29.06.1981

Hermann Peter Piwitt über Gerd Fuchs: „Stunde Null“

Ein Stück Provinz als Exempel „Stunde Null“ ist der dritte Roman des Erzählers Gerd Fuchs, 48. - Hermann Peter Piwitt, 46, veröffentlicht im Herbst ein autobiographisches Buch „Deutschland, Versuch einer Heimkehr“.
Heimat, lese ich, sei das neue literarische Thema. Mir ist -- mit Verlaub -- viel Lesenswertes dazu bisher nicht untergekommen. Österreicher, auch Schweizer belieferten unser feines Feuilleton bisher mit entsprechendem Futter. Aber deren Heimat mit ihren verirrten oder ewigen Wanderern, ihren Bergeinsamen und ihren Hochtälern der Seele ist vor allem Metapher für etwas, was dann in Hamburg 13 die "Unbehaustheit des Menschen" heißt.
Zitat aus einem einschlägigen Roman: "Am Ende des Tales gibt es keinen Ausweg, es gibt aus dem ganzen Leben, wenn man so will, keinen Ausweg." Meine alte Mutter ist da klarer: Sie beendet jedes Gespräch mit der Bemerkung, daß es nirgends so schlimm zugehe wie auf der Welt.
Gerd Fuchs' Hunsrückdorf ist keine Metapher. Und doch steht dieses Dorf ohne Namen für viele Dörfer und Städte nach dem Krieg. Das ist nicht beabsichtigt. Das exemplarische Bild deutscher Geschichte fällt uns vielmehr zu als Bonus auf eine ebenso breitschultrige wie genaue Erzählarbeit vor Ort, am einmaligen provinziellen Detail.
Aus dem Krieg nach Hause kommt der Lehrer Werner Haupt. Das Dorf ist halb zerstört. Die Eltern verschwunden. Der Vater angeblich erschossen, noch kurz vor dem Einrücken der Amerikaner. Der Bruder, Georg, als Mitglied einer Werwolf-Bande im Gefängnis. Soweit -- so wie gehabt. Denkt man -- und erwartet das von vielen Zeitromanen Bekannte: Ein Held auf der Suche nach seinem verschollenen Vater. Sich duckende Nazis, die von nichts gewußt haben wollen. Schwarzmarkt, Hamsterfahrten, Rübeneintopf. Die Sinnsprüche einer schlesischen Großmutter. Und wenn auch der Koks im Ofen naß ist: Familie bleibt Familie. Und Leben geht weiter.
Anders bei Fuchs. Und wo er doch vertraute Spuren legt, da führt er unser Verlangen nach dem längst Bekannten gezielt in die Irre: Haupt ist nicht der Held. Und die Lehrerfamilie Haupt nicht die "Helden"-Familie, für deren rührende Geschichte Geschichte herzuhalten hat. "Im Roman verschlingt und subjektiviert der führende Held die gesamte Realität", klagte vor 50 Jahren Tretjakow. Fuchs hat das beherzigt. Statt Zeitgeschichte zur Story zu verdünnen und einer Familie, einem Helden zuzuschneidern, wählt er das Dorf selbst zum Helden, nimmt es als den sozialen Organismus, der aus sich heraus Geschicke, Geschichten und Geschichte macht.
Mehr als zwanzig Lebensläufe entstehen auf diese Weise und sind ineinander verwickelt, viele wichtige Nebenfiguren nicht mitgerechnet. Da sind die Bauern, voran der alte Hess: schlau, brutal, Anarchisten seit eh und je, im schlitzohrigen Parieren jeder Obrigkeit ihren privaten Vorteil nutzend. Da ist Kranz, der Kommunist, als Unbelasteter vom Ortskommandanten, Lieutenant Warburg, mit Verwaltungsaufgaben betraut; und dann, nach den Gemeindewahlen, aus dem Ort gegrault.
Zander, der Besitzer der Möbelfabrik, ist ein Mordskerl, eine Natur -- und Mäzen und Nutznießer der Nazis. Opportunismus und Idealismus glückhaft vermischt auch beim Arzt Doktor Weiden, beim Studienrat Mundt. Aber was heißt "Faschisten"? Fuchs, selbst aufgewachsen in Hermeskeil im Hunsrück: "Ich weigere mich, als Schriftsteller einen Menschen auf den Faschisten zu reduzieren ... Faschismus ist ein politischer Begriff ... Aber damit ist das Leben eines Menschen nicht abgedeckt."
Und so gibt er ihnen Leben: dem Scharführer Nagel, nach heldischer Sprengung der einzigen Brücke mit einem Schinken an der Lenkstange aus dem Krieg radelnd. Dem Friseur Kiep, wie er über ungemachten Köpfen vom Endsieg -- der Amerikaner über die Russen -- träumt. Hess, dem Bauern, steckt seine Frau vor dem Kirchgang immer zwei Groschen zu, damit er keinen Knopf in den Klingelbeutel wirft.
Mitläufer sind es, Schieber, Fanatiker, Verführte und Verängstigte, Schlaumeier und Heuchler -- aber noch der Korrupteste bleibt der sorgenden Neugier des Autors sicher. Und da ist niemand, der an Temperament und Charakterfarben, Anekdoten und Geschichte einbüßte, nur weil er Moral nicht hat.
Diese genaue, farben- und facettenreiche Ausstattung seiner Figuren --Fuchs kann sie sich leisten, ohne auf der Strecke jener Bücher zu bleiben, aus denen wir nichts lernen außer, daß die Welt bunt ist, zumal auf dem Lande. Zander zum Beispiel, dem Patriarchen, Patron und Eisenfresser, kann er gelassen und amüsiert wie Brecht dem Puntila jede individuelle Vielfalt zumessen. Denn er weiß nicht nur, daß sinnlicher Ausdruck oben desto fülliger ist, je größer die weggenommene Arbeitskraft unten ist, an der er sich mästet. Er weiß auch, daß tiefer einschneidende Unterschiede die Menschen trennen als bloß die ihrer "Individualität":
Es gibt das Unterdorf, wo die Bauern, die kleinen Geschäftsleute, Fabrikanten und Beamten wohnen. Und "die vom Berg", angewiesen darauf, daß man ihnen im Unterdorf Arbeit gibt. Und es sind beileibe nicht allein die Schlägereien zwischen den Kindern, worin sich das Mißtrauen, ja der Haß zwischen den Fronten entlädt.
Der Geschichte des Oberdorfs geht Fuchs nach und stößt dabei auf die Sozialgeschichte der Region, auf den Schinderhannes, auf die von Bauern und Gendarmen gejagten "Banden" von Nichtseßhaften, für die die Französische Revolution einmal ebenso Hoffnung war wie später noch einmal das Jahr 1848 in Trier. Als die Eisenbahn gebaut wird, werden sie endlich gebraucht und können siedeln. Und als Zander nach dem Krieg wie so mancher seiner Zunft wegen der braunen S.163 Flecken auf seiner Weste vorübergehend aus dem Verkehr gezogen wird, da geschieht im Dorf, was in vielen Dörfern und Städten damals an der Tagesordnung war: "Die Habenichtse, das Pack", die vom Berg bauen die zerstörte Fabrik wieder auf, nehmen die Produktion in eigene Regie und verkaufen gegen Naturalien. Bis sich Zander ("Das Eigentum wird gewährleistet") ins gemachte Bett setzen kann.
Einer, der suchend dazwischensteht, innerlich gefestigt durch nichts als durch seine Unbestechlichkeit, ist Werner Haupt. Für die Eltern in ihrer vagen gutbürgerlichen Abneigung gegen die Nazis kommt 1933 wie eine Erlösung: Von nun an richten sie sich ein, "heiter und in sich gekehrt" betreiben sie Hausmusik und reisen viel. Verstummt über den "Verrat" an seinen Idealen ist der jüngere Bruder Georg. Haupt muß ihn wieder zum Reden, ins Leben zurückbringen.
Aber er selbst fühlt sich mit sich und der ihm vertrauten Welt zerfallen: Nur noch Widerwille ist in ihm gegen die einmal so geliebte Musik. Bis ihm -ungebeten -- ausgerechnet Kranz, der Schlosser, ein Klavier "organisiert". Ist Kultur darum schon für immer verkommen, weil verkommene Leute sie gepflegt haben? Anderschs "Ruf" kommt Haupt unter die Hände, und er fängt an zu begreifen, daß alles nicht bloß irgendwie, sondern anders weitergehen muß.
Wo bleibt am Ende der Erzähler, da der "Held" das Dorf ist? Als wahrnehmende, empfindende und erfindende Kraft steckt er in Menschen und Dingen. Moralisch einverleibt ist er den wenigen Unbestechlichen. Mit ihnen teilt er nicht nur den Stil, den lapidaren, kurz angebundenen, verschwiegenen Ausdruck, der an einen andern Dichter der Region, an Anna Seghers, erinnert. Mit ihnen teilt er auch die Kraft, Wünsche aufzuschieben, um sich Würde zu bewahren; und von Träumen nicht deshalb zu lassen, weil sie sich nicht gleich oder anders als erträumt erfüllen. Ein linker Intellektueller unserer Tage ist er damit gerade nicht ...
Es ist eben alles ein bißchen anders bei Fuchs. Und sogar der verschollen geglaubte Vater, Erasmus Haupt, findet sich am Schluß anders als erwartet wieder an: Da ist kein Fememord passiert. Und auch kein Abgrund väterlicher Schuld tut sich auf. Nur ein dummer Zufall hat den unbelehrbaren Bildungsbürger in den Wirren des Kriegsendes nach Kanada verschlagen. Und da sitzt er nun, als Lehrer an einer Schule, "die dem englischen Summerhill nachgebildet" ist, und träumt von einer Erneuerung Deutschlands aus einem "neuen Geist" heraus.
"Stunde Null" ist der seltene Fall eines durch und durch humanistischen Buches; nicht weil es an die oder den Menschen glaubt, sondern weil es -statt S.164 Menschen literarisch zu verklären, beziehungsweise zu vernichten -- ihren Wünschen, Gedanken und Taten auf den Grund der Herrschaftsverhältnisse geht, deren Ausdruck sie sind.
Bisher war der neue Heimatroman eine Sache des deutschsprechenden Südens. Mit Chotjewitz' "Saumlos" und nun mit Fuchs "Stunde Null" nähert er sich langsam der Appel-Apfel-Linie. Es scheint ihm gut zu bekommen.
Von Hermann Peter Piwitt

DER SPIEGEL 27/1981
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