21.06.1982

SPIEGEL Gespräch„Erst arbeiten, arbeiten - dann raus, raus“

Arbeitslose türkische Jugendliche über ihr Leben in Deutschland
SPIEGEL: Wie fühlt ihr euch in Deutschland? Bekommt ihr Ausländerfeindlichkeit zu spüren?
MUHLISE CELEBI: Diskriminierung merkst du immer wieder daran, daß nicht alle Türen auf sind für Ausländer.
KAMIL AKGÜN: In der U-Bahn gibt es oft Stunk, auf den Sitzplätzen stehen Parolen.
AYSEL SARIKAS: Die Behörden, Polizei, Arbeitsamt, alle bringen uns in Schwierigkeiten.
KAMIL: Ihr wißt doch - erst brauchte Deutschland Arbeitskräfte, nun steht an allen Wänden "Ausländer raus" und "Wir brauchen sie nicht". Also, erst hieß es arbeiten, arbeiten, danach raus, raus.
SPIEGEL: Habt ihr Arbeit?
MUHLISE: Wir sind 1980 nach Deutschland gekommen, und sie haben uns gesagt, daß man erst, wenn man zwei Jahre hier ist, Arbeitsplatz und so weiter bekommen kann ...
SPIEGEL: Das ist die gesetzliche Wartefrist für ausländische Jugendliche, die im Alter unter 18 Jahre zugezogen sind. Was macht ihr in der Zwischenzeit?
KAMIL: Erst habe ich einen Sprachintensivkurs genommen, jetzt bin ich zusammen mit anderen hier im MBSE-Kurs ...
SPIEGEL: Das sind die amtlichen "Maßnahmen zur Berufsvorbereitung und sozialen Eingliederung" ausländischer Jugendlicher, die keine Stellung haben. Welche Schulausbildung habt ihr in der Türkei gehabt?
MUHLISE: Kamil, Aysel und ich haben Gymnasiumabschluß. Man macht den bei uns nach elf Jahren. Ismail war zehn Jahre auf der Schule. Sprachunterricht haben wir hier alle genommen.
SPIEGEL: Habt ihr für die Zeit nach dem MBSE-Kurs Stellen in Aussicht?
KAMIL: Ich habe an zehn oder elf Firmen geschrieben und Absagen bekommen, kein Platz, danke. Aber vielleicht kann ich jetzt eine Ausbildung als Verkäufer machen.
MUHLISE: Ich habe mich auch ein dutzendmal beworben. Ich möchte eine Lehrstelle bei der Bank und bewerbe mich jetzt zusammen mit dreizehn Deutschen und vier Ausländern. Ich weiß nicht, ob ich die Stelle bekomme.
AYSEL: Ich habe noch nichts.
ISMAIL ILKBAHAR: Ich auch nicht.
SPIEGEL: Was habt ihr erwartet, als ihr euren Eltern nach Deutschland gefolgt seid?
KAMIL: Ich wollte einfach einmal Deutschland sehen, also die Leute erleben, was das für ein Land ist.
ISMAIL: Mein Vater sagte: In Deutschland ist es gut, du kannst gut arbeiten, gut verdienen.
AYSEL: Mir sagte mein Vater, in Deutschland kann man sehr leicht leben. Das Land ist schön, modern, gemütlich. Ich habe gedacht, die Menschen hier sind sehr freundlich.
MUHLISE: Wenn unsere Eltern, unsere Leute in die Türkei zum Urlaub kamen, erzählten sie immer schöne Sachen über Deutschland. Sie hätten sehr leichte Arbeit und verdienten viel Geld. Immer nur acht Stunden am Tag arbeiten und nicht zehn. In der deutschen Gesellschaft bewegt sich jeder ganz leicht und lernt Leute kennen.
KAMIL: Da kam dann einer und sagte: Ja, weißt du, ich gehe jeden Tag an der Maschine arbeiten und verdiene sehr gutes Geld. Der andere hat gesagt: Meine Arbeit ist besser. Ich drücke bloß auf einen Knopf, und dann arbeitet die S.70 S.71 Maschine, und ich brauche nichts zu machen. Ich sitze und schaue zu. Der dritte sagt: Ich klebe einen Streifen über alle Knöpfe auf einmal und brauche dann gar nichts mehr zu tun. Die Leute in der Türkei hören zu und sagen: Aha! Und dann sehen sie Recorder, Fernseher, Autos. Da muß der doch unheimlich viel Geld verdient haben.
SPIEGEL: Und wie war es wirklich, als ihr hierherkamt?
ISMAIL: Als ich hierherkam, war ich erst mal enttäuscht, daß in unserer Wohnung kein Bad und kein Klo waren. Das hatte ich nun wirklich nicht gedacht, daß es in Deutschland ein Haus ohne Bad und ohne Toiletten gibt.
SPIEGEL: Wieso haben eure Eltern euch ein so falsches Bild vermittelt?
MUHLISE: Sie sind nicht schuldig, unsere Eltern, aber einseitig. Wenn sie in die Türkei kamen, schämten sie sich, weil sie hier unter so schlechten Bedingungen gearbeitet haben, und sie mochten es nicht ihrer Familie erzählen. Vielleicht wollten sie auch verschweigen, daß sie, nur um Geld zu verdienen, sich in Wirklichkeit so schlecht behandeln ließen.
Heute glaube ich, das war ein Ausgleich für das, was sie hier erleben. Zwölf Monate oder zwei Jahre in Deutschland sind sie nur geduldet. Dann haben Sie Zeit für einen Urlaub in der Türkei, und dann übertreiben sie eben vieles.
KAMIL: Ich habe auch gedacht, daß unsere Leute in Deutschland sehr schöne Wohnungen haben. Aber dann habe ich die Straßen gesehen, wo die Türken wohnen: Immer die alten Häuser. Und die Toiletten eine Treppe runter. Sie müssen am Wochenende DM 1,50 bezahlen, damit sie duschen können. Im Winter ist das noch schlimmer, es ist kalt, und sie werden natürlich krank.
MUHLISE: Ich habe keinen Unterschied zu Ankara gesehen. Wenn ich vorher gewußt hätte, daß es in der Bundesrepublik so ist, dann wäre ich niemals hergekommen.
SPIEGEL: Gilt das auch für die übrigen in dieser Runde?
(Zustimmung)
SPIEGEL: Seid ihr auch von den Deutschen selbst enttäuscht?
KAMIL: Neulich haben sie eine alte Frau und ein junges Mädchen, die in eine U-Bahn wollten, mit Gewalt rausgedrängt. S.72
ISMAIL: Ja. In den Bussen ist das auch so. Die Schüler, die nach Hause fahren, beschimpfen uns als Kanaken. Das kann man nicht aushalten.
KAMIL: Ich war in einer Kreuzberger Kneipe mit drei Freunden. Wir wollten Flugblätter verteilen. Es ging um eine Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit. Da waren drei Deutsche gerade beim Billard. Als wir den Besitzer des Lokals fragten, ob wir Flugblätter verteilen können, haben die drei uns sofort angepöbelt. Was wollen Sie hier? Lassen Sie uns in Ruhe! Wir spielen jetzt. Sie haben ja schon unsere Arbeitsplätze gekriegt! Was wollen Sie denn noch alles? In Diskos, Spielsalons ist es ähnlich.
SPIEGEL: Auch in öffentlichen Jugendfreizeit-Heimen?
ISMAIL: Da dürfen wir manchmal gar nicht erst rein. Zum Beispiel im Wedding: Es gibt dort ein Jugendheim und auch eine Disko, Mittwochabend. Die Schwarzhaarigen dürfen nicht rein. Vorher durften sie schon; aber jetzt ist Hausverbot für Ausländer. Da gab es mal Kämpfe zwischen Ausländern und Deutschen.
SPIEGEL: Wie fühlt ihr euch von Ämtern und öffentlichen Stellen behandelt?
MUHLISE: Miserabel ...
ISMAIL: ... wie man Ausländer so behandelt ...
KAMIL: ... man kann sagen mißhandelt.
SPIEGEL: Wieso?
KAMIL: Zum Beispiel beim Arbeitsamt, bei der Polizei, beim Senat. Wenn du hingehst, dann sind die sehr kalt. Sie haben kein Interesse, mit uns zu reden und kennen nur ihre Vorschriften. Sie schreiben irgendwas - und dann: weg, weg, weg!
SPIEGEL: So was passiert im Amtszimmer auch Deutschen ständig.
KAMIL: Mich haben sie aber sogar richtig gelinkt. Ich wollte von der Ausländerpolizei eine Aufenthaltserlaubnis. Die steht mir zu, denn ich bin durch Familienzusammenführung zu meinen Eltern gekommen und will hier studieren. Da haben sie mir dann ein Papier gegeben. Ich mußte unterschreiben, daß ich in Deutschland studieren wollte. Sie haben dann gesagt, entweder studierst du in Berlin, oder du mußt wieder in deine Heimat zurück. Dann haben sie einen Stempel in meinen Paß gemacht: Gültig nur für Hochschulstudium. Und sie haben gesagt: Wiedersehen!
SPIEGEL: Und wieso bist du noch hier?
KAMIL: Mit einem Rechtsanwalt habe ich klargemacht, daß ich in Berlin sein darf, weil meine Eltern hier sind und ich hier einen neuen Beruf erlernen möchte.
AYSEL: Wenn die türkischen Leute hier zum Beispiel zur Polizei gehen, bekommen sie manchmal ein Papier zum Ausfüllen, das ist auf deutsch. Warum nicht auf türkisch? Das wäre leichter für sie.
KAMIL: Aber wenn ich auf der Straße bin, da sind dann Kleinigkeiten und Verbote auf türkisch: zum Beispiel in der U-Bahn "Nichtraucherzone" oder im Park "Ballspielen verboten".
AYSEL: Es gibt viele Sachen. Mein Vater, der ganz gut Deutsch kann, wollte die unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Er ist zur Ausländerpolizei gegangen. Dort haben sie ihn ein Diktat schreiben lassen. Mein Vater, der vor 14 Jahren nach Berlin gekommen ist, kann aber nicht schreiben. Da hieß es: Du bist ein Dummkopf, mußt draußen bleiben!
SPIEGEL: Hat er die Aufenthaltserlaubnis bekommen?
AYSEL: Nein.
SPIEGEL: Ist denn dein Vater auch zum Rechtsanwalt gegangen?
AYSEL: Nein.
SPIEGEL: Habt ihr den Eindruck, daß deutsche Stellen euch jetzt Schwierigkeiten machen, weil sie meinen: Ausländer widersetzen sich nicht?
AYSEL: Die Eltern waren vielleicht immer zu respektvoll. Sie sind in erster Linie damit zufrieden, daß sie hier in Berlin, oder wo sie leben, in besserer Lage sind als in ihrer Heimat. Und das ist dann der Widerspruch zwischen den Eltern und den Kindern.
KAMIL: Wir haben es erlebt bei einer großen Demonstration gegen den Lummer-Erlaß ...
SPIEGEL: Die Pläne des Berliner Innensenators Lummer, die auch die Abschiebung arbeitsloser türkischer Jugendlicher vorsahen ...
KAMIL: Organisiert war diese Demonstration von den Jüngeren. Von den Älteren kam eigentlich gar keine Unterstützung. Die sagten: Was geht das uns an? Uns geht es gut.
SPIEGEL: Ging es euren Eltern in den letzten Jahren nicht wirklich ganz gut in Deutschland?
KAMIL: Ganz gut? Als ich vor zwei Jahren hierhergekommen bin, habe ich gesehen, daß sie fast jeden Tag beim Arzt sind und Medikamente nehmen ...
SPIEGEL: Weswegen?
KAMIL: Wegen Arbeitsüberlastung. Ich sage immer, meine Mutter soll sich krankschreiben lassen. Sie kann eigentlich nicht mehr arbeiten. Sie sagt dann: Wenn ich nicht zur Arbeit gehe, dann guckt der Chef so böse, und die Augen sind sehr groß, er macht so ein Zeichen, S.75 und dann muß ich gehen. Also, ob sie krank ist oder nicht, sie muß zur Arbeit gehen.
SPIEGEL: Sie hat Angst, daß sie ihre Arbeit verliert, wenn sie nicht geht?
KAMIL: Ja, sie hat Angst vor dem Chef.
SPIEGEL: Gibt es auch Angst vor den Deutschen am Arbeitsplatz?
AYSEL: Nein. Die sind sehr freundlich am Arbeitsplatz, weil die Probleme gleich sind. Sie machen die gleiche Arbeit, sie können über die gleichen Dinge reden, haben hier die gleichen Interessen.
SPIEGEL: Wo arbeiten denn eure Eltern?
KAMIL: Auf einem englischen Friedhof. Es gibt auch Deutsche, aber der Chef ist Engländer, ein Deutscher ist noch da und mein Vater.
AYSEL: Mein Vater arbeitet bei der AEG. In seiner Abteilung sind viele Türken, wenige Deutsche.
ISMAIL: Der Arbeitskollege meines Vaters, der in einer Malerfirma beschäftigt ist, ist auch ein Türke. Der Chef ist ein Deutscher.
SPIEGEL: Was ihr gerade aufgezählt habt, sind typisch deutsche Durchschnittsjobs, mit Arbeitsschutz, Dienstzeitregelung, Gewerkschaftsaufsicht. Könnt ihr erklären, wo die Benachteiligung liegt? Kamil, du hast gesagt, daß deine Eltern krank geworden sind.
KAMIL: Mein Vater war vorher lange beim Straßenbau. Und meine Mutter arbeitet in einer Küche. Sie muß immer schwere Kübel mit Essen schleppen. Dabei ist ihr Rücken kaputtgegangen. Jeden Tag braucht sie eine Spritze.
SPIEGEL: Berichten eure Eltern über versteckte Benachteiligungen im Betrieb, beispielsweise bei Entlassungen?
MUHLISE: Meinem Vater ist einmal gekündigt worden. Vor Gericht hat er den Prozeß gewonnen, und er arbeitet wieder. Früher hatte er keine Probleme mit seinem Chef, aber zur Zeit immer öfter. Früher waren alle sehr nett. Aber zur Zeit ist es schlechter geworden, weil die Deutschen die Ausländer nicht mehr wollen.
SPIEGEL: Ist das auch in eurem Wohnbereich zu spüren?
MUHLISE: Da war es noch nie sehr eng. Es gibt eine Grenze. Die Deutschen wünschen keinen Kontakt. Jeder ist sehr beschäftigt mit seiner Arbeit. Es geht nicht.
SPIEGEL: Wie ist das in dem Haus, wo ihr wohnt?
AYSEL: Ja, bei uns ist es jetzt auch so. Es sind alte Häuser, und da wohnen viele Türken, kaum noch Deutsche.
SPIEGEL: Welche Kontakte gibt es denn noch in der Hausgemeinschaft zwischen deutschen und türkischen Bewohnern?
AYSEL: Ich glaube keine.
SPIEGEL: Grüßt ihr euch, wenn ihr euch seht?
AYSEL: Selten.
SPIEGEL: Liegt das nicht auch an euch selbst? Eure Leute kapseln sich ab und schaffen sich türkische Umgebung. Teile von Kreuzberg und Wedding sind den Deutschen fremd geworden. Nun setzt aber die Integration auch die Bereitschaft beider Seiten, aufeinander zuzugehen, voraus. Glaubt ihr wirklich, daß die auf der türkischen Seite wirklich da ist?
MUHLISE: Bei vielen sicher nicht.
KAMIL: Seht es doch mal so - über Integration wird immer sehr viel geredet. Wir meinen: Wenn man Deutsch spricht oder Deutsch lernt oder lesen und schreiben kann, dann findet man sich in der deutschen Gesellschaft zurecht. Dann sind diese Leute integriert. Viele Deutsche denken aber, Integration ist Anpassung.
Wenn zum Beispiel die Jugendlichen in den Diskotheken oder Kneipen so mit der Mode von Elvis Presley angeben, dann muß man da ja nicht gleich mitmachen. Aber diese Presley-Leute sehen es so - wer nicht mitmacht, ist nicht integriert.
MUHLISE: Ich würde den Deutschen mal diese Frage stellen: Was würdet ihr machen, wenn ihr in der Türkei wärt und wenn die türkische Regierung gesagt hätte, daß ihr euch integrieren sollt? Wir sind in unserem MBSE-Kurs vier Leute aus Jugoslawien und 246 Türken. Wie können wir uns mit den Deutschen integrieren? S.78 Wenn hier auch deutsche Schüler wären, würden wir es vielleicht schaffen. Aber wir sind immer allein, immer mit den Türken zusammen. Wir bleiben unter uns.
SPIEGEL: Habt ihr gleichaltrige deutsche Freunde?
MUHLISE: Leider nein.
SPIEGEL: Aysel?
AYSEL: Auch nicht. Ich glaube auch, sie wollen keinen Kontakt zu uns.
MUHLISE: In meiner Gegend wohnen kaum deutsche Jugendliche. Ich habe auch keine deutsche Schule besucht.
SPIEGEL: Würdet ihr denn gern Kontakt bekommen, in Klubs, Freizeiteinrichtungen, Vereinen zum Beispiel?
MUHLISE: Also, wenn ich keinen Freund habe, kann ich da auch nicht allein hingehen.
SPIEGEL: Wären eure Eltern einverstanden, daß ihr, wenn ihr einen deutschen Freund habt, mit ihm abends weggeht?
AYSEL: Natürlich, warum nicht?
SPIEGEL: Weil man hierzulande türkische Eltern jedenfalls in der Hinsicht für ziemlich streng hält.
MUHLISE: Ja, die deutschen Jugendlichen können kommen und gehen, wann sie wollen. Das dürfen wir einfach nicht.
SPIEGEL: Nun seid ihr nach hiesigem Gesetz volljährig ...
AYSEL: Na ja ...
MUHLISE: Das Gesetz paßt nicht zu uns.
SPIEGEL: Wieso nicht? Möchtet ihr nicht ähnliche Möglichkeiten wie gleichaltrige Deutsche?
MUHLISE: Ich bin zufrieden mit meiner Familie. Ich bleibe gern bei ihr.
SPIEGEL: Fühlt ihr euch dabei nicht ein bißchen eingeengt?
AYSEL: Also ich mache gerne, was mein Vater sagt, auch wenn er sagt, ich darf nicht.
SPIEGEL: Würdet ihr denn gern voll unter den Deutschen leben?
MUHLISE: Ja. Ich möchte das gern - in einem Jugend-Treffpunkt mit deutschen Freunden zusammentreffen und über unsere Probleme und über die deutsche Gesellschaft reden. Aber es gibt keine solchen Treffpunkte.
KAMIL: Die können so viel Geld ausgeben, der Staat oder der Senat. Eine Kongreßhalle wieder aufbauen, das Internationale Kongreßzentrum hinsetzen. Aber was wichtig ist für die Menschen, wollen sie nicht bezahlen. Sie bauen nichts auf, wo die Leute sich treffen können, viele Probleme lösen können.
SPIEGEL: Mit Geld allein und vor allem anderen ist es ja nun nicht zu regeln.
KAMIL: Um hier leben zu können, müssen wir wie Deutsche behandelt werden. Wenn wir hier immer die Ausländer sind ...
MUHLISE: Ausgebeutete Ausländer ...
KAMIL: ... dann können wir auf die Dauer nicht hierbleiben. Wir wollen unbedingt unsere Rechte haben, zum Beispiel das Wahlrecht, die Möglichkeit, unsere Meinung zu allem sagen zu können. Wir wollen nicht, daß wir Ausländer sind. Wir wollen in die Straßen, wo die Deutschen sind. Wenn es eine Integration geben soll, dann müssen wir genauso wie Deutsche behandelt werden. Dann wollen wir gern hierbleiben.
SPIEGEL: Muhlise, du hast eben "Ausbeutung" gesagt ...
MUHLISE: Ja, natürlich. Wenn man jemanden holt, nur um seine Arbeitskraft zu nutzen, dann wird ausgebeutet. Ich nenne das so. S.79
SPIEGEL: Was wollt ihr tun? Seht ihr eine Chance darin, als Gruppe lautstärker und öffentlich klarzumachen, daß ihr benachteiligt seid?
ISMAIL: Es gibt keine Einheit unter den Ausländern. Da sind unheimlich viele Richtungen, rechts, links, liberal und so weiter ...
MUHLISE: Außerdem haben wir zu viele eigene Schwierigkeiten: die Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Situation, die Stimmung gegen Ausländer.
KAMIL: Man könnte etwas tun, wenn man gemeinsam wirkt, Deutsche und Ausländer zusammen.
SPIEGEL: Flugblattaktionen, Demonstrationen?
KAMIL: Ja, Demonstrationen.
SPIEGEL: Man hört aber nichts davon.
KAMIL: Das können wir euch erklären. Bei den Demonstrationen gegen Ausländerfeindlichkeit oder Ausländerstopp kamen von den Deutschen ungefähr 100 oder 200. Uns unterstützen nur kleine linke Gruppen, Hausbesetzer, Alternative. Aber wenn es gegen Atomwaffen geht, da sind dann die Ausländer gefragt. Da sind sie dann auch in der Solidarität. Aber, wie gesagt, wenn die Ausländer gegen ihre Probleme protestieren, dann sind sie fast allein.
Die Ausländer, die als Gastarbeiter hier sind, haben immer gemacht, was der Staat gesagt hat. Sie sind immer leise gewesen. Deshalb sind sie zu kurz gekommen. Und das könnten wir am ehesten mit Solidarität zwischen deutscher und ausländischer Gesellschaft ändern. Aber die kommt ja nicht.
SPIEGEL: Also, keine Chance, von euch aus die Situation zu verbessern?
KAMIL: Wir können es nicht, eine Lösung bringen.
SPIEGEL: Das müßtet ihr aber doch wohl versuchen.
KAMIL: Nein, das muß von Deutschland kommen, Bürgermeister, die Regierenden, die sollten denken.
SPIEGEL: Die denken sich ganz anderes aus: Sperrbezirke, Großabschiebungen, Rückkehrprämien.
MUHLISE: Die hätten sich alles früher überlegen können, nicht jetzt. Jetzt auf einmal sagen sie, wir haben genug Leute, wir haben Arbeitsmangel, und da müssen eben welche zurückgehen. Das können sie jetzt wirklich nicht sagen.
SPIEGEL: Sollte man sagen: Diejenigen, die hier sind, von denen reden wir nicht, aber die, die noch kommen wollen, die sollten draußen bleiben?
AYSEL: Ja, das könnte man sagen.
SPIEGEL: Also auch keine Familienzusammenführung mehr?
AYSEL: Doch, Familienzusammenführung muß sein.
ISMAIL: Ja, muß sein.
SPIEGEL: Diskutiert wird auch der Plan, Ausländer, die hier wohnen, mit staatlichem Zuschuß zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen. Haben eure Eltern schon mal daran gedacht, wenn es Geld geben würde, zurückzufahren?
ISMAIL: Ja.
SPIEGEL: Haben sie auch schon gesagt, wie hoch die Prämie sein müßte?
MUHLISE: 50 000.
ISMAIL: Mindestens 30 000.
MUHLISE: Wenn wir jetzt zurückgehen, haben wir keine Arbeit. Um sich etwas aufzubauen, braucht man natürlich Geld. Also, mit weniger Geld geht das nicht. Das müßt ihr auch bedenken.
SPIEGEL: Viele versuchen ja schon immer von sich aus, Geld zu sparen für den Tag der Rückkehr in die Heimat. Nach einer Untersuchung für den Berliner Senat behält die durchschnittliche türkische Familie in Berlin jeden Monat 350 Mark übrig, meist zur Überweisung nach Hause.
KAMIL: Bei uns bleibt nichts übrig. Die Leute, die hier sind, verdienen und verbrauchen ihr Geld fürs Leben. Für ihre Zukunft können sie es nicht verwenden. Das geht einfach weg. Jedenfalls ist es unrealistisch, hier 10 000 Mark oder sechs Monate Arbeitslosengeld oder so was als Prämie anzubieten.
MUHLISE: Also, ich kann euch nur sagen: Unsere Eltern haben ihr Leben hier geopfert. Sie wurden hier krank. Als sie herkamen, waren sie ganz gesund. Also, mit wenig Geld gehen sie bestimmt nicht.
KAMIL: Jetzt, mit Benachteiligung und Ausländerfeindlichkeit, wollen aber auch manche nicht mal mehr aufs Geld warten.
SPIEGEL: Wie meinst du das?
KAMIL: Viele haben eben keine Lust mehr, hierzubleiben. Ich habe gehört, daß allein im letzten Monat 40 türkische Familien hier aus Berlin in die Türkei zurückgekehrt sind.
SPIEGEL: Gehen auch Jüngere?
KAMIL: Ja, auch schon aus unserer Lerngruppe. Viele andere haben keinen Mut mehr, weil sie keine Chancen sehen, und sie werden wohl auch nicht mehr lange hierbleiben. Viele meinen, es lohnt sich ja doch nicht, auf eine Stelle zu warten.
SPIEGEL: Wie ist es mit euch selbst?
MUHLISE: Ich mache ja die Aufnahmeprüfung bei einer Bank. Ob ich bestehe oder nicht, ich werde bald nach Ankara zurückgehen. Spätestens in drei Jahren.
AYSEL: Ich kann nicht sagen, wie lange, aber ich werde hierbleiben. Wenn ich meine Zukunft vorbereiten möchte, muß ich ja irgendwo aufbauen, als Berlinerin oder als Türkin.
ISMAIL: Arbeiten muß ich, egal, ob die Situation schlecht oder glücklich ist. Ich werde wohl bleiben.
MUHLISE: Eins ist ja sowieso klar. Wenn die Ausländer in ihre Heimat zurückgehen, dann müssen die Deutschen die schlechte Arbeit alleine machen. Und auch noch den Dreck selbst wegputzen.
SPIEGEL: Wir danken euch für dieses Gespräch.
S.69 Von links: Kamil Akgün, Aysel Sarikas, Redakteur Wolfgang Bayer, Muhlise Celebi, Redakteur Christian Habbe, Ismail Ilkbahar. * S.70 Bilder des in Berlin lebenden türkischen Malers Hanefi Yeter, entnommen aus: "Hanefi Yeter". Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin; 39,80 Mark. *
Von Wolfgang Bayer, Muhlise Celebi und Christian Habbe

DER SPIEGEL 25/1982
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