29.06.1981

FERNSEHENPalaver auf Socken

„Lisa und Tshepo“. Eine Liebesgeschichte. Buch und Regie: Erika Runge. ARD; Mittwoch, 1. Juli; 20.15 Uhr.
Auch die Mutter hatte ihn eigentlich gern gehabt, den großen Blonden, mit allen Chancen zum Abteilungsleiter. Doch nun ist es aus zwischen dem smarten Manfred und Lisa, die darob beim familiären Abendbrot keinen Bissen mehr runterkriegt.
Doch schon steigt Tshepo, ein neuer Freier, mit seinen Schuhen in der Hand heimlich hinauf in Lisas Mansarde. Lieb hat sie für ihn ein wenig Knabberzeug aufgetischt, vorsichtig kommen sich die beiden auf Tuchfühlung nahe -- Auftakt einer Love-Story wie bei den Ohnsorgs.
Nur Augenwischerei. Die miefige Wohnküche, der grummelnde Vater hinter der Bierflasche, die schnucklige Dachkammer als Liebesnest: alles bloß optische Köder, um dem Massenpublikum der TV-Spiele politisch ins Gewissen zu reden.
Lisa ist eine deutsche Sekretärin, Anfang 20, politisch naiv, auf dem Sprung aus dem stickigen Elternhaus, ein Mädchen voll Herzflimmern, bislang blind für die Probleme der Dritten Welt.
Tshepo, geborener Südafrikaner, wird in der Bundesrepublik als politischer Asylant zum Kraftfahrzeugschlosser ausgebildet. Jede Minute seiner Freizeit opfert er, um zusammen mit seinen Landsleuten im Wohnheim über die Befreiung seiner Heimat zu diskutieren.
"Eine Liebesgeschichte", so der Fanguntertitel, ist dies sicher auch: der exotisierte Konflikt zwischen einer jungen Frau, die sich nach dem fürsorglichen Gefährten sehnt und viel leitartiklerische Belehrung erfährt, die den Kumpel braucht und den Pascha vor sich sieht, und einem Mann, der eine Weiße nur schwerlich umarmen kann, ohne sich nicht gleichzeitig innerlich gegen die Greuel der Apartheid aufzulehnen.
Aber "Lisa und Tshepo" meint und trifft, weit über diese Zweierbeziehung hinaus, das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Südafrika, zwischen Überfluß und Hunger, Freiheit und Knechtschaft; der Film ist politische Nachhilfestunde und moralischer Appell -- ein bunter Abend über Schwarze und Weiße.
Mit Tshepo auf Socken schleicht sich nämlich nicht nur in Lisas ruhiges Gewissen ein Störenfried, sondern auch in das meist geschönte Weltbild bundesdeutscher Fernsehfilme: Direkter und engagierter hat lange kein TV-Spiel mehr auf nahezu alle Tricks und Klischees der flimmernden Volksbelustigung verzichtet, um politisch zu infiltrieren und moralisch anzuprangern.
Entsprechender Ärger schon in der Geburtsstunde des Unternehmens. Als Dieter Ertel, heute Fernsehdirektor in Baden-Baden, noch beim WDR Köln Drehbücher auf unliebsame Reibflächen abklopfte, hatte er an Erika Runges Entwurf gleich den erwarteten öffentlich-rechtlichen Anstoß genommen und die Vorlage als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates" verworfen. Das Ganze sei "zu politisch".
Die Autorin, die durch exemplarische Dokumentararbeiten ("Warum ist Frau B. glücklich?") zu Ansehen und Preisen gekommen ist und im Pulverfaß Südafrika sowie bei schwarzen Asylanten in der Bundesrepublik einschlägig recherchiert hatte, sah sich zu kräftigen Retuschen genötigt.
Das plötzliche Erwachen der Lisa mußte wieder eingedämmert, ihre abendfüllende politische Emanzipation zurückgedreht werden. In der ersten Drehbuch-Fassung hatte Tshepo der Deutschen wohl endgültig die Augen geöffnet für die Probleme des Rassismus. Wenn er nun am Ende des Films in ein afrikanisches Trainingslager zurückkehrt, um von dort aus seinen Befreiungskampf weiterzuführen, ist Lisa allenfalls verunsichert, vielleicht fähig, wie die Autorin offenläßt, "ihr Leben neu zu bestimmen". Jetzt "fängt die Geschichte eigentlich erst an", wo sie ursprünglich aufhörte.
Kämpferische Parolen, in Wort und Bild, mußten nach Ertels Veto gestrichen oder gemildert werden. Einigen Randfiguren wurden zum Zwecke bilateraler Ausgewogenheit die Worte im Munde zumindest gedreht.
Andererseits konnte Frau Runge ein paar von Ertels Auflagen auch geschickt umfunktionieren. Über den ganzen Film verstreute Dokumentarkürzel -- Negerkinder mit Hungerbäuchen, schwarze Massen mit erhobenen Fäusten, die Niederlassungen von Multis und bundesdeutschen Konzernen in Südafrika -- liefern zu Tshepos Parolen schnappschußartiges Anschauungsmaterial. Ein gestellter TV-Kommentar, der sich über die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Bonn und Johannesburg ausläßt und sicher als Kontrastprogramm zu Frau Runges ärgerlicher Parteilichkeit gedacht war, erweist sich in der jetzigen Montage als geradezu perverse Fußnote.
Gelegentlich droht dieser Film vor lauter missionarischem Bekennertum auf papierener Trockenheit aufzulaufen. Die langen, umständlichen Sequenzen aus den verschwörerischen Palavern der politischen Flüchtlinge machen sich allzu breit in einer Geschichte, die auch eine menschliche und nicht nur eine zwischenstaatliche Beziehung durchleuchten will.
Dann aber packt er wieder durch eine fast schon schmerzhafte Hautnähe. Wenn der Filmdebütant Dumisani Mabaso als Tshepo berichtet, wie sein Bruder beim Massaker von Soweto 1976 niedergeschossen wurde, oder wenn die im Widerstreit von Liebe und Hilflosigkeit entnervte Lisa (bewundernswert einfühlsam die junge Schweizerin Pia Hänggi) ihm eine Zeitung um die Ohren schlägt und er, ebenso zerrieben zwischen Zuneigung und Kampfgeist, in Tränen ausbricht, wird ein weltpolitischer Konflikt plötzlich zum privaten, ergreifenden Ernstfall.
Klaus Umbach
S.153 Mia Pia Hänggi und Dumisani Mabaso. *
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 27/1981
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