12.04.1982

Ja oder nein

Manchmal verursachten sie Krawall, gelegentlich ernteten sie mehr Lob als ihre Mannschaft - die deutschen Schiedsrichter bei den Fußball-Weltmeisterschaften.
Auf einer Bonner Straße bolzten zwei Jungenmannschaften. Doch der leutselige Herr, der eine Weile zuschaute, beachtete nur den schiedsrichternden Burschen. "Das machst du gut", lobte er und redete ihm zu, sich sorgfältig ausbilden zu lassen.
Der Junge hieß Walter Eschweiler und ist nun, 30 Jahre später, 46 Jahre alt und der einzige Schiedsrichter aus der Bundesrepublik bei der Fußball-WM 1982 in Spanien. Sein Entdecker war der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Dr. Peco Bauwens. Er war zuvor Nationalspieler gewesen und hatte als erster Deutscher internationale Anerkennung als Schiedsrichter erworben. Bauwens leitete 82 Länderspiele, darunter auch ein Qualifikationsspiel zur WM 1934.
Als ersten von insgesamt zehn reichs- und bundesdeutschen Schiedsrichtern (dazu kamen zwei aus der DDR) berief der Weltverband Fifa den Berliner Alfred Birlem zum WM-Turnier 1934 nach Italien. Er hatte als knochenharter Spieler bei Viktoria 89 einschlägige Erfahrungen gesammelt. "Was er auf dem Spielfeld nicht hören wollte, hörte er nicht", lobte ihm der Fußballexperte Ernst Werner nach. "Aber er bekam alles mit."
In Frankreich, bei der zweiten WM in Europa, tauchte 1938 neben Birlem auch ein Unparteiischer namens Beranek auf der deutschen Liste auf: Er war der Fifa noch als Österreicher gemeldet worden. Dann annektierten die Deutschen Österreich und vereinnahmten auch ihn.
Weltmeister Italien kämpfte unter Beraneks Spielleitung gegen den Außenseiter Norwegen und die französischen Zuschauer, die ihren Zorn über das faschistische Mussolini-Regime an dessen Fußball-Repräsentanten ausließen. Italien siegte erst in der Verlängerung 2:1.
Der Bann gegen die deutschen Kicker nach dem Zweiten Weltkrieg traf auch die Schiedsrichter. Erst zum Turnier 1954 in der Schweiz berief die Fifa wieder einen Deutschen, den Mannheimer Emil Schmetzer. Er war zufällig entdeckt worden, als seiner Mannschaft von Waldhof Mannheim einmal ein Schiedsrichter gefehlt hatte. Im WM-Spiel England gegen Belgien leistete er Überstunden: Beide trennten sich trotz Verlängerung 4:4.
WM-Schiedsrichter Albert Dusch wog in seinen besten Zeiten 95 Kilo und wußte Gewicht in Autorität umzusetzen. Der Werkmeister war 1930 als Torwart des 1. FC Kaiserslautern in einem Aufstiegsspiel mit einem Gegenspieler zusammengeprallt und wegen rohen Spiels vom Platz gestellt worden. Nach diesem Schock wechselte er in die Kluft des Schiedsrichters.
Bei zwei WM-Spielen 1958 in Schweden verhinderte Dusch energisch und umsichtig jede Entgleisung; die Fifa wollte ihm deshalb das Endspiel anvertrauen. Da endete das Vorfinale Schweden gegen Deutschland nach dem Platzverweis des deutschen Verteidigers Erich Juskowiak mit einem Krawall, der die Beziehungen beider Länder vergiftete.
Nun mochte der Weltverband den Schweden im Finale keinen deutschen Schiedsrichter mehr vorsetzen und übertrug ihm eine Chargenrolle am Rande als Linienrichter. Außerdem lud die Fifa Dusch zur WM 1962 nach Chile ein.
"Kreitlein war dabei, die Kontrolle zu verlieren", rügte dagegen der englische Fußball-Funktionär Joe Mercer Duschs Nachfolger. "Er wollte ein Exempel statuieren." Schneidermeister Rudolf Kreitlein aus Stuttgart hatte im ruppigsten Spiel der WM 1966 in England zwischen der Heimmannschaft und Argentinien schon zwei Engländer und drei Argentinier verwarnt.
Als der argentinische Mannschafts-Kapitän Antonio Rattin abermals neben ihm herlief und ihn anbrüllte, wies Kreitlein ihm mit der Gestik eines Burgschauspielers den Weg zur Kabine. Rattin weigerte sich, den Kampfplatz zu räumen. Argentinier stürmten aufs Feld und griffen den Deutschen an. Polizei mußte ihn schützen und Rattin nach minutenlanger Unterbrechung abführen. Argentinien schied aus dem Turnier aus. Auf dem Gang in die Kabine trat ein Südamerikaner Kreitlein rachsüchtig in die Wade.
Später stellte sich heraus, daß Rattin nach einem Dolmetscher verlangt hatte. Aber der englische Fifa-Präsident Sir Stanley Rous gab Kreitlein recht: "Ausschreitungen müssen bestraft werden." Argentiniens Verband forderte, Kreitlein aus der internationalen Liste zu streichen, aber der Fifa-Schiedsrichterausschuß S.216 billigte Kreitleins Entscheidung.
Der Deutsche hatte in Stuttgart bis 1951 als Vertragsspieler ein Fußballgehalt bezogen, bevor er nach einer Verletzung umsattelte. Er leitete 18 Länderspiele und verdiente sich auch als Meisterschneider zwei Goldmedaillen. Erst bei der WM 74 schlossen die Argentinier Frieden mit ihm, als sie Kreitlein im Stuttgarter Neckar-Stadion begegneten.
"Eine weltmeisterliche Leistung", urteilte Brasiliens Weltmeister und Nationaltrainer Mario Zagallo 1970 über den Mannheimer Schiedsrichter Kurt Tschenscher, "bot nur der 23. Mann." Der erfolgreichste deutsche WM-Schiedsrichter, den die Fifa bei drei Weltmeisterschaften einsetzte, durfte in Mexiko das Eröffnungsspiel dirigieren. Es war eine Weltpremiere: Tschenscher zog zum erstenmal die neu eingeführte gelbe Karte zum Zeichen der Verwarnung und drohte mit der roten Karte der Disqualifikation. Das Endspiel leitete 1970 der erste DDR-Schiedsrichter bei einer WM, Rudi Glöckner.
Bei der WM 1974 in der Bundesrepublik durften drei DFB-Deutsche pfeifen, neben Tschenscher noch Hans-Joachim Weyland und der Hamburger Gerhard Schulenburg, der mit einem weinroten Trikot im Spiel Zaire gegen Schottland auffiel. Die ungewöhnliche Abweichung vom üblichen Trauerschwarz hatten die Schotten zur Unterscheidung vom Dunkelblau ihrer Jerseys angeraten.
Tschenscher sollte 1974 das Vorfinale Holland gegen Brasilien leiten. Doch vor dem Spiel stand die Bundesmannschaft als erster Endspielpartner fest. Deshalb wollte der Deutsche verzichten. Der zuständige Fifa-Ausschuß (Vorsitzender: Helmut Riedel, DDR) ließ ihn pfeifen. Er stellte einen Brasilianer vom Platz, Holland siegte.
Einmal trat sogar ein gesamtdeutsches Gespann auf: Der bundesdeutsche Schiedsrichter Ferdinand Biwersi und sein DDR-Linienrichter Adolf Prokop leiteten bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien das Spiel Spanien gegen Schweden. Biwersi hatte sich zum Maßstab gesetzt: "Jede Entscheidung muß klar ''ja'' oder ''nein'' lauten." Damit erntete der Schiedsrichter in Argentinien höheres Lob als die deutsche Nationalmannschaft.
Eschweiler, der einzige bundesdeutsche Schiedsrichter in Spanien, heißt bei den Spielern "die Pfeife vom Auswärtigen Amt". Nachdem der Bonner oft die Spiele der Bundestags-Mannschaften gepfiffen hatte, verschafften ihm Gönner einen Angestellten-Posten im Außenministerium. Lange arbeitete er in der Protokollabteilung.
Als er 1965 einen Staatsbesuch in Mexiko vorbereiten half, pfiff er zugleich vier Wochen lang Spiele der mexikanischen Profiliga - so zufriedenstellend, daß ihm mexikanische Funktionäre einen Vertrag als Berufsschiedsrichter anboten. "Dieser Job hat mich um die ganze Welt gebracht", freute sich Eschweiler.
Einmal schlüpfte er nach einem Frauenfußballspiel im Umkleideraum der deutschen Meisterinnen vom Bonner SC unter, um sich duschfertig zu machen: "Ihr wißt doch, wie ein Mann aussieht, und ich weiß, wie ihr ausseht."
S.216 Unter Polizeischutz nach Platzverweis des Argentiniers Rattin im WM-Viertelfinale England gegen Argentinien 1966 in London. *

DER SPIEGEL 15/1982
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