors gegen die Bauern nicht mehr zu vermeiden ist.
Und Mexiko möchte verhindern, daß der Süden des Landes zu einem Aufmarschgebiet für die Guerrilleros aus Guatemala wird.
Die 1500 Kilometer lange Grenze zwischen den beiden Ländern aber, die eines der wohl reichsten Erdölgebiete der Welt durchquert, ist militärisch kaum zu kontrollieren. Schon heute sollen 30 000 Bauern, die von Streitkräften Guatemalas aus ihren Dörfern vertrieben wurden, im unwegsamen Urwald des Grenzgebietes herumirren.
S.122 1939 als Kaninchenzüchter. *

DER SPIEGEL 27/1981
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