29.06.1981

„Tönerner Koloß ohne Kopf“

Die Rote Armee im finnisch-sowjetischen Winterkrieg 1939/40 Warum versagte die sowjetische Armee im Winterkrieg gegen Finnland? Für Hitler, der einen Überfall auf die Sowjet-Union plante, war es schlichte Unfähigkeit, für andere ein Trick, mit dem die Welt getäuscht werden sollte. Historiker in West und Ost haben jetzt detailliert die sowjetischen Rückschläge rekonstruiert und werfen damit auch neues Licht auf die Vorgeschichte des Rußlandkrieges, den Hitler vor 40 Jahren entfesselte.
Es sollte nur ein kleiner Feldzug gegen das Nachbarland werden, eine kurze Strafexpedition, um das widerspenstige Finnland zu disziplinieren. "In zehn bis zwölf Tagen", so prophezeite Grigorij Kulik, Rußlands stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung, werde die Sache erledigt sein.
Aus dem kleinen Feldzug wurde der "erste totale Krieg in der Geschichte" (so der Militärhistoriker John Langlon-Davies): Der sowjetisch-finnische Winterkrieg von 1939/40 mobilisierte ein ganzes Volk samt Frauen und Kindern gegen den Feind.
Wegen des finnischen Widerstandes kamen die sowjetischen Armeen nur mühsam voran. Immer wieder wurde ihr Vormarsch unterbrochen: Divisionen verbluteten im Feuer der finnischen Verteidiger, Kommandeure mußten ausgetauscht werden, Meutereien durchkreuzten die Pläne der sowjetischen Stäbe.
Erstaunt beobachtete das Ausland, daß die Riesenarmee der Sowjet-Union S.133 (Friedensstärke: 1,5 Millionen Mann) das kleine Heer der Finnen (Friedensstärke: 33 000 Mann) nicht bezwingen konnte. Adolf Hitler höhnte: "Die russische Wehrmacht ist ein tönerner Koloß ohne Kopf."
Als schließlich Finnland nach 105 Kampftagen doch dem materiell überlegenen Gegner erlag, hatten die Sowjets nicht nur den Tod von 273 000 Soldaten zu beklagen. Sie hatten auch ihre militärische Glaubwürdigkeit verloren.
Die Rote Armee galt fortan als ein Popanz. Vor allem die deutschen Militärs waren auf die vermeintliche Unfähigkeit der Roten Armee so fixiert, daß ihnen später der von Hitler befohlene Überfall auf die Sowjet-Union nahezu risikolos erschien.
Als sich dann jedoch die Sowjetarmee als ein zumindest ebenbürtiger Gegner der deutschen Wehrmacht erwies, hatten Hitlers Generale alle Mühe, ihre falschen Analysen wegzudisputieren. Da wollten sie plötzlich das Opfer eines Propaganda-Bluffs geworden sein: Stalin, so ihre Version, habe im Winterkrieg gegen Finnland falsch gespielt, um die Welt über die wahre militärische Stärke der Sowjet-Union zu täuschen.
Wie es wirklich war, hat der amerikanische Historiker Richard W. Condon in einem Buch untersucht, das auch die Frage beantworten will, was Hitler bewog, die militärische Leistungsfähigkeit der Sowjet-Union so falsch zu beurteilen -- heute, am 40. Jahrestag des Hitlerschen Überfalls, noch immer eine aktuelle Frage.
( Richard W. Condon: "Winterkrieg ) ( Rußland--Finnland". Moewig-Verlag, ) ( München; 304 Seiten; 8,80 Mark. )
Condons Bilanz: Die Sowjets hätten damals zwar "enttäuschende militärische Leistungen" geboten, doch "gerade aufgrund der in Finnland erworbenen Erfahrungen" habe man sich "in der Sowjet-Union an die beschleunigte Um- und Aufrüstung der Streitkräfte" gemacht. Die aber "nahm man in Deutschland nicht zur Kenntnis".
Forscher Condon muß es wissen, denn er sammelte jahrelang Materialien über den sowjetisch-finnischen Winterkrieg. Condon las die gesamte finnische Literatur über den Krieg, er interviewte finnische Kriegsteilnehmer und sprach mit finnischen Militärexperten.
Sein Buch leidet freilich an einer Einseitigkeit, die auch frühere Darstellungen des Winterkrieges schon problematisch machten: Condon verwendet keine sowjetischen Quellen. Der Leser lernt die Rote Armee nur durch die Lupe finnischer Feindaufklärung kennen, die 1939/40 recht lückenhaft war.
Dabei gibt es, wie das unlängst erschienene Buch des Berner Historikers Peter Gosztony über die Rote Armee beweist, zahlreiche sowjetische Materialien, die es erlauben würden, die eindimensionalen Darstellungen westlicher Geschichtsschreiber durch neue Erkenntnisse zu erweitern.
( Peter Gosztony: "Die Rote Armee". ) ( Verlag Fritz Molden, ) ( Wien/München/Zürich/New York; 48 Mark. )
In der Tat ermöglichen die "aufschlußreichen, bisher kaum ausgewerteten russischen Quellen" (Gosztony), darunter Memoiren sowjetischer Marschälle und Darstellungen in Fachorganen wie der "Sowjetskaja Wojennaja Enzyklopedija", zum erstenmal, die Ereignisse aus der Sicht der anderen Seite zu rekonstruieren. Sie erzählen, zusammen mit Condons Materialien, eine dramatische Geschichte, die anderthalb Jahre vor Kriegsausbruch begann -- mit einem Telephonanruf, der Finnlands Außenminister Rudolf Holsti am 14. April 1938 erreichte.
Am Apparat meldete sich W. W. Jarzew, Zweiter Sekretär an der sowjetischen Gesandtschaft in Helsinki; er bat dringend, von dem Minister sofort empfangen zu werden. Holsti wunderte sich zwar darüber, was ein "kleiner" Gesandtschaftssekretär mit ihm zu besprechen habe, doch schließlich empfing er ihn.
Jarzews Mission: festzustellen, ob die finnische Regierung bereit sei, im Falle eines deutschen Angriffs gegen Finnland sowjetische Militärhilfe zu akzeptieren. Falls die finnische Regierung dies ablehne, fordere sein Auftraggeber klare Garantien dafür, daß Finnland keiner deutschen Drohung nachgeben und sich nicht auf die Seite Hitlers stellen werde.
Die sowjetische Regierung, so erläuterte Jarzew, sei nämlich fest davon überzeugt, daß Deutschland einen Angriff auf die Sowjet-Union vorbereite und Hitler dabei Finnland als Sprungbrett für eine militärische Aktion gegen Nordwestrußland benutzen wolle.
Es war ein altes Trauma der sowjetischen Führer, das sie bedrückte, seit der preußische Generalleutnant Rüdiger Graf von der Goltz 1918 mit seiner 12. Landwehrdivision an der Küste Südfinnlands gelandet war und gemeinsam mit finnischen Soldaten Lenins Revolutionsgarden aus dem Land vertrieben hatte.
Schon damals befürchteten führende Sowjets einen deutschen Vorstoß gegen S.134 Leningrad (Petrograd). Die Gefahr ging zwar 1919 wieder vorüber, da die Deutschen unter dem Druck der westlichen Alliierten Finnland verlassen mußten, doch der Alptraum von einer deutschen Invasion blieb.
Die Sowjets wähnten finnische und deutsche Militärs weiterhin im Bund, zumal die meisten Generale Finnlands ehemalige "Jäger" waren: Angehörige des preußischen Jägerbataillons 27, in dem finnische Freiwillige 1915/16 für den Befreiungskrieg gegen Rußland ausgebildet worden waren.
Je mehr das im Ersten Weltkrieg geschlagene Deutschland unter dem fanatischen Sowjet-Feind Hitler erstarkte, desto heftiger fürchtete der Kreml um die Sicherheit Leningrads. Und es gab einige beunruhigende Indizien: Die deutsche Kriegsmarine schob sich zusehends in die nördliche Ostsee vor, sie schloß Nachschub-Verträge mit dem Leningrad-nahen Estland, sie erneuerte ihre alten Kontakte in Finnland.
Dagegen wußte Stalin nur ein Mittel: Sicherung des strategischen Vorfelds von Leningrad durch Beistandspakte mit den Ostsee-Anrainern Finnland, Estland, Litauen und Lettland.
Anfang 1936 lud der Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Klimentij Woroschilow, auf Weisung Stalins die Generalstabs- und Geheimdienstchefs von Estland, Lettland und Litauen zu den Maifeiern in Moskau ein Dort hielt er ihnen eindringlich vor, nur ein gemeinsames Militärbündnis könne den Norden vor der deutschen Aggression schützen.
Der Chef des Geheimdienstes der Roten Armee, der "Raswedka" (= Erkundung), Korpskommandeur Semjon Petrowitsch Urizki, legte den Gästen die letzten Erkenntnisse seines Dienstes vor: "Alle Zeichen deuten darauf hin, daß Deutschland wieder den ''Drang nach Osten'' beginnt und daß es Pläne zur Eroberung Estlands, Lettlands, Litauens und Polens schmiedet."
Die baltischen Gäste hielten das für Unsinn, denn sie wußten durch ihre guten Verbindungen zur deutschen Abwehr, daß Berlin -- damals -- keine solchen Eroberungsabsichten hegte. Woroschilows Bündnis-Offerte fand keinen Widerhall.
Doch die Sowjets ließen nicht locker. Sie versuchten ihr Glück bei den Finnen, zumal der russischen Nordwestecke von Finnland potentiell die größten Gefahren drohten.
Leningrad, das Einfallstor nach Nordrußland, war praktisch gegen einen kombinierten deutsch-finnischen Angriff nicht zu verteidigen. 32 Kilometer nordwestlich seiner Vororte erhoben sich die finnischen Grenzanlagen, westlich der Stadt lagen finnische Inseln, ideale Basen für einen Bombenangriff auf Leningrad, und mit den finnischen Alandinseln im Süden konnte man leicht den ganzen Finnischen Meerbusen abriegeln.
Da genügte schon das im Frühjahr 1938 umgehende Gerücht, Finnen und Schweden wollten auf den Alandinseln einen gemeinsamen Militärstützpunkt errichten, um die Sowjets gegen Finnland auf den Plan zu rufen. Stalin setzte am 14. April seinen Vertrauten Jarzew in Marsch.
Im Büro des finnischen Außenministers Holsti wurde Jarzew sofort konkret: Sein Auftraggeber wünsche sich einen Beistandspakt zwischen den beiden Ländern, der es der Roten Armee erlaube, im Falle eines Krieges mit Deutschland den Feind von finnischem Boden aus zu bekämpfen.
Als Holsti ablehnte, hatte Jarzew ein anderes Projekt zur Hand: Abtretung der den Alandinseln vorgelagerten finnischen Halbinsel Hangö und Verpachtung einiger finnischer Inseln vor Leningrad an die Sowjet-Union, Annahme einer sowjetischen Militärhilfe durch Finnland im Kriegsfall. Abermals wies ihn der Finne ab.
Rudolf Holsti und seine Regierung wähnten sich in uneinnehmbarer Position: Helsinki steuerte (ebenso wie die drei Baltenstaaten) einen streng neutralen Kurs, gestützt und ermöglicht von dem scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem braunen Deutschland und dem roten Rußland.
Deren "ewige" Feindschaft garantierte zugleich die Freiheit der nichtkommunistischen Ostsee-Republiken --Grund genug für Finnland, von seiner Neutralitätspolitik nicht abzuweichen. Finnlands Politiker wußten noch nicht, wie brutal eine Großmacht zuschlagen kann, die sich in ihrer Sicherheit bedroht fühlt.
Stalin ließ im Herbst 1938 die Gespräche in Helsinki abbrechen. Von nun an schloß er einen Krieg zur Durchsetzung seiner Forderungen nicht mehr aus. Ihn sollte einer der wenigen Militärs vorbereiten, dem Stalin traute: Kirill Afanasjewitsch Merezkow, Armeekommandeur 2. Ranges (etwa: Generaloberst).
Merezkow wurde Ende des Jahres Befehlshaber des Wehrkreises Leningrad und erhielt den Auftrag, den Kreis kriegsbereit zu machen. Angesichts der "zunehmenden Annäherung Finnlands an die imperialistischen Großmächte", so erklärte ihm Woroschilow, müsse die Gefechtsbereitschaft der Truppe erhöht, der Offensivplan gegen Finnland überprüft und das Versorgungssystem perfektioniert werden.
Doch was Merezkow dann an Ort und Stelle vorfand, bestürzte ihn: ein durch die stalinistischen "Säuberungen" ruiniertes Offizierkorps, unterbesetzte Einheiten, ungenügende Grenzsicherung, veraltete Operationspläne.
Merezkow irritierte auch, daß der Nachrichtendienst des Wehrkreises nahezu nichts über den finnischen Gegner wußte. Stärke und Verteilung der finnischen Truppen, ihre Reserven und Befestigungsanlagen waren in Leningrad kaum bekannt.
"Vor allem", erzählt Merezkow in seinen Memoiren, "fehlten Angaben über die Mannerheimlinie", das nach dem prominentesten finnischen Soldaten genannte Festungssystem auf der Karelischen Landenge. Die Raswedka meinte, die Mannerheimlinie sei nichts S.135 als eine Propagandafassade. Merezkow später: "Ein verhängnisvoller Irrtum."
Er machte sich Anfang 1939 daran, die Schwachstellen in seinem Wehrkreis zu beseitigen. Merezkow ließ neue Straßen anlegen, Befestigungsanlagen verbessern und Munitions- und Verpflegungsdepots bauen.
Das freilich dauerte Stalin zu lange; ungeduldig rief er Merezkow Ende Juni nach Moskau und verlangte rasche Vorlage eines Operationsplanes für den Krieg gegen Finnland.
Drei Wochen später hatte Merezkow seinen Plan fertig. Er sah die militärische Ausschaltung Finnlands "innerhalb kürzester Frist" vor -- durch einen Hauptangriff auf der Karelischen Landenge in Richtung Wyborg -- Helsinki, einen zweiten Angriff nördlich um den Ladogasee herum und zwei weitere Operationen in der Mitte und im Norden der russisch-finnischen Grenze.
Stalin, Generalstab und Politbüro billigten Merezkows Operationsplan. 14 Tage Krieg -- mit mehr rechnete man nicht. Nur Generalstabschef Schaposchnikow mochte nicht an den leichten Finnen-Krieg glauben; das werde ein langer und schwieriger Krieg werden, fand er, doch die Genossen hörten nicht auf ihn.
Noch ehe aber Stalin seine Kriegsmaschine endgültig in Bewegung setzte, bot sich ihm plötzlich die Chance, auch ohne Krieg zu bekommen, was er haben wollte. Hitler, jetzt auf die Vernichtung Polens aus, bot ihm zur eigenen Rückversicherung einen Pakt an, der unter anderem den Sowjets das ganze Nordosteuropa als Einflußgebiet zugestand.
Für Finnland und die baltischen Staaten, die ihre Existenz auf den deutsch-russischen Gegensatz gegründet hatten, war der Stalin-Hitler-Pakt des 23. August 1939 eine Katastrophe. Stalin sicherte sich denn auch, was ihm die Baltenstaaten 1936 verweigert hatten.
Unter dem Vorwand, Estland, Lettland und Litauen könnten allein nicht die Sicherheit Leningrads garantieren, zwang die Sowjet-Union sie, Beistandspakte mit ihr abzuschließen und sowjetische Stationierungstruppen in ihre Länder zu lassen -- Beginn des Untergangs baltischer Souveränität.
Dann kam Finnland an die Reihe. Am 9. Oktober erschien auf Einladung des Kreml eine finnische Delegation in Moskau, der Außenminister Molotow die sowjetischen Forderungen präsentierte. Es waren die alten, ergänzt durch ein paar neue: Abschluß eines Beistandspaktes, Überlassung eines Stützpunktes auf Hangö, Abtretung des westlichen Teils der Fischereihalbinsel und Zurückverlegung der finnischen Grenze auf der Karelischen Halbinsel um zwölf Kilometer im Austausch gegen Gebiete Sowjet-Kareliens.
Drei Wochen lang mühte sich der finnische Unterhändler Juho Kusti Paasikivi, die Sowjets wieder von ihren Forderungen herunterzubringen, doch Moskau blieb hart.
Als schließlich Helsinki doch ein paar Inseln und eine kleine Grenzkorrektur anbot, erklärte Stalin dies für ungenügend. Der Ton am Verhandlungstisch wurde aggressiver. Molotow: "Haben Sie die Absicht, einen Konflikt zu provozieren?" Paasikivi konterte: "Wir nicht -- aber Sie allem Anschein nach!"
Anfang November wurden die Verhandlungen abgebrochen. Mit seinem Apparatschik-Gemüt zog Molotow Bilanz: "Jetzt sind die Militärs an der Reihe."
Was folgte, waren Propagandamanöver, mit denen totalitäre Mächte ihre Kriege gerne vor der Weltöffentlichkeit rechtfertigen. Die sowjetischen Medien schossen sich auf den finnischen "Aggressor" ein, und es fehlte auch nicht an einer jener selbstinszenierten Aktionen, die seit Hitlers Provokationsstück gegen den Sender Gleiwitz am Vorabend seines Polen-Überfalls dazu herhalten S.136 müssen, dem Gegner die Schuld am Kriegsausbruch zuzuschieben.
Am 26. November 1939 um 15.45 Uhr eröffneten Geschütze das Feuer auf eine sowjetische Truppeneinheit, die auf der Karelischen Landenge bei dem Kirchspiel Mainila nahe der finnisch-russischen Grenze stationiert war. Vier Rotarmisten wurden getötet, neun weitere verwundet.
Sofort behauptete die sowjetische Regierung, die Granaten seien von finnischer Artillerie abgefeuert worden. Doch als Helsinki vorschlug, den Vorfall gemeinsam zu untersuchen, wich Moskau aus.
Die Finnen fühlten sich unschuldig: Bereits Mitte November war vom finnischen Oberkommando der Befehl ergangen, Artillerie von der Grenze fernzuhalten. Zudem hatten drei finnische Grenzsoldaten am 26. November Artilleriefeuer im Raum südlich von Mainila (also auf russischem Gebiet) beobachtet und darüber Meldung gemacht.
Kaum aber hatte Merezkow am Abend dieses Tages den Vorfall nach Moskau gemeldet, da erhielt er die Weisung, spätestens in einer Woche den "Gegenschlag" auszulösen. Merezkow gab seine Befehle: Die Divisionen der Roten Armee bezogen ihre Bereitstellungsräume entlang der sowjetischfinnischen Grenze.
Schon früher hatten die ersten Verbände ihre Quartiere in den Wehrkreisen Leningrad, Moskau, Kalinin und Kiew verlassen. 180 000 Rotarmisten waren auf dem Marsch, um sich zu vier Großverbänden zu formieren:
* der 14. Armee im äußersten Norden, die Petsamo erobern und dann weiter nach Süden vorstoßen sollte,
* der 9. Armee im Mittelabschnitt, die Finnland an seiner schmalsten Stelle durchschneiden und in zwei Teile zertrennen sollte,
* der 8. Armee nördlich das Ladogasees, die in den Rücken der Karelischen Landenge vordringen sollte, und
* der 7. Armee auf der Landenge, die den Hauptschlag zu führen hatte -- den Durchbruch durch die Mannerheimlinie.
So wichtig war Stalin die 7. Armee, daß er sie nicht ihrem Oberbefehlshaber, dem von ihm wenig geschätzten Armeekommandeur 2. Ranges Wsewolod Jakolew, allein überlassen wollte. "In letzter Stunde" (Merezkow) entschied Stalin, daß der Chef des Leningrader Wehrkreises selbst die Führung der Armee übernehmen solle.
Das machte Merezkows Stellung noch schwieriger, als sie ohnehin schon war. Er war zwar inzwischen zum Oberbefehlshaber der Nordfront, zu der die Angriffsarmeen zusammengefaßt wurden, ernannt worden, aber er sah seine Befugnisse stark eingeschränkt -- durch Stalin, dem er jeden Tag telephonisch berichten mußte, und durch Woroschilow, den der Diktator als eine Art Höchstkommandierenden mit der Aufsicht über die Operationen betraut hatte.
Doch die Befehle aus Moskau ließen dem OB Merezkow keine Zeit mehr, über das Labyrinth solcher Zuständigkeiten nachzudenken. Moskau verlangte sofortige Taten. Die letzte Weisung kam am 29. November: Angriff!
Am nächsten Morgen, um 8.30 Uhr, marschierten 19 Divisionen der Roten Armee über die sowjetisch-finnische Grenze. Im Schutz eines Feuerorkans von 1900 Geschützen, 300 Bombern und 500 Panzern wälzten sich die sowjetischen Marschkolonnen "wie ein endloser Lindwurm durch das Grenzgebiet: Lkw, Artilleriezugmaschinen, aufgesessene und marschierende Infanterie, dicht an dicht" -- so Autor Condon.
Der sowjetische Angriff überraschte die Finnen, denn sie hatten sich auf den falschen Krieg vorbereitet. Mit Vorstößen der Sowjets hatten die Finnen gerechnet, aber nicht in dieser Stärke und nicht an den Stellen, an denen die Rotarmisten vorpreschten.
Der Anblick feuerspeiender, sich schier automatenhaft heranwälzender Panzer schockierte die Verteidiger. Keiner hatte sie auf den Massenangriff sowjetischer Panzer vorbereitet -- der "Panzerschreck" durchfuhr die Finnen.
Es kam, so berichtet Condon, "zu Panikszenen, wie man sie zuvor noch nicht erlebt hatte: Die Soldaten ließen ihre Ausrüstung im Stich, warfen die S.138 Waffen weg und flohen". Wo immer "russische Panzer in größerer Zahl auftauchten, wurde die finnische Abwehrfront schnell weich".
Panik und Gerüchtemacherei eröffneten den Angreifern das Vorfeld der Mannerheimlinie. Eine Falschmeldung über Landungen sowjetischer Truppen im Hinterland trieb das finnische Hauptquartier am 4. Dezember dazu, wertvolle Stellungen aufzugeben. Eine weitere Tatarennachricht am 6. Dezember genügte, den Raum Uusikirko zu räumen. Einen Tag später erreichten die ersten Angriffsspitzen der Roten Armee die Mannerheimlinie -- die Sowjets konnten mit ihren Anfangserfolgen zufrieden sein.
In Moskau breitete sich Siegeseuphorie aus. Inzwischen hatte der finnische Komintern-Funktionär Otto Kuusinen in dem "befreiten" Grenzort Terijoki eine "Demokratische Republik Finnland" gegründet, in deren Namen er alle Finnen zum Aufstand gegen ihre rechtmäßige Regierung aufrief -- unterstützt von Radio Moskau, das beispielsweise sowjetische Luftangriffe auf Helsinki mit der grotesken Version ableugnete, die Bomber hätten lediglich Brot abgeworfen, um die hungernden Massen Finnlands zu versorgen.
Doch die Hochstimmung in Moskau hielt nicht lange an. Marschall Carl Gustav Emil Freiherr von Mannerheim, der finnische Oberbefehlshaber, zog seine Deckungstruppen aus dem Festungsvorfeld zurück und ließ den Feind gegen das Bunkersystem der Hauptkampflinie anrennen.
Zeitgewinn war das einzige, was den Finnen blieb. Ihr auf knapp neun Divisionen gebrachtes Kriegsheer mit 60 veralteten Panzern und 150 Flugzeugen konnte die Invasoren nicht entscheidend schlagen, wohl aber ihnen empfindliche Verluste beibringen, bis Hilfe aus dem Ausland kam oder die Sowjets zu einem Kompromißfrieden bereit waren.
Inzwischen dirigierte Merezkow seine Armee zum Sturm auf die Mannerheimlinie. Tagelang rannten die Sowjettruppen gegen das feindliche Festungssystem an, doch jeder Angriff wurde abgewiesen. Bald wußte man auch in Moskau: Merezkows Armee saß fest.
Stalin schaute nicht lange zu und holte sich seinen besten Artillerie-Spezialisten, der allerdings seit Jahren keine Truppe mehr geführt hatte: Wladimir Grendal, Korpskommandeur und Kriegsakademie-Professor, in Finnland geborener Sohn eines schwedischen Offiziers, seit 1938 stellvertretender Chef der Hauptverwaltung der Artillerie.
Grendal sollte Breschen in das Festungssystem der Mannerheimlinie schießen. Merezkow mußte ihm zwei Divisionen seiner Armee abtreten, Grendal selbst brachte die elitäre 1. Artilleriedivision mit -- Kernstück einer neuen, der 13. Armee.
Am 15. Dezember ließ Grendal aus allen Geschützrohren seiner Armee das Feuer auf den äußersten Linksflügel der Mannerheimlinie richten, Stunden später schickte er seine Angriffsverbände vor.
Doch auch diese Operation brach im Feuer der finnischen Verteidiger zusammen. Das jetzt einsetzende schwere Winterwetter mit orkanartigen Schneefällen erschwerte zudem immer mehr die sowjetischen Aktivitäten.
Auf den Winterkrieg waren die Sowjets nicht vorbereitet. Ski-Einheiten kannte die Rote Armee nicht, Winterkleidung besaßen nur wenige Formationen. Als endlich Winterkleidung kam, erwies sie sich als so plump, daß die Soldaten darin kaum kämpfen konnten. "Ein Soldat, der in all diese Sachen eingehüllt war", zürnte Sowjetoberst G. I. Antonow später, "bewegte sich nicht und feuerte, ohne zu zielen, nur gerade so, um zu zeigen, daß er überhaupt schoß."
Stärkstes Hemmnis war, daß der Schnee die Russen zwang, mit ihren schwerfälligen Räder- und Kettenfahrzeugen auf den wenigen Straßen zu bleiben. Das Eis auf den Flüssen und Seen war noch nicht fest genug, um Panzer und Lkw zu tragen. So war die Rote Armee an die Straßen gefesselt -ideale Chance für Überfälle durch die Finnen, die in jeder Spielart des Winterkriegs ausgebildet waren.
Das bekamen bald die Verbände der 8. Armee nordöstlich des Ladogasees zu spüren, auf die nun Stalin seine Hoffnung setzte, von rückwärts die Mannerheimlinie aufrollen zu können.
Die Armee schien solche Hoffnungen zu rechtfertigen, denn sie war schon ziemlich weit auf finnisches Gebiet vorgedrungen. Die Rotarmisten hatten die finnischen Verteidiger von einer Abwehrstellung zu anderen zurückgeworfen, ihre Spitzenverbände erreichten fast mühelos die Küstenstraße am Nordostufer des Ladogasees. Der Weg in den Rücken der Mannerheimlinie war offen.
Da fielen plötzlich, unheimlich und scheinbar unangreifbar, finnische Bataillone über die sowjetischen Marschkolonnen her. Die 139. Schützendivision war der erste Sowjetverband, den der "weiße Tod" (Condon) ereilte.
"Wenn es dunkel wurde", so Condon, "und die Russen sich um ihre kleinen Lagerfeuer drängten, kamen die Finnen aus den Wäldern. Lautlos, in ihren weißen Schneehemden und in der Dunkelheit kaum sichtbar, glitten sie auf Skiern heran. Schüsse, Schreie, aufblitzende Detonationen von Handgranaten, brennende Fahrzeuge. Dann Stille. Lautlos und unsichtbar, wie sie gekommen waren, zogen sich die finnischen Skipatrouillen wieder in die Wälder zurück."
Dann kamen sie auch am Tage. Von nun an attackierten die Finnen schier pausenlos, wobei sie die lange Fahrzeug- und Marschkolonne der Russen abschnittsweise angriffen; sie sprengten einen Teil der Division vom Rest ab, schnürten ihn zu einem Kessel (finnisch: Motti) ein und machten darin alles nieder.
In wenigen Tagen war die 139. Schützendivision vernichtet. Hastig setzte der Oberbefehlshaber der 8. Armee eine andere Division, die 75., zum Einsatz in Marsch, aber auch sie geriet in eine Motti-Falle. Ende Dezember war sie ebenfalls aufgerieben.
Nicht anders erging es der ukrainischen 163. Schützendivision (9. Armee) S.140 auf der Straße, die sie zum Finnischen Meerbusen bringen sollte. Bei dem Dorf Suomussalmi schlugen die Ukrainer das kleine Häuflein finnischer Verteidiger zurück, doch dann gerieten sie in einen Hinterhalt.
Wieder wendeten die Finnen ihre Motti-Taktik an, unermüdlich griffen sie die über eine Strecke von 34 Kilometern auseinandergezogene Division an. Der Divisionskommandeur fiel, nahezu die ganze Division wurde von den Finnen niedergemacht.
Da rasselten die Kettenfahrzeuge der 44. Schützendivision aus dem Moskauer Wehrkreis heran und boten neue Ziele für die finnischen Scharfschützen und Panzerknacker. Auch die 44. erlag dem Gegner, nur kleinere Teile der Division konnten sich frierend und hungernd vor den Finnen retten.
Vier zerstörte Sowjetdivisionen in drei Wochen -- das roch dem mißtrauischen Mann im Kreml nach Verrat und Feigheit. Prompt schickte er den als "Bluthund Stalins" gefürchteten Polit-Chef der Armee, den Armeekomissar 1. Ranges Lew Mechlis, an die Front, der Schuldige finden sollte. Der räumte mit Liquidatoren-Eifer auf: Er ließ den Kommandeur der 44. Schützendivision verhaften, er maßregelte Offiziere und versetzte massenweise Soldaten zu Strafeinheiten.
Doch der vorsichtige Generalstabschef Schaposchnikow schickte hinter Mechlis Offiziere her, die weniger blindwütig die Ursachen der sowjetischen Schlappen erforschten.
Ergebnis: Nicht nur in den Urwäldern nördlich des Ladogasees, sondern auch auf der Karelischen Landenge waren viele Truppeneinheiten schlecht geführt worden. Den meisten Offizieren fehlten Kenntnisse über die taktische Anwendung der Kampfmittel, die Zusammenarbeit zwischen den Waffengattungen klappte nicht.
Jetzt rächte sich bitter, daß nach der Liquidierung von 35 000 Offizieren auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors die Führerposten mit Männern besetzt worden waren, die nie eine Militärakademie besucht hatten. Sie führten unsicher, ja sie fürchteten zuweilen sogar ihre eigenen Soldaten, gegen die sie sich durch Schutzwachen sicherten.
Im Schützenregiment 233 waren 75 Prozent der Offiziere gefallen, die meisten von den eigenen Leuten erschossen. In der 49. Schützendivision war es zu einer Meuterei gegen Offiziere gekommen, und in einer Nachbareinheit ging eine Bittschrift von 30 Rotarmisten an die Offiziere des Regiments um, ihre Angehörigen in der Heimat nicht länger hungern zu lassen.
Die Führung versagte auch deshalb, weil die Kriegskommissare, ohne deren Unterschrift keine Order eines Truppenführers Gültigkeit hatte, oft mit den Kommandeuren nicht harmonierten. Sie sperrten sich nicht selten gegen notwendige Ausweichmanöver der Truppe, in denen sie gleich einen Verrat am Sozialismus witterten.
Was immer davon Schaposchnikows Sendboten sahen und notierten -- ihre Berichte veranlaßten Stalin, sofort zu handeln. Am 7. Januar 1940 löste er Woroschilow als Höchstkommandierenden und die Oberbefehlshaber der 8. und 9. Armee ab, nahm Merezkow den Oberbefehl über die Nordfront und gruppierte die angeschlagenen Armeen zwischen Ladogasee und Eismeer zu einer neuen Nordfront um.
Dann ließ er den Mann kommen, der ihm nun endgültig den Sieg über Finnland bringen sollte: Semjon Konstantinowitsch Timoschenko, den neuen Oberbefehlshaber der "Nordwestfront", wie man jetzt den Frontbereich auf der Karelischen Landenge nannte.
Mit der ihm eigenen Systematik machte sich Timoschenko an die Arbeit. Er ließ fast einen vollen Monat scheinbar tatenlos vergehen; in Wirklichkeit bereitete er seine beiden Armeeführer Merezkow und Grendal auf die kommende Großoffensive vor. Er übte mit ihnen das Zusammenspiel der Waffengattungen, verstärkte die Fronttruppen unablässig, holte immer noch mehr Artillerie heran.
Geduldig wartete Timoschenko auf den Augenblick, da das Eis stark genug sein würde, die schweren Fahrzeuge der Roten Armee zu tragen. In den letzten Januartagen war es soweit.
Am 1. Februar kam es zu einem ersten, vorbereitenden Feuerüberfall auf die finnischen Stellungen im Raum Summa, vier Tage später verstärkte sich der Orkan der Granaten und Bomben. Am 11. Februar aber brach ein Trommelfeuer los, das sich nur noch mit den Stahlgewittern der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs vergleichen ließ.
300 000 Granaten pflügten fast jeden Meter der finnischen Stellungen um, dann wälzten sich "hinter einer präzise vorrückenden Feuerwand der Artillerie" (so der Publizist Vitalis Pantenburg) die Panzer mit Flammenwerfern und Infanteristen heran. Welle auf Welle brandete gegen die Bunker der Finnen an, immer neue Einheiten warf Timoschenko in den Kampf.
Ein paar Tage später wußte Mannerheim, daß seine Truppen gegen diesen Ansturm nicht mehr lange durchhalten würden. Ihre Munition ging allmählich aus. Anfang März sah Mannerheim keine Chancen mehr: Er drängte die Regierung zum Waffenstillstand.
Die sowjetischen Verbände stürmten so schwungvoll weiter, daß mancher ihrer Führer meinte, in wenigen Wochen sei ganz Finnland in der Hand der Roten Armee. Da stoppte Stalin den Vormarsch und akzeptierte die Waffenstillstands-Offerte der Finnen.
Warum so plötzlich? "Der sowjetische Nachrichtendienst", so weiß Gosztony, "hatte von Geheimplänen erfahren, wonach Frankreich und Großbritannien in der zweiten Hälfte März 1940 neben umfangreichem Kriegsmaterial auch Truppen nach Finnland entsenden wollten." Ein Kampf gegen britisch-französische Truppen hätte Stalin ganz an die Seite Hitlers gedrängt -- was er auf keinen Fall wollte.
So diktierte Josef Stalin am 12. März 1940 Finnland einen recht maßvollen Friedensvertrag, wenn er sich auch abtreten ließ, was er zuvor am Verhandlungstisch verlangt hatte. Rußlands Sicherheit aber blieb problematisch: Finnen und Deutsche fanden sich jetzt wirklich zusammen -- zum Krieg gegen Moskau.
S.133 Richard W. Condon: "Winterkrieg Rußland--Finnland". Moewig-Verlag, München; 304 Seiten; 8,80 Mark. * Peter Gosztony: "Die Rote Armee". Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich/New York; 48 Mark. * S.134 Empfang der 12. Landwehrdivision des Generalleutnants Graf von der Goltz (l., vorn) durch den Magistrat von Helsingfors. *

DER SPIEGEL 27/1981
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